Nachgefragt: Im Gespräch mit Oona Strathern-Horx.

Interview von Peter Lewandowski.

Oona Strathern-Horx hat sich schon als Kind für Häuser, Architektur, später für Städteplanung und gesellschaftliches Miteinander interessiert und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Gerade hat sie den Home-Report 2020 veröffentlicht, in dem sie Fragen stellt, die uns alle berühren. Wie wird sich die Architektur unserer Städte verändern? Und wie können vor allem wir die Architektur unseres Lebens besser gestalten?


Sie leben mit Ihrem Mann, Ihren 23 und 27 Jahre alten Söhnen im selbst entworfenen Future Evolution Haus. Das klingt etwas nach Raumschiff Orion, etwas mystisch. Was kann man sich darunter vorstellen?

Das fing alles vor ungefähr zwölf Jahren an. Mein Mann und ich wohnten mit den Kindern in einer Mietwohnung und es war klar, dass wir Wien mögen und in Wien bleiben wollten. So haben wir entschieden, in dieser Stadt ein Haus zu bauen. Wir fragten uns, wie es aussehen soll. Mein Mann hatte diese Phantasie von 2001 – Odysee im Weltraum und Star Trek. Ich habe mich dagegen nach einem English Cottage gesehnt. Da mussten wir nach einem Kompromiss suchen. Wir wollten unsere Arbeit der letzten zwanzig Jahre, die ganzen Untersuchungen und Ideen zu Mega-Trends, an denen wir geforscht hatten, in dieses Haus einfließen lassen.

Zunächst war klar, dass es einen Sozialort, einen Hub, ein Zentrum brauchte. Und es brauchte Rückzugsorte. Wir haben gemerkt, dass vier Individualisten zusammenwohnen würden, deshalb wollten wir ein modulares Haus bauen. Jeder hat ein Modul, damit er sich zurückziehen kann, aber gleichzeitig gibt es einen Ort, an dem wir zusammenkommen. Es ging uns also mehr um das Soziale als um das Technische.

Gewinnt das Thema Wohnen in unserer Gesellschaft eine neue Bedeutung?

Absolut. Früher hat man ein Haus oder eine Wohnung fürs Leben gekauft oder gemietet. Mit der letzten Generation sind wir mobiler geworden, wir stellen viel höhere Ansprüche an unsere Wohnung und wir bleiben nicht an einem Ort. Wir wollen nicht mehr ein ganzes Leben in ein und demselben Haus verbringen und teilweise auch nicht mehr ein Leben lang in so ein Haus investieren. Ich glaube, die jüngere Generation hat einen anderen Zugang zum Wohnen. Da spielt es eher eine Rolle, in Erfahrungen und nicht in materielle Dinge zu investieren. Sie haben andere Werte. Es geht vielen Menschen der nächsten Generation darum, dass sie einen Privatraum schaffen möchten, dabei aber trotzdem an einer Community teilhaben. Sie wollen Beziehungen aufbauen. Das heißt, es gibt ein großes Interesse an Co-Living, sprich Community und Kooperation.

Sie haben in Ihrem Zukunftsinstitut den Begriff der „Regnose“ geprägt. Das heißt so etwas wie der Rückblick aus der Zukunft. Wie stellen Sie sich die Welt des Wohnens, des Zusammenlebens in zehn Jahren vor?

Die Regnose ist gerade in diesen außergewöhnlichen Zeiten eine interessante Methode. Man arbeitet ja gerne mit Prognosen, wo man von der jetzigen Zeit ausgeht und sich langsam nach vorne tastet. Aber wir brauchen einen anderen, einen optimistischeren Blick. In der Regnose funktioniert es so, dass man sich eine Zukunft vorstellt, vielleicht in einem Jahr, in fünf oder zehn Jahren. Und dann kann man rückwärts überlegen, wie man dort hinkommt. Normalerweise geht man von Problemen in der Gegenwart aus, wenn man in die Zukunft schaut. Hier ist es so, dass man von der Zukunft ausgehend die Lösungen angeht, die es brauchte, um dorthin zu kommen. So entsteht ein ganz anderes Bild.

Wenn ich mich in die Zukunft des Wohnens hineindenke, sehe ich viel mehr Communities. In der aktuellen Situation lernen wir gerade wieder, Einsamkeit zu bewerten – und dadurch die Bedeutung von Beziehungen. Ich glaube, es gibt inzwischen viele Leute, die sich vorstellen können, in fünf oder zehn Jahren in einem Co-Living-Space zu wohnen, statt allein zu leben.

