Prof. Dr. Zheng Han im Interview mit Bernd Müller und Thomas Wagner

Nachgefragt: Im Gespräch mit Zheng Han.

Interview von Bernd Müller und Thomas Wagner.

Vielen Bürgern, Unternehmen und Verbänden in Deutschland und Europa erscheint China noch immer fern und rätselhaft, was Technologie und Marktmacht angeht, oft auch bedrohlich. Bernd Müller und Thomas Wagner haben mit Prof. Dr. Zheng Han über wirtschaftliche Dynamik, kulturelle Unterschiede und den Stellenwert von Innovationen in China und Europa gesprochen.


Herr Professor Han, Sie sind ein Wanderer zwischen den Welten. Sie haben in Braunschweig studiert, in der Schweiz, Singapur und den USA gelehrt und beraten namhafte Unternehmen, vor allem aus dem Bereich der Mobilität. Aktuell lehren Sie an der Tongji-Universität in Schanghai Innovation und Unternehmertum. Worin liegen die größten Unterschiede in den Mentalitäten und den Unternehmenskulturen zwischen China und Europa?

Zheng Han: Chinesische Unternehmer sind sehr pragmatisch, sehr opportunistisch und sehr agil unterwegs. Man hat, was die jüngste Geschichte betrifft, ja bei null begonnen, allein mit Ehrgeiz, Fleiß, intelligenten Menschen und einer gewisse Smartness. Im Vergleich mit Deutschland gab es sehr wenig „heritage“. Weniger Erbe heißt aber auch: weniger Altlasten. Wer weitgehend frei davon ist, kann sich sehr sprunghaft entwickeln, alles „from scratch“, von Grund auf lernen und von den Besten profitieren. Also haben sich in China, als die Öffnung losging, Unternehmer, Unternehmen und Regierung umgeschaut – und vom Japaner gelernt, vom Amerikaner gelernt, vom Deutschen gelernt. Man hat versucht, sich von den Besten das Beste herauszupicken. Das ist das eine. Den zweiten wesentlichen Unterschied habe ich schon erwähnt: Chinesische Unternehmen sind sehr agil und pragmatisch, was bedeutet, dass man sein Ziel deutlicher vor Augen hat.


„Man muss situativ handeln, sich anpassen, schnell agieren, in eine neue Richtung vorstoßen.“


Das klingt fast wie eine Beschreibung der angelsächsischen Welt. Liegt ein wesentlicher Unterschied nicht darin, dass man sich in China leichter damit tut, situativ zu denken und zu handeln?

Prof. Dr. Zheng Han
Prof. Dr. Zheng Han lehrt Innovation und Entrepreneurship am Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg der Tongji Universität Schanghai. Foto: © Prof. Dr. Zheng Han

Ja, durchaus. Europäische, westliche Denke ist ja sehr dialektisch, immer bezogen auf Schwarz oder Weiß. Man will unbedingt herausfinden, ob etwas wahr ist oder falsch. In der heutigen Zeit gibt es aber immer häufiger Situationen, in denen wahr oder falsch unbekannt bleiben. Die aktuelle Corona-Pandemie ist so eine Situation. Die gesamte Menschheit hatte lange Zeit nicht ahnen können, was es mit dem Virus auf sich hat. In so einer Situation ist es schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man muss situativ handeln, sich anpassen, schnell agieren, in eine neue Richtung vorstoßen. Eine derart amorphe Situation ist in der Welt digitaler Transformation typisch. Da digitale Technologien in allen möglichen Szenarien eingesetzt werden können, entstehen auch viele neue Risiken. Wenn man hier einen dialektischen Ansatz hat, führt das dazu, dass man sehr langsam entscheidet, weil nie abschließende Informationen vorliegen. Und damit hat die westliche Welt aus meiner Sicht ein Problem; was nicht heißt, dass alle Probleme damit haben. Unternehmer wie Elon Musk kommen ja auch aus dem Westen, wagen sich aber ins Unbekannte vor. Chinesische Unternehmen sind sehr flexibel, sie wagen etwas, probieren aus, was geht, lernen schnell und warten nicht auf abschließende Erklärungen.

