Von Thomas Wagner.

Warum ist etwas so und nicht anders?

Spätestens mit „Rams“ avancierte Gary Hustwit 2018 zum Lieblingsdokumentarfilmer der Designszene. Mit „Objectified“, dem zweiten Teil einer Trilogie über zeitgenössisches Gestalten, hat er 2009 eine Hommage an das Produktdesign und einige seiner Protagonisten gedreht.

Ist das der Stoff, aus dem Träume werden? Im Vorspann von Gary Hustwits Dokumentarfilm „Objectified“ sieht der Zuschauer, wie weißes Granulat aus einem Behälter von einem Schlauch angesaugt wird. Gleich darauf kommt aus einer großen Presse ein strahlendweißer Kunststoffstuhl. „Wenn man ein Objekt sieht“, verkündet eine Stimme aus dem Off, „macht man in Sekunden jede Menge Annahmen darüber, was es ist, was es kann, wie schwer es ist und was es kosten könnte“. Oder man spekuliert darüber, wer es gestaltet hat.

Objekte senden vielfältige Botschaften. Sie sind eingesponnen in ein weitverzweigtes Netz aus Reizen, Bedeutungen, Erwartungen. Was fragt man sich, strahlt ein CD-Player aus, der an der Wand hängt und auf dem eine bunt bedruckte Scheibe rotiert? Was ein roter Stuhl, eine Leica-Kamera, ein Radio von Braun, ein MacBook Pro? Bis eine Oberfräse beginnt, cleanes weißes Material exakt abzutragen, bis daraus – zusammengesetzt aus Formen von Dingen vom Click-Rad bis zum Panton Chair – der Titel des Films entsteht: Objectified.

Produkte für Abermillionen

„Objectified“ ist ein Dokumentarfilm von Gary Hustwit über Alltagsgegenstände und diejenigen, die sie entwerfen. Premiere hatte der Film (als zweiter einer Design-Trilogie, die 2007 mit „Helvetica“ begonnen und 2011 mit „Urbanized“ ihren Abschluss gefunden hat) – am 14. März 2009 auf dem South By Southwest Festival im texanischen Austin. Schlaglichtartig und fragmentarisch werden in Interviews die Perspektiven einflussreicher Industriedesigner der Gegenwart wie Chris Bangle, Ronan & Erwan Bouroullec, Tim Brown, Dan Formosa, Naoto Fukasawa, Jonathan Ive, David Kelley, Bill Moggridge, Marc Newson, Anthony Dunne & Fiona Raby, Karim Rashid und Dieter Rams beleuchtet.

Zu Wort kommen aber auch Kritiker und Journalisten wie Rob Walker vom New York Times Magazine oder Alice Rawsthon von der International Herald Tribune und Museumskuratoren wie Paola Antonelli vom MoMA oder Andrew Blauvelt vom Walker Arts Center. So entsteht nach und nach ein Puzzle aus Statements, das von oft in Nachaufnahme gemachten Hochglanzbildern illustriert wird. Das Ziel von Industriedesign, stellt etwa Rawsthon klar, sei die Produktion standardisierter Produkte für Abermillionen von Menschen. Und Andrew Blauvelt erzählt die Geschichte des Zahnstochers, dessen oberes Ende sich nach Gebrauch abbrechen lässt, als Ablage und als Zeichen, dass er benutzt wurde.

Die komplexe Welt der Dinge

Hustwits Film gibt Einblicke in das System des Designs, in die Arbeitsprozesse von Designern, Agenturen, Museumskuratoren. Er fragt nach deren Begriff von Design, beschreibt Entwicklungen, Voraussetzungen, Annahmen und Kriterien – inklusive der dabei verbreiteten Ideologien. Dabei blendet er die Rolle, die Design im Alltag vieler Menschen spielt, bewusst nicht aus. Ob Wecker, Dusche oder Wasserkocher, alles, was uns von dem Moment an umgibt, an dem wir morgens aufwachen, ist gestaltet und verdient als Teil der Welt der Dinge unsere Aufmerksamkeit – von der Gestaltung des Griffs eines Kartoffelschälers bis zum Design eines Autos. Eine der Stärken des Films liegt denn auch darin, darauf hinzuweisen, wie komplex das Beziehungsgeflecht aus Bedürfnissen und Wünschen ist, wie sie von Laptops, Zahnbürsten oder Autos befriedigt und erfüllt werden, und welche Rolle kulturelle und körperliche Aspekte, Affekte, Emotionen und vieles mehr spielen.

