Erik Spiekermann wird 75
Portrait Erik Spiekermann © Dennis Letbetter San Francisco

Zu schön wäre es, zu wissen, was Erik Spiekermann, der am 30. Mai 1947 in Stadthagen geboren wurde und allein schon, aber nicht nur aus arithmetischen Gründen an diesem Montag 75. Jahre alt wurde, in personenbezogener Weise zur Zahl 75 einfallen und in welchen Lettern und Punktgröße etc. er die Ziffer darstellen würde. Schließlich hat der typografische Tausendsassa schon in seinem „typografischen Roman“ mit dem Titel „Ursache und Wirkung“ als Mitwirkende u. a. die Schriftart, die Laufweite, den Zeilenabstand, aber auch Satzart, Einzüge, sowie (nicht marxistische) Kapitälchen und viele andere an der Gestaltung von Texten Beteiligte auftauchen lassen.

Spiekermannn agiert mit dem Pathos eines lustvollen Aufklärers und ist schon deshalb nie um einen treffenden Spruch verlegen. Einige druckt er gern im Format eines Plakats, auf dem man dann zum Beispiel lesen kann: „Alles ist fertig; es muss nur noch gemacht werden.“ Wobei man bei Erik am besten lernt, wie es gemacht wird, wenn es (von ihm) gemacht ist. Wobei er sich, wo es um das Gestalten mittels Schrift geht, immer als treuer und unbeugsamer Anwalt des Lesers und Nutzers versteht und – wenn nötig – klare Worte findet: „Wenn man es nicht lesen kann, ist es scheiße.“ (Wer sich schon mal mit einem unbrauchbaren U-Bahn-Plan herumgeärgert oder seinen eigenen Text lichtgrau auf hellgelb in 3pt-Schriftgröße gedruckt wiedergefunden hat, weiß, wie sehr er recht hat.) Selbstverständlich vertraut der eloquente Typomaniak Erik, der sich, wie einst Joseph Beuys, durch permanente Kraftvergeudung ernährt, keiner Konvention und keiner Errungenschaft oder Schrifttype nur deshalb, weil sie nun einmal da ist: „Most people who use Helvetica use it because it’s ubiquitous. It’s like going to McDonalds instead of thinking about food. Because it’s there, it’s on every street corner. So let’s eat crap, because it’s on the corner.“

Damit einige Arbeitstatsachen auch am Jubeltag nicht vergessen werden, lesen wir (weil es sich nicht besser zusammenfassen lässt) in seiner eigenen Kurzbio: 1979 gründete er MetaDesign, „das er zum größten deutschen Designbüro bis zu seinem Ausstieg 2001 ausbaute. Projekte u.a. Leitsysteme für die bvg Berlin und Flughafen Düsseldorf sowie Corporate Design Programme für Audi, VW, wdr et al. Zeitschriftenlayouts u.a. für The Economist. Schriften für Heidelberger, Bosch, Deutsche Bahn, zdf, Cisco, Mozilla, Autodesk und die Europäischen Fernstraßen.“ Damit aber nicht genug: „1989 gründete er FontShop, den weltweit ersten Vertrieb für elektronische Schriften. Einige seiner Schriftenwürfe, u. a. ff Meta und itc Officina, gelten als moderne Klassiker. Für seine DBType der Deutschen Bahn bekam er 2007 den Bundespreis Design in Gold.“ Zudem lehrte er als ordentlicher Professor an der UdK Berlin, ist Honorarprofessor an der HfK Bremen, und, wie könnte es anders sein, mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt worden, so 2011 mit dem Designpreis Deutschland für sein Lebenswerk. Eine von Johannes Erler verfasste Monografie über ihn heißt „Hallo ich bin Erik“. Sein Designbüro in Berlin, Amsterdam, San Francisco, Singapur und Los Angeles heißt Edenspiekermann AG, seine digital-analoge Buchdruckwerkstatt galerie p98a.

Heute, da kompetentes Machen und kompetente Typokritik so selten stattfindet wie kompetente Designkritik, bräuchte es viele Eriks, die, weil sie (a) unbestechlich sind, (b) niemand ihnen fachlich etwas vormachen kann, und (c) nicht nur über Berufs-, sondern auch über jede Menge Lebenserfahrung verfügen, wissen, wovon sie reden; und, was entscheidend ist, es auch tatsächlich und in verständlicher Manier tun. Weil seine Einschätzungen nichts an Deutlichkeit haben vermissen lassen, lautet eine von Spiekermanns Regeln: “Don’t work for assholes”. Sie sollte nicht nur im Design befolgt werden. Happy Birthday!


Mehr auf ndion

ndion-Podcast mit Erik Spiekermann: Wenn man es nicht lesen kann, ist es scheisse


Diese Seite auf Social Media teilen:

Print Friendly, PDF & Email