In "Blade Runner" wird die Stadt wird als kalter Betonkoloss dargestellt.
© Boris Hars-Tschachotin

Riesige Screens an Hochausfassaden, fliegende Autos, keine Sonne, aber Dauerregen – und künstliche Intelligenzen als Arbeitssklaven: Ist heute bereits Gegenwart, was einst als düstere Zukunftsvision auf die Leinwand kam? Arte zeigt Boris Hars-Tschachotins sehenswerte Dokumentation „Das Phänomen ,Blade Runner‘“

Von Thomas Wagner.

„Blade Runner“ ist längst Kult. Die sich rund um Rick Deckard entwickelnde Geschichte mag bei vielen Kinogängern in der Erinnerung verblasst sein, das Design der urbanen Räume und Gebäude, der Straßen, Fahrzeuge und Kostüme des (neben Kubricks Weltraum-Odyssee) berühmtesten Science-Fiction-Films, ist präsent geblieben. Und für Jugendliche sind die Schauplätze in Los Angeles heute „instagrammable“. Wie also haben es die Gestalter geschafft, eine Szenerie entwerfen, die das 1982 imaginierte LA des Jahres 2019 in Teilen erscheinen lässt, als wäre es die Gegenwart?

„Was mich“, sagte Ridley Scott über „Dangerous Days“, wie das Drehbuch zu „Blade Runner“ damals noch hieß, „an dem Projekt faszinierte, nachdem ich gerade ,Alien‘ hinter mich gebracht hatte, war die Möglichkeit, diese futuristische Welt weiterzuentwickeln. Ich wollte einfach nicht in die ganz gewöhnliche Realität zurückkehren. Am Drehbuch gefiel mir besonders, dass es von der nahen Zukunft handelte. Es musste eine vertraute Stadt sein, was sie ist. Viele Aspekte dieser Stadt sind uns jetzt schon geläufig. Einige der Zuschauer werden eine Zukunft wie diese sogar selbst erleben. Außerdem gefiel mir, dass die Geschichte von einer realistischen Figur handelt und nicht bloß von einer zweidimensionalen Comic-Gestalt, was man in Science -Fiction-Filmen viel zu oft sieht.“

Metropole in Hades-Landschaft

Vieles am Los Angeles von heute erinnert an „Blade Runner“
Vieles am Los Angeles von heute erinnert an den von Syd Mead bereits 1982 für den Film „Blade Runner“ erschaffenen Großstadtmoloch: Die Stadt wird als kalter Betonkoloss dargestellt, in dem sich die Menschen ameisengleich verlieren. © Ralf Ilgenfritz

Die Welt war eine andere, als Scott im Frühjahr 1980 die Regie von Blade Runner übernahm. Was der Film zeigt, schien, auch wenn er nur knapp 40 Jahre vorausblickte, weit entfernt: die heruntergekommene Megastadt mit den riesigen Screens an den Fassaden der dicht gedrängten Hochhäuser, die sonnenlose Dunkelheit und der ewige saure Regen, die von den Schloten der petrochemischen Industrie inspirierte „Hades“-Landschaft mit ihren Feuersäulen – und jene Androiden und Arbeitssklaven, die im Film „Replikanten“ genannt werden. Als der Film 1982 in einer geglätteten Fassung mit Happy End in die Kinos kommt, bleibt die Resonanz bescheiden. Heute gilt Blade Runner als Vision von erstaunlicher prophetischer Kraft, die dystopische Vision von LA 2019 beklemmend aktuell: die Klimakatastrophe ist da, eine Gesellschaft, in der alle überwacht werden, ist ebenso real wie übermächtige Tech-Konzerne und Künstliche Intelligenzen.

Vom Kassenflop zum Kultfilm

Modell des Tyrell-Wolkenkratzers aus "Blade Runner".
Modell des Tyrell-Wolkenkratzers aus „Blade Runner“. Foto: Olof Werngren. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 2.0 license.

Boris Hars-Tschachotins sehenswerte Dokumentation zeigt, wie – und vor allem, weshalb – Blade Runner vom Kassenflop zum Kultfilm werden konnte. Sie blickt in die Welt des Films, zeigt Behind-the-Scenes-Material von diversen Sets und Originalschauplätze in Los Angeles. In Einstellungen von den Straßen der Stadt verschmelzen Filmzukunft und Gegenwart immer wieder. Die Vorstellung von Blade Runner als Science-Fiction, betont Alex McDowell, der Szenebildner des Films „Minority Report“, gleich zu Beginn der Doku, sei immer weniger wahr. Der Film habe sich immer mehr zu einer Realität entwickelt. Die Leute sähen Blade Runner als diese dystopische Welt mit gigantischen Werbetafeln und Dauerregen. Gehe man in LA auf die Straße, könnte man denken, Los Angeles 2019 sei Blade Runner 2019.

