„Eine gute Küche zu haben, ist sexy geworden“. Interview mit Volker Irle von der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche
Portrait Volker Irle. © Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK)

Während der Pandemie wurde zuhause gekocht und im Kreis der Familie gegessen. Die offene Küche wurde zum Lebensmittelpunkt. Wir haben mit Volker Irle, Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V.“, über Innovationen, Marken, Trends und darüber gesprochen, weshalb keine Küche wie die andere ist.

Interview: Thomas Wagner.

Nachgefragt: Im Gespräch mit Volker Irle

Herr Irle, Sie sind Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e. V.“. Wie ist die Institution mit dem schönen Namen entstanden und was genau macht die AMK?

Volker Irle: Die Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaft“ und der Zusatz „Die moderne Küche“ sind der Zeit geschuldet. Die AMK wurde gegründet, als es erste Einbaugeräte für die Küche gegeben hat. Und da hat man gesagt: Es wäre schön, wenn der Backofen oder der Herd ins Möbel reinpasst und das Möbel nicht anfängt zu brennen, wenn wir ihn anmachen. Dafür brauchen wir einen Runden Tisch, wo wir uns über Industriestandards und Sicherheitsaspekte unterhalten können. Bei Spülen ging es dann um Feuchtigkeit und, und, und.

Wer hat die AMK auf den Weg gebracht?

Zwölf Küchenmöbelhersteller haben am 20. Januar 1956 in Darmstadt die Gründung der AMK beschlossen. Heute haben wir mehr als 140 Mitgliedsunternehmen.

Die Initiative ging also von den Unternehmen aus?

Ja, man wollte nicht aneinander vorbei bauen. Das ist bis heute so. Wir haben DIN-Normen, EN-Normen, ISO-Normen, und darüber hinaus haben wir mit den AMK-Merkblättern noch unsere eigenen Standards.

Geht es allein um Standardisierung?

Kuechentrends - Holz längs
Küchentrends – Holzverkleidungen. © Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK)

Ebenso wichtig wie das Technische ist uns das Thema Öffentlichkeitsarbeit. Bis heute besteht die Herausforderung ja darin, dass man immer von „der“ Küche spricht. Die Küche entsteht aber am Ende des Tages erst zuhause bei der Kundin, beim Kunden. Das ist etwa so, als würden Sie ein Auto bestellen, geliefert aber wird ein Reifenset, ein Motor, ein Chassis, Sitze und Armaturen – und dann kommt ein Techniker zu Ihnen und schraubt alles zusammen. Hinzu kommt: Die Zulieferfirmen sind sehr unterschiedlich. Es ist wichtig für die Kommunikation, wenn sie fragen: Was sind die Neuheiten in der Küche? Während die Hausgerätehersteller und Küchenmöbelhersteller die Experten ihres Fachs sind, betrachten wir als Serviceverband die Küche im Ganzen. Für allgemeine Anfragen zum Thema Küche, Neuheiten und Trends in der Küche ist die AMK als Ansprechpartner für Medien und Presse verfügbar. Denn natürlich sind die Medien daran interessiert, ihre Leser/innen, Hörer/innen und Zuschauer/innen über die Neuheiten zu informieren, vom Anzeigenblatt aus dem Oberbergischen, wo ich herkomme, bis zu den großen Blättern und Magazinen.

Sind Sie auch international aktiv?

In der deutschen Industrie wurden so hohe Qualitätsvorsprünge erzielt, dass wir jetzt peu à peu gemerkt haben: Okay, Europa mag uns auch, wenn wir den europäischen Markt umgekrempelt haben und auch weiter umkrempeln. Europa funktioniert, aber was ist mit der Türkei, was ist mit China, was ist mit Südamerika, Nordamerika oder Afrika? Auf solchen Märkten geht es am Anfang erst mal darum, zu verstehen: Wie sehen sie aus? Wie werden dort Küchen verkauft? Das ist eine Basisarbeit der AMK. Alle zwei Jahre nehmen wir uns eine Region vor und fragen die Mitglieder: „Was wollt ihr als nächstes machen?“ Und dann bereiten wir einen Länderinformationstag vor, um für die Entscheidungstragenden auf der Industrieseite zu klären: Ist das ein Markt, in den ich tiefer reingucken möchte? Oder sage ich: „Vielen Dank für die Infos, damit will ich nichts zu tun haben.“

Waren die Reaktionen so unterschiedlich?

