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„Tactile Afferents“, 2023, courtesy of Fondazione In Between Art Film and Nasjonalmuseet © Joanna Piotrowska and Formafantasma
© Gregorio Gonella

Schafe sind nicht nur Tiere; sie sind auch Wollproduzenten. Als man im Februar 2021 in den Außenbezirken von Victoria, Australien, ein entlaufenes Merinoschaf mit 35 Kilogramm Wolle auf dem Rücken fand, erregte seine Rettung weltweit Aufmerksamkeit. Der Zustand des Schafs war das Ergebnis eines mangelnden Kontakts: Wenn Merinos nicht von Menschen geschoren werden, wächst ihr Vlies unbegrenzt weiter. Mithin wurde das australische Schaf zum anschaulichen Beispiel für das Paradigma der modernen Bioprospektion (der Ausbeutung der genetischen Ressourcen eines Landes zu wirtschaftlichen oder anderen Zwecken), glich es doch offensichtlich eher einer Wollproduktionsmaschine mit Hufen, Nase und Ohren, die sorgfältig auf Optimierung und wirtschaftlichen Gewinn ausgelegt ist, als einem Tier.

„Vor etwa 11.000 Jahren“, so heißt es in der Ankündigung zu der Ausstellung „Oltre Terra“, „begannen Jäger und Sammler, Schafherden zu verfolgen und auszuwählen, anstatt die Tiere einfach zu töten“. So sei mit der Zeit eine neue Beziehung zwischen Mensch und Tier entstanden, und im Laufe der Jahrhunderte habe sich das Hausschaf, wie wir es heute kennen, entwickelt, wobei eine „komplexe Ko-Evolution und Ko-Kreation“ stattgefunden habe. In „Oltre Terra. Why Wool Matters“ untersucht das Designstudio Formafantasma im Nationalmuseum Oslo noch bis zum 1. Oktober die Geschichte, Ökologie und globale Dynamik der Gewinnung und Produktion von Wolle. „Oltre Terra“ ist der italienische Begriff für die Wandertierhaltung, d. h. den Wechsel des Viehs von einem Weideplatz zum anderen, je nach Jahreszeit und der Verfügbarkeit von Futter. Solche „transhumanen Praktiken“ setzen voraus, dass ständig über die Faktoren nachgedacht wird, die mit der Umwelt und den darin lebenden Menschen und Tieren zusammenhängen.

Die Schau versammelt verschiedene Gegenstände, die mit der Schafzucht und der Wollindustrie zu tun haben: Gemälde, Textilien, Fotos und Videos, darunter eine 1.700 Jahre alte Tunika, Ziegenmasken und ein Auftragsvideo der Künstlerin Joanna Piotrowska. Um die Thematik vertiefen zu können, steht Forschungsmaterial zur Verfügung. In der Mitte der Ausstellung können sich die Besucher*innen zudem auf einem großen Teppich entspannen, der aus Wolle besteht, die normalerweise von der Wollindustrie entsorgt wird.

Das italienische Designstudio Formafantasma (gegründet 2009) hat durch zahlreiche Ausstellungen, Forschungsprojekte und Lehrtätigkeiten die Notwendigkeit einer neuen Richtung und Vision für den Bereich des Designs im Allgemeinen propagiert, mit dem übergeordneten Ziel, ein tieferes Verständnis für unsere natürliche und gebaute Umwelt zu fördern. Ihre Arbeit besteht in der Regel aus „transformativen Interventionen“, die den eigentlichen Akt des Designs in all seinen materiellen, technischen und sozialen Aspekten nutzen. 


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