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Von Lutz Dietzold.

Leistung vs. Genuss-Radeln

Erinnern Sie sich auch noch an „Bicycle Race“, die Fahrrad-Hymne von Queen? „I want to ride my bicycle, I want to ride it where I like.“ Fahrrad-Fahren machte einfach Spaß und war eine von vielen Fortbewegungsmöglichkeiten. Heute erleben wir den ultimativen Fahrrad-Boom, viele Räder sind ausverkauft und haben lange Lieferzeiten. Und das liegt nur teilweise an Corona, denn auch der Leistungsfetischismus hat seinen Anteil am Hype.

Die Temperamentenlehre im Velozän

Im antiken Griechenland gab es die Lehre von den vier Temperamenten: Menschen wurden unterteilt in heitere Sanguiniker*innen, reizbare Choleriker*innen, grübelnde Melancholiker*innen und schwerfällige Phlegmatiker*innen. Im heutigen Zeitalter wird diese Lehre abgelöst von den vier Fahrrad-Typen, die einander gerne belächeln, doch mehr gemeinsam haben, als ihnen bewusst ist. An der einsamen Spitze befinden sich die High-Tech-Radler*innen mit ihren Mountainbikes, Cross- und Rennrädern. Hier hat in den letzten Jahren eine beispiellose Aufrüstung stattgefunden. Neueste Materialien und Technik aus dem Profisport lassen jede/n Hobbyradler*in zum Tour de France-Teilnehmenden werden. Auf Social Media und im Büro werden Bestzeiten und Höhenmeter ausgetauscht. Die Leistung muss zur perfekten Selbstdarstellung mit dem Deckmäntelchen des Gesundheitsbewusstseins permanent gesteigert werden. Dabei bleiben Umweltbewusstsein und auch gesunder Menschenverstand gelegentlich auf der Strecke – die steigenden Zahlen von Fahrradunfällen singen ein trauriges Lied davon.

Zum Siegeszug des Fahrrads hat aber vor allem die Einführung der E-Bikes beigetragen. Sie haben zur Demokratisierung der Mobilität geführt und ermöglichen auch den weniger sportlichen E-Biker*innen die Teilnahme am Wettbewerb um Kilo- und Höhenmeter. Die gestiegene Mobilität bedeutet für viele einen Gewinn an Lebensqualität. Und mit immer leistungsstärkeren E-Bikes ziehen Rentner*innen gelegentlich am jüngeren Mountainbiker*innen lächelnd vorbei und sind die ersten auf der Berghütte – solange der Akku aufgeladen ist. Entspannter geht es bei den Schönwetter-Radler*innen zu. Das Entdecken der eigenen Region auf dem Zweirad steht gerade hoch im Kurs. Doch auch hier steigt der Anspruch an Technik und Qualität des Fahrrads, denn aus kurzen Familienausflügen werden in diesem Jahr zunehmend längere Touren und sogar Fahrradurlaube. Der Underdog unter den Radfahrer*innen war bisher der/die Stadtradler*in, der/die sein/ihr meist günstigeres Rad als Ersatz für öffentliche Verkehrsmittel nutzt – eine vom Aussterben bedrohte Spezies angesichts des qualitativ hochwertigen Angebots an Stadträdern.

Die gestiegene Mobilität bedeutet für viele einen Gewinn an Lebensqualität.

Pop up-Radwege für den Primus inter Pares

Eins ist klar: Der Raum in der Stadt wird neu verteilt und die Fahrrad-Fraktion geht aktuell als Sieger hervor. In vielen Städten werden immer mehr Pop up-Radwege eingerichtet – mit gutem Grund. So ist zum Beispiel in München der Autoverkehr aktuell um 30 Prozent zurückgegangen, dafür hat der Radverkehr wesentlich zugenommen. Kritische Stimmen gegen Pop up-Radwege, die Probleme der Anwohner*innen und Gewerbetreibenden aufzeigen, werden oft ignoriert, Parkplätze aufgehoben, Rettungsfahrzeugen das Vorankommen erschwert. Der Siegeszug des Fahrrads scheint unaufhaltsam – im Stadtverkehr hat sich der Fahrradfahrer als Primus inter Pares durchgesetzt. Unterstützt durch eine starke Lobby scheinen Fahrradfahrer immer Vorfahrt zu haben. Ich plädiere auch dafür, dem Rad mehr Raum zu geben, schon allein, weil der öffentliche Nahverkehr in vielen Großstädten kurz vor dem Kollaps stand, aber Fußgänger*innen und Anwohner*innen haben auch Rechte – in Karlsruhe werden die Radfahrer*innen schon durch Schilder ermahnt, auf Fußgänger*innen Rücksicht zu nehmen.

Ein neues Mobilitätskonzept für Fahrräder bietet die Stadt Brüssel. Hier sind neue zweispurige Radwege über eine Länge von 40 Kilometern geplant. Radfahrer, aber auch Fußgänger sollen in der Innenstadt mehr Platz erhalten, während Autos und öffentliche Verkehrsmittel nur noch höchstens 20 km/h(!) fahren dürfen. So könnte eine Verkehrswende für einen neuen Lebensstil aussehen, eine Chance für nachhaltige Mobilität und ein Neustart, um den Verkehrsdruck in den Städten zu verringern. Das funktioniert allerdings nur, wenn auch Radfahrer*innen nicht nach dem „Höher, schneller, weiter-Prinzip“ durch die Stadt rasen.

Mobilität zum Anziehen: Mehr Power für Fußgänger*innen

Wie könnte eine Optimierung für Fußgänger*innen aussehen, damit diese nicht als altmodische Überbleibsel auf der Strecke bleiben? Ich stelle mir Exoskelette vor, die nicht nur in Hollywood-Blockbustern, sondern schon längst in der Realität angekommen sind. Am bekanntesten sind sicherlich die Paralympics-Sportler*innen, die mit modernen High-Tech-Prothesen schon fast das Tempo der besten Athlet*innen erreichen.  Auch für Hobbysportler*innen sind bereits Exoskelette erhältlich, die zum Beispiel die Beinmuskulatur beim Skifahren unterstützen sollen. Vielleicht sehen wir hier schon den nächsten Hype. Ausgestattet mit einem Exoskelett kann der/die Fußgänger*in der Zukunft mit den Zweirädern ins Rennen gehen. Es bleibt spannend.

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Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung

Lutz Dietzold, Geschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein

Lutz Dietzold (*1966) ist seit 2002 Geschäftsführer des Rat für Formgebung. Zuvor war er selbstständig in der Designkommunikation tätig und verantwortete als Geschäftsführer des hessischen Designzentrums die strategische Neuausrichtung der Designförderung.

Seit 2011 ist er Beiratsmitglied der Mia-Seeger-Stiftung und Mitglied im Vorstand der Stiftung Deutsches Design Museum, dessen Vorsitz er 2020 übernahm. Im selben Jahr wurde er in den Beirat des Dieselkuratoriums berufen.

Dietzold veröffentlicht regelmäßig Beiträge und hält national und international Vorträge zu einer Vielzahl von Themen. Daneben ist er Mitglied in zahlreichen Gremien und Jurys sowie Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums.

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