Von Andrej Kupetz

Die Gründung des Bauhauses jährt sich zum 100. Mal, die Ideen und Produkte erfahren nach wie vor viel Beachtung und sind das Fundament, auf dem auch das aktuelle deutsche Design ruht. Was genau macht die Faszination aus und wie trägt der Rat für Formgebung diese weiter?

Knapp hundert Jahre nach seiner Gründung sind die Gedanken des Bauhauses lebendiger denn je. Ein Grund dafür liegt in der anhaltenden Attraktivität des moralischen Designansatzes, den die Protagonisten der Hochschule einst verbreiteten. Die Idee, dass eine Form eine Moral haben könnte, erscheint den meisten Menschen vermutlich immer noch suspekt. Doch für den an den Ideen des Bauhauses geschulten Designer – und das sind im Grunde genommen alle – besitzt jedes Objekt neben seiner materiellen Ebene, die dem Gebrauchsnutzen zugeordnet ist, eine nichtmaterielle Ebene, die sich nach der gängigen Designtheorie in ästhetische und symbolische Funktionen unterteilen lässt.

Walter Gropius, der Gründer der Schule, schweißte Design und Moral im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung des Designers zusammen. In den Grundsätzen der Bauhausproduktion forderte er diese 1925 vehement ein. Durch »Einfachheit im Vielfachen, knappe Ausnutzung von Raum, Stoff, Zeit und Geld« sollte in erster Linie die Lebensqualität der Menschen verbessert werden. Wenn sich durch Materialersparnis und fertigungsgerechte Gestaltung die Produktionskosten reduzieren ließen, könnten Produkte zu einem günstigeren Preis abgegeben werden und breite Bevölkerungsschichten würden davon profitieren.

Dass dieser Ansatz in der Realität nicht funktionierte, hat zwei Gründe: Erstens war die ästhetische Vorstellung der Zielgruppe weit entfernt von der revolutionär schlichten Formsprache des Bauhauses. Und zweitens stellte sich die industrielle Produktion der Möbel und Gebrauchsgegenstände als weitaus komplizierter und teurer heraus als beim Entwurf angenommen.

Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer Rat für Formgebung.
© Lutz Sternstein

Problemlösung für den Menschen

Während in der Zeit des Bauhauses die Funktionsebenen des Produkts noch gleichwertig waren, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten, in einer Zeit der gesättigten Märkte und des Überflusses, der Digitalisierung und Technisierung, eine Bedeutungsverschiebung zugunsten der immateriellen Ebene des Designs ergeben. Es besteht sogar die Gefahr der absoluten Dominanz dieser Ebene gegenüber der materiellen und damit der praktischen Funktionsentleerung der Produkte.

Dabei ist die aufmerksame Berücksichtigung der funktionalen Ebene, die Problemlösung, ein Hauptcharakteristikum des deutschen Designs. Die Klassiker des deutschen Designs geben klare Auskunft darüber, wie sich diese Haltung entwickeln konnte und welche Bedeutung sie bis heute hat. Design als systemischer Ansatz und Problemlösung ist ein Charakterzug, durch den auch Themen der Moderne wie die Konfiguration von Wohnformen einen deutschen Ursprung erhielten. Zum Beispiel die Einbauküche, die auf die »Frankfurter Küche« (1926) von Ernst May und Margarete Schütte-Lihotzky zurückgeht. In diesem berühmten Beispiel deutschen Designs ist der Lösungsansatz nicht formal, sondern als Problemlösung (mehr Zeit für die Hausfrau außerhalb der Küche) durch eine Optimierung von Arbeitsabläufen aufgefasst.

Stahl, Licht und Glas

Das Biegen von Stahlrohr, mit dem Mart Stam, Marcel Breuer oder Ludwig Mies van der Rohe experimentierten, ist ein formales Hauptcharakteristikum der Bauhausprodukte. Das Stahlrohr als Material der Moderne erlaubte eine hohe Wertigkeit und eine reduzierte Optik. Reduktion, Einfachheit und eine hohe Material- und Verarbeitungskompetenz bleiben ab diesem Zeitpunkt die Themen, die das deutsche Design formal bestimmen und die heute noch gültig sind.

