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Noch nie war Holz als Baustoff so begehrt wie heute: Die Zürcher Ausstellung „Touch Wood“ untersucht die Zukunft des Bauens mit Holz. Das Buch, das sie begleitet, geht noch weiter und beleuchtet aktuelle, kulturhistorische und ökologische Facetten von Wald, Baum und Holz.

Eine Rezension von Thomas Wagner.

Die Zukunft des Bauens, so ist vielfach zu hören, sei weder mit Beton, Stahl und Glas, noch mit Natur- oder Ziegelsteinen, und schon gar nicht mit Kunststoffen zu gewinnen. Hier helfe nur der nachwachsende Baustoff Holz. Wer mehr über die Bedeutung des Waldes, über Bäume, Holz und zukunftsweisenden Holzbau erfahren möchte, sollte nach Zürich blicken. Sowohl die noch bis zum 30. Oktober laufende Ausstellung „Touch Wood“ im Zentrum Architektur Zürich Bellerive, als auch das bei Lars Müller Publishers erschienene Buch „Touch Wood. Material, Architektur, Zukunft“, begreifen Holz nicht nur als Baumaterial. Holz ist viel und vieles mehr. Will man „die für die Gesellschaft so entscheidende Rolle des Holzes“ neu überdenken und diskutieren, lohnt es, diesen besonderen Stoff aus ganz verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Bis hin zu der Frage, welches „transformative Potenzial“ im Holz steckt und was es zu einer nachhaltigen Architektur der Zukunft beitragen kann. Tatsache ist: Ob es um die CO2-Bilanz, um technologische Entwicklungen, um „grüne“ Städte oder generell um das Verhältnis zur Natur geht – Wald, Bäume und Holz stehen im Zentrum der Diskussion.

Blick in die Ausstellung „Touch Wood“ © ZAZ BELLERIVE Zentrum Architektur Zürich, Nakarin_exhibition

Helfende Holzgeister

Schon die im Titel steckende Aufforderung, Holz zu berühren, eröffnet überraschende Perspektiven: „Manchmal“, schreibt Philip Ursprung im Buch, „fassen wir Holz an oder klopfen auf Holz, oft reflexartig, um Unglück abzuwenden. Die Geste des Holz-Anfassens ist ein selten gewordener Rest von Spiritualität in industrialisierten Gesellschaften. Sie geht wahrscheinlich auf den alten Glauben zurück, dass Schutzgeister in Bäumen wohnen und dass Menschen mit diesen Geistern in Kontakt treten können, indem sie an die Rinde eines Baumes klopfen oder einen Baum umarmen. Könnte es sein, dass das aktuell wachsende Interesse am Baumaterial Holz in den Industriegesellschaften auch ein Zeichen von Aberglauben ist? Hoffen wir etwa, dass die Holzgeister uns die Fortführung unserer industrialisierten Lebensweise gestatten und uns Schutz vor den katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels gewähren werden?“ 

Bäume sind mehr als Holzproduzenten

In Holz steckt also noch immer jede Menge Magie. Und vielerlei Versprechen. Womit genau aber hat man es zu tun? Wer von Wald spricht, spricht von vielen Bäumen, nicht von Holz. Bäume sind lebendige Organismen, nicht nur ein praktischer Weise nachwachsender Rohstoff. Bäume wachsen, Holz nicht mehr. Auch kann mit Holz nicht nur gebaut werden. Hinzu kommt: Holz ist nicht gleich Holz. Und auch wenn es, wie es heißt, weiter „arbeitet“, ist es am Ende ein toter Werkstoff. Die Verwandlung von Bäumen in Holz ist und bleibt also ein Prozess der Verwertung: „A tree is best masured when it is down“, heißt es in einer Oper von Robert Wilson und Phil Glass.

Umfassend über das Material Holz und die Möglichkeiten des Holzbaus aufklären, wollen beide, Ausstellung und Buch. Dabei legt die Ausstellung den Schwerpunkt eher auf Bautechnik und Architektur, während es sich das Buch zur Aufgabe macht, auch über die vielfältigen Facetten aufzuklären, mit denen man es zu tun hat, wenn von Holz, Bäumen und Wald die Rede ist. Wobei man ein ums andere Mal überrascht wird, wie groß die Bedeutung ist, die Holz zukommt, und wie ambivalent unser Verhältnis zu diesem magischen Stoff war und ist. 

