Durch das Set-Design für „James Bond jagt Dr. No“ wurde Ken Adam bekannt. Berühmt aber machte ihn der „War Room“, den er für Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ entworfen hat. Ken Adam, der Visionär der Filmarchitektur, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.

Von Thomas Wagner.

War Room
Der War Room in „Dr. Seltsam“. © 1963, renewed 1991 Columbia Pictures Industries, Inc. All Rights Reserved.

Ob Kommandozentralen oder geheime Domizile ebenso größenwahnsinniger wie weltmachthungriger Bösewichte – kein anderer Filmarchitekt hat die Räume, in denen Big Business, Verbrechen und Politik zu einem gefährlichen Amalgam verschmelzen, so fest in der kollektiven Fantasie verankert wie der aus Berlin stammende Ken Adam. Seine Interieurs machen sichtbar, dass moderner Machtwille sich monumentale Funktionsarchitekturen schafft. Operation Rooms und Labore, Tresore und eher ausgefallene Locations wie Bohrinseln, Krematorien und Raumstationen, allesamt sind sie von Fahrstühlen und Versorgungskorridoren, Kommunikations- und Stromnetzen, Schleusen und Lüftungsschächten, Höhlen und Kanälen durchzogen.

Erbschaften aus Expressionismus und Sachlichkeit

Ken Adam
Portrait Ken Adam. © Ken Adam Archive

Ken Adam, oder, wie er ganz offiziell hieß, Sir Kenneth Adam, wurde am 5. Februar 1921 als Klaus Hugo Adam in Berlin als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie geboren. Er starb am 10. März 2016 in London. Als er in den 1960er- und 1970er- Jahren durch seine suggestiven Räume und Szenenbilder für Filme wie „James Bond jagt Dr. No“ oder „Goldfinger“ berühmt geworden war, hätte er, um sich vorzustellen, gut und gern auch sagen können: „Mein Name ist Bond, Ken Bond“. Nicht weniger als sieben Bond-Filmen hat er seinen Stempel aufgedrückt.

Schon als Kind war Adam in seiner Geburtsstadt Berlin, aus der er mit seiner Familie 1934 vor den Nationalsozialisten fliehen musste, fasziniert von der Theater- und Filmszene. Die Kulissen und die Technikfantasien expressionistischer Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder Fritz Langs „Dr. Mabuse“ und „Metropolis“ wirkten nach; Elemente des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit fanden sich später in Adams Entwürfen wieder. In den 1930er Jahren studierte er an der Londoner Bartlett School of Architecture, arbeitete in einem Architekturbüro unter einem ehemaligen Assistenten Erich Mendelsohns und für die MARS Group (Modern Architectural Research Group), einem englischen Ableger des Bauhauses.

Ein hyperrealistischer Blick auf die Welt

Der Einfluss von Ken Adam auf das Production Design kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, auch wenn heute digitale Technik und Videospielästhetik an die Stelle einer architektonischen Imaginationskunst getreten sind, wie er sie pflegte. Zwischen den fiebrigen Kerkeralpträumen eines Piranesi und den kalten technoiden Zentralen der Weltbeherrschung hat er Räume entworfen, die überlieferte Machtfantasien überzeugend ins 20. Jahrhundert übersetzt haben. Was auch immer er mit dem Filzstift „Standard-Flo-Master“ auf Papier entwarf, in den Pinewood Studios in London wurde es gebaut. Statt eine Szenerie naturalistisch nachzuempfinden, vergrößerte er die Charakterzüge des Zeitalters bis zur Kenntlichkeit. Seine Devise „Bigger Than Life“ war nicht nur dem Medium Film und dem jeweiligen Genre geschuldet. In einem Jahrhundert voller monströser Taten und Abermillionen Toten schuf er Bilder einer düsteren Zukunft. Sein Hyperrealismus („heightened reality“) verdankte sich dabei nicht nur ästhetischen Erwägungen. Auch dramaturgische und operative Dimension bezog er in das räumliche Setting ein: Fahrzeuge, Waffen, Apparate und Gadgets lassen die Räume als Basis einer umfassenden technoiden Mobilmachung erscheinen. Die von Adam gestalteten technischen Milieus, so Christoph Neubert, bildeten „regelmäßig Übergangszonen zwischen Architekturen und Waffen, kritische Überlebensräume, für die zwei Paradigmen besonders dominant sind: der Bunker und das Schiff. Für jemanden mit Ken Adams biografischem Hintergrund sind Erfahrungen wie die plötzliche Zerstörung der Lebenswelt, Vertreibung, Krieg und Vernichtung zweifellos prägend.“

You Only Live Twice
Konzept von Blofelds geheimer Basis in „Man lebt nur zweimal“. © Ken Adam Archive

Handlungsraum statt Kulisse

Charakteristisch für viele der Skizzen, mittels derer Adam das jeweilige Projekt vorbereitete, ist das dynamisches Zusammenspiel der elementaren geometrischen Formen Dreieck, Kreis und Rechteck. Das Spektrum reicht von den Gefängniszellen und dem „Tarantula“-Room aus „Dr. No“ über die Tresorräume von Fort Knox in „Goldfinger“ bis zu dem berühmten „War Room“ aus Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Räume mit mehreren Ebenen, gegliedert von Säulen, Treppen und Galerien, Brücken und Stegen, lenken die Bewegungen der Körper, programmieren die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten der Figuren. Adams Interieurs sind Handlungsräume, nie bloße Kulisse. Expressive Beleuchtungseffekte betonen die räumliche Gliederung zusätzlich, wobei regelmäßig große, runde Oberlichter im Wechsel mit abgehängten Leuchten zum Einsatz kommen.

Tarantula Room
Dr. No’s Complex, Tarantula Room. © 1962 Danjaq, LLC and United Artists Corporation. Alle Rechte vorbehalten.

War Room

Glaubt man Steven Spielberg, so ist Adam mit dem „War Room“ nicht weniger gelungen als „das beste Szenenbild, das jemals für einen Film entworfen worden ist“. Was die Zeichnungen mit expressiver Geste imaginieren, war als gebauter Raum 12 Meter hoch, 30 Meter breit und 45 Meter lang, eingebaut in eine der größten Studiohallen der Shepperton Studios bei London. Im Film taucht der War Room acht Mal in unterschiedlich langen Sequenzen auf, wobei Kubrick letztlich alle Raumtotalen weggelassen hat. Zunächst sei Adam enttäuscht gewesen, hatte er doch immer die Raumtotale gezeichnet. Dann aber habe er erkannt: „Das war Stanleys Genie. Der Zuschauer sollte nie wissen, wo er sich gerade befand. Das erhöhte das klaustrophobische Gefühl ungemein.“ Dass der Raum mehr als echt wirkte, zeigt die Geschichte, die Ken Adam aus zuverlässigen Quellen zugetragen wurde: Als Ronald Reagan ins Weiße Haus einzog, habe er seinen Stabschef gebeten, ihm den War Room zu zeigen.

War Room Concept
Ken Adams Konzeptzeichnung des „War Room“. © Ken Adam Archive

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