Von Lutz Dietzold.

Ihnen ist es sicherlich auch schon aufgefallen: Die Schlangen vor den Wertstoffhöfen werden immer länger. Bisher waren die Horden meistens im Frühjahr oder an verregneten Wochenenden über die Wertstoffhöfe hergefallen – nun wird permanent aufgeräumt, ausgemistet und Platz geschaffen. Ursachen gibt es viele und mit Corona einen aktuellen Anlass, der Lebens- und Arbeitswelten auf den Kopf stellt.

Befreiende Leere?

Wohnräume verändern sich schon seit längerer Zeit. In Großstädten finden sich viele Mieter mit immer kleineren Wohnungen ab oder entfliehen der Wohnungsnot durch Co-Living – angeblich der Zukunftstrend für digitale Nomaden. Der gesamtdeutsche Trend geht hingegen in eine andere Richtung. Laut Statistischem Bundesamt wuchs die Wohnfläche durchschnittlich auf 47 Quadratmeter pro Kopf. Doch eine Entleerung – man kann es auch Downsizing oder Minimalismus nennen – scheint alle Lebensbereiche zu umfassen. Was nicht benötigt wird, wird entsorgt oder online verkauft. Dazu gehören auch die drei geerbten Porzellan Service, die je nach Anlass für Familienfeiern aus dem Schrank geholt wurden. Bei Villeroy & Boch kann man inzwischen neueste Porzellan-Trends mieten und nach sechs Monaten wieder zurückgeben. Dafür brauche ich zuhause keine große Schrankwand mehr – es reicht ein Sideboard.

Dasselbe gilt für Büros. Faxgeräte sind in den meisten Büros bereits in die ewigen Jagdgründe verschwunden. Drucker werden auch immer weniger benötigt. Das liegt nicht nur an der Digitalisierung und jederzeit verfügbaren Daten, sondern auch an Unternehmen, die sich die Verringerung des Carbon Footprint auf die Fahne der Corporate Social Responsibility geschrieben haben. Viele brauchen heute nur noch ein Notebook oder Tablet zum Arbeiten, manche sogar nur ein Smartphone. Regale für verstaubte Aktenordner sind damit Geschichte. Das wird sicherlich eine Herausforderung für Möbelhersteller, die ihr Portfolio der neuen Lebens- und Arbeitswelt anpassen müssen.

New Living – New Work – Neue Möbel?

Doch eins ist klar: New Living heißt nicht, dass wir uns in Zukunft alle in unpersönlichen leeren Räumen aufhalten, damit unsere Psyche auch schön aufgeräumt ist. Nein, unsere Psyche sehnt sich gerade nach Schönheit und Gemütlichkeit. Das freut die Möbelindustrie, die bisher mit einem blauen Auge durch die Pandemie gekommen ist. Denn während des Lockdowns sind manche optischen Schandflecke zuhause erst richtig ins Auge gefallen. Jetzt werden die eigenen vier Wände aufgepimpt, alte Sofas entsorgt, Balkone und Terrassen verschönert und alle, die das Wort hygge nicht mehr hören können, warne ich: es wird noch hyggeliger! Selbst in Büros sollen Wohnmöbel stehen, damit sich die Mitarbeiter bei Co- und Re-Kreation wohl fühlen. Überhaupt verschmelzen die Lebenswelten zusehends. Schon werden neue mobile Home Office Möbel kreiert, die mit einem Handgriff verschwinden können.

Das gute alte Telearbeitsgesetz verpflichtet den Arbeitgeber ja, den Arbeitnehmer im Home Office mit geeignetem Mobiliar, sonstigen Arbeitsmitteln und Kommunikationsgeräten auszustatten und eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen. Kein Wunder, dass die meisten Unternehmen ein Mobile Office vorziehen, für das es keine Zusatzregelung gibt und die Beschäftigten selbst für die Einrichtung des häuslichen Arbeitsplatzes verantwortlich sind. Was den meisten vermutlich auch am liebsten ist. Wer möchte zuhause ein vom Arbeitgeber eingerichtetes und von ihm kontrolliertes Büro haben und wer hat überhaupt den Platz? Prinzipiell kann man sein Notebook ja überall aufstellen – auf dem Balkon, der Terrasse, auf dem Dachstuhl oder im Keller. Wie flexibel wir hier sind, haben die letzten Monate bewiesen. Die meisten Mitarbeiter in Home Offices wünschen sich übrigens von ihren Arbeitgebern keinen Schreibtisch, sondern einen ergonomischen Stuhl – und den kann man überall platzieren.

Activity Based Living – Re-Kreation im Hobbyraum

Wenn Arbeits- und Wohnwelten einander immer mehr annähern, wird es in Zukunft vielleicht Activity Based Living geben. Wie in modernen Bürowelten wären auch die Flächen zuhause nach unterschiedlichen Aktivitäten aufgeteilt, damit man sich bei Lockdowns, Quarantänen und Home Office nicht gegenseitig auf die Nerven geht. Im Wohnzimmer würde Co-Living mit Familie und Freunden stattfinden, Küche und Esszimmer stünden für Co-Eating, Kinderzimmer für Co-Gaming und Free-Thinking und Arbeiten kann man ja ohnehin überall. Fehlt nur noch der Rückzugsort für die Re-Kreation und Sinnlos-Herumhanging. Vielleicht mag ein Blick auf die Hobbyräume der 1960er und 1970er Jahre helfen. In manchen Kellern verstecken sich auch heute noch Eisenbahnwelten, Werkbänke, Billardtische oder Bars. Vielleicht ist der gute alte Hobbyraum die Blaupause für zukünftiges Wohnen – gemütlich, flexibel einsetzbar und definitiv gut für die Psyche, auch wenn er nicht perfekt aufgeräumt ist. Wir werden sehen.


Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung

Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein

Lutz Dietzold (*1966) ist Geschäftsführer des Rat für Formgebung. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Frankfurt. Nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich der Designkommunikation für nationale und internationale Kunden folgten Aufgaben als Geschäftsführer des Deutschen Werkbund Hessen sowie als Geschäftsführer des hessischen Designzentrums, wo er die strategische Neuausrichtung der Designförderung verantwortete.

Seit 2011 ist er stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Deutsches Design Museum und Beiratsmitglied der Mia-Seeger-Stiftung. Lutz Dietzold veröffentlicht regelmäßig Beiträge und hält national und international Vorträge zu einer Vielzahl von Themen rund um Design. Zudem ist er Mitglied in zahlreichen Jurys sowie im Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums.

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