Sehen Sie sich als Moderator, der zwischen den verschiedenen Ansätzen vermittelt?

In der Tat. Beide Ansätze haben ja ihre Stärken, keiner ist besser oder richtiger als der andere. Die Zielstrebigkeit, Prinzipientreue und Beständigkeit der deutschen Industrie hat viel dazu beigetragen, dass Made in Germany heute eine Weltmarke ist, eine Visitenkarte Deutschlands. Aber man muss sich auch darüber bewusst sein, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit heute viel höher ist als noch in der Zeit des Wirtschaftswunders. Also muss man sich neue Fähigkeiten aneignen, wobei man von der chinesischen Agilität lernen kann. Umgekehrt gilt: Mit Agilität allein kommen wir auch nicht sehr weit. Irgendwann kommt der Moment, wo es um Grundlagenforschung, um Kerninnovationen und Schlüsseltechnologien geht – und da schwächelt China noch.

Man ist sehr auf den Markt fixiert und denkt wenig über den Tag hinaus?

Der Markt ist sehr brutal in China, alles geht sehr schnell. „Hyper-Competition“ ist das Wort dafür. Es sind viele Akteure unterwegs, jeder will die Gelegenheit ergreifen, das heißt, es kommt wirklich auf die Geschwindigkeit an. Die andere Seite ist: Wenn alle auf Geschwindigkeit setzen, arbeitet niemand zehn oder mehr Jahre lang an einem bestimmten Thema. Die Ruhe zu sagen: „Der Erfolg ist zwar nicht sofort zu sehen, aber irgendwann werde ich damit erfolgreich sein“, haben chinesische Unternehmen oft nicht. Sie wissen, wenn sie ruhiger vorgehen, werden sie bald weg vom Fenster sein.

Geschwindigkeit ist relativ, wenn alle mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, stehen sie gegeneinander still.

So ist es, trotzdem geben alle gas.

China ist in den letzten Jahren weder stehengeblieben noch nur auf Hochtouren gelaufen, und das hat zu einer eigenen Stärke geführt. Wo steht China aktuell?

China hat in vielen Bereichen einen Vorsprung aufgebaut, besonders bei der Digitalisierung und der digitalen Infrastruktur – 5G, Fintech, Künstliche Intelligenz –, neuerdings auch in den Bereichen Elektromobilität und Autonomes Fahren. All das sind strategische Themen, die von der Regierung vor langer Zeit als Ziele festgelegt wurden. Dazu hat man sehr viel Geld in die Hand genommen und Start-ups aus diesen Bereichen gezielt gefördert.


„Ask for forgiveness later“


Nehmen wir den Bereich Elektromobilität – wie läuft das ab? Wie agieren die unterschiedlichen Player im Markt und welche Rolle spielt die Regierung?

Es gibt zwei Akteure: die Regierung, die einen Fünf-Jahres-Plan vorgibt, mit dem Industriepolitik geschmiedet wird, und Unternehmen, die – unabhängig von den Fünf-Jahres-Plänen – eigene Ideen entwickeln, Trends in der Welt entdecken, sie aufgreifen und sie dann für China anpassen oder weiterentwickeln. Überlappen sich beide Entwicklungen, wird dieser Sektor erst recht interessant, da die Regierung die Unternehmen dann systematisch unterstützt und die Sache mit den groß angelegten Subventionsprogrammen beschleunigt. Erst, wenn etwas auftaucht, das Gefahren birgt, versucht die Regierung einzuschreiten. Bis dahin haben Unternehmen wie Alibaba und Co. freie Hand, sich zu entwickeln.

Ein Unternehmer wartet also nicht auf einen Fünf-Jahres-Plan, er legt einfach los. Dabei ist er in seiner unternehmerischen Aktivität relativ frei. Nur wenn etwas in die falsche Richtung geht, wird reguliert. Richtig?