Ich habe da ein schönes Beispiel aus England. Da sind drei Omas, die in den letzten Monaten zusammengewohnt haben. Sie waren befreundet und haben entschieden, die nächsten Monate zusammen anstatt in der Isolation zu leben. Sie haben überlegt, welche Wohnung dafür am besten geeignet wäre. Und aktuell überlegen sie sogar, ob sie bei dieser Lösung bleiben und einfach ein Haus oder eine Wohnung nehmen sollten, in der sie auch später zusammenwohnen können.

Es geht vielen Menschen der nächsten Generation darum, dass sie einen Privatraum schaffen möchten, dabei aber trotzdem an einer Community teilhaben.

Oona Strathern-Horx

Man bekommt jetzt eine andere Wahrnehmung von Community. Viele Menschen hatten Angst vor Co-Living, weil gerade das alte WG-System sehr anstrengend war. In der neuen Form von Co-Living geht es aber darum, dass man ein eigenes kleines Bad hat, eine kleine Teeküche. Und dann hat man einen Ort, wo man zusammenkommen kann, wenn man will. Es steht also kein Zwang dahinter.

Solche individualistischen Communities kann man auch gezielt aufbauen. In Wien gibt es ein vertikales Dorf, Vertical Village. Das sind 36 Wohnungen mit verschiedenen Menschen, Familien, älteren Menschen, jüngeren Menschen. Es herrscht eine große Diversität. Sie haben ihre eigenen Wohnungen, aber auch sehr viele Shared Spaces. Es gibt eine große Terrasse, ein kleines Café, einen Spielraum, eine große Küche, wo sie alle zusammen oder in Gruppen kochen können, wenn sie wollen. Sie teilen sehr viele Sachen, aber nur nach Bedarf. Das funktioniert sehr gut, wie ein Dorf in der Stadt. Früher hat man Beziehungen oder Freundschaften über den Nachbarzaun geknüpft. Heutzutage müssen wir andere Modelle schaffen, damit die Menschen miteinander kommunizieren, damit sie eine Gemeinschaft oder eine Art Dorf in der Stadt bauen.

Wie sieht der Arbeitsalltag einer Zukunftsforscherin aus?

Ich bin von Hause aus Journalistin. Ich habe viel für Zeitungen und beim Fernsehen in England gearbeitet, und ich habe Human-Geografie an der Uni studiert. Dabei geht es um Stadtplanung und um Menschen. Für mich als Irin ist es sehr interessant, mit meinem Mann Matthias zu leben, weil er diesen deutschen Blick hat. Zusammen haben wir einen europäischen Blick entwickelt. Ich recherchiere und untersuche viele Themen aus Amerika und England. Mein Mann bringt die deutsche Perspektive mit ein. Da ergänzen wir uns sehr gut.

Wir haben dabei unsere eigenen Bereiche. Ich spezialisiere mich mehr auf Architektur, Design, Wohnen und mein Mann eher auf Politiksysteme. Wenn es zum Beispiel um neue Wohnformen in der Stadt geht, untersuche ich, wo die Quadratmeterzahlen liegen. Die durchschnittliche Quadratmeterzahl sinkt. Dann schaue ich mir zum Beispiel die Anzahl von Single-Haushalten an. Und dann diskutieren wir, was das für die Gesellschaft und für die Politik heißt. Was muss die Politik tun, um neue Wohnorte zu schaffen? Was sind die Bedürfnisse in einer Gesellschaft, wo viel mehr Menschen allein leben?

Was hat das für eine Wirkung auf Lebensphasen? Wenn wir länger allein leben, heiraten wir später, haben später Kinder. Was heißt das für die Gesellschaft? Man kann die verschiedenen Länder in Europa vergleichen, zum Beispiel Schweden, wo es eine sehr hohe Anzahl an Single-Haushalten gibt – rund sechzig Prozent! Das heißt, sie wohnen viel isolierter und sie können sich eine andere Politik, eine andere Strategie in Sachen Pandemie-Regeln leisten.

Warum brauchen wir Roboter, die für uns kochen? Ich denke, zu viel smarte Technologie ist eine Ablenkung von der Auseinandersetzung mit uns selbst.

Oona Strathern-Horx

Welche neuen Chancen gibt es im Spannungsfeld zwischen der analogen und der digitalen Welt? Wie können wir für uns das Internet und seine datengetriebenen Möglichkeiten nutzen? Werden wir in individuellen Co-Living-Lösungen leben oder wird es eher um Begriffe wie Smart-Living, Smart-Home, Smart-City gehen?

