Nachgefragt: Im Gespräch mit Hans-Eberhard Stein und Christopher Stillings.

Interview von Thomas Wagner.

Welche Rolle übernimmt ein global agierender Werkstoffhersteller wie Covestro hinsichtlich Innovation und Weiterentwicklung von Materialien? Wie kann eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft erreicht werden? Wie sieht die Zukunft der Kunststoffe aus und welche Rolle spielen Designer im Innovationsprozess? Ein Gespräch mit Dr. Christopher Stillings, Vice President Global Head of Color & Design, und Hans-Eberhard Stein, Industrial Designer bei Covestro.


Herr Stillings, Herr Stein, lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. Covestro als Werkstoffhersteller und Unternehmen der Chemie- und Kunststoffbranche möchte den Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft vorantreiben. Dazu entwickeln Sie hochwertige Materialien, die langfristig verwendet werden können, und versuchen, CO2 als Rohstoff bei der Kunststoffproduktion einzusetzen. Was muss konkret geschehen, damit viele Produktionsprozesse schon bald zirkulär werden können?

Hans-Eberhard Stein: Die Antwort lautet: Kollaboration. Wir alleine schaffen das nicht. Wir müssen mit Firmen, Anwendern und Designern zusammenarbeiten, deren Wünsche und Bedürfnisse kennenlernen. Wie lauten deren Fragen? Wie muss ein Material auf die Kreislaufwirtschaft vorbereitet werden? Wir haben Ideen, bereiten sie vor und setzen sie um, aber unsere Partner in der Industrie müssen in dieselbe Richtung denken und mit uns kollaborieren – oder umgekehrt, wir müssen mit ihnen kollaborieren.

Sie verstehen sich aber auch als Impulsgeber.

Stein: Absolut, in der Wertschöpfungskette sind wir Initiator, aber wir brauchen Umsetzer, die mitdenken und mitentwickeln – das ist das Entscheidende.

Wie entwickeln Sie neue Materialien und Vorschläge und wie gehen Sie dann auf die Partner zu?

Stein: Ein schönes Beispiel aus Australien zeigt, wie das läuft. Australien ist zwar etwas weiter weg, aber wir denken ja global. Es geht um die Matratze. Matratzen werden heute, wenn ich mich recht erinnere, zu weniger als zehn Prozent recycelt. In Australien hat es nun eine Kooperation von verschiedenen Herstellern und Covestro gegeben. Die Hersteller hatten sich unter dem Namen Softlanding zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, um zu erreichen, dass in fünf Jahren sämtliche Matratzen recycelt werden.

Wenn man dann davon ausgeht, dass wir mit cardyon® das CO2 auch schon in der Vorphase und im Recyclinggedanken angewendet haben, dann sind wir da, wo wir ankommen möchten: dass Produkte wiederverwendet werden, um Kreisläufe zu schließen. Die Ressourcen fossiler Rohstoffe sind begrenzt, das wissen wir. Wenn wir uns jetzt nicht darum kümmern, die Dinge anzugehen, wird der Weg immer schwieriger und wir stecken irgendwann in einer Einbahnstraße fest.

Covestro ist ein global agierendes Unternehmen und wir wissen alle, dass sich die Probleme, um die es bei der Kreislaufwirtschaft geht, nur auf globaler Ebene lösen lassen. Wie unterschiedlich nehmen Sie die Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich wahr?

Christopher Stillings: Es ist schwer zu sagen, wer aktuell am weitesten ist. Das hängt sehr davon ab, welche Industrielandschaft, welche Infrastruktur und welche Gesetzgebung hinsichtlich der Verwendung bestimmter Stoffe und Materialien in den Ländern vorhanden sind. Die Beispiele, die man nennen kann, mögen die Wertschöpfungskette im jetzigen Stadium nicht komplett abbilden können, weil vieles noch am Anfang steht. Entscheidend ist die ganzheitliche Perspektive. Man darf nicht nur schauen, welche Produktionsprozesse in irgendeiner Form anders gemacht werden, oder wo das Design verschiedene Wege geht. Man muss tatsächlich in kompletten Wertschöpfungszyklen denken.

Was bedeutet das konkret?

Stillings: Das beinhaltet nicht nur die Rohstoffe, die wir einsetzen, und die Nutzung des Produkts, sondern auch, wie Energie erzeugt, wieviel verbraucht wird und wie sämtliche Elemente und Faktoren ineinandergreifen. Natürlich muss man das Recycling-Thema aufgreifen. Man muss das Rohstoffthema mit biobasierten Rohstoffen und CO2 aufgreifen, und wir müssen schauen, wo die Energie für unsere Produktionsprozesse herkommt.