Was die Dokumentation für Architektinnen, Architekten und Gestaltende jedweder Couleur (aber auch für alle, die heute selbstverständlich von einer homogenen und technoiden Zukunft sprechen), so spannend macht: Es handelt sich nicht um ein weiteres „Making of“. Vielmehr werden in Verbindung mit der skeptischen Perspektive auf das Menschsein und der düsteren Ästhetik des Films Fragen wie diese verhandelt: Welche aus den 1980er-Jahren stammenden Vorstellungen von 2019 sind, so bizarr sie im Film auch erscheinen, mehr oder weniger real geworden? Und: Welchen Einfluss auf die Qualität der Prophetie hatten die gestalterischen Entscheidungen, die Atmosphäre, das Set-Design? Oder, anders gesagt: Gewinnt die Fiktion dann an Authentizität, wenn Form und Inhalt, ästhetische Imaginationskraft und Story zusammenstimmen?

Willkommen in der Welt von Blade Runner

Edward James Olmos als Gaff
Edward James Olmos spricht über seine Rolle als Gaff und eine der Schlüsselszenen im Film „Blade Runner“. © Ralf Ilgenfritz

„Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ lautete die Frage, die Philip K. Dick im Titel seines 1968 erschienenen Romans stellte, aus dem mehrere Drehbuchautoren schließlich das Skript für Blade Runner destillierten. Roman wie Film erzählen die Geschichte Rick Deckards, der Jagd auf künstliche Menschen macht. Edward James Olmos, der im Film den Police Officer Gaff spielt, fragt, wie es ist, ein Konzernsklave und in einer städtischen Hölle gefangen zu sein. Auch wird deutlich: LA war 1980 ein ganz anderer Ort als heute; es gab weniger Entwicklung. Dafür gibt es heute viel mehr Leute, die drei Jobs haben und auf der Straße leben, weil sie nicht genug Geld haben, um in einem Haus zu leben. Heute, erfährt man, bevölkern Obdachlose die Straßen zwischen den Hochhäusern, in denen der Film gedreht wurde. Dabei gebe es keinerlei Verbindung zwischen den Menschen, die in Häusern leben, und denen, die das nicht tun. Das Nebeneinander sei schwer zu verstehen. Es gibt Wohnungen für 1,5 Mio Dollar, die sich genau dort befinden, wo Menschen die Straßen übernommen haben. Das führe zu einer Situation, die Blade Runner genau vorhersage. Auch die Menschen, die auf der Straße leben, werden nach dem Film gefragt. Sie bleiben nicht anonym, ihre Namen werden eingeblendet. „In der Geschichte“, sagt Rodney Ranson, ein Mann mit langem weißem Bart zwischen den Zelten am Straßenrand, wo er und die anderen leben, „da geht es um Zukunft, also um das hier.“

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Die Dokumentation lebt davon, dass sie immer wieder Szenen aus dem Film mit Aufnahmen aus dem LA von 2019 gegeneinander schneidet. Der Regisseur, Schauspielerinnen und Schauspieler, Production- und Special-Effect-Designer sprechen über die Arbeit am Film – und die Realität von heute. Zu Wort kommen u. a. Katherine Haber, die als Production Executive mehrfach den Film gerettet hat, die Schauspielerin Joanna Cassidy, die Darstellerin der Zhora, und der Kollege Edward James Olmos, der die mysteriöse Figur des Gaff auch im Sequel „Blade Runner 2049“ spielt. „Die Frage in Blade Runner ist, was es bedeutet, ein Mensch zu sein“, so Douglas Trumbull, das Gehirn hinter den Spezialeffekten, der sich schon in den Sechzigern durch die wegweisenden Effekte für Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ einen Namen gemacht hat. Der Film stellt also bereits die Frage, was daraus folgt, wenn immer mehr Roboter die Arbeiten von Menschen ausführen.

