Von Thomas Wagner.

Das Wunder von Riola

Der Dokumentarfilm entdeckt ein Juwel der modernen Architektur wieder und erzählt die abenteuerliche Geschichte seines Entstehens. Im Mittelpunkt steht Kardinal Lercaro, der sich von Alvar Aalto eine Umsetzung der neuen Liturgie in Architektur erhofft.

Bologna. Ein junger Mann geht in die Bibliothek. Er holt vier Bücher über den finnischen Architekten und Designer Alvar Aalto (1898 bis 1976) aus dem Regal, legt sie auf den Tisch und beginnt aufmerksam darin zu blättern. In einem der Bände stößt er auf einen Zeitungsausschnitt mit der Überschrift: „Eine ganze Stadt wartet auf die Kirche von Alvar Aalto“. Der junge Mann macht sich auf den Weg. Wir werden ihn wiedersehen.

Der 19. November 1965, erfährt man wenig später in dem sehenswerten italienischen Dokumentarfilm „Non abbiamo sete di scenografie“ von Mara Corradi und Roberto Ronchi, der, versehen mit englischen Untertiteln, nun für ein größeres Publikum zugänglich ist, muss ein ganz besonderer Tag gewesen sein. Kardinal Giacomo Lercaro, Erzbischof von Bologna, macht auf dem Rückweg vom Zweiten Vatikanischen Konzil, bei dem er die für die Liturgie zuständige Kommission geleitet hat, Station im Palazzo Strozzi in Florenz, wo gerade eine Ausstellung über Alvar Aaltos Architektur stattfindet. Glauco Gresleri, selbst Architekt, hatte den Kardinal gefahren und berichtet, was sich bei der ersten Begegnung von Kardinal und Architekt zugetragen hat: „Alvar Aalto und der Kardinal sahen sich in die Augen – und das war der Moment, in dem die Geschichte beginnt.“ Es war eine Begegnung, die Folgen haben sollte – für den Kardinal, für Alvar Aalto, für die Kommune Riola di Vergato in der Region Bologna, für ihre Bewohner, für den Bauunternehmer Mario Tamburini und, nicht zuletzt, für die Architekturgeschichte.

Hindernisse, Fallstricke, Intrigen

Die Kirche in Riola, für deren Bau Kardinal Lercaro den Architekten gewinnen konnte, ist Aaltos einziges Bauwerk in Italien, dem Land, zu dem er seit langem große Zuneigung empfand. Vier Jahre haben Corradi und Ronchi an dem Film gearbeitet. Er entdeckt nicht nur das außergewöhnliche, über Jahrzehnte weitgehend unbeachtet gebliebene Bauwerk wieder, er zeichnet auch all die Hindernisse, Fallstricke, Intrigen und Rückschläge nach, die bis zu dessen Fertigstellung überwunden werden mussten. In klaren Bildern und ruhigem Ton erzählt wird die oft recht abenteuerlich klingende Geschichte anhand von dokumentarischem Material, Interviews mit beteiligten Architekten, Mitstreitern, verschiedenen Schlüsselfiguren und Einwohnern von Riola. Je mehr Puzzlestücke zusammengefügt sind, umso deutlicher wird erkennbar, dass Kardinal Giacomo Lercaro nicht nur der Initiator des Projekts war. Für ihn stand mehr auf dem Spiel als der Bau einer Kirche.

Ein Juwel modernen Kirchenbaus

Dann taucht sie, gelegen zwischen Fluss und Berg, im Film auf: die Kirche Santa Maria Assunta in Riola. Auf dem Platz vor der Kirche empfangen einen die leicht ineinander geschobenen Betonscheiben eines freistehenden Glockenturms. In einigem Abstand erhebt sich wie ein kleines Bergmassiv das sich konisch leicht verjüngende Kirchenschiff mit seinen charakteristischen, in Sheddächern mündenden Bögen. Der schlichte, weiße Innenraum wird überspannt und getragen von prägnanten Bogenspangen, deren Form an das Gestell eines von Aaltos Sesseln erinnert. Die Atmosphäre in dem großen lichten Raum ist hell und klar.

Die neue Liturgie, in Architektur übersetzt

Der Kardinal hatte schon länger das Ziel verfolgt, den rasch gewachsenen Vorstädten Bolognas ein Zentrum und den Menschen einen Ort der Begegnung zu geben – zunächst durch provisorische Kirchen. Nach dem Konzil und dem Kontakt mit Aalto sah er die Chance, die katholische Liturgie durch moderne, anders geschnittene Kirchenräume näher an die Gläubigen heranzuführen. Im Film wird deutlich, dass der Kardinal davon überzeugt war, der architektonische Raum einer modernen Kirche harmoniere besser mit dem liturgischen Raum als der einer im traditionellen Stil gebauten. Entsprechend erwartete Lercaro, Aalto würde mit seiner auf den Menschen bezogenen Architektursprache etwas schaffen, das die neue Liturgie, die kurz vor der ersten Begegnung der beiden im Vatikan beschlossen worden war, auf sublime Weise interpretieren würde.

Der Film zeichnet auf subtile Weise den Ursprung und all die Wendungen des Projekts nach. Er erzählt von der Idee, Aalto zu beauftragen, von der List, die Menschen in der Gemeinde beim ersten Besuch des Architekten am Ort einzubeziehen, von großzügigen Gesten, Intrigen, dem erzwungenen Rücktritt des Kardinals und dem Stillstand des Projekts. Der Zuschauer erfährt, wie die Einwohner Riolas nicht aufgaben und die Realisierung des Baus durch Spenden sicherstellen wollten; und von dem Ultimatum, das der Bauunternehmer Mario Tamburini 1975, zehn Jahre, nachdem das Projekt begonnen worden war, der Kurie gestellt hat.

Am 17. Juni 1978 kann die Kirche schließlich in einer großen Zeremonie eingeweiht werden. Zwei Jahre nach Alvar Aaltos Tod. Der Kommentar der historischen Aufnahme fasst zusammen: „Die Schlacht ist vorbei, die Kirche ist fertig.“ Inzwischen ist der junge Mann aus der Bibliothek mit dem Zug in Riola angekommen und betritt die Kirche.

Trailer zum Film


Regie: Roberto Ronchi, Mara Corradi
Filmmusik: Antonio Ciacca, Andrea Gastaldello
Länge: 60 Minuten
Immagica Film, 2017

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