Die Aufgabe des Designers ist es dann zu eruieren, wie man das Produkt recycelbar herstellen kann und dabei die Werte guten Designs, eine möglichst lange Nutzungsdauer bei hohem emotionalen und ästhetischen Wert zu erreichen. Das alles muss ineinandergreifen. Momentan erleben wir auf lokaler oder regionaler Ebene ermutigende Projekte, wie das Beispiel aus Australien zeigt. In China sind es Wasserflaschen, die recycelt werden, wofür eine Kollaboration mit einem Mineralwasservertrieb und einem Recyclingbetrieb aufgebaut wurde. Da ist noch sehr viel zu tun, was schade ist, auf der anderen Seite aber auch gut, weil unglaublich viele Möglichkeiten entstehen, wie wir eine Verbesserung erzielen können. Wir sind gegenwärtig sicher noch nicht so weit, alle gemeinsam auf diesem Planeten eine zirkulare Ökonomie komplett zu leben, gleichwohl ist es ermutigend, wie viele Partner und Player in den verschiedensten Industrien bereits Veränderungen vorleben.

Entscheidend ist die ganzheitliche Perspektive. Man muss in kompletten Wertschöpfungszyklen denken.

Christopher Stillings

In welchen Projekten erleben Sie die größte Neugierde, wo gibt es die meiste Energie, wo ist man besonders ungeduldig und offen für Vorschläge?

Stillings: Wenn ich die Entwicklung von Schanghai, also von Asien aus betrachte, stelle ich fest, dass es in den etablierten Industrieländern sehr gute Ansätze gibt – meist in Bezug auf große Projekte z.B. in der Infrastruktur. Ich sehe aber auch tolle Beispiele in weniger industrialisierten Ländern, wo – siehe Matratzen oder Wasserflaschen – schnell etwas ausprobiert wird. In Thailand etwa wird Recycling auf lokaler Ebene mittels Community-Ansätzen praktiziert.

Die Unterschiede hängen auch davon ab, wie penetrant der Schmerz ist, den Luftverschmutzung, Plastikmüll, Wegwerfgesellschaft und Klimawandel verursachen. Das wird je nach Kultur anders wahrgenommen und führt daher auch zu unterschiedlichen Herangehensweisen und Infrastrukturmaßnahmen, die dann wiederum zu Lerneffekten für ähnliche Projekte in anderen Regionen führen.

Ein Thema, das schon lange in unserer Branche herumschwirrt, ist das Entwickeln der Produkte aus nachhaltigen Rohstoffen. Das ist eine freundliche Waffe, die gut funktioniert.

Hans-Eberhard Stein

Covestro verbindet Forschung und Innovation eng miteinander. Wo sehen Sie die größten Chancen, wo sind Sie am weitesten? Und was kann das Design beitragen?

Stein: Ein Thema, das schon lange in unserer Branche herumschwirrt, ist das Entwickeln der Produkte aus nachhaltigen Rohstoffen. Das ist eine freundliche Waffe, die gut funktioniert. Auch einige Lacke bestehen aus nachhaltigen Rohstoffen, die wir anbieten und weiterentwickeln. Beim CO2, das Stichwort ist schon gefallen, gibt es viele Entwicklungen. Das CO2, das im Polyurethanschaum für Matratzen verwendet wird, hält mittlerweile auch Einzug in Fasern für Textilien.

… die Socken aus CO2?

Stein: Ja, Garn und Socken haben viele aufmerksam werden lassen. Wir waren sehr überrascht, wer da alles auf uns zugekommen ist. Das ging weit über Sockenhersteller hinaus bis in den Bereich Public Transportation. Da geht es um Dienstanzüge mit den entsprechenden Socken. Daran sieht man, dass das kein reines Chemiethema war, sondern darüber hinaus Interesse weckt und Veränderungen anstößt.

Stillings: Auch das monolithische Design, wie es bei einem Sportschuh zum Einsatz kommt, ist sehr populär. Ebenfalls auf großes Interesse gestoßen sind Auto-Frontscheinwerfer, bei denen möglichst viele Komponenten aus einer Materialklasse stammen – in diesem Fall Polycarbonat –, um die Rückführung der Materialien und ihr Recycling zu vereinfachen. Der Designer muss nur das passende Material auswählen und ein funktionales Design entwickeln. Er kann aber noch mehr beitragen; er kann im kleinen oder großen Maßstab eine Vision entwickeln, und er kann Konzepte visualisieren, die dem ganzen Prozess eine Bedeutung geben.

