Mit dem „Design Networking Hub“ hat die Stiftung Deutsches Design Museum gerade eine neuartige Kooperation mit jungen Designerinnen und Designern und Architektinnen und Architekten aus Deutschland und Kenia auf den Weg gebracht. Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt gefördert. Julia Kostial und Lutz Dietzold erläutern, worum es geht, und wo Chancen und Herausforderungen des innovativen Projekts liegen.

Interview: Thomas Wagner.

Design Networking Hub: Julia Kostial und Lutz Dietzold im Gespräch.
Foto: Christof Jakob

Frau Kostial, die Stiftung Deutsches Design Museum hat soeben ein außergewöhnliches Projekt gestartet. Was verbirgt sich hinter dem etwas technisch klingenden Namen „Design Networking Hub“?

Julia Kostial: Dahinter verbirgt sich im Kern eine digitale Wissens- und Netzwerkplattform, die gerade freigeschaltet wurde – und die im Laufe des Projekts weiterwachsen wird. Auf der Seite des Design Networking Hubs wird es zahlreiche Informationen geben, in Form von Link-Listen, Texten, Interviews und vielem mehr. Ziel des Ganzen ist es, junge deutsche und kenianische Designerinnen und Designer zu motivieren und in die Lage zu versetzen, gemeinsam Projekte zu entwickeln und durchzuführen, aus denen Non-Profit-Konzepte oder kommerzielle Produkte hervorgehen, die sie auf dem europäischen oder afrikanischen Markt implementieren möchten. Es sind im Übrigen auch Architektinnen und Architekten eingeladen.

Es geht also konkret um eine deutsch-kenianische Kooperation und die Unterstützung junger Designerinnen und Designer bzw. Architektinnen und Architekten. Weshalb Afrika? Weshalb Kenia?

Julia Kostial: Weil in Afrika – und speziell in Kenia – derzeit einfach sehr, sehr viel passiert – besonders im kreativen Bereich. Die Bevölkerung ist jung, Startups sind gerade sehr aktiv, es werden viele interessante Projekte aufgesetzt. Es existieren bereits Hubs und Inkubatoren, die sehr kreativ unterwegs sind. Auch deshalb war es uns bei diesem Projekt ganz wichtig, von Anfang an zu sagen: Wir wollen ein internationales Projekt aufsetzen, bei dem man sich auf Augenhöhe begegnet und das gegenseitige Lernen im Vordergrund steht. Da hat sich Kenia einfach angeboten, weil Verbindungen, Netzwerke und Partnerschaften mit dem Land existieren.

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Gab es von Seiten der Stiftung Deutsches Design Museum bereits direkte Kontakte nach Kenia?

Julia Kostial: Nicht von der Stiftung, aber vom Rat für Formgebung. Die können wir jetzt nutzen. Und natürlich sind die Goethe-Institute für uns immer wunderbare Partner, wenn es um Kontakte vor Ort geht. Wie wertvoll das ist, haben wir schon in unserem Amerika-Projekt erfahren.

Herr Dietzold, welche Erwartungen haben Sie als Geschäftsführer des Rat für Formgebung an das Projekt, vor allem, was die Kooperation mit Afrika angeht?

Lutz Dietzold: Ich möchte ausdrücklich unterstützen, was Julia Kostial gesagt hat. Wir sind in vielen Kooperationsprojekten engagiert, auch als Rat für Formgebung. Der Rat hat zunächst die Aufgabe, Unternehmen dabei zu unterstützen, durch Design erfolgreicher am Markt zu agieren, aber auch die Verbraucherinnen und Verbraucher für gute Gestaltung zu sensibilisieren. Dabei sind wir, grob gesagt, in unseren internationalen Projekten seit Jahren stark auf den nordamerikanischen und noch mehr, auf den asiatischen Markt fokussiert. Hier existieren die wirtschaftlichen Potenziale – oder zumindest werden sie dort gesehen. Was Afrika angeht, so wurde der Kontinent lange vor allem unter Aspekten der Entwicklungszusammenarbeit betrachtet und weniger darauf geachtet, dass dort bestimmte Entwicklungen, etwa im Bereich der Digitalisierung, schon viel weiter gediehen sind – wovon wir eine Menge lernen können. In Afrika bieten sich für eine Kooperation sicherlich viele Staaten an; mit Kenia aber haben wir zahlreiche Verbindungen auf der institutionellen Ebene. Es gibt dort Hochschulen, die Designerinnen und Designer ausbilden und dadurch eine kreative Infrastruktur, von der wir uns zusätzlich einen Schub für den Design Networking Hub erhoffen.