Rams, der Bonsai und das Überflüssige

Man sieht Dieter Rams, wie er im Garten seines Hauses in Kronberg einen Bonsai mit der Nagelschere schneidet und kritisiert, dass es heute soviel Überflüssiges gebe, nicht nur im Konsumgüterbereich. Was abermals in Rams bekannter These mündet, gutes Design sei so wenig Design wie möglich. Danach wechselt die Szene von Braun zu Apple, von Dieter Rams zu Jonathan Ive, der erklärt, wie die Aluminiumgehäuse der Apple-Rechner mit all ihren Befestigungspunkten entwickelt werden, wie aus dem Abfall eines Rahmens neue Teile entstehen. Eher nebenbei stellt Ive eine Frage, die ins Zentrum jeder Art von Gestaltung zielt, im Film aber nicht weiterverfolgt wird: Warum ist etwas so und nicht anders?

Materielle versus immaterielle Kultur

Der Film feiert eine verfeinerte Objektkultur, beobachtet aber zugleich anhand von Produkten, an denen sich keine direkte Beziehung mehr zu ihrer Funktion ablesen lässt, den Wechsel zu einer immateriellen Kultur. Gerade weil vieles von dem was die Dokumentation – sie stammt von 2009 – zeigt, fast schon historisch erscheint, lassen sich Unterschiede zur Gegenwart umso deutlicher erkennen. Je länger der Film läuft, desto offensichtlicher wird, dass wir alle noch immer in einer wesentlich materiell geprägten Kultur leben, deren prototypische Vertreter, Ausstatter und Propagandisten Designerinnen und Designer sind. Für sie dreht sich am Ende nahezu alles um Produkte – wie man sie entwickelt, wie man sie gestaltet, wie man sie herstellt, wie man sie verkauft, und wie man sie am Ende wieder los wird. Leben wir, trotz Internet und Digitalisierung, womöglich mehr als je zuvor in einer materiellen Kultur der Massenproduktion? Was bedeutet das für den Wandel hin zu einer immateriellen Kultur?

Der Film regt immer wieder dazu an, sich solche Fragen zu stellen. Er selbst stellt sie nur indirekt, implizit. Insofern verhält er sich zu seinem Gegenstand eher illustrativ als reflexiv. Er zeigt den Menschen als Schöpfer von Dingen, die sich mit Händen greifen lassen, weniger als einen, der allein mit Gedanken und Ideen spielt. Der Problematik, wie eine Kultur jenseits von Kapitalismus, Wunschökonomie, Massenproduktion und -konsum aussehen und was Designer dazu beitragen könnten, stellt sich der Film nicht. Chris Bangle, bis 2009 Chefdesigner von BMW, benennt eine der Rückkopplungsschleifen zwischen Gestalter und Kunde, wenn er feststellt: „Das Auto sollte die Spiegelung der emotionalen Energie sein, die der Betrachter in ihm sehen möchte.“ Verdinglichung als kritische Kategorie? Was sich objektiviert, wenn Gefühle verdinglicht werden, darüber sagt der Film leider wenig.

Sind Designer Generatoren der Zukunft?

Im Kaleidoskop der Bilder sichtbar werden die kulturellen Unterschiede und methodischen Differenzen zwischen einzelnen Designern und Branchen, von der Möbel- bis zur Auto- und Elektronikindustrie, von der Arbeit mit Modellen bis hin zu den Post-it-Orgien von IDEO und dem Erfolg des Design-Thinkings, von der Gestaltung von Hardware bis zum Interaction Design. Dabei wird erkennbar, wie gründlich sich die Perspektiven hinsichtlich Nachhaltigkeit und Recycling verändert haben. Was vor zehn Jahren noch die Ausnahme war, rückt mehr und mehr in den Fokus. Ob, wie Paola Antonelli glaubt, Designer tatsächlich die kulturellen Generatoren der Zukunft sein werden? Akteure, die statt Dingen Szenarien gestalten, die Menschen helfen, die Folgen ihrer Objektwahl zu verstehen?

Wer im letzten Teil des Films auf die experimentellen Entwürfe von Dunne & Raby stößt, die sich um die Teilhabe des Benutzers an der Gestaltung drehen, der wünscht sich, hier möge nochmal ein neuer Film beginnen. Zum Schluss lässt Dieter Rams keinen Zweifel daran, wie sehr sich die Schwerpunkte verschoben haben und weiter verschieben: Design, sagt Rams, werde in Zukunft daran zu messen sein, was es zu leisten vermag, um uns das Überleben auf diesem Planeten zu ermöglichen.

Objectified, 2009
75 Minute
n

Von Gary Hustwit
Editor: Joe Beshenkovsky
Director of Photography: Luke Geissbuhler

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