Von Thomas Wagner.

Sind unsere technischen Geräte mit Absicht auf Kurzlebigkeit produziert? Wer von geplanter Obsoleszenz spricht, unterstellt Entwicklern und Herstellern, die Lebensdauer eines Produkts bewusst zu begrenzen. Ein aktuelles Buch blickt hinter die Kulissen der Produktentwicklung und auf die Faktoren, die ausschlaggebend sind für die Haltbarkeit.

Nichts hält ewig. Wann hat etwas ausgedient – und wer entscheidet darüber? Weshalb ist ein Produkt überflüssig? Ist es kaputt, technisch überholt, nicht mehr kompatibel? Oder gefällt es nicht mehr, ist schlicht aus der Mode gekommen? Hat der Hersteller womöglich bewusst Bruchstellen eingebaut? Was auch immer für die Lebensdauer eines Produkts verantwortlich sein mag, geplante Obsoleszenz ist zum anklagenden Schlagwort für Konsumgüter geworden, die angeblich auf Verbrauch und schnellen Profit kalkuliert sind.

Das wird auch in der Einleitung des von Erik Poppe und Jörg Longmuß herausgegebenen Buches „Geplante Obsoleszenz. Hinter den Kulissen der Produktentwicklung“ angesprochen: „Wird in unserer Gesellschaft für die Müllhalde produziert? Sind die Geräte, die wir kaufen, technischer Murks? Werden Verbraucher betrogen, indem ihnen haltbare Produkte vorgegaukelt werden, in die aber absichtlich Schwachstellen eingebaut sind, an denen sie schon bald kaputt gehen? Ist Obsoleszenz unnötig, wird aber mutwillig erzeugt?“

Die Publikation ist ein Open Access-Projekt, das der transcript Verlag neben der Printausgabe auch zum kostenlosen Download anbietet.

Keine Anklageschrift

Der Vorwurf steht im Raum, technische, funktionale oder optische Produktmerkmale würden absichtlich so gestaltet, dass sie weniger lange halten, um den Verkauf neuer Produkte zu steigern. Sämtliche in dem Band versammelten Aufsätze nehmen derartige Vorwürfe ernst. Das Ganze ist aber alles andere als eine Anklageschrift. Vielmehr wird die Perspektive auf die Mechanismen und Prozesse der Produktentwicklung und den Begriff der Obsoleszenz nüchtern aus wissenschaftlicher Sicht erweitert. Das Spektrum der Beiträge reicht dabei von „Obsoleszenz als systemisches Problem“ über „Product Lifecycle Management als Strategie gegen vorzeitige Obsoleszenz“ und Fragen der Reparierbarkeit und des Managements bis zu kontextbezogenen Aspekten und gesellschaftlichen Treibern von Obsoleszenz.

Innenansichten der Produktentstehungsprozesse

Wer könnte besser Auskunft über absichtliche Manipulation geben als diejenigen, die Produkte entwickeln, konstruieren und fertigen? Der Band basiert denn auch auf dem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten und 2016 bis 2018 von Sustainum – Institut für zukunftsfähiges Wirtschaften Berlin durchgeführten Forschungsprojekt „Langlebigkeit und Obsoleszenz in der Produktentstehung (LOiPE)“, in dessen Rahmen 41 Akteure ohne Kontrolle durch ein Unternehmensmanagement in vertraulichen Interviews und Gesprächen befragt wurden. Die Themen reichten dabei „von der konkreten Arbeitssituation und Motivation der Akteure der Produktentwicklung über betriebliche Strategien bis hin zu den technischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.“

Entscheidungen hinsichtlich Lebensdauer, Haltbarkeit, Recyclingfähigkeit und Reparaturfreundlichkeit sind notwendig Teil der Planung, die Folgen bestimmter Entscheidungen lassen sich aber nicht vollständig abschätzen.

