Sie ist der Designklassiker unter den Mineralwasserflaschen: Am 28. August 2019 feiert die Perlenflasche von Günter Kupetz ihren 50. Geburtstag.

Von Thomas Wagner.

Produkte, die über ein halbes Jahrhundert hinweg Bestand haben, sind selten. Die 0,7-Liter-Brunneneinheitsflasche von Günter Kupetz – besser bekannt als „Perlenflasche“ – gehört ohne Zweifel zu ihnen. Sie ist ein Designklassiker, den wahrscheinlich jeder in Deutschland schon einmal in der Hand gehabt hat. Aufgrund ihrer skulptural ansprechenden, aber auch funktional bis ins kleinste Detail durchdachten Form, erfüllt sie in exemplarischer Weise alle Anforderungen, die der Nutzer an den Gebrauch einer Mineralwasserflasche stellt: Ihre Taillierung lässt sie körperhaft erscheinen, erleichtert aber auch die Handhabung, wobei die „Perlen“ auf der Mantelfläche die Griffigkeit zusätzlich erhöhen. Die „Perlen“ – genau genommen sind es 230 – verweisen aber auch auf Tautropfen oder perlende Kohlensäurebläschen im Wasser und symbolisieren so Frische. Hinzu kommt, was beim täglichen Gebrauch zumeist übersehen wird, aber die Haltbarkeit erhöht: Zwei umlaufende Stoßwülste verhindern das Zerkratzen der Mantelfläche und des Etiketts.

„Perlenflasche“ von Günter Kupetz © Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB)

Dass die Flasche eine besondere skulpturale Prägnanz besitzt, ist kein Zufall. Günter Kupetz war Bildhauer, besaß ein untrügliches Gespür für Proportionen und arbeitete im Entwurfsprozess nicht allein mit Zeichnungen, sondern mit Gipsmodellen.

Am 28. August 1969 treffen sich im Bonner Stadtteil Bad Godesberg 142 Vertreter der Mineralbrunnenbranche. Nach eingehender Diskussion der seit Frühjahr ausgearbeiteten Entwürfe von zwei Designern, wird die Einführung einer neuen 0,7-Liter-Brunneneinheitsflasche als Formflasche mit einem Außenschraubgewinde nach dem Entwurf von Günter Kupetz beschlossen und in den folgenden Monaten produktionsreif gemacht. Seitdem ist die Perlenflasche zu dem Markenzeichen für natürliches Mineralwasser geworden. Mit mehr als fünf Milliarden produzierten Einheiten zählt sie zu den weltweit erfolgreichsten Glasverpackungen. Und mit mehr als 4,5 Milliarden Füllungen pro Jahr steht sie zudem für das größte Mehrwegsystem in Europa. Längst ist sie zu einem Designprodukt geworden, das untrennbar mit der Alltagskultur der Deutschen verbunden ist.

Günter Kupetz © Ingmar Kurth

Vom Bildhauer zum Designer – Günter Kupetz

Günter Kupetz (1925 bis 2018) gehört nach dem Zweiten Weltkrieg zu den bedeutendsten Designern der Bundesrepublik, auch wenn sein Name bis heute nur Insidern bekannt ist. Wie viele Gestalter seiner Generation absolviert er keine eigentliche Designausbildung: Er beginnt 1946 in Berlin zunächst Architektur zu studieren, wechselt aber schließlich in die Bildhauerklasse von Bernhard Heiliger. Als die WMF, was damals durchaus üblich ist, für die Gestaltung ihrer Produkte einen Künstler sucht, bewirbt er sich. Seine Entwürfe finden Zustimmung und ab 1954 leitet er ein Atelier für Produktentwicklung bei der WMF in Geislingen. Gemeinsam mit sechs Kollegen gründet Günter Kupetz 1959 den Verband Deutscher Industrie Designer (VDID) und wird dessen Geschäftsführer. 1960 eröffnet er ein Designbüro in Stuttgart, später auch in Kassel und Berlin. 1971 folgt er einem Ruf an die heutige Kunsthochschule Kassel der Universität Kassel, wo er Gebrauchsgüterdesign lehrt und gemeinsam mit Herbert Oestreich das Fach überhaupt erst aufbaut. 1973 wird er an die Berliner Hochschule der Künste (HdK) berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung als Professor für Produktplanung und -gestaltung wirkt.

