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Pli selon Pli: Zum Tod des japanischen Modedesigners Issey Miyake

Von Thomas Wagner.

Einfach „Making Things“ hieß die Ausstellung, die Issey Miyake im Jahr 2000 im Museum of Contemporary Art in Tokio eingerichtet hat. Und doch setzte sie Maßstäbe, nicht nur, was die Vielfalt seiner eigenen Kreationen, sondern auch, was die Präsentation von Mode angeht – und in gewissem Sinn auch die von Design jeder Art. Es war Issey Miyakes Passion, Dinge zu erschaffen, statt sie zu zerstören. 

Wer erwartet hatte, seine farbenfrohen, gold- und silberglänzenden Entwürfe seien im Museum wie üblich gesichtslosen Puppen übergeworfen worden, war von dem Ideenreichtum verblüfft, mit dem hier nicht nur Produkte, sondern Prozesse in Szene gesetzt wurden. Es begann im ersten Raum mit den in feine, exakte Falten gelegten Jacken, Kleidern und Röcken, die den Modedesigner berühmt gemacht haben. Auch sie waren nicht einfach da, sie schälten sich vielmehr aus einer die Wände bedeckenden und nicht weniger in Falten gelegten Bespannung aus Papier. 

Die plissierten Stoffe, exakt in Falten gelegt, die Miyake in den 1980er-Jahren entwickelt hat, waren lange das Markenzeichen seiner Mode. Sie sind immer mehr gewesen als eine ironische Reaktion auf die Strenge einer höfisch geprägten Tradition. „Pli selon Pli“ geben die Falten dünnem Stoff nicht nur Volumen, sondern auch eine innere Spannkraft, die den Stoff beweglich macht, ihn gleichsam lebendig erscheinen lässt.

Portrait von Issey Miyake
Issey Miyake, © Brigitte Lacombe

In der Ausstellung wurde das in einem großen Saal spielerisch und mit großer Heiterkeit vor Augen geführt, indem zahlreiche Kreationen wie bunte Ziehharmonikas oder Blasebälge abwechselnd auseinandergezogen und zusammengedrückt wurden, und auf und ab tanzten. Während viele Plissee-Brennereien aufgrund geringer Nachfrage aufgeben mussten, ließ Miyake unter „Pleats Please“ Kleider und Blusen plissieren, die in der Form beweglich bleiben, deren Farben changieren – und die oberdrein bequem sind. 

Finale der Kollektion für Frühling/Sommer 1994 in Paris, © Philippe Brazil
Pleats Please, Finale der Fashion-Show für die Frühling/Sommer-Kollektion 1994 in Paris, © Philippe Brazil

Für Issey Miyake bot der Weg in die Mode die Chance, das Trauma zu überwinden, das er als Kind erlitten hatte: Geboren am 22. April 1938 in Hiroshima, erlebte er die Explosion der am 6. August 1945 über seiner Heimatstadt abgeworfenen Atombombe als Siebenjähriger in der Schule. Viele aus seiner Familie kamen ums Leben. Seine Mutter starb nach drei Jahren an den Folgen der starken Strahlung. Bei ihm selbst wurde ein Knochenmarkleiden festgestellt, aufgrund dessen er sein Leben lang hinkte. Später hat er geschrieben: „Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich immer noch Dinge, die niemand jemals erleben sollte“. Und er hat hinzugefügt: „Ich habe, wenn auch erfolglos, versucht, sie hinter mir zu lassen, und ziehe es vor, an Dinge zu denken, die man erschaffen kann, anstatt sie zu zerstören, und die Schönheit und Freude bringen. Ich habe mich für das Bekleidungsdesign entschieden, auch weil es eine moderne und optimistische Form der Kreativität ist.“ Nun ist Issey Miyake gestorben, genau einen Tag, bevor in Hiroshima dem Abwurf der Atombombe vor 77 Jahren gedacht wurde. 

Miyakes heiterer Reigen des Machens setzte sich in der Ausstellung über Objekte fort, deren Produktion man in auf den Boden projizierten Filmen verfolgen konnte und endete bei einer riesigen, meterhohen Rolle der experimentellen Kollektion „A-POC“, mit welcher der Designer die Nutzerinnen und Nutzern selbst zum Machen und Gestalten aufforderte. A-POC, ein Akronym für „a piece of cloth“, besteht denn auch aus einem nahtlos gewebten Schlauchstoff, der mit der Schere in Einzelkleider zerlegt und so individuell zu verschiedenen Kleidungsstücken zugeschnitten werden kann. Man kann das Ganze auch als Metapher des Schneiderns selbst verstehen: Mehr als „ein Stück Stoff“, das richtig zugeschnitten ist, braucht es nicht, um Mode zu machen. Mehr Entscheidungsfreude hatte kein Modedesigner vor ihm seinen Kundinnen und Kunden überlassen und sie am Entstehen ihrer Kleidung beteiligt. 

A-POC Le Feu, von Issey Miyake und Dai Fujiwara, Frühling/Sommer-Kollektion 1999, © Philippe Brazil

Was sein internationales Renommee als Modemacher und seine Bekanntheit angeht, steht Issey Miyake in einer Reihe mit Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto und Kenzo Takada. Extravagante Silhouetten, stark plissierte Stoffe, dezent in Schwarz, aber auch in kräftigen Farben, futuristisch wirkende Entwürfe aus Silber- und Goldfolie, all das offenbarte sein ganzes Können und bewies immer wieder sein Gespür für den Zeitgeist. So hat er auch schon früh Computertechnologie eingesetzt, um bereits beim Weben der Stoffe seine Designvorstellungen umsetzen zu können. 

2005 wurde Issey Miyake für sein Lebenswerk mit dem japanischen „Praemium Imperiale“ geehrt, der auch als Nobelpreis der Künste gilt. Ein Jahr später bekam er den Kyoto- Preis verliehen. Die Gestaltung des Issey Miyake-Shops Bao Bao im Tokioter Stadtteil Shinjuku durch die Architekten von MOMENT (eines zehn Meter langen und nur 1,5 Meter breiten Flurs zwischen zwei Läden), wurde 2013 vom Rat für Formgebung mit dem Iconic Award „Best of Best“ ausgezeichnet. Mit seinen Dreiecken entsprach das minimalistische Shop-Konzept perfekt nicht nur der Tasche „Bilbao“, sondern auch dem Designanspruch der Marke. Dass es Issey Miyake wichtig war, Mode zu machen, die im Alltag funktioniert, beweist der schwarze Rollkragenpullover, den er für seinen Freund Steve Jobs entworfen hat. Mit allen seinen Kreationen aber hat er beweisen: Es kann trotz allem gelingen, nach Hiroshima Schönheit und Freude in den Alltag zu bringen.


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