Seine eigene Unwissenheit verkaufen.

Von Thomas Wagner.

Geschichte braucht eine Adresse: Ray und Charles Eames waren das Traumpaar des Mid-Century-Designs. Weshalb es lohnt, sich den Dokumentarfilm „Eames: the architect and the painter“ anzusehen und was man dabei für die Gegenwart lernen kann.

Ray und Charles Eames gelten bis heute als das Traumpaar des Mid-Century-Designs. Der Krieg war gewonnen, Amerikas Aufstieg beschleunigte sich weiter, die eben noch heroische Moderne wurde demokratisch – und die Welt des Massenkonsums wollte neu und bunt gestaltet werden. Plywood Chair, Plastic Chair, Lounge-Chair, Eames-House, Filme und Multimedia-Shows – die Eames und was sie geschaffen haben, kennt fast jeder. Weshalb also sollte man sich den Dokumentarfilm „Eames: the architect and the painter“ von Jason Cohn und Bill Jersey aus dem Jahr 2011 unbedingt anschauen?

Nicht nur, weil die Konturen des Gestern aus der Distanz an Schärfe gewinnen, sondern auch, weil ihr Bild im Kontrast etwas über die eigene Gegenwart verrät. Künstler, erklärt Charles Eames zu Beginn des Vorspanns, sei ein Titel, den man sich nicht selber verleihe. Wie sich die Zeiten geändert haben. Heute nennt sich fast jeder einen Künstler, und muss nicht erst werden, was er noch nicht ist. Was aus Ray Kaiser, die Malerei studierte, was aus Charles Eames, der es mit Architektur versuchte, werden würde, stand nicht von vorneherein fest.

Der Film zeichnet denn auch nicht nur den Werdegang, die Ehe, die gemeinsame Karriere von Ray und Charles mit ihren Wendungen und all ihrem Erfolg nach. Er geht, wenn das auch nicht explizit ausgesprochen wird, auch der Frage nach, wie Designer zu dem geworden sind, was sie heute sind. Wobei es plötzlich keine Rolle mehr spielt, ob Charles Architekt, Designer, Fotograf, Filmemacher oder Ausstellungsgestalter war. Und Ray, seine Ehefrau und unverzichtbare Partnerin im prosperierenden Designstudio, so heißt es und so sagt sie es auch selbst, betrachtet alles, als sei es Malerei, sah im Design nur eine andere Art von Malerei. Architektur, Malerei, das waren – wie ihr Enkel Eames Demetrios bemerkt – für beide nichts als bestimmte Weisen, die Welt zu betrachten: Für ihn war was immer er machte eine Erweiterung der Architektur; für sie eine Ausdehnung der Malerei. Wohl auch deshalb lautet der Titel des Films: Der Architekt und die Malerin.

Eames-Office, Venice Beach, 901 Washington Boulevard

Es lohnt den Film anzuschauen aber auch, weil er einen Blick in das legendäre Eames-Office im kalifornischen Venice Beach gewährt und aufzeigt, aus welchen Energien, Bedürfnissen und Elementen der Archetyp eines Designbüros entstanden ist. Wie es Deborah Sussman, die 1953 im Eames-Office begann und zehn Jahre für die Eames arbeitete, ausdrückt, galt hier schlicht: „Life was work was fun was life“. Arbeit „24-7-365“, jeden Tag und rund um die Uhr, eine Art „delicious agony“, fast wie in einem Tempel.

Für Gordon Ashby, der aus einem wohlgeordneten Architekturbüro in Office kam, war dies ein einziger großer Zirkus. Und Tina Beebe, von 1977 bis 1980 mit dabei, fühlte sich, als sei sie in Disneyland. Wahrscheinlich trifft alles zu, bleibt aber so vage und subjektiv wie der Hinweis auf das Atelier eines Renaissance-Künstlers mit seinen Gehilfen. Die Zentralgestirne Ray und Charles scheinen jedenfalls viele junge und talentierte Designerinnen und Designer eingefangen zu haben, die sie wie Trabanten umkreisten, und sich nun loyal, überlegt, manchmal auch kritisch über die langen Jahre im Studio, über Charles und Ray, dieses oder jenes Projekt, äußern. Alles, heißt es einmal, und das war das Entscheidende, sei für Charles miteinander verbunden gewesen.

Das Bild einer Epoche

Ein dritter Grund, den Film anzuschauen, liegt darin, dass dieser mehr als das Portrait des prickelnden, bunten, vielfältigen Lebens, Schaffens und Wirkens der Eames zeichnet. Was aus den vielen Puzzlesteinen entsteht – fast nebenbei und ohne eine Summe zu ziehen – weitet den Blick und charakterisiert eine ganze Epoche. Es ist eine Zeit, die Amerika und das Design geprägt hat und in vielem bis heute nachwirkt. Natürlich kommt dabei auch jede Menge Bekanntes zur Sprache. Aus den Experimenten von Charles zusammen mit Eero Saarinnen, von der Beinschiene aus geformtem Schichtholz bis zur „Kazam! Machine“, einem selbstgebauten Apparat zum Formen von Sperrholz, der entscheidend zur erfolgreichen Konzeption der Plywood Group beigetragen hat, und Filmen wie „Power of Ten“ – im zuweilen etwas heroischen Ton der Rückschau erzählt – wird eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte, bei der gewöhnliche Gegensätze zwischen Privatem und Öffentlichem, Leben und Arbeit, zusammenfallen.