Am spannendsten war natürlich China – eine Riesenbarriere, vor allem, was die Sprache angeht. Auch die Entfernung ist eine Herausforderung. Sie verkaufen ja kein Produkt, das die Kundin, der Kunde auspackt und nutzt. Also haben wir vor neun Jahren die AG China gegründet. Heute sind darin 23 Unternehmen aus Deutschland vertreten und wir haben ein Büro in Beijing und ein kleines in Schanghai.

Und in den USA?

In den USA gibt es die große KBIS-Messe, wo es für Unternehmen sehr schwer ist, überhaupt Flächen zu bekommen. Die KBIS gehört dem nordamerikanischen Küchenverband, NKBA, den wir von der AMK sehr gut kennen. So konnten wir einiges ermöglichen, was selbst die großen Schlachtschiffe so nicht realisiert bekommen.

Was hat sich aktuell verändert? Ist die Küche als familiärer Rückzugsort in der Pandemie noch mehr ins Zentrum gerückt?

Es gab in den letzten Jahren zwei Veränderungen. Die erste war: Man hat begonnen, Wände einzureißen, um die Arbeitsstätte, die man vorher hatte, zu öffnen. Dadurch ist die Küche tatsächlich zum Mittelpunkt geworden, auch wenn sie Freunde einladen. Singles war es auf einmal wichtig, eine tolle Küche zu haben, weil sie am Wochenende mit Gästen gekocht haben. In der Pandemie ist ein anderer Effekt dazugekommen. Natürlich hatten sie nicht so viel Besuch, aber sie haben einfach verdammt viel Zeit zuhause verbracht. Deswegen hat nicht nur die Küche eine Aufwertung erfahren, sondern die eigenen vier Wände, sowohl in der Wahrnehmung als auch finanziell. Wenn sie nicht verreisen können und ein neues Auto zu investieren auch gerade nicht lohnt, dann überlegen sie: Was können wir vielleicht sonst machen, was wir bisher nicht gemacht haben? Und das größte Projekt, was sie angehen können, ist, meistens auch finanziell, die Küche. Das heißt dann auch: Die größte Freiheit und Flexibilität möchte ich mir bei meinem größten und teuersten Produkteinzelbereich nehmen.

Küchenplanung
Die Küche ist Teil des Wohnraums geworden. © Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK)

Was die Küche als Raum verändert hat?

Nicht nur die Maße haben sich verändert, es sind nicht nur Kochinseln und Zubereitungsinseln hinzugekommen. Auf einmal sehen Sie die Küche von jedem Punkt ihres Wohnzimmers aus. Bei mir ist das so, wenn ich Fernsehen gucke, schaue ich nach vorne auf den Fernseher und nach rechts auf meine Küche. Schon deshalb stellen Sie ganz andere Ansprüche ans Design.

Kommt hier auch die Statusfrage ins Spiel?

Man kann das zur Statusfrage machen, mit beispielsweise Naturstein und Echtbeton und so weiter. Solche Raffinessen sind nur eine Frage des Budgets.

Statt einsam zu arbeiten, ist Action Cooking angesagt. Ist Kochen performativ geworden und die Küche die Bühne?

