Tim und Struppi
Die Mondrakete aus Tim und Struppi © Hergé-Moulinsart 2021

Der belgische Pass hat ein neues Design. Stolz paradieren in dem offiziellen Dokument Szenen und Figuren aus berühmten belgischen Comics – von der Mondrakete aus Tim und Struppi bis zu Lucky Luke auf seinem Jolly Jumper. Die Comicparade feiert nicht nur Kunst und Kultur, sie dient auch der Fälschungssicherheit.

Von Thomas Wagner.

Wie das französische Wort „passeport“ belegt, gewähren offizielle Dokumente seit Jahrhunderten an Pforten, Türen und Toren Einlass. Wer unbehelligt Zugang erhalten oder Grenzen passieren möchte, braucht einen Pass oder Passierschein. Heute sind Pässe offizielle staatliche Identitäts- und Reisedokumente, die schon per Definition in der Regel ebenso repräsentativ wie fantasielos gestaltet sind: Dezent einfarbiges Cover mit der Aufschrift „Pass“ in mehreren Sprachen, zumindest aber in der des ausgebenden Landes, dessen Namen und einem nationalen Wappen bzw. Hoheitszeichen – oft in Goldprägung. Im Inneren – möglichst fälschungssicher – Angaben zu der Besitzerin oder dem Besitzer des Passes sowie etwa zwei Dutzend Seiten für amtliche Vermerke, Visa, Ein- und Ausreisestempel.

Von offizieller Seite gibt man sich in Belgien bescheiden. Entsprechend nüchtern klang die Meldung des Auswärtigen Amtes des Königreichs: „Am 27. Januar stellte die Vizepremierministerin und Außenministerin Sophie Wilmès den neuen belgischen Pass vor. Die neue Version ist dank neuer Sicherheits- und Personalisierungstechniken noch sicherer. Der neue belgische Pass wird auch dank seines originellen Designs, einer Hommage an unsere Comicfiguren, sofort erkennbar sein.“

Das Design von Pässen wird frischer

Die Schlümpfe
Das Cover der Belgischen Pässe

Die Schlümpfe © Peyo (Zum Vergrößern anklicken)

In der Tat, originellere Pässe wie die seit 7. Februar in Umlauf befindlichen belgischen „Comic-Heftchen“ dürften sich schwerlich finden lassen. Obwohl in den vergangenen Jahren einige Länder das Design ihrer Dokumente erfreulich aufgefrischt haben. In finnischen Pässen bewegte sich schon mal ein Elch im Daumenkino, und aktuell charakterisieren das Land neben Wappen und Nationalflagge auch Singschwäne, ein Gedicht und eine Seenlandschaft. Und auf den Seiten der 2020 neu in coolem Design eingeführten norwegischen Pässe sind Berge, Gletscher und Fjorde jenseits touristischer Klischees subtil mittels Schraffuren, Linien und Punkten dargestellt. So mutig wie Belgien war aber bisher kein Staat bei der Gestaltung seiner Pässe.

Heiter dank Comic-Figuren

Schon auf der zweiten Seite wartet startklar die von dem zerstreuten Professor Bienlein gebaute rot-weiß lackierte Mondrakete aus „Tim und Struppi“. Auf den folgenden Doppelseiten tummeln sich dann jede Menge Figuren aus weiteren berühmten belgischen Comics. Neben Tim und Struppi sind Lucky Luke (samt Jolly Jumper und den Daltons im Monument Valley) ebenso mit von der Partie wie Spirou und Fantasio, Largo Winch, Blake und Mortimer und die Schlümpfe. Nicht zu vergessen das im Dschungel von Palumbien beheimatete Marsupilami – sehr selten, sehr scheu, sehr schwer zu beobachten und überaus freiheitsliebend, was alle zu spüren bekommen, die es selbst oder seine Kinder einzufangen versuchen. Kurzum: Das Marsupilami und seine Kumpane bilden ein wunderbares Landschafts- und Figuren-Panorama weithin bekannter belgischer Comics. Weshalb Außenministerin Sophie Wilmès bei der Vorstellung des Dokuments sagte: „Wir wissen alle, wie wichtig Comics für Belgien sind.“

Fälschungssicher dank Detailreichtum

Die Comic-Szenen wurden freilich nicht nur als augenzwinkernder Hinweis darauf abgebildet, wie stolz man in Belgien auf seine Comic-Kultur ist. Die Bildmotive, ob Gebäude oder ein Stück Landschaft vom Monument Valley bis zum Regenwald, weisen derart viele unverkennbare Details auf, dass sich Fälschungen leicht identifizieren lassen. Auch erwachen die bei Tageslicht auf den Zeichnungen nur als Silhouetten erkennbaren Comic-Figuren erst dann so richtig zum Leben und werden in allen Details sichtbar, wenn UV-Licht die Seiten beleuchtet. So verbindet der neue belgische Pass, der von dem französischen Design- und Ingenieurbüro Thales Group und dem belgischen Technologieunternehmen Zetes gestaltet wurden, die offizielle Selbstdarstellung Belgiens auf sympathische Weise mit einer ganz besonderen Kunst. Sicher, Comics gehören zu Belgien wie Pralinen, Fritten und Trapistenbier. Welches andere Land aber wäre so offen und mutig, sich überall auf der Welt ganz offiziell mittels Kunst, Kultur, Witz und Ironie zu repräsentieren?

Blake & Mortimer von René Sterne & Yves Sente
Blake & Mortimer von René Sterne & Yves Sente, nach Jacobs, S. 16-17 © Editions Blake & Mortimer / Studio Jacobs, 2021

Der belgische Reisepass als Vorbild für andere Staaten?

Ob sich Zollbeamtinnen und -beamte in fernen Ländern an den Comic-Pässen erfreuen oder misstrauisch den Kopf wiegen werden? Zu hoffen ist, dass sie das Dokument nicht gleich als Sammlerstück einziehen. Viele aber werden denken: Welch unterhaltsame Gesellen und Gestalten das Dokument des Königreichs Belgien doch enthält. Der Import einer gezeichneten Mondrakete fällt ja unter kein Kriegswaffenkontrollgesetz. Kann man sich hierzulande in Pässen etwas Vergleichbares vorstellen? Comics – oder seriöser: Bildergeschichten – im Land der Ingenieure? Schwer vorstellbar. Obwohl – ein Panorama vom „Struwwelpeter“ über „Max und Moritz“ (oder einer anderen moralischen Geschichte Wilhelm Buschs) bis zu den pointiert hintersinnig-kritischen Zeichnungen der Neuen Frankfurter Schule, das hätte durchaus seinen Reiz. Doch keine Sorge. Dass statt des strengen Bundesadlers schon bald Wilhelm Buschs Unglücksrabe Hans Huckebein in deutschen Pässen posieren wird, kann ausgeschlossen werden. Na dann, auf die Belgierinnen und Belgier und ihre neuen Pässe im Geiste des Marsupilami ein begeistertes: Huba Huba Hop!!!


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