Innovationen bringen nicht nur einzelne Unternehmen wirtschaftlich voran. Sie liefern wichtige Impulse für ganze Branchen, verändern und prägen diverse Lebensbereiche. Die folgenden Gold-Gewinner des German Innovation Award 2020 sprechen über ihre prämierten Projekte aus den Bereichen Büro, Pharmazeutik und Energie.


Trend Verpackungsinnovation

Everic Vials (SCHOTT AG)

Gold-Gewinner des German Innovation Award 2020 „Excellence in Business to Business – Pharmaceuticals“

SCHOTT präsentiert eine neue Lösung für Pharmafläschchen: Bei Everic Vials handelt es sich um ein modulares System, bei dem der Kunde entscheiden kann, welche Eigenschaften für sein Medikament die besten sind. Das Konzept wurde für den wachsenden Markt der sensiblen biologischen Medikamente und der personalisierten Medizin in der Gen- und Krebsforschung entwickelt.

Kurzinterview mit Florence Buscke, Global Product Manager Vials bei Schott

Was war der Anlass für die Entwicklung der Everic Vials?

Wir haben uns den Markt für Pharmazeutika angeschaut, die sich derzeit in der Entwicklungsphase befinden. Dabei haben wir festgestellt, dass über zwei Drittel der neuen Medikamente nicht mehr rein chemischen Ursprungs, sondern zunehmend biologischen Ursprungs sein werden. Das hat zur Folge, dass insbesondere an die Verpackung von liquiden Medikamente individuelle Anforderungen auf Kunden- und Marktseite entstehen. Auch der zunehmende Trend zur personalisierten Medizin trägt diesem Trend Rechnung.

Dies erforderte ein Umdenken in unserer Produktportfolio-Logik und in der Produktentwicklung. Das Ergebnis war die Grundidee, ein Produkt anzubieten, das die verschiedensten Anforderungen durch modulare Produkteigenschaften erfüllt, bei einerseits vertretbaren Kosten und andererseits ohne das Packmittel so zu verändern, dass der Pharmazeut bei bereits registrierten Medikamenten eine aufwendige Neuregistrierung durchlaufen muss. Dadurch ermöglichen wir einen schnelleren Markteintritt des Medikaments und eine sichere Lieferung an die Personen, die die Medizin am dringendsten benötigen: unsere Patienten.

Wie gestaltete sich der Entwicklungsprozess?

Der Entwicklungsprozess ist relativ komplex, da sowohl das Glasrohr als auch die chemischen, geometrischen und physikalischen Eigenschaften des Pharmafläschchens optimiert bzw. erneuert wurden. Hinzu kommt noch, dass wir bei allen Eigenschaften auch immer eine sinnvolle Kombinatorik der verschiedenen Eigenschaften auf seine Wirksamkeit evaluieren und validieren mussten. Zusätzlich müssen verschiedenen Maschinentests, aber auch chemische Tests und Langzeitstudien durchlaufen werden, um sicher zu gehen, dass keine der Innovationen eine negative Auswirkung auf die Wirksamkeit der Medikamente oder Patientensicherheit haben kann.

Wir haben ein erstes Modul in 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt. Für die anderen Module laufen derzeit die Bemusterungen und die ersten Tests auf Abfüllmaschinen unter realen Produktionsbedingungen bei Pharmazeuten weltweit. Die Industrialisierung soll Ende 2020 abgeschlossen sein.

Welchen speziellen Nutzen hat das Produkt Everic Vials für die Anwender?

Der besondere Nutzen des Produkts besteht in seiner Modularität, indem sowohl auf Kunden- als auch Patientenbedürfnisse gleichermaßen bei der Produktentwicklung Rücksicht genommen wurde. Damit werden zwei wesentliche Markttreiber in einem Produkt erfüllt. Erstens, es kommt ein Produkt auf den Markt, dass sich entsprechend des Medikaments modular konfigurieren lässt, ohne an Sicherheit für den Patienten einzubüßen. Damit eignet sich das Produkt für eine sehr breite Palette von Anwendungen: von Impfstoffen über Krebs- und Immuntherapien bis hin zu Zell- und Gentherapien (Perfect Fit for use).

Zweitens erfüllt das Produkt die aktuellen Anforderungen, einen effizienten Produktionsprozess weiterhin zu optimieren, indem die Geometrien innerhalb der ISO Normen so optimiert werden und die Glasaußerfläche durch eine Beschichtung so geschützt werden, dass in der kompletten Wertschöpfungskette das Risiko von Glasbruch und kosmetischen Glasdefekten stark reduziert wird (Efficient Processing).