Wurden auf institutioneller Ebene bereits gemeinsame Projekte realisiert?

Lutz Dietzold: Es gab immer mal wieder Kontakte, auch über die World Design Organisation. Aber, ja, die Kontakte wollen wir eben jetzt intensivieren und in einer Projektarbeit zusammenbringen.

Wenn hierzulande von Kenia und Design die Rede ist, denken viele an Stoffmuster und Modedesign. Fragt man sich, was dort im Design sonst noch passiert, erschrickt man, wie wenig wir über einzelne afrikanische Länder und ihre Kreativkulturen wissen. Entspricht es einer professionellen Neugierde, dass man das ändern will, den Netzwerkgedanken nach Kenia und vielleicht noch in andere afrikanische Länder ausdehnt?

Julia Kostial: Dass eine institutionelle Vernetzung in diesem Projekt einen ganz großen Stellenwert hat, ist tatsächlich auch ein Kernpunkt der Ausschreibung des Auswärtigen Amtes gewesen, auf die das Projekt zurückgeht. Und das liegt auch uns sehr am Herzen, schon aus unserer Stiftungs-DNA heraus. Uns geht es nicht nur darum, Designerinnen und Designer, Architektinnen und Architekten miteinander zu vernetzen, sondern auch Institutionen miteinander in Kontakt zu bringen und den Austausch mit und zwischen diesen zu verstärken.


„Es geht beim Design Networking Hub nicht nur darum, Designerinnen und Designer, Architektinnen und Architekten miteinander zu vernetzen, sondern auch Institutionen miteinander in Kontakt zu bringen und den Austausch mit und zwischen diesen zu verstärken.“

— Julia Kostial


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Das Projekt Design Networking Hub läuft ja gerade erst an. Gibt es im jetzigen Stadium schon Branchen, die besonders ins Auge gefasst werden? Oder sind Sie offen für alles, was an Ideen hereinkommt?

Julia Kostial: Prinzipiell sind wir offen für alles. Trotzdem richten wir auf der Website den Fokus auf die Bereiche Wohnen, Mobilität und Digitalisierung, wobei das natürlich immer noch sehr viel offenlässt.

Ist, wenn die Corona-Pandemie überwunden ist, auch an physische Kontakte gedacht, etwa an gemeinsame Workshops?

Julia Kostial: Ja, auf jeden Fall. Auch wenn wir gelernt haben, solche Projekte digital aufzusetzen, kann das den direkten Austausch nicht ersetzen, speziell, wenn es um kreative Prozesse geht. Es gibt Reisebudgets für die fünf deutschen und fünf afrikanischen Designerinnen und Designern, Architektinnen und Architekten, die die Pilotgruppe, eine Art Think Tank, bilden und sich, wenn möglich, persönlich begegnen sollen. Sobald die Pandemie es zulässt, werden wir deshalb persönliche Treffen organisieren.

Nochmal ganz konkret: Jetzt bewerben sich Designerinnen und Designer bzw. Architektinnen und Architekten aus Kenia und Deutschland, von denen insgesamt zehn ausgewählt werden, die dann diese Pilotgruppe bilden – richtig?

Julia Kostial: So ist es. Die Teilnehmenden an der Pilotgruppe sollen Teams bilden. Es sollen immer mindestens ein deutscher Designer / Architekt oder eine deutsche Designerin / Architektin mit einer Designerin / Architektin oder einem Designer / Architekt aus Kenia zusammenarbeiten. Das können am Ende aber auch Gruppen von drei, vier Personen sein. Das wird sich im Prozess ergeben. Haben sich die Teams gebildet, werden wir den kreativen Prozess moderieren und die Akteurinnen und Akteure dabei begleiten, Projekte zu formulieren, die sie dann ein Jahr lang vorantreiben.

