Designer Irene Purasachit transforms flower waste into functional material solutions including a paper, a foam and a non-woven sheet material.
© Flower Matter, Designer: Irene Purasachit, Fotograf: Soracha Anghin

Vom Auto bis zur Architektur eröffnen umweltfreundliche Materialien eine neue Dimension des Produktdesigns. Auch für Marken eröffnet Biodesign neue Möglichkeiten, sich zu differenzieren. Wir werfen einen Blick auf die drei wichtigsten Trends im Biodesign.

Biodesign ebnet den Weg für die nächste Generation von Materialien, die auf Nachhaltigkeit, optimale Leistung und gesündere Ökosysteme ausgerichtet sind. Laut F&F wird sich der Markt für biobasierte Materialien von 14 Mrd. US-Dollar im Jahr 2020 bis zum Jahr 2026 voraussichtlich zu einem Marktwert von 87 Milliarden US-Dollar entwickeln. Für Marken aus allen Branchen ist es jetzt an der Zeit, diese äußerst lukrative Chance zu nutzen.

Trend eins: Biopositive Umgebungen

Das zunehmende Hygienebewusstsein und der Wunsch nach einem nachhaltigeren und gesünderen Leben veranlassen Materialinnovatoren dazu, darüber nachzudenken, wie Biomaterialien und Biotechnologien noch stärker in unser tägliches Leben und unsere Wohnräume integriert werden können.

Die Inneneinrichtung bietet hier eine besonders spannende Möglichkeit. Neben ihrer dynamischen und oft organischen Ästhetik bieten Biomaterialien auch Vorteile für Gesundheit und Wohlbefinden. Die dänischen Studios Frama und Natural Material Studio haben eine Kollektion experimenteller Heimtextilien entworfen. Diese bieten unerwartete Texturen und sensorische Qualitäten. Die Kollektion umfasst Alger, das aus Algenextrakt hergestellt und mit Spirulina gefärbt wird. Während Terracotta ein Biostoff ist, der aus einem proteinbasierten Bindemittel aus Kollagen, einem natürlichen Weichmacher und Pigmenten aus Ton besteht.

© FRAMA, Fotograf: PAOLO GALGANI
© FRAMA, Fotograf: PAOLO GALGANI

Kreative und Marken entwickeln aus experimentellen und dynamischen Biomaterialien originelle Produkte für den Haushalt. Biokunststoffe auf Algenbasis, Verbundstoffe aus Lebensmittel- oder Agrarabfällen, bakterielle Zellulose, Myzel und andere organische Stoffe werden in Lampenschirme, Geschirr, Spielzeug und dekorative Accessoires verwandelt.

Das australische Studio Other Matter hat eine Kollektion von kompostierbarem Biokunststoffgeschirr aus Algenpolymeren und Pigmenten entwickelt.

In Helsinki verwandelt die Designerin Irene Purasachit Blumenabfälle in funktionelle Materialien wie Papier, Schaumstoff und Vliesstoff. Ohne künstliche Farb- oder Zusatzstoffe zeigen solche umweltfreundlichen Alternativen den Fortschritt hin zu ressourcenschonenden und vielseitigen Produkten, die nicht für die Ewigkeit gedacht sind. Sie bauen sich schließlich ab, ohne Schaden anzurichten.

Die zunehmende Hinwendung der Verbraucherinnen und Verbraucher zur Natur und ihrer Schutzbedürftigkeit wird sich langfristig auf ihre Entscheidungen und Kaufgewohnheiten auswirken. Im Wohnbereich ist es das Ziel der Designerinnen und Designer, eine gesunde, glückliche und biopositive Umgebung zu schaffen. Marken sollten die Zusammenarbeit mit Materialinnovatoren/innen suchen, um die Entwicklung von Biomaterialien im Frühstadium zu marktreifen Produkten zu beschleunigen und zu verfeinern. Die Unternehmen, die Investitionen und Unterstützung bereitstellen, werden für ihre Bemühungen, unsere Umgebung gesünder und nachhaltiger zu gestalten, anerkannt werden. Sie werden auch davon profitieren, dass sie zu den Early Adopter mit etablierten Biodesign-Netzwerken gehören, die sich als wertvoll erweisen werden, wenn die Branche floriert.