Das Gesetz der Obsoleszenz

Was den Begriff der geplanten Obsoleszenz angeht, so erfährt der Leser, dessen Verwendung gehe vermutlich auf den Ökonomen Bernard London zurück, der das Konzept im Jahr 1932 als wirtschaftspolitisches Instrument und Ausweg aus der damals vorherrschenden wirtschaftlichen Depression präsentierte: „London sah insbesondere den Konsumenten in der Pflicht, über den kontinuierlichen Neukauf von Produkten das Wirtschaftssystem stetig in Schwung zu halten. Folglich führe die Verletzung des ,Gesetzes der Obsoleszenz‘ zu dem Paradox des Überschusses, da es den Menschen materiell zunächst zwar noch gut gehe, der Konsumverzicht jedoch fortlaufend unweigerlich zur wirtschaftlichen Rezession führe.“

Obsoleszenz muss immer geplant werden

Welche Aspekte im Einzelnen auch erörtert werden, entscheidend erweitert wird die Perspektive auf die Produktentwicklung durch folgende Frage: „Was taugt eine Theorie der geplanten Obsoleszenz, die nicht erklären kann, dass vereinzelte Hersteller großen Aufwand betreiben, die Obsoleszenz ihrer Produkte soweit es geht zu verzögern?“ Sprich: ihre Lebensdauer zu verlängern. „Selbst die Idee einer 100-jährigen Waschmaschine“, so das einleuchtende Beispiel, setze die Planung von Obsoleszenz voraus, ohne die Langlebigkeit nicht verwirklicht werden kann. Wartungszyklen, Ersatzteilbevorratung, Modularität, Aufrüstbarkeit, ein reparaturfreundliches Design sind Maßnahmen, die geplant werden müssen und zu einem längeren Lebenszyklus beitragen. Es reicht also nicht, nur Fälle angeblich vorzeitiger Obsoleszenz zu betrachten. Will man „die Entscheidungsprozesse bei den Produkterzeugern verstehen“, muss man beide Spielarten betrachten.

Keine naive Fixierung auf Langlebigkeit

Hinzu kommt: Fixiert man sich naiv auf Langlebigkeit, so kann die „planhafte Vermeidung vorzeitiger Obsoleszenz auch den gegenteiligen Effekt haben“ und angestrebte Nachhaltigkeitsziele konterkarieren: „Sollbruchstellen, Produktverbote, Overengineering oder Ansätze wie Cradle-to-Cradle geben“, so die These, „jedenfalls Hinweise darauf, dass in manchen Fällen die Vermeidung verzögerter Obsoleszenz ein sinnvolles Konzept ist und deutlich ressourcenschonendere Produktkonfigurationen erlaubt, als es beim Primat der Langlebigkeit wäre. Wenn die Planung vorzeitiger Obsoleszenz die Prämisse einer optimalen Lebensdauer unterstellt, gilt dies auch für die Planung verzögerter Obsoleszenz.“

Analysen zur geplanten Obsoleszenz erlägen zudem oft dem Trugschluss, „aufgrund der Produktbeschaffenheit auf das Planungskalkül der Hersteller schließen zu können.“ Kurz gesagt: Selbst wo sich Designfehler am Produkt feststellen lassen, gibt es zwei Möglichkeiten: „dass der Mangel intendiert oder nicht-intendiert herbeigeführt wurde“. Woraus folgt: Entscheidungen hinsichtlich Lebensdauer, Haltbarkeit, Recyclingfähigkeit und Reparaturfreundlichkeit sind notwendig Teil der Planung, die Folgen bestimmter Entscheidungen lassen sich aber nicht vollständig abschätzen. Entsprechend wertfrei fällt die Definition des Phänomens aus: „Geplante Obsoleszenz ist eine Strategie, in der die Obsoleszenz eines Produkts geplant und konzeptionell vorgesehen ist.“ Die Dimensionen Form, Timing, Intention bieten sodann ein analytisches Instrument (FTI-Modell), „um die prinzipiellen Ausprägungen der geplanten Obsoleszenz zu beschreiben und die grundsätzlichen Bewertungsprobleme aufzudecken.“ Differenzierungen hinsichtlich werkstofflicher, funktionaler, psychologischer und ökonomischer Obsoleszenz eingeschlossen.

