Von Prof. Dr. Uwe Demele.

Die Ansprüche an Wohn- und Arbeitsräume sind gestiegen. Aspekte der technisch-funktionalen Zweckdienlichkeit und des Wohlbefindens sollen im Rahmen von „smart environments“ kompatibel sein mit vernetzter, personalisierter Ausstattung, gleichzeitig aber den Bedürfnissen nach Gesundheit und einer ökologischen Verträglichkeit sämtlicher Baumaterialien und Einrichtungsobjekte Rechnung tragen. Was lässt sich dabei von hochwertigem Handwerk und Design-Ikonen lernen?

Die angesprochene Gestaltung von Räumlichkeiten verweist auf die Strategien der sogenannten Circular Economy. Geordnet nach aufsteigender Zirkularität der Wertschöpfung sind das: Recover, Recycle, Repurpose, Remanufacture, Refurbish, Repair, Reuse, Reduce, Rethink und Refuse. Um eine hohe Ökoeffizienz sowie ein gesundes Raumklima zu erreichen, werden bevorzugt lokale, nicht-toxische und nachwachsende Naturressourcen verwendet. Die Transportwege sind verkürzt und verursachen weniger Emissionen.

Exemplarisch genannt sei hier die Verwendung heimischer Hölzer beim Innenausbau oder Lehm zum Verputzen von Wänden. Ebenso kommen zunehmend Re- und Upcycling-Konzepte zum Einsatz. Hierdurch soll eine Knappheitsproblematik dadurch gehandhabt werden, dass Gegenstände wie z.B. Möbel – oder Teile davon – nach ihrem Gebrauch in den stofflichen Wertschöpfungskreislauf zurückgeführt werden. Durch Ausschöpfung der materiellen Nutzbarkeit und Verlängerung von Lebenszyklen sollen also Produkte bzw. ihre Komponenten möglichst lange vor einer bloßen Deponierung oder thermischen Verwertung bewahrt werden.

Dahinter steht der Leitgedanke, bedachter mit vorhandenen Ressourcen umzugehen, was wiederum ökologisch und monetär motiviert ist. Stoff- und Energiekreisläufe orientieren sich bei zirkulären Bau- und Einrichtungskonzepten an der Natur, allerdings deutlich weitreichender als bei bloßen Bionik-Ansätzen. Die dahinterstehende Logik ist ebenso einfach wie überzeugend: In natürlichen Ökosystemen gibt es weder Abfall noch Verschwendung (analog: Cradle-to-Cradle-Prinzip). Die Kreisläufe bleiben langfristig stabil und sind unschädlich für involvierte Entitäten.

Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ist es daher nur folgerichtig, dies systematisch auch auf Facilities zu übertragen: Gebäude und Inneneinrichtungen sind dann automatisch von hochwertiger und langlebiger Qualität. Dieses Kredo haben sich die Meister der Handwerkskunst seit jeher auf die Fahnen geschrieben – und von ihnen lässt sich mit einem Blick in die Vergangenheit viel für die Zukunft lernen.


Upcycling-Beispiel für ein Büro: nach strengen ökologischen Kriterien aufgearbeiteter Teak-Schreibtisch von Svend Aage Madsen mit Bast und neu gepolstertem Stuhl.
© Workplace / Prof. Dr. Uwe Demele

Design-Ikonen als Vorbild

Design-Ikonen gehören zu den Paradebeispielen eines zirkulären Arbeits- und Wohnumfeldes, da die Designstrategien, die verwendeten Materialien und Herstellungsverfahren von vornherein auf Langlebigkeit ausgerichtet sind. Deshalb lohnt es sich auch, sie aufzuwerten und weiterzuverwenden.

Beim Upcycling von Designklassikern wird neben der Behandlung von Holz-, Kunststoff- und Metalloberflächen auch die nachhaltige Polsterung mit geeigneten Stoffen relevant. Bewährt hat sich ein Mix aus klassischen und High-Tech-Textilien. Gut erprobt sind mittlerweile vegane Textilien aus Ananas, Wein, Zellulose, Lyocell-Fasern, Brennesseln, Wasserhyazinthe, Hanf, Bio-Baumwolle oder Leinen. Auch Textilien aus Schafwolle, Milchprotein-Fasern oder Fischhaut bis hin zu recyceltem Plastik aus den Ozeanen kommen zum Einsatz.

Upcycling-Beispiel für Wohn- und Geschäftsräume: Zwei dänische Easy-Chairs von H. Brockmann Pedersen aus den 1960er-Jahren, aufgepolstert mit Wollstoff aus nachhaltiger Produktion.

Möbel und Produktdesign der Moderne entdecken

Inspirationsquelle für eine hochwertige Gestaltung der Wohn- und Arbeitsumgebung mit originalen Vintage- Designklassikern ist die jährlich stattfindende Design Börse Berlin. Diesmal öffnen sich die Türen vom 15.-17. November im Löwe-Saal in der Wiebestraße 42, 10553 Berlin. Besucher haben hier die Möglichkeit auf 2000 m² Ausstellungsfläche zu sehen, was der internationale Designmarkt zu bieten hat.

