Von Lutz Dietzold.

Surreal – momentan erscheint das Dasein wie ein gelebter Zukunftsroman, dessen letztes Kapitel noch lange nicht geschrieben ist. Alles geschieht zum ersten Mal, wir können nicht auf wertvolle Erfahrungswerte zurückgreifen, eine realistische Vorausplanung kann bestenfalls für morgen stattfinden. Veranstaltungen, Reisen oder Umsatzziele für die nächsten Monate entziehen sich der Festlegung. Die viel beschworene Agilität hat sich zum Dauerbrenner entwickelt, parallel dazu steht die Entdeckung der Langsamkeit hoch im Kurs. Balkonien wird zum idealisierten Ort der Freiheit.

Bei aller Unsicherheit stehen zwei Dinge fest: Die Veränderungen betreffen alle Menschen und Lebensbereiche. Und sie werden unsere Entwicklung langfristig beeinflussen. Wie das Zukunftsinstitut in seiner neuen Trendstudie „Die Welt nach Corona“ schreibt: „Die Coronakrise dekonstruiert Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft – und setzt alles neu zusammen. Damit beschleunigt die Pandemie zugleich zivilisatorische Prozesse, die längst im Gange waren.“

Zukunft gestalten!

Die aktuelle Dynamik der Transformation überrascht allerdings immer wieder. Veränderungen, die sonst Jahre brauchen, finden in Wochen statt. Wir ticken im wahrsten Sinne des Wortes momentan anders: Wenn wir viel Neues erleben, vergeht die Zeit subjektiv schneller. Doch auf den Stresstest für die Gesellschaft reagieren Menschen unterschiedlich. Macher und proaktive Gestalter preschen voran, Bewahrer geraten ins Hintertreffen. Wer früher für zu viel Experimentierfreudigkeit belächelt wurde, kann heute bewunderter Vorreiter sein. Trial und Error ist jetzt erlaubt, sogar erwünscht, der Querdenker macht aus der Not eine Tugend, Perfektionismus und Selbstoptimierung liegen im Dornröschenschlaf. Klar ist: die Krise schafft Notwendigkeiten, aber auch Möglichkeiten. Die Bereitschaft, neue Wege einzuschlagen und disruptiv zu denken, werden wir mit Sicherheit mitnehmen. Den Mut zum Scheitern auch.

Trial und Error ist jetzt erlaubt, sogar erwünscht, der Querdenker macht aus der Not eine Tugend, Perfektionismus und Selbstoptimierung liegen im Dornröschenschlaf.

Agilität für alle

Das Talent, sich schnell auf die neue Situation umzustellen, ist überlebensnotwendig geworden: Survival of the most agile! New Work in allen seinen Facetten wird extrem beschleunigt. Wir stellen fest, dass Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit im Umgang mit unvorhergesehenen Veränderungen definitiv verbessert werden müssen. Prozesse und Arbeitsweisen werden sich in Unternehmen daher nachhaltig verändern. Zurück zum großen, unbeweglichen Konzern-Schlachtschiff – das kann sich keiner mehr erlauben.  

Stattdessen sind neue Geschäftsmodelle gefragt. Hier hat sich das gute alte „Made in Germany“ bewährt – ein Label, das respektiert wurde, aber als unsexy galt. Deutsche Firmen wie Trigema oder Van Laack produzieren plötzlich Atemschutzmasken, Seifenhersteller satteln auf Desinfektionsmittel um. Wer in Deutschland produziert und mit regionalen oder nationalen Lieferanten arbeitet, ist klar im Vorteil. So stand bei der Möbelmanufaktur Kettnaker im schwäbischen Dürmentingen die Produktion keinen einzigen Tag still. Ich betrachte Corona als Katalysator für eine Entwicklung, die die Fridays for Future-Generation mit ihrer Forderung nach nachhaltigen Lieferketten und CO2-neutralen Produkten angestoßen hat: Die Produktion wird in Zukunft in einigen Bereichen wieder näher an den Konsumenten gebracht – hier wird die Krise langfristig zum Treiber für Nachhaltigkeit.

Auch die Automatisierung im Mittelstand wird an Fahrt aufnehmen. Sie scheiterte bisher an der Sorge, dass Arbeitsplätze verloren gehen und an der mangelnden Flexibilität der Maschinen, die vor allem für Massenproduktion geeignet waren, nicht für eine individuelle maßgeschneiderte Herstellung. Heute sehen wir: Unternehmen, die hoch automatisiert sind, können in der Krise besser bestehen und Arbeitsplätze halten. Zudem kommen immer mehr Automatisierungs- und Robotiksysteme auf den Markt, die für flexible Anforderungen geeignet sind. Die Hemmschwelle sinkt.

Zurück zum großen, unbeweglichen Konzern-Schlachtschiff – das kann sich keiner mehr erlauben.

Corona in the Cloud

Besonders disruptive Auswirkungen hatte die Krise von Anfang an auf den Vertrieb. Alle, die bisher ausschließlich vom stationären Handel lebten, traf der Lockdown mit voller Wucht. Viele Unternehmen haben ihr analoges Geschäftsmodell nun um digitale Dienste ergänzt, damit der Umsatz nicht komplett wegbricht. Hier lohnt es sich, einen Blick auf China im Umgang mit der Krise zu werfen. Der beliebteste Marketing-Ansatz wurde der Verkauf über Live-Streaming. So gelang es Unternehmen, die ihre Geschäfte schließen mussten, online sogar ein Wachstum zu erzielen. Auf westlichen Plattformen ist bislang keine Möglichkeit für Livestreaming-Verkäufe vorgesehen. Doch Not macht erfinderisch und zahlreiche Einzelhändler versuchen sich in Teleshopping-Formaten und nutzen Instagram als Vertriebskanal. Die digitalen Geschäftsmodelle werden sicherlich in Zukunft ausgebaut, eine sinnvolle Symbiose aus On- und Offline-Handel entspricht dem Konsumentenverhalten und kann im Bestfall durch Erweiterung der Zielgruppe den Umsatz steigern.

Birgt diese Krise eine schöpferische Kraft? Matthias Horx vom Zukunftsinstitut sagt: „In gewissem Sinne funktionieren Gesellschaften wie große Organismen. In Krisen entwickeln sie Immunkräfte, die sie brauchen, um in komplexeren Umwelten und Prozessen zu bestehen, also um Zukunft herzustellen.“ Eins ist jedenfalls sicher: Wir stellen jetzt strategisch und operativ die Weichen für die Zukunft. Wir lernen, mit der Disruption zu leben – eine Stärke, die wir brauchen können.


Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung

Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein

Lutz Dietzold (*1966) ist seit 2002 Geschäftsführer des Rat für Formgebung. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Frankfurt. Nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich der Designkommunikation für nationale und internationale Kunden folgten Aufgaben als Geschäftsführer des Deutschen Werkbund Hessen sowie als Geschäftsführer des hessischen Designzentrums, wo er die strategische Neuausrichtung der Designförderung verantwortete.

Seit 2011 ist er stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Deutsches Design Museum und Beiratsmitglied der Mia-Seeger-Stiftung. Lutz Dietzold veröffentlicht regelmäßig Beiträge und hält national und international Vorträge zu einer Vielzahl von Themen rund um Design. Zudem ist er Mitglied in zahlreichen Jurys sowie im Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums.

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