Die Schau „Deutschland / 1920er Jahre / Neue Sachlichkeit / August Sander“ taucht noch bis zum 5. September ein in die vielfältigen Facetten der Neuen Sachlichkeit.
Heinrich Jost, Werbefaltblatt „Für Fotomontage: Futura“, Zeitschrift Gebrauchsgraphik März 1929, Archiv der Massenpresse, P. Rössler

Zum ersten Mal widmet sich in Frankreich eine Ausstellung dem künstlerischen Reichtum der Weimarer Republik. Bisher gab es noch keine, die neben Malerei, Zeichnung und Fotografie auch Architektur, Design, Film, Theater, Literatur und Musik in einem multidisziplinären Geist vereint hat. Indem die Kunst und die visuelle Kultur einer ganzen, auf den Trümmern des Ersten Weltkriegs gegründeten Epoche vorgestellt wird, soll ein Porträt der deutschen Gesellschaft am Vorabend des Nationalsozialismus gezeichnet werden. Mit fast 900 Werken taucht die Schau „Deutschland / 1920er Jahre / Neue Sachlichkeit / August Sander“ im Pariser Centre Pompidou noch bis zum 5. September ein in die vielfältigen Facetten der Neuen Sachlichkeit und damit in eine der wichtigsten künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Als roter Faden zieht sich das Werk von August Sander als summarischer fotografischer Querschnitt der damaligen deutschen Gesellschaft durch die Präsentation.

Die von Angela Lampe und Florian Ebner kuratierte Ausstellung verfolgt dabei ein innovatives Konzept mit einem „doppelten Rundgang“: Auf der einen Seite steht eine thematische Ausstellung über eine historische Kunstströmung, auf der anderen ein monografisches Projekt über einen der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Acht Themenbereiche (Standardisierung, Montagen, Dinge, Kalte Persona, Rationalität, Überschreitungen, Nützlichkeit, Blick nach unten) werden mit den sieben soziokulturellen Gruppen in Verbindung gebracht, die August Sander in der deutschen Gesellschaft erkannt hat: Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die sozialen Körper, Der Künstler, Die Großstadt, Die letzten Menschen.

Die Ausstellung konzentriert sich besonders auf die Jahre 1925–1929, in denen Deutschland eine gewisse wirtschaftliche Stabilität erlebte, um, wie es heißt, „die Dialektik zwischen der Faszination für die Rationalisierung der Moderne einerseits und der Kritik an einer kalten und entfremdenden Funktionalisierung andererseits zu verdeutlichen“. Das Projekt zielt darauf ab, die kulturelle Produktion der Weimarer Republik durch das Prisma des Slogans „sachlich“ neu zu lesen, der im Deutschen tatsächlich mit „sachlich“, aber auch mit „nüchtern“, „funktional“, „praktisch“, „prosaisch“, „neutral“ und „emotionslos“ übersetzt werden kann. Oder, so die Frage, definiert er etwa all diese Eigenschaften gleichzeitig? Die Neue Sachlichkeit soll auch deshalb in ihrer Gesamtheit erfasst werden, „um ihre Aktualität durch die Echos in den heutigen Debatten über die Disruption durch die neuen Medien, die sozialen Kosten der kapitalistischen Rationalisierung oder die Entgrenzung der Genres“ zu verdeutlichen. Um die Gegenwart durch ein besseres Verständnis der Vergangenheit zu beleuchten, wird die Schau unter dem Titel „Berlin, unsere 20er Jahre“ von einer Vielzahl von Debatten, Konferenzen und Aufführungen begleitet.

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