Fahrräder in Beijing
Foto: © Bernd Müller

Chinesische Unternehmer warten sehr selten – höchstens auf den Kunden. Natürlich beobachten sie, was die Regierung sagt. Auf der anderen Seite haben viele Unternehmen gelernt: wenn man wartet, hat man schon verloren. Es gibt einen Spruch, der das gut beschreibt: „Ask for forgiveness later“. Erst mal loslegen und etwas machen, dann erst schauen, wo man aneckt. Mein Lieblingsbeispiel ist das folgende: Shared Bikes, also Leihfahrräder. In China gab es keine Regelungen. Floating-Bike-Sharing heißt ja, man kann die Fahrräder überall abstellen. So etwas gab es noch nie, weil die Regulatoren gar nicht daran gedacht haben, dass so etwas gehen würde. Also haben Start-ups, getrieben durch Venture Capital, die Städte mit Millionen von Fahrrädern überschwemmt. Sie haben fast die ganze Stadt zugestellt, was zu einer Plage geworden ist. Verschiedene Start-ups haben damit begonnen, um sich einen möglichst großen Marktanteil zu sichern. Die Regierung hat am Anfang gedacht, das ist keine schlechte Idee, Radfahren ist umweltfreundlich und löst obendrein das Problem, womit „die letzte Meile“ zurückgelegt wird.

Und wie ging es weiter?

Leihfahrräder in Beijing
Foto: © Bernd Müller

Als sie realisiert haben, dass es zu viel wird, wenn jedes der zehn Unternehmen in der Stadt eine halbe Million Fahrräder auf die Straße stellt, und das den Verkehr mehr behindert als fördert, hat die Regierung über Nacht neue Regularien erlassen – regional durchaus unterschiedliche. Das hat einige Unternehmen extrem unter Stress gesetzt und dazu geführt, dass ausgesiebt wurde. Unternehmen, die in der Lage waren, mit den neuen Regularien umzugehen, überlebten. Bei anderen, die das operativ nicht managen können, wurden die Fahrräder konfisziert und auf eine Müllhalde geworfen. Es gab Fotos von Millionen bunter Fahrräder. Zudem hat die Regierung alle zwei Wochen neue Regeln erlassen – bis hin zu Apps, die an die neuen Verbotszonen angepasst werden mussten. Wo sind Verbotszonen? Was passiert, wenn die Kunden die Fahrräder dort hinstellen – und so weiter und so fort. So sieht das in China aus: Man lässt Start-ups erst mal neue Sachen machen. Daraus lernt dann der Gesetzgeber und erlässt Regularien, die kurzfristig upgedatet werden. Aber nicht nur bei Start-ups verhält sich die Regierung so, auch bei großen Firmen ist es nicht anders. Ein aktuelles Beispiel ist der von den chinesischen Behörden gestoppte Börsengang von Ant Financial.

Und in Deutschland?

In Deutschland wurde das Thema zuerst lange diskutiert. Sie kennen das: Alles, was die Straßenverkehrsordnung nicht ausdrücklich erlaubt, ist verboten. Das heißt, die Unternehmen hatten die Ideen, sie hatten auch das Produkt parat – und haben dann so lange Lobbyarbeit gemacht, bis der Gesetzgeber gesagt hat, jetzt lockern wir die Bestimmungen. Das hat sehr viel Wartezeit gekostet, aber auch dazu geführt, dass es ein bisschen geregelter zuging. Trotzdem gab es Probleme. Wenn etwas neu ist, kann man keine perfekten Gesetze entwickeln, um es zu regulieren, da man die Folgen nicht voraussehen kann. Auch die Unternehmen können das Verhalten von Usern nicht voraussehen. Das heißt, man hat den Start verzögert, musste danach aber ebenfalls dazulernen und auf die Folgen reagieren. Weshalb also nicht früher starten, wenn man ohnehin schauen muss, was passiert?


„In Deutschland ist man vorsichtig“


Weshalb funktioniert das in China besser?

Eine Erklärung ist: In China kann die Regierung über Nacht neue Regularien erlassen. Da wird niemand sagen: Nein, das geht nicht! Ihr habt diese und jene Interessengruppe nicht berücksichtigt. In Deutschland würde diese Herangehensweise viel größere Probleme mit sich bringen. Also ist man vorsichtig und geht die Sache langsam an.

