Von Thomas Wagner.

Die Magie wiederfinden.

Die Ausstellung „Christian Dior. Couturier du Rêve“ im Musée des Arts décoratifs in Paris begeisterte 2017 Modeszene und Publikum gleichermaßen. Ein Film, der jetzt online verfügbar ist, zeichnet die Entstehung der faszinierenden Schau nach und feiert die große Kunst der Haute Couture.

Klack, klack, klack … die Erinnerung an die Revolution kommt mit schmaler Taille und auf High Heels. Eine Frau schreitet durch einen großen, hohen und leeren Raum. Sie trägt einen schlichten, wadenlangen schwarzen Rock, dazu eine eierschalenfarbene, unterhalb der Taille ausgestellte und prägnant mit sechs Knöpfen geschlossene Jacke. Den Kopf ziert ein asiatischer Reishut. Im Vordergrund angekommen, posiert sie in strenger Haltung – die Hände in die Taille gestemmt, den linken Fuß nach links und den Kopf ins Profil gedreht.

Plötzlich erhellen Blitzlichter die Szene. Fotoshooting. In einer der nächsten Einstellungen sieht man das Model im legendären „Bar Jacket“ umringt von vier Kolleginnen in verschiedenfarbigen Kleidern. Auf ein Zeichen beginnen sich die vier zu bewegen. Es entsteht eine Fotografie voller zarter, anmutiger Dynamik – das Motiv des Plakats zur Ausstellung „Christian Dior. Couturier du Rêve“ (Christian Dior. Designer der Träume) ist im Kasten. Gegen Ende des Films wird man ihm auf den Plakatwänden in den Straßen von Paris wiederbegegnen.

Französische Originalversion

Extravagante Roben, die aus Kisten steigen

Mit über 700.000 Besuchern hat die Schau im Musée des Arts décoratifs alle Rekorde gebrochen und monatelang für lange Schlangen vor dem historischen Museumsgebäude in Paris gesorgt. Jetzt kann man in einem Film auf YouTube verfolgen, wie die Ausstellung aus Anlass des 70. Firmengeburtstags von Dior entstanden ist. Dabei zeichnet der Film von Benjamin Vu nicht einfach nach, wie in einem Unternehmen Mode gemacht wurde, das Tradition stets mit Zeitgenossenschaft zu verbinden wusste und die jüngere Modegeschichte entscheidend mitgeprägt hat.

Vu lädt ein zu einem Dialog mit den beiden Kuratoren Florence Müller und Olivier Gabet, verfolgt Schritt für Schritt, wie die Schau konzipiert und wie sie im Museum eingerichtet wurde: Man begleitet die Kuratorin ins perfekt geordnete Archiv von Dior, blättert in Ordnern voller Zeichnungen, Stoff- und Farbmustern. Man ist dabei, wenn extravagante Roben profanen Transportkisten entsteigen, strenge und üppige Kleider ausgewählt, restauriert, drapiert werden. Man staunt, wie die virtuose Szenografie entwickelt wurde. Nach und nach beginnt man zu verstehen, wie schwer es ist, Gewänder ansprechend zu inszenieren: Sie auf Puppen zu arrangieren, erklärt Florence Müller, gleiche der Arbeit eines Bildhauers und es sei eine fast vergebliche Anstrengung, die Magie eines Kleides wiederherstellen zu wollen, das von einem lebendigen Model getragen wurde.

Der Film lässt das Auge immer wieder in Stoffen schwelgen, über Schnitte staunen und sich in Bergen von Tüll verlieren – bis eine Idee davon entsteht, wie unglaublich aufwendig es ist, Mode in einer Ausstellung zu präsentieren.

Entsprechend viel gibt es zu tun: Accessoires, Archivfotos, Skizzen und Roben von Christian Dior und allen seinen Nachfolgern wollen ausgewählt werden, bis hin zu Gemälden, war Dior der Kunst doch eng verbunden: Bevor er 1947 seine erste Kollektion herausbrachte, führte er von 1928 bis 1934 zusammen mit zwei Freunden eine Kunstgalerie. Der Film lässt das Auge immer wieder in Stoffen schwelgen, über Schnitte staunen und sich in Bergen von Tüll verlieren – bis eine Idee davon entsteht, wie unglaublich aufwendig es ist, Mode in einer Ausstellung zu präsentieren. Bei einer Modenschau, erklärt Müller eine der Schwierigkeiten, Kleider auszustellen, sitzt das Publikum und die Models bewegen sich über den Laufsteg; im Museum ist es umgekehrt.

Auf den Spuren des New Look

Als Christian Dior am 12. Februar 1947 bei der Präsentation seiner ersten Kollektion sein „Bar Jacket“ vorstellte, revolutionierte er die Mode und veränderte das vom Zweiten Weltkrieg gezeichnete Pariser Straßenbild. Waren die vorausgegangenen Jahre von Verlust und Kargheit geprägt, erinnerte der Designer nun wieder an den Glamour und prägte eine völlig neue Silhouette: den sogenannten „New Look“. Dessen „Blütenkelchlinie“ umschreibt die Kombination aus der betonten Taille und dem wadenlangen, weit schwingenden Rock, der Ende der 1940er-Jahre verschwenderisch viel Stoff in Anspruch nahm. Zum Manifest des New Look wurde das Jäckchen mit abgerundeten Schultern und extrem betonter Taille, sichtbar nach untenhin ausgestellt und so die Hüften betonend. Es wurde, wie es die Kuratorin ausdrückt, zum Emblem einer Mode, die revolutionär erschien, obwohl sie sich für „retro“ hielt. Fortan stand das Bar Jacket für Beschwingtheit, Frische und Modernität – und wurde zu einem der Grundpfeiler von Diors Erfolg. In den siebzig Jahren, die seit seiner Vorstellung vergangen sind, tauchte es in vielen Kollektionen des Haues auf.

Zum Manifest des New Look wurde das Jäckchen mit abgerundeten Schultern und extrem betonter Taille, sichtbar nach untenhin ausgestellt und so die Hüften betonend. Es wurde zum Emblem einer Mode, die revolutionär erschien, obwohl sie sich für „retro“ hielt.

Hommage an eine große Kunst

Es gelingt dem Film, den Zuschauer zugleich für die Haute Couture und für die Dior-Ausstellung zu begeistern. Indem er deren Entstehen facettenreich nachzeichnet, verneigt er sich vor dem Gründer des Modehauses, huldigt aber auch all den anderen Designern, die für Dior gearbeitet haben – von Yves Saint Laurent und Gianfranco Ferré bis zu John Galliano, von Raf Simons bis zu Maria Grazia Chiuri. So ist der Film sehr viel mehr als eine Dokumentation. Im Namen Diors gelingt ihm eine Hommage an eine große Kunst, von der Florence Müller am Ende sagt, sie sei in all ihrer Komplexität wie die Arbeit an einem Film.


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