Designer Irene Purasachit transforms flower waste into functional material solutions including a paper, a foam and a non-woven sheet material.
© Flower Matter, Designer: Irene Purasachit, Photographer: Soracha Anghin
Designer Irene Purasachit transforms flower waste into functional material solutions including a paper, a foam and a non-woven sheet material.
© Flower Matter, Designer: Irene Purasachit, Photographer: Soracha Anghin
Designer Irene Purasachit transforms flower waste into functional material solutions including a paper, a foam and a non-woven sheet material.
© Flower Matter, Designer: Irene Purasachit, Photographer: Soracha Anghin

Trend zwei: Biobasierter Transport

Eine der größten Chancen für Bio-Design-Innovationen bietet die Automobilindustrie. Erfreulicherweise entwickeln und investieren immer mehr Automobilhersteller aktiv in leistungsstarke biobasierte Materialien und innovative organische Verbundstoffe mit besserem Gewicht, höherer Effizienz und umweltfreundlichen Eigenschaften.

Zwei herausragende Beispiele sind das BMW i Vision Circular-Konzept, bei dem der Lenkradkranz aus einem 3D-gedruckten Holzpulver-Verbundwerkstoff besteht. Polestar hat ein biologisch abbaubares Harz auf Maisbasis entwickelt, mit dem der bestehende Verbundwerkstoff auf Flachsbasis in eine vollständig biobasierte Lösung umgewandelt werden könnte

Die britisch-französische akademische Partnerschaft Flower Project arbeitet ebenfalls an Flachsfaserverstärkungen für Verbundwerkstoffanwendungen in der Automobil-, Segel- und Werbeindustrie. Die kostengünstigen und lokal hergestellten Produkte sind eine interessante Entwicklung in diesem Bereich, da sie biologisch abbaubar und recycelbar sind.

Für bewusste Verbraucherinnen und Verbraucher werden die erdölfreien und biotechnologisch hergestellten veganen Produkte sehr attraktiv sein. Aus Löwenzahn gewonnene Kunststoffe – wie sie von Continental zur Verstärkung von Gummireifen erforscht werden – sind ein Beispiele mit echtem Potenzial, die Industrie von der Verwendung von Erdöl wegzubringen.

Wenn die großen Marken sich für den Verzicht auf Leder entscheiden, werden andere nachziehen müssen. Volvo setzt bei der Innenausstattung auf eine Reihe alternativer Premium-Materialien, darunter Piñatex – ein Material, das zunehmend an Interesse gewinnt und branchenübergreifend eingesetzt wird -, Leap-Apfelleder und experimentelle Textilien wie biosynthetische Spinnenseide Microsilk.

Wie auf der CES 2022 zu sehen war, verfügt das Konzeptfahrzeug Vision EQXX von Mercedes-Benz über einen biotechnologisch zertifizierten, veganen, seidenähnlichen Stoff, der aus Spinnenseidenprotein gewonnen wird. Die Faser AMSilk Biosteel wird für Türgriffe verwendet.

Mit der Verschärfung der Umweltvorschriften tritt die globale Automobilindustrie in eine Phase weitreichender und tiefgreifender Veränderungen ein. Automobilhersteller, die ihren umweltfreundlichen Auftrag erfüllen wollen, sollten nach alternativen Materialien zu den aus Petrochemikalien hergestellten suchen. Zum Beispiel nach biobasierten Verbundwerkstoffen, die aus natürlichen erneuerbaren Rohstoffen wie Flachs, Hanf oder Bambus gewonnen werden. Es ist auch wichtig, recycelte und wiederverwertbare Inhalte zu verwenden, um die Abhängigkeit von Rohstoffen zu minimieren.