Ich war immer ein bisschen skeptisch, was den Begriff Smart betrifft. Als wir unser Haus planten, ging es zum Beispiel um die Frage: Soll der Kühlschrank einen Internetanschluss haben? Ist das wirklich wichtig? Und wir haben gemerkt, dass es vielmehr um menschliche Reflexe geht, um menschliche Bedürfnisse, wie einfach aufzustehen und die Vorhänge aufzumachen. Das ist auch eine symbolische Handlung, weil man den Tag „hereinlässt“. Wenn man das einem Akku überlässt, ist das kein Verlust?

Warum brauchen wir Roboter, die für uns kochen? Ich denke, zu viel smarte Technologie ist eine Ablenkung von der Auseinandersetzung mit uns selbst. In unserem Haus haben wir viele Sachen ausprobiert, unter anderem Alexa und verschiedene andere Geräte – sie sind alle im Keller gelandet. Wir sollten unsere Häuser und unsere Kommunikation auf Menschen und nicht Technologie aufbauen.

Ich finde es interessant, dass uns gerade jetzt, wo wir abhängiger von Computern werden, die Grenzen der Technik bewusst werden. Wir merken, dass eine bestimmte Nutzung für eine bestimmte Zeit einen bestimmten Zweck erfüllt, aber darüber hinaus haben wir keine Lust darauf. Ich spreche mit vielen Menschen und frage sie, was smart für sie bedeutet. Habt ihr immer noch Lust auf ein Smart-House? Die Antwort ist oft: „Eigentlich nicht.“

Man kann sagen, dass man die Zeit, die man mit Computertechnik verbringt, eigentlich besser mit einem Menschen teilen könnte. Eigentlich müsste die Idee sein, dass das Online-Leben unser Offline-Leben verbessert. Es klingt ein bisschen paradox, aber ich finde, wir lernen auch viel durch die Paradoxien dieser Zeit. Zum Beispiel, dass wir uns abschotten müssen, um uns als Teil einer Community zu fühlen oder, dass wir viel online gehen müssen, um unser Offline-Leben zu schätzen.

Wie hat sich die Relevanz von Design verändert und wie wird sie sich weiter verändern?

In den letzten Jahren ist ein wachsendes Bedürfnis nach authentischen Produkten zu beobachten, nach authentischen Firmen, authentischen Slogans, authentischen Angeboten. Es geht jetzt ein bisschen mehr in Richtung Aktivismus: Das Design muss eine andere Debatte führen. Es muss etwas im ganzheitlichen Sinne bewegen. Es geht nicht nur um die schöne Form, sondern um soziale oder menschliche Werte.

Man sieht das im Home-Design, wo die Menschen inzwischen viel Wert auf nachhaltige Produkte legen. Ich nenne in dem Kontext gerne Hero-Materials, Helden-Materialien. Die Menschen interessieren sich jetzt vermehrt für veganes Design. Es gibt zum Beispiel in einem der Hilton-Hotels in London eine vegane Suite. Natürlich ist dies auch interessant für Menschen, die keine Veganer sind, zu sehen, wie das aussehen kann. Viel Holz, aber keine Federn, kein Leder, keine Seide. Das ist unglaublich inspirierend. Man kann sagen, dass Design heute mehr ist als das Äußerliche. Es geht um Prozesse, wie politischen Aktivismus.

In den letzten Jahren ist ein wachsendes Bedürfnis nach authentischen Produkten zu beobachten, nach authentischen Firmen, authentischen Slogans, authentischen Angeboten.

Oona Strathern-Horx

Was ist Ihnen als Zukunftsforscherin persönlich wichtig?

Es ist mir wichtig, dass ich etwas verändern und dass ich Menschen inspirieren kann. Ich bin viel unterwegs, auf Konferenzen und Vorträgen, und versuche, eine weibliche Perspektive zu ergänzen. Die Zukunftsforschung und auch viele Konferenzen sind männlich. Für mich ist es wichtig, eine andere Sichtweise und ein wenig britischen Humor hineinzubringen.

Ansonsten ist mir wichtig, dass ich irgendwann wieder einmal surfen gehen darf. Und wenn ich jetzt an mein Haus denke, in dem wir seit zehn Jahren leben, möchte ich ein bisschen was erneuern. Für mich ist es wichtig, dass wir ein aktives Haus sind, dass wir durch neue Technologie und Design mehr Energie produzieren, als wir benötigen. Wir könnten diese an die Nachbarschaft geben oder zurückspeisen. Wenn ich etwas renoviere, nutze ich nur Produkte nach dem Cradle to Cradle-Prinzip. Mit Projekten wie diesen versuche ich ein Beispiel zu sein, das zeigt, dass man einen Beitrag für die Zukunft leisten kann.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

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