Lutz Dietzold: Im Grunde sollen sie ein Produkt bis zur Marktreife entwickeln. Es handelt sich, das ist ein ganz wichtiger Aspekt, nicht um ein Charity-Projekt. Hier teilzunehmen bedeutet für die Designerinnen und Designer bzw. Architektinnen und Architekten, dass sie auch Arbeitszeit investieren müssen. Es kann auch um Ideen gehen, die grundsätzlich schon da sind, oder um Produkte, die zu ihrer Umsetzung eine internationale Kooperation benötigen. Wichtig ist, dass alle Seiten voneinander profitieren können.


„Die Teilnehmenden entwickeln ein Produkt bis zur Marktreife. Das Design Networking Hub ist kein Charity-Projekt. Hier teilzunehmen bedeutet für die Designerinnen und Designer bzw. Architektinnen und Architekten, dass sie auch Arbeitszeit investieren müssen.“

— Lutz Dietzold


Je nach Projekt werden also auch Kontakte zu bestimmten Firmen hergestellt oder Support von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen organisiert? Gibt es dazu schon konkrete Vorstellungen?

Lutz Dietzold: Das Netzwerk ist ja grundsätzlich da. Wenn während der Produktentwicklung beispielsweise rechtliche Fragen auftauchen, können wir entsprechende Ansprechpartnerinnen und -partner aus unserem Netzwerk bereitstellen. Das kann den Modellbau ebenso betreffen wie den Marktzugang, oder darum gehen, konkret eine Firma zu finden, die das Produkt produziert. Wir können Türen öffnen, den Job müssen die Teilnehmenden dann selbst machen – das ist ja auch wichtig.

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Das Ganze ist ja eine Art Pilotprojekt: Wie interessant ist Afrika bereits, und wie interessant kann Afrika für das Engagement des Rat für Formgebung werden?

Lutz Dietzold: Wir bauen als Rat für Formgebung seit dem Frühjahr letzten Jahres ein internationales Repräsentant/innen-Netzwerk auf. Auch in europäischen Ländern übrigens, denn auch da ist es teilweise so, dass wir die Märkte noch besser verstehen müssen, um sie unseren Mitgliedern öffnen zu können. Natürlich sind viele produzierende Mitgliedsunternehmen ohnehin international tätig und mit ihren Produkten auf diversen Märkten vertreten. Aber manchmal – das merken wir auch mit unserem Tochterunternehmen in Schanghai – können wir doch beim Marktzugang behilflich sein. Und so kann auch unser Repräsentant für 13 afrikanische Staaten, der uns jetzt auch in Kenia im jeweiligen Projekt unterstützen wird, als Türöffner fungieren und ungenutzte Potenziale erschließen.

Und was können wir umgekehrt von Afrika lernen? Vielleicht speziell von Kenia?

Lutz Dietzold: Projekte wie der Design Networking Hub sind gerade nicht „One Way“. Das betrifft vor allem Bereiche wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Wie gehe ich mit Materialien um? Wie funktionieren bestimmte Digitalisierungsprozesse in Afrika aufgrund einer nicht vorhandenen physischen Infrastruktur? Weshalb funktionieren sie zuweilen besser als hierzulande? Im vergangenen Jahr war viel von
Disruption die Rede. Auch hier lässt sich lernen. In Afrika sind aufgrund oft noch unzulänglicher Infrastrukturen oft disruptive Lösungen notwendig. Daraus resultiert möglicherweise eine ganze Denke, die unternehmenskulturell zur Anwendung gebracht werden und innovative Lösungen hervorbringen kann. Das, finde ich, sind spannende Fragestellungen, die gleichsam über dem Projekt stehen.

Wenn die Pilotgruppe ausgewählt ist, wie sehen die nächsten Schritte aus? Es sollen ja auf beiden Seiten auch Wissenschaft, Wirtschaft, Design etc. mit einbezogen werden. Wie muss man sich das vorstellen?

