Installation View of David Geffen Wing gallery 206, Transfigurations, The Museum of Modern Art. © Iwan Baan, Courtesy of MoMA

Für vier Monate war das Museum of Modern Art (MoMA) in New York geschlossen. Am 21. Oktober 2019 wird es wiedereröffnet. Diller Scofidio + Renfro haben in Zusammenarbeit mit Gensler das Museum renoviert und um neue Ausstellungssäle und Lounges ergänzt.

Von Thomas Wagner.

Das Museum of Modern Art ist nicht irgendein Museum. Mit mehr als drei Millionen Besuchern pro Jahr zählt es zu den Hauptattraktionen New Yorks. Hier können die Besucher Pablo Picassos „Demoiselles d’Avignon“, Vincent van Goghs „Sternennacht“ oder Claude Monets „Seerosen“ und viele andere bedeutende Werke der Kunst der Moderne bestaunen – aber eben auch einen tragbaren Grill von Raymond Loewy, Braun-Design von Dieter Rams, Architekturzeichnungen und -modelle. Das MoMA gilt nicht nur als Flaggschiff der Moderne, es ist auch längst eine globale Marke – und schon deshalb muss es sich, trotz oder wegen seiner historischen Bedeutung, gegen neue Konkurrenten behaupten und permanent weiterentwickeln.

Nach der vier Monate andauernden Schließung wird das MoMA am 21. Oktober 2019 wiedereröffnet. Die Ausstellungsfläche in den neuen, von Diller Scofidio + Renfro in Zusammenarbeit mit Gensler gestalteten Galerien wächst noch einmal um rund 3700 Quadratmeter. Insgesamt stehen nach dem 450 Millionen Dollar teuren Umbau etwa 30 Prozent mehr Fläche als bisher zur Verfügung. Doch nicht nur das Gebäude-Ensemble wurde erneuert. Glaubt man den Ankündigungen, so erwartet die Besucher in den neu gestalteten Räumen auch ein verändertes Präsentationskonzept, das die gezeigten Werke anders und besser als bisher erfahrbar machen soll.

Nord-Süd-Ansicht der neuen Galerieräume des Museum of Modern Art. © 2017 Diller Scofidio + Renfro.

Bei der Orientierung an der Industriekultur stand das Bauhaus Pate

In den späten 1920er-Jahren hatten Lillie P. Bliss, Mary Quinn Sullivan und Abby Aldrich Rockefeller erkannt, dass es neben den kunsthistorisch ausgerichteten Häusern in den USA an einem Ort für die damals aktuelle Kunst der Moderne mangelte. Sie gründeten das Museum of Modern Art, das am 7. November 1929 unter Leitung des Gründungsdirektors Alfred H. Barr eröffnet wurde. Barr agierte couragiert, progressiv und mit großem Sendungsbewusstsein. Er hatte sich in Europa umgesehen und sich 1927 bei einem Besuch in Dessau auch vom Bauhaus anregen lassen. Entsprechend konzipierte er das MoMA von Beginn an international, was in den USA zunächst mit Skepsis verfolgt wurde. Als erstes Museum präsentierte und sammelte es neben bildender Kunst auch Architektur, Design, Fotografie und Film als Ausdrucksweisen der Industriekultur. In seinen Grundzügen gilt Barrs Ansatz bis heute. Mit der aktuellen Neupräsentation der enormen Sammlung soll sein Konzept nun unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts neu justiert werden.

Wiederholte Umbauten und Erweiterungen

Schon in den ersten zehn Jahren seines Bestehens wechselte das MoMA drei Mal den Standort, um seine Ausstellungsfläche zu vergrößern. 1939 zog es nach Midtown Manhattan – wo es sich noch heute befindet – in ein von den Architekten Edward Durell Stone und Philip Goodwin entworfenes Gebäude. Sammlung und Renommee wuchsen indes ständig weiter. In den 1950er- und 1960er-Jahren nach Plänen von Philip Johnson erweitert, wurde das Gebäude 1984 unter von Leitung César Pelli abermals renoviert und die Ausstellungsfläche verdoppelt. Auch beim nächsten Umbau zwischen 2002 und 2004, nach Plänen des japanischen Architekten Yoshio Taniguchi, expandierte das Museum. Um neben dem Hauptgebäude zusätzlich Platz für die aktuelle Erweiterung zu gewinnen, hatte man sich trotz Protesten 2014 dazu entschieden, das benachbarte, erst 2001 eröffnete und preisgekrönte Gebäude des American Folk Art Museums abzureißen. Das Grundstück hatte das MoMA bereits 2011 dem an Geldmangel leidenden Museum abgekauft.

Nicht nur die Räume im zweiten, vierten und fünften Geschoss, in denen die Sammlung präsentiert wird, wurden aktuell erweitert und neugestaltet. Es sind auch neue Galerien für zeitgenössische Kunst, ein Studio für Performance und Live-Veranstaltungen sowie ein „Creativity Lab“ für die Museumspädagogik entstanden. Die Eingangslobby, in der sich auch der Museumsshop befindet, erstreckt sich jetzt über zwei Stockwerke und ihre verglaste Nordwand bietet einen Ausblick in den Skulpturengarten.

