Enzo Mari präsentiert Entwürfe der „Autoprogettazione“, 1974.

Mit Enzo Mari, der am gestrigen Montag in Mailand gestorben ist, verliert die Designwelt einen originellen Rebellen und radikalen Kämpfer für ein konzeptionelles und sozialen Zwecken verpflichtetes Design, das für jedermann zugänglich und erschwinglich sein sollte. Mari, der am 27. April 1932 im piemontesischen Novara geboren wurde, studierte von 1952 bis 1956 an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand Literatur und Kunst. Bekannt wurde er ebenso durch seine Arbeiten für italienische Unternehmen wie Danese, Gavina, Artemide, Olivetti und Castelli wie durch seine zahlreichen Buchveröffentlichungen zu zentralen Fragen des Designs.

Besonders ragt das 1974 erschienene Buch „Autoprogettazione?“ heraus. Es enthält schnörkellos praktische Entwürfe für Tische, Stühle, Regale und Betten – eine komplette Wohnungseinrichtung – aus handelsüblichen Holzbrettern, für deren Bau nicht mehr als Säge, Hammer und Nägel nötig sind. Längst hat die Selbstbau-Serie, mit der Mari dem luxuriösen Möbeldesign den Spiegel vorgehalten und der Do-it-yourself-Bewegung Entwurfskultur beigebracht hat, Kultstatus erlangt. 40 Jahre später hat er Cucula, einer „Refugees Company for Crafts and Design“ in Berlin, die Rechte eingeräumt, die Entwürfe zu nutzen, nachzubauen und weiterzuentwickeln.

Überhaupt zielte Maris Gestaltungspraxis – als junger Mann hat er das Wort Design lange vermieden und nur von Projekten gesprochen – auf Gegenstände ab, deren Bauprinzip und Symbolik leicht zu verstehen sind und die so kompromisslos vorwärtsgerichtet auftreten wie Manifeste, in denen Kunst und Politik, klare Ästhetik und praktische Vernunft zu einer Einheit verschmelzen. „Ich arbeite für die Fabrik, nicht für die Boutique“, hat der überzeugte Marxist gern erklärt. Auch hat er, lange bevor das Wort Nachhaltigkeit in Mode und dann in Verruf gekommen ist, über ein Design nachgedacht, das weder dem Fabrikarbeiter noch der Umwelt schadet.

Gutes Design war für ihn nie ein Luxusprodukt, es ist für alle da. Auch deshalb verkörperte Mari den Prototyp eines stets etwas grantigen linken italienischen Intellektuellen, der mit dem Zustand der Welt hadert. Der aber, indem er schreibt, lehrt, Ausstellungen kuratiert und Dinge verbessert, dem Wort Design auf verschlungenen Wegen einen menschlichen Sinn verliehen hat. Typisch Mari, hat er 1994 im Proust-Fragebogen auf die Frage, was für ihn das größte Unglück wäre, geantwortet: „Den ganzen Tag mit dummen Menschen zu tun zu haben“.

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