Obsoleszenz als soziale Konstruktion

Im abschließenden Beitrag geht Melanie Jaeger-Erben den gesellschaftlichen Treibern von Obsoleszenz nach. Was als unbrauchbar und – durch Reparatur, Upcycling, funktionale oder ästhetische Nachnutzung – nicht mehr als erhaltenswert angesehen wird, sei Ergebnis einer sozialen Konstruktion und keine vom Produktentwickler oder -hersteller vordefinierte Eigenschaft eines Konsumobjekts. „Beim Design eines Produkts“, so Jaeger-Erben, „werden zwar bestimmte Nutzungsweisen und bis zu einem gewissen Grad auch das Leistungsvermögen in den Gegenstand ,eingeschrieben‘, aber erst die Nutzung konstituiert oder ,beschreibt‘, wie der Gegenstand angewendet wird und ob die geplanten Nutzungsweisen und Leistungen überhaupt realisiert werden. Produktdesigner und -nutzer sind in dieser Lesart also miteinander verbunden, ihr Wissen, ihre Erwartungen, ihre Handlungskontexte und -praxis interagieren über das Konsumobjekt indirekt miteinander.“

Abbildung aus der Publikation „Geplante Obsoleszenz“.

Wolle man die gesellschaftlichen Treiber von Obsoleszenz verstehen, müsse folglich „die ,Dreiecksbeziehung‘ von Design, Nutzung und Konsumobjekt bei der kommunikativen und materiellen Herstellung von Obsoleszenz berücksichtigt werden“. Wichtig sei es, die ,Kultur der Obsoleszenz‘ zu dechiffrieren: „Das heißt, bei der Suche nach den Ursachen für kurzlebige Elektronikprodukte und schnelllebigen Konsum keinen Krimi mit klaren Täter-Opfer-Kategorien zu konstruieren, sondern – wie in einer archäologischen Ausgrabung – die Gefüge und Schichten unserer materiellen Kultur freizulegen und sich die offene Frage zu stellen, warum die Kurzlebigkeit von Konsumprodukten für verschiedene gesellschaftliche Akteure sinnvoll, praktisch oder schlichtweg der einfachste Weg sein kann.“

Für eine Architektur der Verantwortung

Wünscht man sich bei dem stets um Sachlichkeit und Ausgewogenheit bemühten Blick auf Obsoleszenz auch manchmal, Folgerungen würden sprachlich griffiger formuliert, so kommen die wichtigsten Aspekte des Themas doch zur Sprache. Problematisch bleibt, dass Design dabei auf Planung und Konstruktion reduziert, ästhetische Fragen weitgehend hinter produktionstechnischen, soziologischen, strategischen und psychologischen verschwinden und, wenn überhaupt, im entsprechenden Jargon nur abstrakt angesprochen werden.

Auch das wirft Licht auf ein heute generell recht unentschiedenes Verhältnis zu den Dingen und ihrem Konsum. Im Ergebnis aber ist der Position zuzustimmen: „Erst ein systemisches Verständnis der Ursachen, Treiber und Stabilisatoren von Obsoleszenz macht es möglich, die Frage nach der Verantwortung für die Nutzungs- und Lebensdauer von Konsumprodukten so zu beantworten, dass eine ,Architektur der Verantwortung‘ entwickelt werden kann, die die Möglichkeiten und Potenziale der Verantwortungsübernahme für alle Beteiligten realistisch und zukunftsweisend einschätzt.“


Erik Poppe, Jörg Longmuß (Hg.)

Geplante Obsoleszenz
Hinter den Kulissen der Produktentwicklung
Forschung aus der Hans Böckler Stiftung

transcript Verlag, Bielefeld 2019
geb., 194 S., 24,99 Euro
ISBN 978-3-8376-5004-4
PDF: Open Access
ISBN 978-3-8394-5004-8

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