Kochen ist Teil der Unterhaltung geworden. Ich bin seit 2018 bei der AMK und werde immer wieder gefragt: „Wie lange gibt es noch Küchen?“ Dann sage ich: Na ja, solange wie ich keinen Roboter dafür anstelle, damit er sich das Spiel Bayern München gegen Dortmund anschaut, solange, denke ich, wird es noch Menschen geben, die Spaß daran haben, weil es nicht darum geht, Essen zuzubereiten. In den Städten könnte ich mich komplett gesund ernähren, alleine oder zu zweit; es wäre wahrscheinlich nicht viel teurer, wenn ich mir das ganze Essen liefern lassen würde – aber ich will das gar nicht. Erst mal will ich wissen, was drin ist, so, einer der Punkte, und mir macht das ja Spaß.

Kann man sagen, mit der Wohnküche von früher hat die Entwicklung hin zur offenen Küche begonnen?

Es gibt den schönen Spruch: „Früher hat die Party in der Küche geendet, heute beginnt sie schon in der Küche.“ Eine offene Küche muss aber noch ganz andere Anforderungen erfüllen: Eine Spülmaschine muss leise sein, wenn Sie im selben Raum fernsehen. Dunstabzug? Sie können nicht das Fenster öffnen, wie in einer abgetrennten Küche. All die kleinen Arbeitsgeräte, die auf der Arbeitsfläche herumstehen – sieht nicht gerade aufgeräumt aus, und trotzdem soll es funktional sein. Also gibt es Einschubtüren, sogenannte „Pocket doors“, die ganze Küchenbereiche wie Spüle oder Geräte verschwinden lassen können. Das kommt ja nicht nur, weil man gedacht hat: Ach, ich habe ein neues Scharnier entwickelt, dafür gab es einen Bedarf. Die Innovationskraft ist entsprechend groß und die Neuerungen reichen von Rollos mit elektrischer Unterstützung bis zu großen Apothekerschränken, die Sie ohne motorische Unterstützung nur schwer herausziehen können.

Wo ändert sich im Moment am meisten?

Beim Farbdesign und bei den Oberflächen, beispielsweise matte Oberflächen, auf denen Sie keine Fingerabdrücke sehen. Im Hochpreissegment gibt es sehr viel Naturstein und echten Beton in den Fronten. Und Sie haben sehr viele smarte Unterstützungen in den Möbeln. Wenn Sie beim Backen die Hände voll Teig haben, können Sie Schubkästen oder Auszüge per Geste oder per Sprache steuern. Da denkt man erst mal: Das brauche ich nicht. Wenn Sie beim nächsten Mal die Hände voller Mehl haben, freuen Sie sich, wenn Sie sowas haben. Schränke und Auszüge sind zudem breiter geworden. Wo Sie früher den klassischen 60er-Schrank hatten, haben Sie heute in vielen Bereichen 90er – bis hin zu 180 cm breiten Auszügen, gerade bei Arbeitsinseln.

Glas in der Kueche - ein beeindruckendes Allroundtalent
Glas als beeindruckendes Allroundtalent. © Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK)

Wie sieht es bei den Geräten aus?

Der erste Punkt ist: Sie erfüllen alle, egal, wen Sie da nehmen, inzwischen die modernsten Designansprüche. Der Backofen ist nicht immer nur weiß oder schwarz. Es wird viel mit Glas gearbeitet, es wird mit Mustern gearbeitet, damit es keine Designbrüche zu den innovativen Oberflächen gibt. Der zweite Punkt ist: Sie haben sehr viele Kombigeräte, um alle Funktionen in jeder Küche unterzubringen. Ein Klassiker ist das Kochfeld, das mit der Dunstabzugshaube kommuniziert – ein Superfeature, wenn der Abzug erkennt, ob Sie Wasser oder Fisch kochen.  

Wie steht es mit der Nachhaltigkeit?