„Holz ist der grössten und nöthigsten Dinge eines in der Welt“

Kulturgeschichtlich waren Mensch und Holz eng miteinander verbunden, nicht nur, was den Zusammenhang von Macht und Forstgesetzen angeht. Schon Martin Luther, so ist Joachim Radkaus Beitrag zu entnehmen, hat am 30. August 1532 in einer Tischrede vom Holz gesprochen: „Mich wundert, wo unser Gott Holz nimmet zu so mancherlei Brauch für alle Menschen in der ganzen weiten Welt, als Bauholz, Brennholz, Tischlerholz […], Holz zu Stuben, Schubkarn, Schaufeln […]. Und wer kann allen Brauch des Holzes erzählen? In Summa, Holz ist der grössten und nöthigsten Dinge eines in der Welt, des man bedarf und nicht entbehren kann.“ Das „hölzerne Zeitalter“, so Radkau, reichte bis weit in die Industrialisierung hinein. Und so kommt manche Parole auf den Weg in ein neues „hölzernes Zeitalter“ des ökologischen Wandels von weither – und weist zugleich voraus in die Zukunft. 

In anderen Zeiträumen denken

© ZAZ BELLERIVE Zentrum Architektur Zürich, Nakarin_exhibition

Nicht nur historisch, auch zeitlich zwingt Holz zu einem Denken in anderen Dimensionen, wie Jürgen Blaser deutlich macht: „Eine Eiche, die heute, im Jahr 2022, im Alpenvorland gepflanzt wird, dürfte in etwa um 2170 ausgewachsen sein. Der wertvolle Sipo-Baum, der gerade gekeimt hat und in einer Lücke im Regenwald des Kongobeckens ein neues Leben im Wettbewerb um Licht und Nährstoffe beginnt, wird, wenn alles gut läuft, das Baumkronendach irgendwann jenseits des Jahres 2200 überragen. Auch die sibirische Zirbelkiefer, zum jetzigen Zeitpunkt ein Jungbaum in der russischen Taiga, wird erst in einer ähnlich fernen Zukunft ihre ausgewachsene Größe erreichen. Wenn wir über Wälder und Bäume nachdenken, müssen wir in Jahrhunderten denken, nicht in Jahren.“ Wobei, so Blaser, global gesehen, nicht das Schicksal einzelner Bäume, sondern das von Wäldern entscheidend sei, in denen sie wachsen: „Angesichts des erwarteten Schwunds der nicht erneuerbaren Ressourcen und massiver Umweltveränderungen wie des Klimawandels, ist das Schicksal der Bäume und Wälder in diesem restlichen Jahrhundert und darüber hinaus von fundamentaler Bedeutung für die Menschheit.“ 

Deutlicher kann man es kaum sagen. Wobei vieles von dem, was man bei „Touch Wood“ über Bäume und Holz lernen kann, die vorherrschende Ökonomie ebenso infrage stellt wie die Vorstellung, es könne weiterhin mit den immer gleichen, homogenen und standardisierten Materialien gebaut werden. Ein Verdienst von Ausstellung und Buch liegt denn auch darin, über den oft naiven Glauben aufzuklären, Holz sei entweder bloße Natur oder ein jederzeit verfügbares Material, so homogen wie die vielfach aus Abfallholz hergestellten Bauplatten. Was im Umkehrschluss, so Albena Yaneva, bedeutet: „Natürliche Materialien können nicht länger als einfache Ressourcen behandelt werden, die von mächtigen Menschen, Planerinnen oder Bauleuten genutzt und ausgebeutet werden, sondern müssen aktiv ,von innen‘ bearbeitet werden.“ 