Zukunftsräume der digitalen und nachhaltigen Transformation

Die Wissenschaft als Unterstützerin auf dem Weg zu nachhaltigen Raumkonzeptionen leistet ihren Beitrag, indem zukunftsfähige Designstrategien und Geschäftsmodelle in Kombination mit digitalen Technologien erforscht werden. Auch das heutige Wertebewusstsein verdeutlicht, dass ethische Ansprüche in einer Symbiose von Digitalisierung und Nachhaltigkeit zur Geltung gebracht werden. Digitale Technologien beflügeln auch die Materialforschung. In Rapid-Prototyping-Verfahren können mittlerweile eine Vielzahl von Bauelementen und Einrichtungsgegenständen hergestellt werden. Smarte Produktionsverfahren verringern die Herstellungskosten zusätzlich.

Bestandteile eines Möbelstücks (z.B. zum Upcycling) oder komplette Möbel lassen sich spielend leicht per 3D-Druck mit Biopolymeren realisieren. Mit smarter City-Logistik verkürzen sich zudem die Transportwege. Ebenso ermöglichen digitale Plattformen eine Umsetzung des Sharing- und Caring-Gedankens. Hierdurch werden alle, die sich für nachhaltige Raumkonzepte begeistern, in Echtzeit miteinander vernetzt. Smart Stores vervollständigen diese Transformationsprozesse. Mittels Plattformökonomie und Apps nachhaltig shoppen, sich informieren und durch Feedback-Loops zur Optimierung der zirkulären Wertschöpfung beitragen – all dies ist bereits Realität, genauso wie die Möglichkeiten von smart living und working.

Datenfluss im Smart Home und Workplace

In Zukunft können ganze Erlebniswelten erschaffen werden. Wie viel man davon nutzen möchte, ist eine andere Frage. Bekannte Stichworte hierzu sind IoT, Furniture Robots, Artificial Intelligence, z.B. als „emotive coach“ (um den menschlichen Zustand im Raum durch selbstlernende Algorithmen einzuschätzen) oder Augmented und Virtual Reality für Interior Arrangements per App mit entsprechenden Raumsimulationen. Auch kann künstliche Intelligenz bei der Produktion von Möbeln bedeutsam sein, indem eine Verbindung zwischen Designern und Machine-Learning-Systemen hergestellt wird.

Allerdings bezieht sich, abgesehen von smarten Anwendungen, der Einsatz von digitalen Komponenten zumeist auf die Herstellungs- und Designprozesse, bei denen es mehr Optimierungsmöglichkeiten und -bedarfe gibt. Es ist auch wenig sinnvoll und nicht nötig, alle Einrichtungsgegenstände zu digitalisieren bzw. mit digitalen Komponenten auszustatten. Die Funktion eines Möbelstücks ist im Grunde begrenzt. Ohne dass es in ein Gerät verwandelt wird, kann es weder energetische Umsetzungen durchführen, noch interaktiv sein.

Auch sollte nicht unterschätzt werden, dass es zu jedem Trend einen Gegentrend gibt. Die allseitige Digitalisierung kann eine Gegenwelle im Lifestyle der Menschen auslösen, mit dem Ergebnis, dass sie im privaten Bereich komplett auf digitale Komponenten verzichten. Vielleicht, so könnte man meinen, stellen gerade die historischen Werte im Ausdruck von Vintage-Gegenständen die durch zu viel Digitalisierung verlorenen gegangene emotionale Bindung zwischen dem Menschen und dem Produkt eines menschlichen Handwerks wieder her.

Die Herausforderung beim Thema „Circular Living & Working Spaces” besteht somit in einer stärkeren Verankerung der Bedürfnisse von relevanten Stakeholdern, hier verstanden als ethisch rationale Reflexion, aber zuweilen auch als emotionale Komponente. Zukunftsorientierte Ingenieure, Manager, Raum- und Produktdesigner berücksichtigen in ihren Strategien daher über ökonomische Werte hinausreichende Überlegungen. Sie beziehen die gesamte Wertschöpfungskette ein, besitzen technisches, digitales, nachhaltiges Know-how und sind in der Lage, Komplexität kybernetisch zu handhaben.


Der Autor

Uwe Demele ist Professor am Fachbereich Design der Hochschule Fresenius Berlin und leitet dort als Studiendekan den internationalen Masterstudiengang „Sustainability in Fashion and Creative Industries (M.A.)“. In seiner akademischen Arbeit erforscht er komplexe wissenschaftstheoretische, sozialpsychologische und ökonomische Zusammenhänge, z.B. in den Bereichen Möbelindustrie, Immobilien, Raumkonzepte, Kreativwirtschaft. Besonderer Schwerpunkte seiner Arbeit sind die übergreifenden Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. In der Wirtschaftspraxis verfügt er über vielfältige Erfahrungen in leitenden Positionen, unter anderem als Unternehmensgründer, Geschäftsführer und Leiter von Projekten wie jüngst dem BMBF-Projekt upnovation.de – Innovationsforum Upcycling.

www.uwedemele.de

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