Von Thomas Wagner.

Ein Kloster für Menschen, die eine Welt bauen wollen.

Gedreht aus Anlass des 50. Gründungsjubiläums der HfG, dokumentiert der nun als DVD erschienene Film von Günther Hörmann und Martin Krampen facettenreich die Entwicklung der legendären Ulmer Designhochschule – aus der Perspektive einiger ihrer wichtigsten Protagonisten.

Wie nähert man sich einem Mythos? Wie porträtiert man eine legendäre Institution, die längst Geschichte ist, ohne über Gebühr zu verklären, was gewesen ist? Was ist Bekenntnis? Wo beginnt die kritische Reflexion? Gleich zu Beginn des Films „Die Hochschule für Gestaltung, Ulm: Design für Millionen“ von Günther Hörmann und Martin Krampen stellt die Filmemacherin Jeanine Meerapfel (einst Studentin an der HfG und heute Präsidentin der Berliner Akademie der Künste) fest: „Was mich sehr beeindruckte, war diese sehr seltsame Kombination von Intellektualität und praktischem Wissen – das heißt, die redeten immer davon, wie man die Welt verändern sollte über ein Design“. Danach fragt der Designer Alexander Neumeister: „Warum sind Ulmer Ulmer, und wie werden Ulmer Ulmer?“ – um sogleich hinzuzufügen, das habe er nie so ganz herausgekriegt.

Rasch wird deutlich: Der Anspruch der Ulmer Hochschule, die von 1953 bis 1968 bestand, war nie bescheiden. Schon Ende der 1940er-Jahre hatten Inge Scholl, Otl Aicher und Hans Werner Richter eine neue Hochschule konzipiert, deren Absolventen als Journalisten, Architekten, Städtebauer, Produktgestalter oder Grafiker am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft mitwirken sollten. Das Projekt, entstanden aus dem Geist politischer Erneuerung, wurde von Beginn an von der Ambition getragen, das Erbe des 1919 in Weimar gegründeten und 1933 von den Nationalsozialisten geschlossenen Bauhauses antreten zu wollen, um dessen Ansätze für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Aussichtsterrasse der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Quelle: absolut Medien GmbH.

Eine Schule für die modernsten Berufe

„Das ist keine Universität, kein Technikum, keine Akademie und auch keine Werkkunstschule, sondern etwas völlig Neues und Einmaliges in der Welt – eine Schule für die modernsten Berufe, die es gibt: sie bildet Fachkräfte aus für die Gestaltung industrieller Erzeugnisse und für die Gestaltung neuer Ausdrucksmittel für Presse, Funk und Werbung“ – tönt es 1958 in einem Archivfilm über die HfG. „Wie früher zum weltberühmten Bauhaus nach Weimar, so pilgern heute junge Leute aus aller Welt hierher, wo sie bei bedeutenden internationalen Fachkräften studieren können.“

Initiationsriten

Die Aufnahme in die Hochschule gleicht einer Initiation: Man schneidet sich gegenseitig die Haare, sehr kurz, sehr funktionell („eine sehr mönchische Frisur“). Die Studierenden übernehmen die Kleinschreibung, nicht, wie es im Kommentar heißt, aus „historischen oder sprachphilosophischen Überlegungen, sondern aus Zweckmäßigkeitsgründen, Großbuchstaben sind Umwege für Hand und Auge“. Mit dem Familiennamen lassen sie ihre „Herkunftsbelastung“ fahren. Durch den ständigen Zwang, alles begründen zu müssen, wird ihre Denkweise umfunktioniert, ihr Empfinden um-montiert. Man war sich in Ulm bewusst, woran man anzuknüpfen gedachte: an eine, wie es heißt, „unnachgiebige Moderne“. Und man wusste, was man sein wollte: eine neue Pilgerstätte für alle, die die Zukunft gestalten wollen.

Blick in die Gipswerkstatt der HfG Ulm. Quelle: absolut Medien GmbH.