Installationsansicht Fossil Psychics for Christa (2019) von Kerstin Brätsch, The Caroll and Milton Petrie Terrace Sixth Floor Café, The Museum of Modern Art.
© Photo Iwan Baan.

Eine Neuerfindung des Museums

Wie bisher aus dem MoMA zu hören ist, will sich das Museum mit der Erweiterung und der damit verbundenen Neupräsentation seiner Sammlung auf den bestehenden Fundamenten gleichsam neu erfinden und noch stärker als bisher im Zeitgenössischen verankern. Glenn D. Lowry, der aktuelle Direktor des Hauses, spricht davon – inspiriert von der Vision Barrs – in New York ein „experimentelles“ Museum aufzubauen. So bestehe der tatsächliche Wert der jetzt durchgeführten Erweiterung „nicht darin, mehr Platz“ zu haben. Vielmehr erlaube es der räumliche Zugewinn, die Art und Weise zu überdenken, wie man Kunst im Museum erfahren kann. „Wir haben“ so Lowry, „die Möglichkeit, unsere Gründungsmission zu revitalisieren und zu erweitern – um jeden dazu einzuladen, das MoMA als ein Labor des Studiums und der Präsentation aller Formen der visuellen Kunst unserer Zeit zu erleben.“

Als Hommage an das Bauhaus und dessen Jubiläum wurde auch Oskar Schlemmers Gemälde „Bauhaustreppe“, eines seiner Hauptwerke, restauriert. Es hängt künftig nicht mehr im zweiten Stock, sondern in der Eingangslobby, die es mit den Ausstellungssälen verbinden soll. Schlemmer hatte es 1932 gemalt, um gegen die von der nationalsozialistischen Mehrheit im Dessauer Gemeinderat verfügte Schließung des Bauhauses zum 30. September 1932 zu protestieren. Ein Jahr später kauften es Philip Johnson und Alfred Barr für die Sammlung des New Yorker Museums an.

Außenansicht The Museum of Modern Art, 53rd Street, neuer Eingangsbereich.
Designed by Diller Scofidio + Renfro in collaboration with Gensler. Photo © Iwan Baan.

Auf neue Sehgewohnheiten reagieren

Mit einer kompletten Neupräsentation seiner Sammlung reagiert das MoMA auch auf neue Sehgewohnheiten und das Schwinden historischen Wissens. Zwar wird nicht vollständig auf eine Chronologie und Präsentation nach Ismen und Schulen verzichtet. Diese sollen nun aber durch Umwege, Rückverweise und Überraschungen und mittels unterschiedlicher, aber gleichberechtigter Erzählungen aufgelockert werden. Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken sollen mehr als bisher mit Arbeiten aus Architektur, Film und Performance gemischt, mehr Kunst von Frauen, Latinos, Asiaten und Afroamerikanern gezeigt werden.

Statt Epochen und Highlights gibt es Themenräume wie die „Stadt als Bühne“ oder „Von Suppendosen zu Fliegenden Untertassen“. „Design for Modern Life“ widmet sich dem Bauhaus und anderen Schulen der 1920er-Jahre. Hier werden Gemälde von Paul Klee und El Lissitzky mit Stühlen von Mies van der Rohe, Filmen von Dziga Vertov, bedruckten Stoffen und typografisch gestalteten Briefköpfen gemischt. Beherrscht wird der Raum von Margarete Schütte-Lihotzkys „Frankfurter Küche“. Überhaupt soll die Präsentation der Sammlung – zumindest in einigen Sälen – öfter wechseln. Beginnen soll ein solcher „Szenenwechsel“, wie ihn das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main schon unter Jean-Christophe Ammann praktiziert hat, in den hinzugewonnenen Galerien.

„Ob man es mag oder nicht“, schrieb Jason Farago nach einem ersten Rundgang durch die noch nicht fertig eingerichteten Galerien in der New York Times, „diese zappeligen, sich verändernden Präsentationen“ offenbaren die Zeitgenossenschaft des MoMA am deutlichsten, dessen Sammlung nun jene zufälligen Kollisionen aufweise, wie man sie vom Suchen und Stöbern im Netz kenne. Wobei die häufigen „Querschläger“ wahrscheinlich selbst Besucher, die von der digitalen Welt geprägt seien, irritierend fänden. Ob das Unerwartete nicht nur verwirrt, sondern das Bewährte auch zu beleben versteht, wird sich nach der Wiedereröffnung zeigen. Fest steht aber schon jetzt: Im Kern präsentiert sich die Marke MoMA fortan noch zeitgenössischer.

Weiterführende Links:
www.moma.org
MoMA-Pressemitteilung
Diller Scofidio + Renfro


Beitragsbild:
Installation View of David Geffen Wing gallery 206, Transfigurations, The Museum of Modern Art. With view of Blackened Steel Portal.
The Museum of Modern Art Renovation and Expansion.
Designed by Diller Scofidio + Renfro in collaboration with Gensler. Photography by Iwan Baan.

Bildmaterial: Courtesy of MoMA.

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