Aufgrund des politischen Systems können in China Entscheidungen schneller getroffen werden?

Richtig.

Wenn Sie das Thema Innovation nicht nur makroökonomisch betrachten: Welche Rolle spielen Design und Markenbildung im chinesischen Markt? Wie eng sind Innovation und Design miteinander verknüpft?

Design wird aus meiner Sicht immer wichtiger. Als der Markt sich geöffnet hat, hatte man relativ wenig Erfahrung mit neuen Produkten, mit neuen Marken. Also hat man westliche Marken per se für gut gehalten. Irgendwann hat man dann erkannt, oh, da gibt es noch bessere Marken, Premium-Marken. Und man hat auch erkannt: Solche Marken haben ein besonderes Design. Heute versuchen auch lokale chinesische Marken sich durch Design zu unterscheiden und asiatische oder chinesische Designelemente einzubringen. Das fängt bei Automodellen an. BYD etwa nutzt für eine Modellreihe chinesische Dynastienamen. Auch ins Design fließen klassische chinesische Designelemente ein statt westlicher Geradlinigkeit. Das Design wird nicht komplett umgestellt, es werden aber einige chinesische Elemente eingebaut. Ähnliches gilt für die Mode, wo junge Designer sagen, hey, wir haben – Stichwort „heritage“ – hier doch auch etwas zu bieten.

Wird sich der chinesische Markt stärker vom Westen abkoppeln?

Abkoppeln würde ich nicht sagen. Die Marken, die ganz oben auf der Pyramidenspitze stehen, sind nach wie vor westliche, internationale, globale Marken. Vereinzelt rücken einige chinesische Marken in den Premiumbereich auf, im Bekleidungsbereich vielleicht auch ein paar chinesische Designer, die mit Unterstützung von internationalen Marken versuchen, als Sub-Marke im Premiumbereich Fuß zu fassen. Dass sich China, was Design angeht, vom Westen entkoppeln wird, halte ich eher für unwahrscheinlich. Auch, dass typisch chinesische Designelemente außerhalb des Landes an Popularität gewinnen, wird dauern.

Wird Made in Germany in China weniger angesehen sein, wenn chinesische Marken in der Konsumentengunst steigen?

In Bereichen, in denen Deutschland traditionell sehr stark ist – im Maschinenbau, im Anlagenbau –, ist China nach wie vor noch nicht so weit wie Deutschland. Der Abstand aber wird geringer. Interessant ist die Automobilindustrie. Das Auto gehört zu den wenigen Konsumprodukten der deutschen Industrie. Sie hat keine Smartphones, vielleicht noch ein paar Miele-Kühlschränke und Backofen, aber das war es auch schon. Da ist nicht mehr so viel Tech-Konsum, es sind eher B2B-Produkte, bei denen die deutsche Industrie stark ist. Bei Autos war Deutschland lange sehr erfolgreich, steht nun aber unter Druck. Tesla und andere haben verstanden, dass Spaltmaße für künftige Generationen nicht unbedingt ein überzeugendes Kaufargument sind, sondern die digitale Experience, die digitalen Dienstleistungen und so weiter. Durch die digitale Dimension kann man sehr, sehr viel gutmachen, um zukünftige Kunden für sich zu gewinnen, die wahrscheinlich auch nicht mehr so markentreu sein werden. Hier könnten chinesische Unternehmen deutschen Unternehmen und Marken das Wasser abgraben.


„Chinesen sind opportunistisch, aber gleichzeitig auch sehr optimistisch.“


Was würden wir entdecken, wenn unser Blick auf China unvoreingenommener würde?

Das ist eine gute Frage. Man würde entdecken, dass die Chinesen grundsätzlich eine extrem positive Einstellung haben, was ihre zukünftige Entwicklung betrifft. Chinesen sind opportunistisch, aber gleichzeitig auch sehr optimistisch. Man glaubt, es wird immer bergauf gehen, immer besser werden. Das kommt natürlich daher, dass China in den letzten dreißig, vierzig Jahren nur eine Richtung gekannt hat. Also sagen die Menschen: Egal, auch wenn es langsamer vorangehen wird, es wird besser.

