Von Lutz Dietzold.

Wir schreiben das Jahr 2020, die Fakten liegen auf dem Tisch. Die weltweit weiterhin steigenden CO2-Emissionen führen zu einer globalen Erwärmung, die unser Klima und damit unsere Existenzgrundlage bedrohen: Dürren und Waldbrände, Starkregen und Überschwemmungen, schmelzende Polkappen und steigender Meeresspiegel bedrohen das Ökosystem und die Biodiversität.

Angesichts dieser täglich in den Nachrichten nachzuverfolgenden dramatischen Umwälzungen konnte das Verhalten eines Großteils der (westlichen) Konsumgesellschaft lange Zeit als merkwürdig träge und indifferent bezeichnet werden. Die Krise schien zu groß, zu wenig fassbar, um das individuelle Leben zu tangieren.

Das neu erwachte und von einer engagierten Jugend in die Mitte der Gesellschaft getragene Bewusstsein für die ökologischen Folgen unseres Handelns hat auch im Designbereich die Vorzeichen klar gepolt: Menschengerecht, materialgerecht und umweltgerecht – all diese Faktoren sind gleichermaßen entscheidend im Entwurfsprozess.

Es bedarf eines Perspektivwechsels, der den Gegebenheiten unserer Zeit offen in die Augen blickt. Designerinnen und Designer haben damit mehr Verantwortung für die Gesellschaft als jemals zuvor. Ich plädiere deshalb für eine neue Down-to-Earth-Sensibilität.

Erschaffen mit ökologischem Bewusstsein

Denn eines ist klar: Wir hinterlassen ständig einen ökologischen Fußabdruck. Grundlage unseres Schaffens ist die Erkenntnis, dass jedes Produkt, das wir Menschen erschaffen, in unsere Umwelt eingreift. Deshalb kann es bei allem, was wir neu entwerfen, nur darum gehen, auch den Mehrwert neu zu definieren.

Material- sowie Energieverbrauch und Schadstoffausstoß in der Produktion sind ebenso Faktoren wie Reparierfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit oder die Attraktivität für den Konsumenten, ein Produkt über einen langen Zeitraum zu nutzen. Es mag paradox klingen: Auch auf Gestaltung zu verzichten, nicht jedes Jahr etwas Neues zu entwerfen, kann als Ergebnis dieser Abwägung zum neuen Selbstverständnis des Designers werden.

Um den Krisen unserer Zeit zu begegnen, sollte Design heute in erster Linie ethischen, sozialen und ökologischen Prinzipien verpflichtet sein: Konkret meine ich damit die kritische Reflexion der Faktoren Produktnutzen, Sozialverträglichkeit, Lebenszyklus, Produktion, Vertrieb, Konsum und Entsorgung.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass ästhetische Ansprüche zurückgefahren werden müssen. Ich bin der festen Überzeugung, dass gerade die konsequente Anwendung der genannten Prinzipien zu neuen, vielleicht unerwarteten, jedoch schlüssigen Lösungen führt, die hohe visuelle und haptische Qualitäten aufweisen.

Um den Krisen unserer Zeit zu begegnen, sollte Design heute in erster Linie ethischen, sozialen und ökologischen Prinzipien verpflichtet sein.

Der Einflussfaktor Digitalisierung

Kann die Digitalisierung in diesen Entwicklungen eine Schlüsselrolle einnehmen? Zweifellos lässt sich die Digitalisierung aus Architektur, Design und unzähligen Alltagsprozessen längst nicht mehr wegdenken.

Carlo Ratti brachte dies jüngst im Rahmen der Verleihung der ICONIC AWARDS: Innovative Architecture auf den Punkt: „Alle Technologien, die unser Leben in den letzten 20 bis 30 Jahren verändert haben, drängen jetzt in den physischen Raum. Das Internet wird zum Internet der Dinge und bringt riesige Datenmengen in die Städte.“

Dabei stellte er klar, dass die immer präzisere Auswertung von Daten nicht allein dazu dienen dürfe, weiteres Wachstum zu fördern und Verkaufszahlen zu steigern. Ebenso forderte er uns auf zu überprüfen, inwiefern sich unsere Städte und Gebäude durch diese Erkenntnisse verändern und sich unser Leben verbessern ließe.

