Bauhausgebäude Dessau, Walter Gropius. © Tadashi Okochi, Pen Magazine, 2010, Stiftung Bauhaus Dessau

Von Andrej Kupetz.

Der Bund, die Länder und ihre relevanten Institutionen haben ein Jahr lang das Jubiläum jener einzigartigen Schule gefeiert, die wie keine andere die Moderne in Architektur und Design geprägt hat und deren weltweiter Einfluss bis ins Heute strahlt. Da ausschließlich positiv besetzt und gedeutet, gehört das Bauhaus zum Kanon des „guten“ Deutschlands, wie Kants Philosophie, Beethovens Musik und Goethes Dichtung. Doch diese Deutung ist relativ neu – und vielleicht sogar das wichtigste Ergebnis des Jubiläumsjahrs.

Narrativ des neuen Deutschlands

Tatsächlich hat Deutschland den Wert der Schule für sein Image im Ausland erst spät entdeckt. In Westdeutschland belegte eine holländische Baumarktkette den nicht geschützten Namen und da die DDR mit der als Formalismus gebrandmarkten Moderne ideologisch nichts anzufangen wusste – erst 1976 zum 50. Geburtstag des Schulgebäudes in Dessau begann eine zaghafte Annäherung – wurde das Bauhaus zu einem gesamtdeutschen Nach-Wende-Projekt.

Aber auch hier sollte es dauern, bis aus dem Mythos ein Narrativ des neuen Deutschlands wurde. Noch 2009 – zum 90. Geburtstag – erklärte sich der Präsident des Goethe-Instituts für nicht zuständig, als ihn jemand fragte, ob die Goethe-Institute als Botschafter der deutschen „Soft Power“ nicht mit Möbeln der Bauhausmeister ausgestattet werden könnten. Oder das Bauhaus Archiv in Berlin: Bereits in den späten 1990er-Jahren war es das Museum der Hauptstadt mit den meisten internationalen Besuchern. Doch der Berliner Senat weigerte sich Jahrzehnte lang, die dringend erforderliche bauliche Erweiterung auch nur in Erwägung zu ziehen. Mit Blick auf das Jubiläum 2019 einigten sich schließlich CDU und SPD in ihren Koalitionsverhandlungen 2013 auf einen Neubau.

Der ist, anders als die Museumsprojekte in Weimar und Dessau, zum Jubiläumsjahr nicht fertig geworden, allein der symbolische erste Spatenstich wurde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters vollzogen. Doch immerhin ist in der Berlinischen Galerie die spannendste – weil so bisher nicht gesehene – Ausstellung des Archivs präsentiert worden. Ein absolutes Highlight sind die ausgestellten Diapositive, die Gropius auf seinen Vortragsreisen verwendete und die wenig über das Bauhaus, aber umso mehr über Gropius und seine Weltvorstellung erzählen.

Frauen am Bauhaus

Zur allgemeinen Popularisierung der Schule beauftragten ARD und ZDF einen Film („Lotte am Bauhaus“) und eine Serie („Die neue Zeit“): Entstanden sind sehr gut gemachte Primetime-Unterhaltungsprojekte, deren Autoren nicht davor zurückschrecken, die Geschichte des Bauhauses, seiner Meister und Meisterinnen, Schüler und Schülerinnen, zu verfälschen oder aufs Menschliche reduziert zu verkitschen. Dennoch konzentrieren sie sich auf einen Aspekt, den man sicherlich so sehen kann und der 2019 absolut richtig ist: Die Schule war auch eine Chance für junge Frauen auf Teilhabe an der Gestaltung der Zukunft. Auf Emanzipation und Gleichheit in einem neuen Deutschland, das im Jahr der Gründung das Frauenwahlrecht einführte.

Design und Moral

Und die Erben? Die angehenden Designer und Architekten? In den Hochschulen und Akademien erscheint das Bauhaus einhundert Jahre nach seiner Gründung lebendiger denn je. Der Grund dafür liegt weniger an den Jubiläumsaktivitäten der Institutionen, sondern vielmehr an der anhaltenden Attraktivität des Designansatzes, den Gropius und seine Mitstreiter einst ersonnen hatten. Denn das Bauhaus formulierte nicht weniger als den Anspruch, die Gesellschaft des industriellen Zeitalters zu erziehen – mit einem Design, das die Schmucklosigkeit simpler physikalischer Versuchsanordnungen zum Vorbild nahm. Walter Gropius schweißte Design und Moral im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung des Designers zusammen. In seinen Grundsätzen der Bauhaus-Produktion forderte er diese vehement ein. Durch „Einfachheit im Vielfachen“ und „knappe Ausnutzung von Raum, Stoff, Zeit und Geld“ sollte in erster Linie die Lebensqualität der Menschen(-massen) verbessert werden.

Wenn sich durch Materialersparnis und fertigungsgerechte Gestaltung die Produktionskosten reduzieren ließen, könnten Produkte zu einem günstigeren Preis abgegeben werden. Breite Bevölkerungsschichten würden davon profitieren, denn sie könnten sich die Produkte leisten. Der Designer hingegen hat durch ein solches Design seine Haltung zur sozialen Frage eindeutig beantwortet. Indem er sich in der Gestaltung auf die Erfahrbarkeit des Produktnutzen konzentriert, stellt er sich in den Dienst des Menschen.

Was vom Bauhaus bleibt

Heute, einhundert Jahre später, steht der soziale Aspekt nicht mehr im Vordergrund. Vielmehr bestimmen ökologische Fragestellungen die Rückbesinnung auf die moralische Dimension des Designs. Die soziale Frage ist nicht verschwunden, doch angesichts der Parallelität von Armut und Reichtum, von Kommunismus und Postkapitalismus, die wir in der globalisierten Gesellschaft erleben, scheint allein die globale Bedrohung des Klimawandels eine alle Menschen gleichermaßen betreffende existenzielle Herausforderung darzustellen. Eine Zuwendung zu ökologischen Themen ist demnach sozial und folgt dem Bauhaus-Gedanken, allein deshalb, weil die Designer von heute und morgen zu den Fragen der Produktion, des Materials, der Form, des Vertriebs – also des ökologischen „Fußabdrucks“ ihrer Arbeit – immer wieder eine Haltung gewinnen müssen.


Der Autor: Andrej Kupetz

Hauptgeschäftsführer Rat für Formgebung

Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein
Andrej Kupetz © Lutz Sternstein

Andrej Kupetz (*1968) ist seit 1999 Hauptgeschäftsführer des Rat für Formgebung, Frankfurt am Main. Er studierte Industriedesign, Philosophie und Produktmarketing in Berlin, London und Paris. Nach beruflichen Stationen in den Bereichen Designmanagement und Hochschultransfer wechselte er 1997 zur Deutschen Bahn AG. Dort war er für die Markenführung im Konzern sowie für die Implementierung verschiedener Corporate Design-Prozesse verantwortlich.

Kupetz ist Mitglied im Fachbeirat des Design Management Institute Boston. Seit 2011 gehört er dem Hochschulrat der HfG Offenbach am Main an. Im selben Jahr wurde er von der Europäischen Kommission in das European Design Leadership Board berufen. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.


Beitragsbild: Bauhausgebäude Dessau, Walter Gropius (1925–26), Südseite. Copyright: Tadashi Okochi © Pen Magazine, 2010, Stiftung Bauhaus Dessau.

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