Wird der Optimismus durch Klimawandel und Umweltprobleme getrübt?

Die chinesische Presse verbreitet sehr viel Optimismus. Man sieht die Dinge positiv, also wird China auch die nächste Herausforderung – Umweltkrise und Klimawandel – meistern.

Bei welchen Technologien und Produkten ist China führend?

Ganz sicher bei digitalen Technologien, etwa bei digitalen Bezahlsystemen, generell im Fintech-Bereich. Alipay und Tencent Pay sind entsprechende Namen. Das kommt allein schon daher, dass Tag für Tag hunderte Millionen von Menschen digitale Bezahlungssysteme nutzen. Ähnlich verhält es sich mit Gesichtserkennung im KI-Bereich. Ich habe erst neulich gelesen, die Hälfte aller Überwachungskameras weltweit sei in China installiert. Alle diese Kameras sind bereits oder werden nach und nach durch smarte Technologien der Gesichtserkennung, der Autokennzeichenerkennung, der Bewegungserkennung ersetzt. Dadurch erhält man riesige Datenmengen, um KI anzulernen. Das geht im Westen nicht, weshalb China die wahrscheinlich besten Algorithmen in diesem Bereich entwickelt hat.

Gibt es noch weitere Bereiche?

Etwa die Gentechnologie. China besitzt eine der weltweit größten Gendatenbanken vom Menschen, weil die Regierung das unterstützt und die Bevölkerung wenig sensibel ist, was die Analyse, Speicherung und Weitergabe von Geninformationen angeht. Auch hier lassen sich allein durch die Masse jede Menge Innovation generieren. Fintech, Feature Recognition, Gentechnologie – hier hat China einen enormen Vorsprung im Vergleich zu anderen Ländern.


„Wird etwas neu angewendet, gilt es schon als innovativ“


Ist, was neu ist, schon innovativ? Ist die Vorstellung, was neu ist, in China eine andere als im Westen?

Die Schwelle für Neues ist viel niedriger als in Europa. Wird etwas neu angewendet, wird es schon als innovativ erachtet. Im Patentbereich gibt es ja verschiedene Kategorien: Das Erfindungspatent, das ist wirklich neu für die Welt. Das andere sind Gebrauchsmuster. In China sind neue Gebrauchsmuster innovativ, weil sich andere Einsatzmöglichkeiten ergeben, auch wenn es das vielleicht woanders schon gegeben hat. Ein Beispiel aus dem E-Commerce-Bereich ist Livestreaming. Livestreaming bedeutet: Ich kann etwas über Kanäle wie Zoom verkaufen. Weil ich eine lustige Person bin, gucken zehntausend Leute zu und vielleicht ein Zehntel oder ein Hundertstel bestellt. So etwas gab es früher schon in Europa: Teleshopping. Es wurde, ich würde nicht sagen: kopiert, aber in digitaler Form quasi neu erfunden. Verpackt in ein neues Medium und extrem erfolgreich.

Kritische Fragestellungen spielen bei alledem keine Rolle?

Kritische Fragen bedeuten für viele Innovatoren mehr Probleme als Chancen für Erfolg. Wenn es geht, werden bei jeder wirtschaftlichen Aktivität kritische Nachfragen vermieden.

Das heißt, man hat es in China mit einer Art von Superkapitalismus zu tun?

Chinesische Unternehmer sind durch und durch sehr kapitalistisch tickende Unternehmer. Das hat auch historische Wurzeln. Chinesen waren über Jahrtausende gute Händler, wobei Geschäftsleute in der gesellschaftlichen Hierarchie sehr niedrig angesiedelt waren. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass der Kaiser keine gesellschaftliche Schicht unterstützt hat, die ökonomisch und monetär einen Gegenpol zu seiner Macht hätte darstellen können. Also wurden Unternehmer von der chinesischen Dynastie über lange Zeit klein gehalten. Heute hat sich das geändert. Natürlich, es kommt noch immer zuerst die Partei, dann die Regierungsbeamten – aber dann kommt schon der Geschäftsmann.


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