Die Qualität des Unfertigen

Designer Süd Mead entwickelte das Los Angeles der Zukunft für "Blade Runner"
Der US-Amerikansiche Designer Syd Mead entwickelte für „Blade Runner“, neben fliegenden Autos, das Los Angeles der Zukunft. © Boris Hars-Tschachotin

Syd Mead, der im Abspann von Blade Runner als „Visual Futurist“ bezeichnet wurde, entwarf große Teile der Stadträume, die flugfähigen Polizeiautos „Spinner“, Deckards Appartement und die Voight-Kampff-Maschine, mit der die Replikanten als solche erkannt werden können. Nun erzählt er, wie sehr die Kreativen im Film die Zukunft aus der Gegenwart der 1980er-Jahre heraus entwickelt haben. Nicht nur seine „Spinner“ haben die Autoindustrie zu Flugtaxis inspiriert. Besonders das Unfertige, der „retrofitting look“, das ständige Weiterbauen und Ausbessern, Anbauen und Modernisieren, schafft eine Art von Hybrid aus Altem und Neuem, das zur Einheit verschmilzt. In seinem Trash-Schick verrät das Provisorische mehr über heutige Städte als die wenigen, auf Hochglanzfotografien zirkulierenden Signature-Buildings. Die hohen Gebäude machten die Straße zum Keller der Stadt. „Der Trick mit der Zukunft“, so Mead, „ist, dass sie etwas Wiedererkennbares brauchen, damit die Zuschauer wissen, was man vorhat. Dann sagen sie: Oh, das kommt mir irgendwie bekannt vor – und dann kaufen sie auch den ganzen Rest“.

Film Noir und Science-Fiction

"Everyman Car"
„Everyman Car“. Foto: zombieite. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 2.0 license.

Blade Runner, beginnt man zu verstehen, offenbart die dunklen Ecken der Träume der Moderne von der Stadt als Maschine. Die angeblich so glamourösen urbanen Räume sind gefüllt mit Schmutz und Angstschweiß; die dystopischen Unterströmungen eines naiven Zukunftsglaubens drängen an die Oberfläche. Für jeden Designer und jeden Unternehmer, so heißt es einmal, stelle sich heute diese Frage: Wie verbindet man die alte mit der neuen Welt?

Weiß, erklärt Katarina Jaspers, Kuratorin der Deutschen Kinemathek, sei in den 1970er-Jahren die Farbe der Zukunft gewesen, „das Cleane, das Saubere, die glatten Oberflächen“. Ridley aber, so Syd Mead, „wollte einen Noir-Science-Fiction-Film machen“. Im Film Noir der 1930er- und 1940er-Jahre, mit all den Schatten, konnte sich etwas verstecken. Auch die Welt von Blade Runner ist eine Düsternis – ohne Sonnenlicht, permanent verregnet, voller Dunkelheit. Das erzeugte, so Jaspers, genau dieses Diffuse, das den Film Noir auszeichne; das habe Blade Runner in den Science-Fiction-Film geholt. Paul A. Sammon, Autor von „Future Noir. The Making of Blade Runner“, fügt hinzu, Fritz Langs „Metropolis“ sei so etwas „wie das Fundament“ gewesen, das Blade Runner in gewisser Weise ausgelöst habe, „weil sie noch nie so eine Metropole gesehen haben wie in Metropolis.“ Es beginnt bei der vertikalen Stadt, bei den Hochhäusern. Und was in Metropolis das zentrale Gebäude, der Turm zu Babel, sei, das ist in Blade Runner das Tyrell Corporation Buildung, das aussieht wie eine Pyramide.

Alles an Blade Runner, sagt Douglas Trumbull gegen Ende, sei so kraftvoll und habe seine eigene Schönheit, „als würde man sich ein Gemälde ansehen und feststellen, dass es irgendwie rätselhaft ist. Es gibt etwas an diesem Gemälde, das immer noch funktioniert … es ist wie das Lächeln der Mona Lisa.“ Joanna Cassidy fügt hinzu: „Es gibt nur sehr wenige Filme, wo alles zusammenpasst. Das wurde anfangs nicht gesehen und es wird immer wieder Wellen geben, aber er wird niemals sterben. Dieser Film wird nie sterben, niemals.“


Vieles am Los Angeles von heute erinnert an „Blade Runner“
© Ralf Ilgenfritz

Das Phänomen „Blade Runner“

Regie: Boris Hars-Tschachotin
Dauer: 53 Min.

TV-Ausstrahlung: Freitag, 28. Mai 2021 um 21.50 Uhr

Online in der arte-Mediathek verfügbar vom 27. Mai 2021 bis 26. Juni 2021


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