Klaus Jürgen Maack hat sich als Geschäftsführer von ERCO nicht allein leidenschaftlich für Design und Technik eingesetzt, um bestmögliche Lösungen für die Beleuchtung von Gebäuden zu entwickeln. Er hat sich auch intensiv mit zeitgenössischer Architektur beschäftigt. Aus Anlass seines Todes veröffentlichen wir seinen Projektbericht „Das Notwendige und das Angemessene“ noch einmal, in dem er sein Selbstverständnis als Bauherr anhand ausgewählter Architekturbeispiele erläutert und seine Vorstellungen für den Bau des Technischen Zentrums von ERCO begründet.

Klaus Jürgen Maack, der am 30. Juni im Alter von 81 Jahren in Lüdenscheid gestorben ist, war gerade einmal 25 Jahre alt, als er 1963 als Geschäftsführer in das Unternehmen ERCO eintrat – für den Schwiegersohn des ERCO-Gründers Arnold Reininghaus alles andere als eine leichte Aufgabe. Doch Maack reüssierte. Er prägte nicht nur den bis heute gültigen Leitspruch „Licht statt Leuchten“, er entwickelte auch die Ausrichtung und Haltung des Unternehmens und machte es zum Weltmarktführer. Maack war es auch, der 1974 mit dem Grafikdesigner Otl Aicher Kontakt aufnahm und mit ihm gemeinsam eine unverwechselbare Corporate Identity für das Unternehmen schuf. Für Maack war Design Chefsache. Entsprechend konsequent förderte er die zeitgemäße Gestaltung von ERCO-Produkten, unabhängig davon, ob sie in der eigenen Designabteilung oder in Zusammenarbeit mit international renommierten Designern und Architekten entstanden. So war es für ihn nur logisch, auch für die Bauten des Unternehmens eigene Maßstäbe zu entwickeln, um auf der Basis möglichst präziser Vorgaben die richtige Architektur und den richtigen Architekten finden zu können. Für den Bau des Technischen Zentrums von ERCO lautete sein Grundgedanke: einen „Overall für Ingenieure“ zu bauen.


Folgender Artikel von Klaus Jürgen Maack ist erstmals erschienen in der Publikation „Design oder die Kultur des Angemessenen“ (Hrsg. Rat für Formgebung, Vieweg+Teubner Verlag, Wiesbaden 1993). Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Familie Maack.


Klaus Jürgen Maack (1938 bis 2019) © Alexander Ring

Das Notwendige und das Angemessene. Architektur und Selbstverständnis. Ein Projektbericht.

Von Klaus Jürgen Maack.

ln den letzten 20 Jahren habe ich das Thema Beleuchtung in Zusammenarbeit mit vielen Designern, Architekten, Lichtplanern zur Lichtarchitektur entwickelt und dabei zwangsläufig eine Fülle von Architekten im nationalen wie im internationalen Bereich kennengelernt. Ich habe dabei Gelegenheit gehabt, an zahlreichen wichtigen Architekturprojekten mitzuarbeiten. Darunter waren viele wichtige Museen, die vom Museum MönchengIadbach über das Museum für Kunsthandwerk in Frankfurt bis zur Erweiterung des Louvre durch I.M. Pei reichen. Dabei lernt man so unterschiedliche Architekten wie Norman Foster bei der Hongkong and Shanghai Bank oder dem Renault Spare Part Division Center in Swindon bzw. Hans Hollein beim Museum Mönchengladbach und bei seiner Ausstellung „Die Türken vor Wien“ kennen.

Ich habe mich oft gefragt, was einen Bauherren dazu bringt oder wer einen Bauherren dazu bringt, sich für diese oder jene Architektur zu entscheiden. Und da ich selber ein halbes Dutzend Mal Bauherr war, möchte ich hier versuchen, über die Rolle des Bauherren und seine Bedeutung für die Architektur nachzudenken. Unabhängig von der Frage, ob es sich um große Organisationen, Körperschaften, Unternehmen, die als Aktiengesellschaften auftreten, handelt, und die Gebäude gleich welcher Art brauchen, scheint es sich nach meiner Beobachtung doch immer um Einzelpersonen zu handeln, die in diesen Organisationen die Entscheidung für einen spezifischen Architekten, für eine spezifische Architektur fällen.

ln Mönchengladbach war es Johannes Cladders, der als Museumsmann Hans Hollein als Architekt wollte und beim Rat der Stadt durchsetzte. ln Hongkong war es Mr. Sandberg, der ein Gebäude des 21. Jahrhunderts für seine Bank wollte, das Geld dafür bereitstellte und ein solches Gebäude auch bekam. Und auch bei Renault war es ein Mann, der inzwischen Vorstandsvorsitzender geworden ist, der ein Ersatzteillager wollte, das schon von der Architektur her Renault eine technische Kompetenz vermitteln sollte, die helfen sollte, den englischen Markt besser zu erschließen.