Die Bauhausschüler setzten sich aber nicht nur mit Möbeln, sondern intensiv auch mit Licht und Leuchten auseinander. Das Licht erfuhr dabei eine stark experimentelle Untersuchung: Es wurde nicht nur als Beleuchtung wahrgenommen, sondern als immaterielles Volumen, das Räume stark prägt. Insbesondere fotografische Experimente aus der Bauhauszeit dokumentieren diese Ansätze. Industrieunternehmen mit großer Historie wie AEG oder OSRAM legten schon damals die technische Basis, auf der neue Leuchten und Lichtlösungen bis heute entstehen können. Den Beginn erfolgreicher Leuchten als Objekte markiert sicher die Wagenfeld-Leuchte aus der Zeit des Bauhauses, die immer noch produziert wird. Heute sind es Unternehmen wie Erco, Nimbus, Occhio oder Tobias Grau, die das deutsche Design über ihre Produkte und vielmehr noch über das Thema gutes Licht vertreten.

Neuanfang und Identitätsentwicklung

Nazizeit und Krieg vertrieben mit den wichtigen Personen des Bauhauses auch das moderne Design aus Deutschland und stellten eine Zäsur in der Entwicklung der industriellen Gestaltung im Land dar.

Erst Anfang der 1950er-Jahre entstanden in Deutschland neue Initiativen für moderne Gestaltung. Die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm, 1953–1968) war die prägende Designinstitution der Nachkriegszeit, deren Protagonisten und auch Lehre international viel Beachtung fanden. Die Ergebnisse in Form gestalteter Produkte lagen, anders als im Bauhaus, schwerpunktmäßig nicht im Möbelbereich, sondern in eher technischen Erzeugnissen und Alltagsgegenständen.

Im selben Jahr wie die HfG Ulm wurde auch der Rat für Formgebung gegründet, um der jungen Republik gestalterisch wieder auf die Beine zu helfen. Seitdem sorgt diese Institution für die Verbreitung und Stärkung deutschen Designs. Kern der Botschaft:

Design dient dazu, Lösungen für die Interaktion zwischen Mensch und Produkt und – in einer übergeordneten Dimension – Lösungen für die soziokulturellen Veränderungen der Industriegesellschaft zu entwickeln. Dieses Selbstverständnis prägt bis heute das deutsche Design in seiner formal klaren Erscheinung. Der Rat für Formgebung hat die Ehre, als offizielle Designförderungsinstitution das gedankliche Erbe des Bauhauses weitertragen zu dürfen.

Vernetzte Bedeutung

Im heutigen Designmanagement ist die immaterielle Funktionsebene der Produkte eng mit der Markenführung verknüpft. Es steht nicht die symbolische oder ästhetische Funktion des Einzelprodukts im Vordergrund, sondern das Portfolio und die Produktfamilie – in enger Abstimmung mit weiteren Gestaltungsbereichen – bilden eine produktübergreifende immaterielle Funktionsebene.

Die Entwürfe des Bauhauses könnten also auch als formale Umsetzung der dahinterliegenden Ideen verstanden werden. Im Verhältnis zur damaligen Zeit sind die Formen heute deutlich vielfältiger und komplexer geworden. Das Spannende jedoch ist, dass die Ideen dahinter weiterleben – deren formale Interpretation in jeder Zeit, auch beeinflusst von den aktuellen Produktionsmöglichkeiten, immer wieder eine neue sein wird.


Andrej Kupetz ist seit 1999 Hauptgeschäftsführer des Rat für Formgebung, Frankfurt am Main. Er studierte Industriedesign, Philosophie und Produktmarketing in Berlin, London und Paris. Nach beruflichen Stationen in den Bereichen Designmanagement und Hochschultransfer wechselte er 1997 zur Deutschen Bahn AG. Dort war er für die Markenführung im Konzern sowie für die Implementierung verschiedener Corporate Design Prozesse verantwortlich. Kupetz ist Mitglied im Fachbeirat des Design Management Institute Boston. Seit 2011 gehört er dem Hochschulrat der HfG Offenbach am Main an. Im selben Jahr wurde er von der Europäischen Kommission in das European Design Leadership Board berufen. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.


Zuerst erschienen in »Die großen deutschen Marken 2018/2019. 100 Jahre Bauhaus«. Bild © Lutz Sternstein. Quelle: Rat für Formgebung.

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