Trend Innovationskultur

Innovation Culture Toolkit (SAP SE)

Gold-Gewinner des German Innovation Award 2020 „Excellence in Business to Business – Office Solutions“

Zur Etablierung einer innovationsoffenen Unternehmenskultur hat das SAP-AppHaus-Team ein Modell entwickelt, das aus fünf zusammenhängenden Komponenten besteht: Mensch, Prozess, Raum, Führung und Technologie. Das Innovation Culture Toolkit beinhaltet sofort anwendbare Tools und Vorlagen zum Download, um ein globales Netzwerk innovativer Macher jenseits der Unternehmensgrenzen aufzubauen.

Kurzinterview mit Anja Schneider, Senior Vice President & Global Head of Customer Innovation bei SAP

Was war der Anlass für die Entwicklung des Innovation Culture Toolkit?

Im Laufe der Jahre, haben wir in unseren Innovationsprojekten mit Kunden immer wieder festgestellt, dass ähnliche Probleme auftreten – völlig unabhängig von Unternehmensgröße, Branche oder Nationalität. Zum Beispiel fiel es den meisten Teilnehmern in unseren Workshops sehr schwer, einen komplexen Geschäftsprozess zu visualisieren, weil sie keine Design-Skills hatten oder nicht zeichnen konnten.

Das war die Geburtsstunde unserer Scenes Methode mit der man z.B. Problemstellungen, Abläufe, Geschäftsprozesse etc. sehr vereinfacht analog oder digital visualisieren kann, mittels vorgefertigter Design-Elemente und Figuren. Auf diese Weise hat das SAP AppHaus Team nach und nach eine Methode nach der anderen entwickelt und zunächst innerhalb des globalen AppHaus Teams ausgerollt, um so unsere eigenen Projekte mit Kunden effizienter und erfolgreicher zu machen. Dazu kam dann, dass unsere Kunden uns immer häufiger um Unterstützung gebeten haben, Innovation ganzheitlich und nachhaltig auch in ihren Unternehmen zu verankern.

Deswegen haben wir uns und unsere Angebote weiterentwickelt von der projektbasierten Realisierung von Innovation hin zur Begleitung von Transformationen zu innovativeren Unternehmenskulturen. Wir haben ein Rahmenwerk für Innovationskultur entwickelt, das auf den fünf Säulen Mensch, Prozess, Raum, Führung und Technologie basiert und Unternehmen Orientierung bietet im ganzheitlichen Veränderungsprozess hinzu mehr organischer Innovation. Damit Unternehmen dauerhaft auch ohne unsere Unterstützung Innovation vorantreiben können, kamen wir als SAP AppHaus letztendlich auf die Idee, unsere bisherigen Erfahrungen, Tools und Methoden in einem umfassenden Innovation Culture Toolkit zu vereinen

Wie gestaltete sich der Entwicklungsprozess?

Die Erstellung der ersten Version des Innovation Culture Toolkit hat sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt – es handelt sich hierbei jedoch um ein Toolkit, das ständig im Wandel ist und in regelmäßigen Abständen mit neuen Tools und Methoden angereichert wird auf Basis unserer Erfahrungen in Kundenprojekten.

Warum hat es zunächst drei Jahre gedauert? 

Zuallererst mussten die einzelnen Tools und Methoden entwickelt und ausgereift werden, die dann am Ende im Toolkit vereint wurden. In dieser Entstehungsphase wurden die einzelnen Tools und Methoden immer wieder von unserem Team in verschiedenen Innovationsprojekten angewandt, getestet und optimiert. Herausfordernd war, das Toolkit so inhaltlich zu gestalten, dass es auch für Einsteiger nachvollziehbar und verständlich ist, welche Methoden und Tools, wann im Innovationszyklus am effektivsten angewendet werden können. Im Übrigen ist der Entwicklungsprozess aus unserer Sicht nicht abgeschlossen: Wir arbeiten kontinuierlich an neuen Methoden und Tools, die wir in unser Innovation Culture Toolkit integrieren werden.

Welchen speziellen Nutzen hat das Innovation Culture Toolkit für den Anwender?

Unser Innovation Culture Toolkit gibt Unternehmen hilfreiche und einfach verständliche Methoden und Ressourcen an die Hand, um aktiv eine holistische Innovationskultur in den eigenen Reihen zu etablieren. Unser SAP AppHaus Team hat durch jahrelange, direkte Zusammenarbeit mit Kunden verstanden, dass nur das Zusammenspiel von Mensch, Prozess, Raum, Führung und Technologie eine Innovationskultur schafft. Dieses Wissen mitsamt unseren Methoden möchten wir teilen, um ein globales Netzwerk von innovativen Machern aufzubauen, jenseits unserer Unternehmensgrenzen.

Wir sind fest davon überzeugt, dass ein ganzheitliches und auf die Bedürfnisse der Menschen aufbauendes Verständnis von Innovation fundamental ist für die Bewältigung zukünftiger globaler Herausforderungen. Wir sehen unser Innovation Culture Toolkit als kleinen Beitrag zu der Verbreitung dieser Haltung und Arbeitsweise. Wettbewerber wie IDEO oder IBM teilen zwar online Material oder Kurse zu vereinzelten Themen wie Design Thinking oder Innovation. Wir dagegen bieten unsere selbstentwickelten Tools und Methoden mitsamt eines How-to guides an, damit andere Unternehmen und Organisationen diese größtenteils direkt selbst anwenden können.