Wir arbeiten ja auch gemeinsam mit Universitäten und der Wissenschaft an technologischen Lösungen, und sobald es hier einen Technologieschub, eine neuartige Lösung gibt, stellt sich die Frage, wie sich diese am Ende der Wertschöpfungskette in ein Produkt umsetzen lässt, das jemand kauft und nutzt. Wie bekommt man es hin, dass das Ganze für den Nutzer relevant wird? Hier können Designer extrem hilfreich sein.

Wir haben das Material, wir haben Ideen und wir haben die richtigen Leute, die Ideen aus anderen Bereichen in unsere Welt übertragen können. Aber wir suchen immer Kanäle, wie wir die richtigen Designer ansprechen können.

Hans-Eberhard Stein

Gehen Sie aktiv auf Designer zu oder kommen diese zu Ihnen?

Stein: Es ist nicht so leicht, diesen Kanal zu bedienen, deswegen auch die Kooperation mit dem Rat für Formgebung. Wir haben das Material, wir haben Ideen und wir haben die richtigen Leute, die Ideen aus anderen Bereichen in unsere Welt übertragen können. Aber wir suchen immer Kanäle, wie wir die richtigen Designer ansprechen können. Wir haben auf Messen Kontakte geknüpft, wir arbeiten an digitalen Konzepten und haben eine attraktive Materialdatenbibliothek, die im übrigen nicht nur bei den Designern sehr gut ankommt.

Gab es Projekte mit externen Designern oder Hochschulen?

Stillings: Der Zuspruch von Designern ist besonders groß, wenn es darum geht, konkrete Herausforderungen zu bewältigen – etwa beim Thema Logistik und Verpackung. Designer und Chemiker arbeiten ja beide lösungsorientiert, wollen Verbesserungen erreichen. Das gelingt am besten, wenn man sich vom Bestehenden löst und auf zukünftige Herausforderungen schaut. Wir als Materialhersteller finden uns wieder im Thema Material und im Thema Textur und Farbe, das interessiert auch einen Designer.

Design optimiert ja auch Prozesse, und wo es um Innovationen geht, spielen nicht nur Materialien und Texturen eine Rolle. Wie schaffen Sie es, diese Vielfalt mit der Marke zu verbinden?

Stillings: Natürlich geht es um mehr als um die Gestaltung von Produkten. Im Austausch mit dem Design wird aber die Spannung erzeugt, die notwendig ist, damit Innovationen entstehen. Ein Beispiel: Ein Designer möchte ein Produkt gestalten, das aus materialwissenschaftlicher Sicht an die Grenzen des Machbaren oder darüber hinaus geht. Er lässt nicht locker, glaubt, dass es gehen muss. Eine Materialinnovation und die Vision eines Gestalters, der so radikal denkt wie Verner Panton bei seinem freischwingenden Kunststoffstuhl, der sich in Serie erst mit einem neuen Polyurethan-Hartschaum der Firma Bayer herstellen ließ – Covestro ist das Nachfolgeunternehmen der früheren Bayer-Kunststoffsparte Bayer MaterialScience –, wenn Sie so etwas auf die Circular Economy übertragen, wird deutlich, was ich meine. Oft sind radikale Innovationen nötig, und dann stellt sich die Frage: Wie kann ich es so gestalten, dass der Endkonsument überzeugt wird und das Produkt kauft?

Stein: Ich bin sehr stolz, ein Covestro-Mitarbeiter zu sein, weil wir so viele Möglichkeiten haben, Materialien zu entwickeln. So ein Autoscheinwerfer muss viele Qualitäten in sich vereinen – er muss glasklar, kratzfest, wärmeleitfähig und einiges mehr sein. Solche Komponenten sind hochkomplex – und an dieser Stelle ist Covestro ein Superpartner, weil er alle nötigen Spezialisten im Haus hat. Haben wir alle Komponenten durchdacht, wird der Designer aufmerksam und bemerkt, dass es jemanden gibt, der alles, was nötig ist, kann – und überträgt das dann auf andere Projekte. Wir entwickeln „Leuchttürme“, um sie in andere Welten zu transferieren. Gerade Designer sortieren nicht nach Automotive, Furniture, Construction. Sie sind unsere Übersetzer, die Botschafter unserer Fähigkeiten und unserer Materialien.