Einheit von Unternehmen und Architektur

Offenbar handelt es sich also hier um Bauherren, die in der Lage sind, die Zielsetzungen, die sie mit einem Gebäude verfolgen, so präzise zu fassen, dass zum Schluss eine Einheit zwischen dem Unternehmen und seiner Architektur entsteht. Mit anderen Worten, es gelingt, die Zielsetzung des Unternehmens, die Unternehmenskultur in eine architektonische Metapher zu kleiden, vorausgesetzt, der Bauherr ist in der Lage, die Haltung, die Attitüde seines Unternehmens so zu artikulieren, dass die Metapher nicht Ziel, sondern Ergebnis des architektonischen Entwurfprozesses ist.

Wenn diese Kongruenz zwischen Sein und Schein nicht entsteht, dann wird Architektur belanglos, langweilig und im schlimmsten Fall ein Schwindel. Hierzu ein Beispiel: Wenn ein Hochtechnologie-Konzern, der sich rühmt, mehrere Nobelpreisträger in seinen Forschungslaboratorien zu beschäftigen, und zu den internationalen Marktführern der Kommunikationstechnik gehört, sich an der Madison Avenue eine Hauptverwaltung baut, die das Design eines zu groß geratenen Regency-Schrankes hat, dann handelt es sich für mich um einen eklatanten Bruch zwischen Unternehmenszielsetzung und visuellem Ausdruck der Architektur, in der diese Unternehmenszielsetzungen gemanagt werden.

Ich spreche, um konkret zu werden, von dem AT&T-Gebäude, das von Philip Johnson entworfen wurde. Natürlich ist mit diesem Gebäude eine Landmark entstanden, die aufgrund ihrer Dachgestaltung schon von weitem identifizierbar ist. Aber die ldentifizierbarkeit eines Gebäudes ist eine Sache und die Identität vom Äußeren zum Inneren eine andere.

Sicher gibt es auch Positiv-Beispiele. In München, wenn man vom Flughafen kommt, befindet sich auf der linken Seite die Druckerei der Süddeutschen Zeitung. Und hier scheint die Architektur und der Produktionsprozess im Inneren im Einklang zu sein. Ein anderes, aber dafür sehr viel riskanteres Beispiel ist das Verwaltungsgebäude der Firma BMW, das als Symbol für einen Vierzylinder steht. Riskant ist das Beispiel insofern, da das Produkt eines Unternehmens selten zum Symbol taugt. Der Stolz des Unternehmens, wenn man die Werbung richtig versteht, ist zur Zeit ein Zwölfzylinder. Man wird wohl anbauen müssen, wenn der jeweilige Stolz des Unternehmens sich in der Architektur widerspiegeln soll.

Die Abbildung einer Geisteshaltung

Zeichen müssen wohl doch eher eine Geisteshaltung repräsentieren und nichts Konkretes. Diesen Versuch haben wir in unserem Unternehmen unternommen, als wir darangingen, ein Technisches Zentrum zu entwickeln und zu bauen. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang interessant mitzuteilen, wie wir in unserem Unternehmen das Problem der Architekturfindung und der Architektenfindung angegangen sind. in langen Gesprächen mit Otl Aicher, mit dem wir seit über 10 Jahren im Bereich der Graphik, der Kommunikation und der Corporate ldentity zusammenarbeiten, wurde festgelegt, dass der Bauherr, also in dem Falle ich, in einem Grundsatzpapier unsere Erwartungshaltung in das Gebäude niederzuschreiben hatte, das – nicht länger als eine DIN-A4-Seite – beschreibt, unter welchen ideologischen Aspekten wir das Design des Gebäudes betreiben wollten. Dieses Papier hatte als allgemeines Briefing vor dem eigentlichen Briefing für den Architekten verbindlich zu sein. Das eigentliche Briefing war die konventionelle Beschreibung der Betriebsabteilungen, die in dem Gebäude untergebracht werden sollen hinsichtlich Quadratmeterzahl, Zuordnung usw., usw.

In diesem Grundsatzpapier entwickelte ich den Gedanken, einen Overall für Ingenieure zu bauen. Ein Overall ist ein praktisches Bekleidungsstück mit aufgesetzten Taschen, Reißverschlüssen, Schlaufen, möglicherweise Haken zur Aufnahme von Kleinwerkzeugen, Notizbüchern, Zollstock und ähnlichem. ln einem Overall will man nicht repräsentieren, sondern praktischer Arbeit nachgehen. Ein Mann im Overall ist technisch kompetent, an praktischer Arbeit interessiert und versucht, den richtigen Lösungen für technische Probleme auf die Spur zu kommen.

Ich entwickelte den Gedanken, einen Overall für Ingenieure zu bauen … Organisationstechnisch sollte in dem Overall – also in dem neuen Technischen Zentrum – anstelle der hierarchischen Unternehmensstruktur das Netzwerk treten.