Bezeichnend für Kupetz‘ Designauffassung ist, was er bei seiner Antrittsvorlesung an der HdK sagte: „Es ist erstaunlich, dass der Verbraucher oder Gebraucher an dem Entscheidungsprozess über die Dinge, die er zur Befriedigung der Bedürfnisse benötigt, nur indirekt beteiligt ist. Also ist der Designer in erster Linie der Anwalt des Verbrauchers und Gebrauchers. Allerdings ist er damit auch gleichzeitig das Produkt der Masse. Jedermann hat seine eigenen Maßstäbe. Jeder fällt seine eigene Entscheidung. Die besondere Aufgabe des Designers ist die Vorwegnahme zukünftiger Entscheidungen anderer, wie die seiner eigenen.“

Das Markenzeichen für natürliches Mineralwasser

Wie gut es Kupetz gelungen ist, künftige Bedürfnisse vorauszuahnen, zeigt sich nicht allein an der überzeugenden ästhetischen Qualität seiner Perlenflasche. Sie ist nicht nur eine gestalterische Meisterleistung, sie belegt auch eindrucksvoll, was Kupetz mit dieser „Einheitsflasche“ der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB) für das Systemdesign geleistet hat. Jeder, der die Perlenflasche sieht oder benutzt, erkennt sofort, dass es hier um Mineralwasser geht. Nimmt man alle ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekte zusammen, erscheint sie geradezu revolutionär.

Der Weg zur Einheitsflasche

Der Mehrweggedanke und die Einheitsflasche sind untrennbar miteinander verbunden. Eine Perlenflasche aus Glas kann bei jedem lokalen Brunnen bis zu 50 Mal befüllt und neu etikettiert werden. Dass die Glasflasche ohne großen Aufwand recycelt werden kann, schont Ressourcen und ist heute aktueller denn je. Um umständliche Sortiervorgänge und hohe Kosten beim Rücktransport des Leerguts zum Abfüller zu vermeiden, wurde schon 1930 eine erste Einheitsflasche für den gesamten Mineralwasserverband eingeführt – eine klare Glasflasche mit Hebelverschluss, die, mehr oder weniger unverändert, bis zur Umstellung auf die Perlenflasche verwendet wurde.

Nötig geworden war die Einführung einer neuen Flasche, da der Konsum von Mineralwasser angestiegen war, Rationalisierungen in Technik und Vertrieb anstanden und Flaschen der Konkurrenz schlicht zeitgemäßer wirkten. Mittels der neuen Einheitsflasche wurden die Produkte der Mineralbrunnen klar differenziert und ansprechend präsentiert. Auch in sozialer Hinsicht erweist sich die Perlenflasche als nachhaltiges Produkt: Indem das System lokale und bundesweit agierende Mineralbrunnenunternehmen und den Getränkehandel verbindet, sichert es eine Markenvielfalt ebenso wie Arbeitsplätze in den Regionen.

Die Qualität zeitlosen Designs

„Ich halte den Entwurf der Flasche“, so äußerte Günter Kupetz selbst, „für zeitlos und würde sagen, verbessern kann man ihn eigentlich nicht.“ Auch fünfzig Jahre nach dem Entstehen der Perlenflasche, die beim German Design Award 2019 in der Kategorie „Design Classics and Re-editions“ mit Gold ausgezeichnet wurde, ist dem nichts hinzuzufügen. Andrej Kupetz, der Sohn von Günter Kupetz, selbst Designer und Hauptgeschäftsführer des Rat für Formgebung, sieht den Grund dafür in einer genialen Designleistung, die alle Anforderungen von Technik und Marketing in einem Entwurf vereint habe: „Es geht darum, die Sachen so zu verbinden, dass am Ende eine ästhetische Qualität dasteht, die das Zeug hat, von den Menschen über Jahrzehnte als bereichernd empfunden zu werden.“

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