Verstehen kann man nicht delegieren

Viertens lässt sich in dem Film Anregendes über methodisches Vorgehen erfahren. Das Credo der Eames kennt jeder, und Ray wiederholt es: „We wanted to make the best for the most for the least” – das Beste für die meisten für das wenigste Geld. Hier vermischt sich der europäische Optimismus der 1920er-Jahre mit der enorm selbstbewussten und noch von keinem Zweifel irritierten amerikanischen Konsumkultur der Nachkriegszeit. Und doch, so erfährt man, entstand Design bei den Eames aus einem nie endenden Lernprozess. Der Enkel Eames Demetrios nennt eine damit verbundene Einsicht, die sich zu einem wichtigen Prinzip verdichtete: Nicht von der Form ausgehen, sondern von den im Prozess gemachten Erfahrungen. Kurz: Learning by doing. Oder, wie Charles es ausgedrückt hat: „Never delegating understanding“ – eine Sache kann man nur selbst verstehen.

„We wanted to make the best for the most for the least.”

Ray Eames

Zwei, die sich bestens ergänzen

Es ist keine Überraschung, dass es die charakteristische, von den Eames geschaffene und gelebte Mischung aus Praktischem und Ästhetischem, Architektonischem und Künstlerischem ist, die in zahlreichen Bereichen zeitgenössischen Lebens Spuren hinterlassen hat. Bei Ray, einer Schülerin von Hans Hoffmann, war es das untrügliche Gefühl für Farben und Formen, für ästhetische Fragen aller Art, das sie unersetzlich machte. Selbst im Eames-House, so berichtet Pat Kirkham im Film, seien der Boden und die Decke, ja selbst das Sofa für Ray nur eine weitere Leinwand für eine Collage gewesen. Charles war charismatisch und sehr attraktiv – „handsome and smart and cool“, nennt ihn Paul Schrader – und trat als der selbstsichere Kommunikator auf, der gern Bilder anstelle von Worten verwendete.

Beide ergänzten sich bestens, und für beide galt: Dinge sind mehr als bloße Objekte. Sie haben Bedeutung und besitzen Charakter, sind Ausdruck von Ideen. Und so lautet eine weitere Erkenntnis beim Betrachten des Films: Viele Designer sind zufrieden damit, Objekte zu bearbeiten. Er, Charles, aber war nur wirklich glücklich, wenn er an einer Idee arbeiten, etwas, was er noch nicht kannte, vorantreiben konnte. Bei alledem ist der Film keineswegs nur eine Hymne, spart Widersprüche nicht aus, ob sie Privates (wie Affären von Charles), Propagandafilme für Amerika, oder Werbendes für IBM und Computer betreffen.

Verkaufen sie ihr Fachwissen, ist ihr Repertoire begrenzt. Verkaufen sie ihre Unwissenheit, ist ihr Repertoire unbegrenzt. Er verkauft seine Unwissenheit und seinen Wunsch, etwas über das Thema zu lernen. Und die Reise, die er unternommen hat, um vom Nichtwissen zum Wissen zu gelangen, war seine Arbeit.

Richard Saul Wurman über Charles Eames

Seine eigene Unwissenheit verkaufen

Richard Saul Wurman, Gründer der TED, bringt in wenigen Worten auf den Punkt, was Charles von anderen Gestaltern unterschieden und die enorme Spannweite seiner Projekte und den Erfolg des Eames Office begründet hat: „Verkaufen sie ihr Fachwissen, ist ihr Repertoire begrenzt. Verkaufen sie ihre Unwissenheit, ist ihr Repertoire unbegrenzt. Er verkauft seine Unwissenheit und seinen Wunsch, etwas über das Thema zu lernen. Und die Reise, die er unternommen hat, um vom Nichtwissen zum Wissen zu gelangen, war seine Arbeit.“

Ob Westinghouse, Boeing oder Polaroid, verhandelt wurde direkt mit den Chefs. Und die Verträge wurden per Handschlag auf folgender Basis geschlossen: Sie bekommen das beste Produkt, aber wir können ihnen nicht sagen, was das kostet. Nicht nur die Eames und ihr Office, sie aber in besonderem Maße, haben anstelle des Stylisten den Designer als einen Universalisten des Gestaltens in Industrie und Gesellschaft verankert und einem großen Publikum bekannt gemacht. So zeichnet „the architect and the painter“ nicht nur das Portrait eines außergewöhnlichen Designer-Paars. Entfaltet wird ein flirrender, typisch amerikanischer Kosmos, gebildet aus Ideen und Arbeit, eine Welt voller Möglichkeiten und Freiheiten, Dinge zu erproben und gestaltend zu verändern.



Eames: the architect and the painter
Regie und Produktion: Jason Cohn, Bill Jersey
Skript: Jason Cohn
Erzähler: James Franco
Quest Productions, Bread & Butter Films
American Masters Productions 2011
Länge: 84 Minuten
Sprache: Englisch

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