Teils tot, teils lebendig

Kurz gesagt: Holz braucht Zeit, es ist wertvoll, als Baumaterial nicht neu, aber zunehmend gefragt – auch wenn es nur eines von vielen erneuerbaren Materialien ist, die bei der Entwicklung einer nachhaltigen Baukultur ins Gewicht fallen. Holz ist ein organisches und individuelles Material von enormer kultureller Relevanz. Als Baustoff ist es sowohl nachwachsende Ressource als auch tote Materie. Woraus Philip Ursprung den Schluss zieht: „Der Werkstoff Holz ist für Industriegesellschaften gerade deshalb mit Emotionen aufgeladen, weil die Spannung zwischen diesen Eigenschaften nicht auflösbar ist. Teils tot, teils lebendig – Holz verbindet Materielles und Ideelles, Vergangenheit und Gegenwart, Greifbares und Imaginäres.“

Übergänge zu einer Wartungs- und Reparaturkultur

Aufgefächert werden all diese Facetten in mehreren Kapiteln: Vom Wald zum Holz und vom Holz zur Architektur. Dabei wird klar: Dass Wald immer wertvoller wird, dass er Schutz und Pflege braucht, dass Wälder nahezu 30 % der jährlich ausgestoßenen Treibhausgase absorbieren, dass die Bereitstellung von Holz nur eine von vielen Leistungen ist, die der Wald erbringt. Dass Holz wahrscheinlich das erste Baumaterial war, das der Mensch verwendet hat, dass Modularität und Wiederverwendung im Holzbau ausgebaut werden sollten. Im Kapitel „Architektur aus Holz“ untersucht Hubertus Adam, ausgehend von der Schweiz, sodann die Beziehung zwischen dem Werkstoff und der Architektur in den letzten 150 Jahren. Anschließend belegt eine Auswahl von Schweizer Projekten aus der Zeit der letzten Jahrhundertwende, dass die oft experimentellen Ansätze die Grundlage für den aktuellen Holzbau bilden. Und internationale Projekte von Grafton Architects, Kengo Kuma, Seng Kuan und Wataru Kumano bereiten den Übergang zu Zukunftsvisionen der Architektur des Anthropozäns und einer Wartungs- und Reparaturkultur vor.

Sanierung und Aufstockung Bremgartnerstrasse 48, Zürich, © HILDEBRAND
Holzkonstruktion der Blumer-Lehmann AG für das Swatch-Hauptquartier in Biel/Bienne, Schweiz. Architektur: Shigeru Ban © Blumer-Lehmann AG

Am Ende werden nicht nur Architekten aufgefordert, sich zu entscheiden: Weniger Ressourcen zu verbrauchen, für einen Materialkreislauf zu entwerfen, sich um das bauliche Erbe zu kümmern, gesunde Lebensräume zu gestalten, für den Alltag zu gestalten und sich für eine lokale Baukultur zu engagieren. Sein Wissen zu teilen, neue Technologien zu nutzen, aber auch vom Handwerk zu lernen. Mit hybriden Systemen zu experimentieren, mittels Vorfertigung effizient zu bauen, die Herkunft des Materials zu kennen – und einiges mehr. Oder, wie es der frühere Bundespräsident Theodor Heuss ausgedrückt hat: „Holz ist ein einsilbiges Wort, aber dahinter verbirgt sich eine Welt voller Märchen und Wunder.“ 

Buchcover Touch Wood
Buch Touch Wood © HILDEBRAND

Buch

TOUCH WOOD. Material, Architektur, Zukunft

Hrsg. v. Carla Ferrer, Thomas Hildebrand, Celina Martinez-Cañavate

Beiträge von Hubertus Adam, Herzog & de Meuron, Seng Kuan, Kengo Kuma, Katharina Lehmann, Stephen Pyne, Helene Romakin, Philip Ursprung, Albena Yaneva u.a.

Design: Integral Lars Müller

br., 304 S., 286 Abb. 

Lars Müller Publishers, Zürich 2022

ISBN 978-3-03778-697-0, Deutsch 2022
ISBN 978-3-03778-698-7, Englisch (vsl. ab September 2022)

40,00 Euro

Ausstellung Touch Wood im ZAZ BELLERIVE Zentrum Architektur Zürich
Ausstellung Touch Wood im ZAZ BELLERIVE Zentrum Architektur Zürich © Nakarin exhibition

Ausstellung

Touch Wood

Kuratiert von Carla Ferrer, Thomas Hildebrand und Celina Martinez-Cañavate.

ZAZ Bellerive, Zentrum Architektur Zürich

bis 30. Oktober 2022


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