© Polestar

Trend Drei: Biodesign für bessere Gebäude

Neben den Produkten beeinflusst das Biodesign auch die Zukunft des Bauwesens und der architektonischen und städtischen Entwicklungen.

Im Rahmen der Dutch Design Week im vergangenen Jahr baute das in Amsterdam ansässige Unternehmen Biobased Creations ein Musterhaus in voller Größe aus 100 verschiedenen Biomaterialien, um deren Potenzial für den Einsatz in Standardhäusern zu demonstrieren. Die Installation enthielt Materialien, die aus Pilzen, Bakterien, Pflanzen und organischen Abfallströmen gewonnen wurden, darunter Grasdämmplatten, Hanfdämmung, Algenputz und eine selbstheilende Pilzbeschichtung für Holz. Während viele dieser Materialien bereits im Handel erhältlich sind, werden andere noch nicht ausreichend genutzt oder bedürfen weiterer Unterstützung.

Auch Myzel – das Wurzelsystem von Pilzen – entwickelt sich zunehmend zu einem brauchbaren architektonischen Element.

Das Material, das wegen seiner biologischen Abbaubarkeit und seiner isolierenden, akustischen und feuerhemmenden Eigenschaften beliebt ist, kann in individuellen Größen und Formen gezüchtet werden. Im Vereinigten Königreich hat der Bioproduzent Biohm eine Alternative zu Polystyrol-Dämmplatten entwickelt, die auf dem Prinzip des Kreislaufs beruht, während die Agentur Blast Studio eine Methode für den 3D-Druck zu strukturellen Gebäudesäulen entwickelt hat.

Solche Materialien bieten Vorteile, die weit über das Offensichtliche hinausgehen, von selbstheilenden und klimareaktiven Oberflächen bis hin zur Verbesserung der Artenvielfalt in Städten. Angesichts der sich abzeichnenden Herausforderung des Klimawandels ist es für Architekten und Designer gleichermaßen an der Zeit, die Dringlichkeit zu nutzen, die erforderlich ist, um die Netto-Null-Ziele zu erreichen, und Anstrengungen zu unternehmen, um Biomaterialien als realistische Option für den Bau effizienterer, ökologischerer und sauberer Konstruktionen zu etablieren.

Amsterdam-based company Biobased Creations constructed a full-sized show home, made of 100 different biomaterials to help demonstrate their potential for use in standard houses.
© Biobased Creations
Amsterdam-based company Biobased Creations constructed a full-sized show home, made of 100 different biomaterials to help demonstrate their potential for use in standard houses.
© Biobased Creations
Amsterdam-based company Biobased Creations constructed a full-sized show home, made of 100 different biomaterials to help demonstrate their potential for use in standard houses.
© Biobased Creations

Biodesign – ein Blick in die Zukunft

Design sollte heute mehr denn je positiv und in Harmonie mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie. Jede Marke sollte sich dieser Herausforderung stellen, sei es durch Kreislaufsysteme, regenerative Praktiken oder Materialien mit geringeren Auswirkungen, zumal eine naturfreundliche Wirtschaft bis 2030 jährlich 10,1 Milliarden Dollar an Geschäftswert freisetzen soll.

Aber Marken dürfen bei der Einführung von Biomaterialien nicht leichtsinnig sein, vor allem wenn Nachhaltigkeit die treibende Kraft ist. Biobasiert ist nicht immer positiv für den Planeten. Und die Verbraucher sind klug, wenn es um Greenwashing und Gimmicks geht. Marken müssen sicherstellen, dass die Rohstoffe verantwortungsvoll beschafft werden – und die Abfallströme berücksichtigen – und die Gründe für ihre Entscheidungen verstehen.

Artikel von Lauren Chiu, Head of Colour & Materials beim Trendforschungsunternehmen Stylus


Weitere Beiträge zum Thema Innovation.


Diese Seite auf Social Media teilen:

Print Friendly, PDF & Email