Ich bleibe jedoch skeptisch, ob wir uns allein auf die Versprechungen der Digitalisierung verlassen sollten. Es geht um eine differenzierte Strategie mit unterschiedlichen Ansatzpunkten. Eine Strategie ist Materialinnovation. Ich denke hier beispielsweise an Maurizio Montalti, einen Pionier in der Erforschung und Entwicklung einer breiten Palette von mycelbasierten Technologien zur Herstellung von Biomaterialien und Produkten. Er setzt nachdrücklich auf natürliche Organismen für die Schöpfung zeitgemäßen Designs. Seine Entwürfe sind inzwischen marktreif und werden in verschiedenen Produkten verarbeitet – Alternativen zu Kunststoffen scheinen in vielen Lebensbereichen greifbarer.

Neue Ansprüche an Objekte

Unter sozialem Anspruch verstehe ich, dass ein Objekt für einen sofort und ohne Umwege zugänglichen Nutzen und damit für Wert und Identität steht. Es besitzt die Fähigkeit, seinen Nutzer emotional zu berühren. Dabei „manipuliert (es) den Käufer und Gebraucher nicht, stiftet ihn nicht zum Selbstbetrug an“, wie Dieter Rams in seinen 10 Thesen zum guten Design präzise formuliert hat. Dessen ungeachtet muss Gestaltung mit Denkanstößen aktiv Einfluss auf das kulturelle Kräftefeld nehmen. Für mich steht dafür ein Projekt wie Chair Farm von Werner Aisslinger aus dem Jahr 2012.

Hier wuchs unter genau definierten Laborbedingungen innerhalb eines Stahlgerüsts ein stabiler Stuhl aus pflanzlichem Material – ein nutzbares Objekt, das zugleich einen positiven CO2-Fußabdruck hinterlässt. Wenn auch kaum massenkompatibel, besitzt Chair Farm als Designexperiment eine wichtige Funktion.

Veränderungen entstehen nicht durch die Imagination utopischer Szenarien einer perfekten, sondern durch den strategischen Gebrauch vorhandener Strukturen unserer unvollkommenen Welt.

Es ist nicht zynisch zu behaupten, dass auch der Wirtschaft eine wichtige Führungsposition im neuen Selbstverständnis des Designs zugesprochen werden muss. Naiv wäre es, die Wirtschaft schlicht als Gegner einer klimaneutralen, sozial gerechten Menschheit zu begreifen; Veränderungen entstehen nicht durch die Imagination utopischer Szenarien einer perfekten, sondern durch den strategischen Gebrauch vorhandener Strukturen unserer unvollkommenen Welt.

Klare, verlässliche Vorgaben stehen ökonomischen Entwicklungen übrigens nicht im Weg, sie kommen der strategischen Ausrichtung von Unternehmen sogar zugute. Genau aus diesem Grund ist der Akteur Designer heute in einer so zentralen Position: Er ist Vermittler zwischen sozialen, ethischen und ökologischen genauso wie ästhetischen und ökonomischen Argumenten. Die Designerin und der Designer von heute hat es damit in der Hand, die Welt zu retten.


Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung

Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein

Lutz Dietzold (*1966) ist seit 2002 Geschäftsführer des Rat für Formgebung. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Germanistik in Frankfurt. Nach selbstständiger Tätigkeit im Bereich der Designkommunikation für nationale und internationale Kunden folgten Aufgaben als Geschäftsführer des Deutschen Werkbund Hessen sowie als Geschäftsführer des hessischen Designzentrums, wo er die strategische Neuausrichtung der Designförderung verantwortete.

Seit 2011 ist er stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Deutsches Design Museum und Beiratsmitglied der Mia-Seeger-Stiftung. Lutz Dietzold veröffentlicht regelmäßig Beiträge und hält national und international Vorträge zu einer Vielzahl von Themen rund um Design. Zudem ist er Mitglied in zahlreichen Jurys sowie im Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums.

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