Gibt es ein Beispiel für so einen „Leuchtturm“?

Stein: Es liegt zwar schon eine Weile zurück, ist dafür umso spannender: Solar Impulse, das Flugzeug, das ohne Treibstoff um die Erde geflogen ist. Unser CEO Dr. Markus Steilemann hat Bertrand Piccard, diesen besessenen Pionier, getroffen, und der hat ihm gesagt, man könne die Gondel dreißig Prozent leichter bauen. Bisher hatte keiner eine solche Anforderung gestellt, warum auch? Es hat sich auch niemand getraut, einen solchen Wahnsinn zu verlangen – dreißig Prozent! Aber: Das hat man geschafft, wir sind sogar darüber hinausgegangen. Kurz gesagt: Fordert man uns heraus, wachsen wir mit der Aufgabe. Je verrückter die Idee, desto weniger Leute gibt es vielleicht, die daran arbeiten, wir aber sind an der Stelle innovationsneugierig und besessen.

Stillings: Genau das bedeutet unser Markenclaim „Pushing Boundaries“.

Grenzen verschieben, das heißt für Sie, dass Sie sich unbequeme Fragen wünschen, dass Sie hören wollen, wo etwas getan werden muss, damit Sie weitergehen und die Dinge vorantreiben können?

Stein: Absolut. Wenn uns keiner sagt, was fehlt oder verbessert werden muss, und alle uns auf die Schulter klopfen, wie wir das selber können, dann geht es nicht voran.

Stillings: Ich möchte gern noch ein Wort ergänzen: Inspiration. Sie haben gefragt, was es braucht, um die Marke entsprechend zu positionieren. Kollaboration ist das eine. „Pushing Boundaries“ heißt aber auch, sich in einer Kollaboration gegenseitig zu inspirieren. Wir wollen von Lösungsansätzen, von Konzepten, vom Designer inspiriert werden, haben aber auch den Anspruch, andere mit unserem Kunststoff, mit unseren innovativen Materialien und mit unseren Fähigkeiten zu inspirieren.

Der Akzent beim Kunststoff wird künftig stärker auf „Kunst“ liegen. Die Kunst, Kunststoffe immer mehr dort einzusetzen wo sie nachhaltig Wert im gesamtheitlichen Sinne stiften und Kreislaufwirtschaft ermöglichen.

Christopher Stillings

Kunststoffe galten im 20. Jahrhundert als das Zukunftsmaterial. Heute sind sie in Misskredit geraten, obwohl Kunststoff nicht gleich Kunststoff ist, wie wir wissen. Welche Zukunft haben Kunststoffe?

Stein: Kunststoffe sind weiterhin gefragt. Wir sind in die zukunftsfähigen Anwendungen, die in fünfzig Jahren noch Bestand haben, involviert und werden uns entwickeln. Es wird Elektromobilität geben und womöglich eine sozialere Komponente von Mobilität. Das heißt, es wird weiter Individualverkehr geben, was bedingt, dass wir leichte Hüllen haben, die uns bewegen. Da sind Kunststoffe unschlagbar. Was erneuerbare Energien angeht, wird ein Windrad auch in fünfzig Jahren nicht viel unscheinbarer sein, aber es wird aus leichtem Material bestehen.

Stillings: Der Akzent beim Kunststoff wird künftig stärker auf „Kunst“ liegen. Die Kunst, Kunststoffe immer mehr dort einzusetzen wo sie nachhaltig Wert im gesamtheitlichen Sinne stiften und Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Wenn Kunststoffe im 20. Jahrhundert der Werkstoff der Zukunft waren, so werden sie im 21. Jahrhundert auch ein wichtiger Wertstoff sein. Kunststoff – Werkstoff – Wertstoff: alle drei Punkte werden für unsere Materiallösungen relevant sein, mit Betonung auf den Anwendungen. Wie setzen wir diesen Kunst-, Wert- und Werkstoff ein? Wie nutzen wir ihn über die gesamte Wertschöpfungskette möglichst sinnvoll und ressourcenschonend und wertsteigernd? Darin steckt jede Menge Potenzial, und schon jetzt wird sehr viel Grips und Kapital reingesteckt, um die richtigen Antworten zu finden.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

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