Von Gerrit Terstiege.

Ohne Zweifel: Profunde, voluminöse und bilderreiche Bücher über Dieter Rams und sein Schaffen gibt es bereits einige. Der Frankfurter Designhistoriker Klaus Klemp hat nun in enger Zusammenarbeit mit Rams ein kommentiertes Werkverzeichnis herausgegeben. Überraschung: Dort gibt es viel zu entdecken!

Noch ein Buch über die wunderbaren Plattenspieler, Projektoren, Tischfeuerzeuge und System-Möbel von Dieter Rams? Das wirft natürlich die Frage auf: Ist das noch notwendig? Schließlich ist das Werk von zahlreichen renommierten und kundigen Autorinnen und Autoren in den letzten Jahrzehnten beleuchtet und erschlossen worden – etwa von Hans Wichmann, François Burkhardt, Uta Brandes, Jo Klatt, Günter Staeffler, Hartmut Jatzke-Wigand, Fritz Frenkler und Sophie Lovell.

Und erst vor drei Jahren kam ein großformatiges Buch des holländischen Designers und Autors Cees W. de Jong heraus. Hier feierte man mit besonders großzügigen Abbildungen, teilweise über ganze Doppelseiten, die Schönheit der Entwürfe. Manches indes erschien fast zu schön: da war ganz offensichtlich mit Photoshop nachgeholfen worden – eine 60 Jahre alte Holz-, Metall- oder Kunststoff-Oberfläche sieht nun mal nicht aus wie am ersten Tag. Das Ergebnis: eine ambivalente Augenweide.

Eine sachliche Dokumentation von Rams‘ Werk

Dagegen nimmt sich das soeben erschienene Werkverzeichnis fast bescheiden aus. Es ist weder ein typisches Coffee Table Book, noch betreibt es Personenkult. Im ganzen Buch findet sich nicht ein einziges Porträt von Rams, es steht ganz im Zeichen der sachlichen Dokumentation der Objekte, von denen die meisten neu fotografiert worden sind. Man darf annehmen, dass diese Publikation genau so geworden ist, wie von Rams gewollt. In gewisser Hinsicht könnte man sie sogar als seinen vielleicht letzten Entwurf ansehen.

Der Autor Klemp, Professor an der HfG Offenbach und lange Jahre Ausstellungsmacher am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt, ist seit 2009 im Vorstand der „Dieter und Ingeborg Rams Stiftung” und hat in den letzten Jahren viel über den Gestalter publiziert. Er ist also sehr nah an der Person und am Gegenstand dieser Publikation.

Design-Klassiker neben nicht produzierten Entwürfen

Man macht ein solches Buch idealerweise nicht aus der Distanz, sondern im engen Dialog. Somit ist es auch keine Außenansicht geworden, die Vergleiche anstellt und ästhetische Bezüge zu anderen Disziplinen sucht. Der Fokus ruht ganz auf dem Werk des heute 88-Jährigen, das eben nicht nur aus Braun-Entwürfen und solchen für Vitsoe besteht, sondern auch Produkte für FSB, Tecnolumen, Rosenthal oder die Expo 2000 einschließt. Ja, selbst die formschöne Damenhandtasche findet sich hier, die Rams in den 1960er-Jahren eigentlich nur für seine Frau und einige wenige Freunde entworfen hatte und die das Frankfurter Label Tsatsas vor zwei Jahren wieder aufgelegt hat.

Was dieses Buch überraschend macht, ist die Vielzahl hervorragender Entwürfe, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht produziert wurden. Da wird es richtig spannend: Etwa zu sehen, dass eines seiner Meisterwerke, der Weltempfänger T1000 einst auch mit einem hochformatigen Aufbau angedacht war. Oder dass selbst ein eigentlich sprödes Gerät wie ein elektronischer Spannungsmesser, also ein Oszilloskop, mit gestalterischem Feinsinn in eine gute Form hätte gebracht werden können.

Ein anderer Entwurf, genannt outdoor 2000 aus dem Jahr 1978, sollte wohl Brauns Antwort auf die aufkommenden Ghettoblaster werden – auch aus ihm wurde nichts. Dabei steckten zahlreiche innovative Ideen und wahrscheinlich Monate an Entwicklungsarbeit in diesem Modell. Hier werden nun diese Studien in die chronologische Abfolge des Buches eingebettet und somit erstmals in den formal-ästhetischen Kontext der jeweiligen Dekaden gestellt.