Klaus Jürgen Maack

Organisationstechnisch sollte in dem Overall für Ingenieure, also in dem neuen Technischen Zentrum, anstelle der hierarchischen Unternehmensstruktur das Netzwerk treten, also ein Management durch sich immer wieder neu formierende, an Aufgaben orientierten Arbeitsgruppen. Nun begann die Frage sich aufzudrängen, mit welchem Architekten kann man einen Overall für Ingenieure bauen.

Da wir in unserem Unternehmen eine relativ umfangreiche Bücherei über Architektur haben, wurde eine Reihe potentieller Namen aus dieser Bücherei herausdestilliert. Doch zum Schluss war eine mehr zufällige Information der Grund, sich mit einem Architekten intensiver auseinanderzusetzen. In der Bauwelt wurde in einem kleinen Vermerk mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Foto eine Bäckerei in München gezeigt, „Rischarts Backhaus“, in dem wir unsere Architektur, die uns vorschwebte, meinten entdeckt zu haben.

Ich nahm mit Uwe Kiessler, das war der Architekt, Kontakt auf und fragte ihn, ob ihn eine solche Aufgabe reizen könnte. Die Antwort war ein fröhliches Ja und ich bat Herrn Kiessler dann, für das erste Kennenlerngespräch Fotos mitzubringen, die die 10 wichtigsten Architekturbeispiele enthalten sollten von Gebäuden, die er nicht gebaut hat, sondern die von Kollegen gebaut wurden. Diese etwas irritierende Forderung wurde mit einem „Interessant, interessant“-Gemurmel auf der anderen Seite des Telefons kommentiert, und bei der ersten Begegnung kam es zu einer spannenden Diskussion über das Wie und das Warum der ausgewählten Beispiele.

Ich glaube, es war für beide Teile eine gute Gelegenheit festzustellen, was man voneinander zu halten hatte und wie ernst der Overall-Gedanke uns war. Bei einer zweiten Begegnung haben wir uns dann ein paar Gebäude, wie das so üblich ist, angeschaut, in erster Linie natürlich „Rischarts Backhaus“, und wir haben dann von uns aus den Wunsch geäußert, für unser Gebäude einen anderen Statiker haben zu wollen, der in der Lage ist, technische Probleme nicht nur durch Masse, sondern auch durch konstruktive Intelligenz zu lösen.

In einem späteren Stadium, als die ersten Entwürfe fertiggestellt waren, die von unseren Betriebsingenieuren und Organisationsleuten zunächst einmal gutgeheißen wurden, gab es eine Grundsatzdiskussion zwischen dem Architekten, Otl Aicher und uns in Rotis, also in dem Büro von Otl Aicher, wo das bisher Entwickelte noch einmal einer kritischen Diskussion unterzogen wurde, um sicherzustellen, dass das Overallkonzept für das Gebäude richtig umgesetzt wurde.

Das Technische Zentrum ist inzwischen fertig und bezogen. Es gefällt seinen Bewohnern und seinen Besuchern, aber es gefällt auch den Lüdenscheidern, also den Bewohnern der Stadt, in der wir leben und arbeiten. Sie finden das Gebäude schön und sehen es als Bereicherung der Lüdenscheider Industrielandschaft.

Und das ist ein schönes Kompliment, natürlich in erster Linie an den Architekten Uwe Kiessler, aber auch für einen Industriebetrieb, der schließlich auf die Sympathie und das Wohlwollen der Bevölkerung angewiesen ist. Denn, um Meinhard von Gerkan in seinem Buch „Industriebau vor Ort“ zu zitieren: „Die Industrie hat kein Sonderrecht auf Hässlichkeit; sie hat vielmehr die Verpflichtung zur Wohlgestalt, einer respektvollen Wohlgestalt in den Städten und einer rücksichtsvollen Einfügung in die Landschaft. Sie hat aber auch die Verpflichtung, humane und wohlgestaltete Arbeitsplätze zu schaffen. Industrie und Gewerbe sind es aber nicht zuletzt sich selbst schuldig, für ihre Produktionsprozesse, die die Basis unseres gesellschaftlichen Wohlstandes darstellen, bauliche Hüllen zu schaffen, die dem eigenen Anspruch und der gesellschaftlichen Bedeutung gerecht werden.“

Das Technische Zentrum von ERCO in Lüdenscheid, entworfen von Uwe Kiessler © Alexander Ring


Dieser Artikel ist entnommen aus:

Klaus Jürgen Maack, Design oder die Kultur des Angemessenen, erschienen anlässlich der Auszeichnung von Klaus Jürgen Maack mit dem Bundespreis für Förderer des Designs, hrsg. v. Rat für Formgebung, Vieweg Verlag, Wiesbaden 1993

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