Zum Thema Nachhaltigkeit haben wir im Rahmen der AMK gerade eine eigene Umfrage gemacht. Das Ergebnis hat mich umgehauen, weil alle Unternehmen auf den Ebenen Produkt, Produktion und Verwaltung aktiv sind, wirklich alle. Auch, was Logistik angeht. Die Sache hat noch einen anderen Aspekt: Wir reden über mittelständische Unternehmen, die fast alle familiengeführt oder in Familienbesitz sind. Deswegen wird hierzulande produziert und nicht da, wo es vielleicht ein paar Cent billiger wäre. Nachhaltigkeit und Umwelt sind die wichtigsten Fragen für die Eigentümerfamilien. Niemand möchte in seiner Region am Pranger stehen, weil er etwas versäumt hat. Das ist bei großen Konzernen anders.

Gibt es in der Küche kulturelle Unterschiede zwischen Europa und Asien oder den USA?

Was die Küche als Gesamtensemble angeht, gibt es im Vergleich mit China keine großen Unterschiede. Wo es welche gibt, resultieren sie aus der Nahrung. In China brauchen Sie halt eine Feuerstelle mit Wok; und Sie müssen mit Gas arbeiten, weil die Leute dort flambieren wollen. Ausnahmen gibt es im gehobenen Bereich in Regionen wie Russland, wo viel mit Gold gearbeitet wird. Auch zu den USA gibt es Unterschiede – noch, muss man sagen, das ändert sich gerade. In den USA gibt es die Framed Kitchen ohne klassischen Korpus; die bauen mehr oder weniger einen Fachwerkrahmen und schrauben Wände und Türen dran. Auch muss man sehen: In Deutschland kaufen Sie in der Regel ein Haus oder mieten eine Wohnung ohne Küche. In Amerika gibt es das nicht. Dort errichten Baugesellschaften gleich mehrere Häuser, Küche eingeschlossen. Kurzum: Es gibt Unterschiede in dem einen oder anderen Detail. Würde ich Sie aber – und wir reden von geplanten Küchen – in zehn Weltregionen in eine Küche stellen, könnten Sie nicht sagen, in welchem Land wir uns befinden.

Bis auf wenige Ausnahmen kann man sagen: Was die moderne Einbauküche angeht, ist das, was Sie in Europa sehen, auch das, was Sie weltweit sehen.

Kuechenfront
Küchenfront. © Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK)

Wie schlagen sich die deutschen Küchenmarken auf dem globalen Markt?

Die großen Volumenhersteller treten ja als Marke bisher gar nicht auf, weder in Europa noch in anderen Ländern. Das bedeutet, dass Sie möglicherweise eine Küche kaufen und nicht unbedingt wissen, welches der entsprechende Hersteller der Küchenmöbel ist. Das ändert sich gerade, weil in Asien ohne Marke nichts geht.

Im Gegensatz zur Küchenmöbel-Industrie ist die Elektro- und Hausgeräte-Industrie bereits weltweit vertreten und bekannt. Die Küchenmöbelindustrie produziert zu 100% in Deutschland; jede Küche, die ein deutscher Küchenmöbelhersteller in Amerika verkauft, ist in Deutschland produziert. Dasselbe gilt für China. Die Geräteindustrie hingegen produziert in China.

Wie sehen Küchen in zwanzig Jahren aus?

Ich denke, die Integration wird zunehmen. Küchen werden smarter sein und sie werden uns mehr Arbeiten abnehmen. Wir werden mitbekommen, was wir zuhause haben – was fehlt wird automatisch nachbestellt und geliefert. Solche, ich nenne das jetzt mal „Lösungswelten“, werden kommen. Und das Thema Beleuchtung – Stichwort Arbeitslicht versus Stimmungslicht – wird wichtiger sein. Was die Optik angeht, ist eine Prognose schwierig, da ändern sich die Trends zu schnell. Momentan haben wir sehr viele matte und dunkle Oberflächen. Ob und wann alles wieder hell wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Im Großen und Ganzen aber wird eine Küche in zwanzig Jahren etwa so aussehen wie heute.


Mehr über die Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche (AMK)

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