Julia Kostial: Als Kooperationspartnerin mit im Boot ist die Design Kenia Society, die uns von kenianischer Seite aus unterstützt. Sind die Projekte ausgewählt, hat die Pilotgruppe bis Dezember 2022 Zeit, sie soweit wie möglich voranzutreiben; möglichst bis zur Marktreife. Den Weg dorthin wollen wir begleiten. Wann immer die Pilotgruppe eine Frage hat, es eine Herausforderung zu lösen oder einen Mangel zu beheben gilt, werden wir zusammen mit Expertinnen und Experten Hilfestellungen geben – das gilt ebenso für den deutschen wie für den kenianischen Markt. Die Antworten der Expertinnen und Experten werden auf der Website öffentlich zugänglich gemacht, und so ist es ganz natürlich, dass wir im Laufe des Projektes auch in Kenia ein ähnlich enges Netzwerk zu knüpfen hoffen, wie es in Deutschland bereits existiert. Die ersten Fäden haben wir schon geknüpft. Natürlich wäre es schön, es ließe sich darüber hinaus so etwas wie ein Mentor/innen-Programm realisieren. Dazu müssen wir aber erst wissen, welche Projekte entwickelt werden, um ein solches Programm passgenau aufzusetzen. Das Interesse an dem Projekt war jedenfalls schon vor dem offiziellen Start sehr groß.

Wie offen zeigt sich eigentlich der deutsche Markt für Projekte, die aus solchen internationalen Kooperationen entstehen?

Lutz Dietzold: Ich sehe die Herausforderung tatsächlich weniger in der Zusammenarbeit der Teams, sondern im Bring-to-Market. Auch in der Pandemie gab es ja Getting-Local-Thematiken. Wir haben zum Beispiel, wo wir über Lieferketten sprechen, in der Textilindustrie gesehen, was es bedeutet, wenn die auf einmal gerissen und Menschen in die Arbeitslosigkeit, gleichsam ins Nichts gefallen sind. Ich glaube, es wird sehr wichtig werden, darüber zu sprechen, wo hier eigentlich die Wertschöpfung stattfindet. Wie lässt sich die regionale Kultur stützen, Kultur im Sinne von Arbeitskultur und Produktionskultur? Wenn von Afrika die Rede ist, wir haben es schon kurz angesprochen, landet man immer schnell bei traditionellem Handwerk und Kunsthandwerk. Es ist eine große Chance, bei diesem Projekt breiter anzusetzen.

Würden wir uns in einem Jahr wieder sprechen – wie könnte eine Erfolgsbilanz aussehen?

Julia Kostial: Es wäre toll, wenn wir ein neues, großes Netzwerk geschaffen und sich eine neue Community zusammengefunden hätte, die auf dieser internationalen Ebene erfolgreich zusammenarbeitet. Wenn uns das gelingt, könnten wir darüber nachdenken, den Design Networking Hub um das nächste Land zu erweitern.

Und die Internationalisierung wäre vorangekommen?

Lutz Dietzold: Auf jeden Fall. Auch ich wünsche mir, dass in einem Jahr ein lebendiges Netzwerk entstanden ist, das von vielen genutzt werden, das in weiteren Schritten belebt, erweitert, mit Gesichtern verbunden werden kann. Wir sind in Deutschland ja schon seit Jahrzehnten in gewisser Weise vom Design geküsst und haben belastbare Strukturen und Netzwerke. Trotzdem sind selbst hierzulande viele Designerinnen und Designer als Einzelunternehmerinnen oder Einzelunternehmer disparat und prekär beschäftigt. Auch bei der Ausbildung in Kenia muss es also darum gehen, Design nicht nur als Passion zu betreiben, sondern auch seinen Lebensunterhalt damit bestreiten zu können. Gute Ideen sollen auch gut bezahlt werden. Das muss aber auch in die Märkte hineingetragen werden – und darin vor allem sehe ich unsere Rolle. Wir haben manchmal einen einfacheren Zugang und können leichter mit Unternehmerinnen und Unternehmern sprechen, als es eine Designerin oder ein Designer können.


Deutsche und kenianische Designerinnen und Designer für Pilotgruppe gesucht!

Um das Informationsangebot des Design Networking Hubs maximal nutzungsorientiert zu gestalten, sucht die Stiftung Deutsches Design Museum deutsche und kenianische Designerinnen und Designer, die als Pilotgruppe exemplarisch den gesamten Prozess eines bilateralen Kooperationsprojekts durchlaufen.

Interessierte Designerinnen und Designer aller Fachrichtungen (Modedesign ausgenommen) und Architektinnen und Architekten, die mindesten einen Bachelor-Abschluss besitzen, sind eingeladen, sich bis zum 14. Juni 2021 über das Onlineformular der neuen Internetpräsenz zu bewerben.


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