Trend Energiewende

Master+ USV-Batterie-System (RWE Supply & Trading GmbH)

Gold-Gewinner des German Innovation Award 2020 „Excellence in Business to Business – Energy Solutions“

RWE hat ein neues USV-Batteriesystem entwickelt: Master+ erlaubt die Teilnahme von Rechenzentren am Energiemarkt. Die Mehrkapazität der USV-Batterie wird für Netzdienstleistungen genutzt. Der Rechenzentrumsbetreiber profitiert von einem Investitionskostenzuschuss, von einem höherwertigen Batteriesystem mit einer längeren Überbrückungszeit, von der Möglichkeit einer vorausschauenden Instandhaltung sowie von einer mehrjährigen Gewährleistung auf die Batterie.

Kurzinterview mit Dr. Hans-Günter Schwarz, Head of Commercial Battery Solutions bei RWE Supply & Trading

Was war der Anlass für die Entwicklung des Master+ USV-Batterie-System?

Bereits vor rund fünf Jahren hat sich immer klarer herausgestellt, dass Batterien ein perfekter Partner der Energiewende sein können. Sie sind in der Lage unmittelbar große Mengen an Strom abzugeben und aufzunehmen. Damit eignen sie sich optimal für die Stabilisierung der Stromnetze. Ausgangspunkt unserer Innovation war nun die Frage, wo in unserem Unternehmen gibt es Batterien, die wir möglicherweise auch für Energiemarktzwecke einsetzen können? Ziel war es, durch eine Mehrfachnutzung von Batterien (Multi-Use) eine nachhaltige und wirtschaftliche Lösung für Batterieanwendungen zu finden.

In einem unserer ehemaligen Rechenzentren am Standort Essen wurden wir fündig. Dort waren USV-Batterien. Erste Untersuchungen zeigten, dass die vorhandenen Redundanzen in der Stromversorgung grundsätzlich eine Nutzung der Batteriekapazitäten für Energiemarktzwecke erlauben. Zwar erwiesen sich die Batterien im Nachhinein als zu klein und für Energiemarktzwecke ungeeignet – die vorhandene USV Anlage war in vielerlei Hinsicht veraltet – aber die Idee war geboren. Wir konnten loslegen.

Wie gestaltete sich der Entwicklungsprozess?

Es bedarf vieler großer und kleiner Schritte und wohl auch einer Portion Glück, um aus einer Idee eine Innovation zu machen. Wir hatten von Anfang an die volle Rückendeckung unserer Geschäftsführung, die stets vom Potential dieser Innovation überzeugt war und es nach wie vor ist. Wir, als RWE, sind Energieversorger, aber eben kein USV Hersteller. Wir mussten uns daher nach geeigneten Industriepartnern umsehen. Mit der Firma Riello Power Systems fanden wir einen solchen Partner, der kurz vorher mit der Serie Master HE eine USV mit einem IGBT Umrichter (und damit der Möglichkeit der Rückspeisung von Strom ins Netz) auf den Markt gebracht hatte. Diese USV war für unsere Zwecke perfekt geeignet.

Die Zusammenarbeit mit Riello war hochprofessionell. Die notwendigen Änderungen an der USV Anlage betrafen primär die Firmware. Es mussten neue Betriebsmodi erschaffen und getestet werden. Das eigens entwickelte Kontrollsystem verbindet Batterie und USV über eine Fernwirktechnik mit der Außenwelt und erlaubt damit die Nutzung der USV Batterie für Energiemarktzwecke. Es gab (überraschenderweise) keine schwerwiegenderen technischen Probleme. Die größten Herausforderungen bringen vielmehr vielfältige regulatorische Änderungen und Neuerungen, die ein permanentes Nachjustieren der technischen Lösung erfordern.

Welchen speziellen Nutzen hat Master+ für die Anwender?

Mit dem Master+-System profitiert sowohl der Kunde als auch die Energiewende: Die Versorgungssicherheit für den Kunden steigt bei gleichzeitiger Kostensenkung; und die Batteriekapazität wird unter anderem dazu genutzt, die schwankende Einspeisung erneuerbarer Energien in das öffentliche Stromnetz abzufedern. Das Master+-System ist bereits ‚live‘. Wir konnten in 2018 eine Pilotanlage in Essen und 2019 eine weitere in UK in Betrieb nehmen und ausführlich testen. Das System wird aktuell bei einem ersten Kunden eingesetzt.


Der German Innovation Award ist der jährlich international ausgelobte Wettbewerb des Rat für Formgebung.
Die Anmeldephase für die Ausgabe 2021 beginnt am 12. Oktober 2020.

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