Eine Tugend des Designers: Beharrlichkeit

Nebenbei, so lernt man hier, gehört Beharrlichkeit zu den wichtigen Tugenden im Design. In großen Unternehmen entscheiden zahlreiche Personen über die Zukunft einer gestalterischen Idee. Dass selbst ein heute weltweit geschätzter Gestalter wie Rams auch manche Schlacht bei Braun nicht für sich entscheiden konnte, wird oft vergessen. Ebenso wenig vergessen sollte man die exzellenten Designer aus seinem Team, darunter Gerd A. Müller, Reinhold Weiss, Dietrich Lubs, Peter Hartwein, Roland Ullmann, Florian Seiffert und Robert Oberheim. Oder den wichtigen strategischen Kopf bei Braun, Fritz Eichler. Oder den Vater des System-Designs, Hans Gugelot. Sie alle haben großen Anteil daran, dass bei Braun Entwürfe möglich wurden, die das Bild des deutschen Designs nachhaltig und international geprägt haben. Es war ein gemeinsames Ringen, eine gemeinsame Suche – die Mut, Teamgeist und Konsequenz erforderte.

In seinem Vorwort zitiert Rams – auch dies eine Überraschung – den Philosophen Karl Popper: „Wir wissen niemals mit Gewissheit, ob das, was wir gefunden haben, die Wahrheit ist – trotzdem bleibt die Wahrheit das Ziel unserer Suche. Wir vermehren unsere Kenntnisse auf der Grundlage von Versuch, Irrtum und Irrtumsbeseitigung.”

Hier also stellt sich wahrlich nicht die Frage, ob dieser Catalogue raisonné notwendig ist. Er ist der Spiegel eines großen Werks – und als solcher unentbehrlich und bereichernd.


Klaus Klemp
Werkverzeichnis Dieter Rams

Phaidon Verlag
344 Seiten, ca. 300 Abbildungen
49,95 Euro


Bildnachweise:

Portrait: Foto: Sabine Schirdewahn / © Dieter and Ingeborg Rams Foundation

Produktfotografien: Andreas Kugel

Bild 1: T 3, 1958, Taschenempfänger [hier in Ledertasche], Dieter Rams, HfG Ulm, Braun, 8,2 × 18,8 × 4 cm, 0,45 kg, Kunststoff, DM 120. Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel / BRAUN P&G, BraunSammlung Kronberg (Seite 42)

Bild 2: phase 3, 1972, Weckuhr, Dieter Rams, Dietrich Lubs, Braun. 9,5 × 11 × 6 cm, 0,25 kg, Kunststoff, Acrylglas, DM 48. Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel / © Copyright Dieter Rams Archiv (S. 194)

Bild 3: 606 Regalsystem, (RZ 60), 1960, Regalsystem, Dieter Rams, Vitsoe+Zapf / sdr+ / De Padova / Vitsoe. Verschiedene Formate und Gewichte. Eloxiertes Aluminium, pulverbeschichtetes Stahlblech, lackiertes Holz oder Furnierholz. Unterschiedliche Preise. Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel / © Copyright Dieter Rams Archiv (S. 68-69)

Bild 4: 620 (RZ 62), 1962, Sesselprogramm, hohe Rückenlehne, Dieter Rams, Vitsoe+Zapf / sdr+ / Vitsoe. 92 × 66 × 79 cm, ca. 50 kg, Buchenholz, Metall, Sheet Moulding Compound, Leder oder Stoff, DM 1.960–2.080 (Preise von 1973). Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel / © Copyright Dieter Rams Archiv (S. 94)

Bild 5: Tsatsas 931, 2018, Damenhandtasche, Dieter Rams, Tsatsas. 17 × 24,5 × 6,5 cm, 0,47 kg, Kalbsleder und Lamm-Nappaleder € 900 (Preis von 2020). Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel / © Copyright Dieter Rams Archiv (S. 334)

Bild 6: FS 1000, 1962, Modell für ein tragbares Fernsehgerät, Dieter Rams, Braun. Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel (S. 103)

Bild 7: Gehäuse-Prototyp für Oszilloskop HM 107, ca. 1966, Dieter Rams, Braun / Hameg. Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel (S. 141)

Bild 8: outdoor 2000, 1978, Modell für eine mobile Musik-Kombination, Dieter Rams (Studie). Bildnachweis: Fotografie Andreas Kugel (S. 256)

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