Die Macher stehen im Vordergrund

Zwischendurch ziehen Produkte, die an der HfG entstanden sind, am Auge des Betrachters vorbei. Im Fokus des Films aber stehen die Macher: Hans Gugelot (Dozent für Produktgestaltung) erklärt, was bei der Gestaltung eines Fernsehgeräts untersucht wurde. Herbert Ohl (Dozent für Industrialisiertes Bauen) spricht über Beleuchtungsverhältnisse bei diffusem oder gerichtetem Licht. Tomás Maldonado (Dozent für Visuelle Kommunikation) erläutert, worauf es beim Entwurf von Firmenzeichen ankommt. Das Werbefilmhafte der Archivaufnahmen ist nicht zu übersehen. Mit Blick auf das zerstörte Ulm werden Neubeginn und Wiederaufbau beschworen – samt einem Scheck über 1 Million Mark aus dem amerikanischen McCloy-Fonds für den Bau der Schule. „Wir gingen“, hört man Otl Aicher erklären, „nicht von einer Vorstellung aus, von einem Ziel, das und das möchte man erreichen, die und die Gesellschaft, sondern wir wollten Arbeitsmethoden entwickeln, die zu besseren Verhältnissen führen, zu humaneren, zu menschlichen Verhältnissen. Und das kann man nicht postulieren, weder von einem Buch noch von einer Kanzel aus, das muss man machen. Das muss man in die Hand nehmen – und deshalb haben wir die Hochschule für Gestaltung gemacht.“ Der Rektor Max Bill stellt denn auch klar: „Kunst gibt es bei uns nicht, wir machen keine Kunst.“

Kontroversen

Auch die bekannten Kontroversen blendet der Film nicht aus. Besonders jene mit Max Bill über die Fortsetzung der reinen Bauhauslehre, die 1957 zu seinem Weggang führte – und zur Umorientierung auf eine stärker an Wissenschaft und Theorie orientierte Ausbildung, hieß die Bauhaus-Tradition fortsetzen doch für Tomás Maldonado, in jenen Tagen einer der Gegenspieler Bills, sich vom Bauhaus zu distanzieren. Ebenfalls aus interner Sicht dokumentiert wird der Zwist zwischen Designern und Wissenschaftlern, der zur Entmachtung der wissenschaftlichen Dozenten mittels einer Verfassungsänderung führte, woraufhin viele Wissenschaftler die Hochschule verließen.

Dramaturgisch geschickt zieht sich wie ein roter Faden durch den Film der Text eines Hörfunkberichts von 1959, in dem es einmal heißt: „Wirklich, man könnte die Hochschule auf dem Kuhberg ein Kloster nennen, ein Kloster für Menschen, die eine Welt bauen wollen aus ihren reinsten Elementen – aus Zahl und Zeichen, eine neue Welt, die einen neuen Menschen formt. Wie wird diese Welt aussehen, zu deren Vorposten sich der Weltgeist den Kuhberg wählte? Was wird sein, wenn diese Hochschule Geschichte worden ist? Werden die Menschen mehr Menschen sein, mehr Menschen sein können?“

Dozenten der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Quelle: absolut Medien GmbH.

Film, Interviews und Buch

Der Film dokumentiert die Geschichte der HfG Ulm hauptsächlich aus der internen Perspektive einiger ihrer wichtigsten Protagonisten. Einblicke in Programmatik und Pädagogik, Erfolge und Konflikte eingeschlossen, bis hin zur finanziellen Krise, der Frage der Verstaatlichung und dem Ende, der Einstellung des Hochschulbetriebs im November 1968. Wer mehr als die lohnende, 43 Minuten lange Zusammenschau sehen möchte, dem bietet die DVD jede Menge Zusatzmaterial: In sieben Interviewfilmen (aufgezeichnet zum 50. Gründungsjubiläum der HfG) eröffnen Tomás Maldonado, William B. Huff, Eugen Gomringer, Gui Bonsiepe, Alexander Neumeister und Claude Schnaidt vertiefende Perspektiven. Ergänzt wird das filmische Material durch ein PDF des vergriffenen Buches „Die Hochschule für Gestaltung Ulm – Anfänge eines Projektes der unnachgiebigen Moderne“ von Martin Krampen und Günther Hörmann (Verlag Ernst und Sohn, Berlin 2003), sowie ein Begleitheft mit Texten von Christiane Wachsmann, der langjährigen Mitarbeiterin und Kuratorin im HfG-Archiv, und Günther Hörmann.

Auch wenn externe Perspektiven weitgehend ausgeblendet bleiben, der dokumentarische Blick in und auf die legendäre Ulmer Hochschule macht deutlich, wie leidenschaftlich in Ulm über das Berufsbild des Designers gestritten wurde.


Design für Millionen (Ulmer Dramaturgien 3)

Regie: Günther Hörmann, Martin Krampen
DVD, AbsolutMedien 2019
ISBN: 978-3-8488-8030-0
9,90 Euro

Hier geht es zum Trailer.

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