Vom 3. Juli an sind Einwegbestecke aus Plastik in der EU verboten. Lässt sich ökologischer Wandel durch Verbote erzwingen oder verspricht es mehr Erfolg, aufzuklären und die Akzeptanz nachhaltiger Lösungen zu fördern? Ein Gespräch mit Thomas A. Geisler, Direktor des Kunstgewerbemuseums Dresden und Kurator der Ausstellung „Spoon Archaeology“ der London Design Biennale, und Lutz Dietzold, Geschäftsführer des Rat für Formgebung.

Interview von Thomas Wagner.

Plastikabfälle aller Art und Einwegprodukte wie Bestecke oder To-Go-Becher im Besonderen, sind ein globales Phänomen. Nicht nur Becher, auch Löffel und Löffelchen, Gabeln, Messer, Stäbchen, allerlei Sticks, Trinkhalme und einiges mehr werden massenhaft hergestellt, sind preisgünstig und können nach Gebrauch einfach weggeworfen werden. Zumindest bisher. Nach einer Verordnung der EU sind Einwegplastikprodukte ab dem 3. Juli dieses Jahres verboten.

Lutz Dietzold
Lutz Dietzold. Foto: Christof Jakob
Thomas A. Geisler
Thomas A. Geisler © BIO26 / Klemen Ilovar

Herr Geisler, Sie haben auf vielen Gebieten Erfahrungen gesammelt und nicht zum ersten Mal einen Beitrag zur London Design Biennale kuratiert. Wie sind Sie auf die Sammlung von Peter Eckart und Kai Linke gekommen?

Thomas A. Geisler: Ich habe Kai Linke und seine Arbeit über ein Projekt im Werkraum Bregenzerwald kennengelernt. Seitdem stehen wir im Austausch. Die beiden Designer haben mir ihre umfangreiche Sammlung zu Plastikbestecken vorgestellt – digital versteht sich. Das Projekt hat sich ja noch unter pandemischen Bedingungen angebahnt. Dass die EU zum 3. Juli ein Verbot von Plastikeinwegbesteck verfügt hat, war ein aktueller Bezug, der bei der Entwicklung eines Ausstellungskonzepts, von Anfang an wichtig war. Im Kunstgewerbemuseum in Dresden arbeiten wir immer wieder auch an sogenannten Rapid-Response-Projekten, agile Reaktionen auf aktuelle gesellschaftliche, politische oder andere Anlässe. Daraus ergab sich die Frage: Wie sich diese Sammlung zu diesem Datum in Beziehung setzen lassen könnte? Die umfangreiche Sammlung des Kunstgewerbemuseums bietet natürlich selbst vielen Artefakte zum Thema, wie auch die Dauerausstellung, wo wir zum Beispiel einen historischen Speisesaal in Schloss Pillnitz, wo sich das Museum befindet, immer wieder zu Themen höfischer, aber auch alltäglichen Tischkultur bespielen.

Sie hatten das Verbotsdatum im Kopf und haben gesagt, das könnte sehr gut zusammenpassen?

Thomas A. Geisler: Ja, um vor allem auch einen Bezug zu nachhaltiger Gestaltung herzustellen. Wie reagieren wir als Gesellschaft aber auch als Gestalterinnen und Gestalter auf dieses Verbot? Was sind die Alternativen? Und dann kam der Aufruf der London Design Biennale. Ich habe zwei London Design Biennalen für Österreich kuratiert und bin deshalb kontaktiert worden, ob ich spannende Projekte wüsste. Da kam es mir in den Sinn, aus der Idee für ein Ausstellungprojekt einen Biennale-Beitrag zu entwickeln, der inhaltlich hervorragend zur Fragestellung der Biennale „Can we design a better world?“ passt.

Ein Blick auf die Ausstellung Spoon Archaeology
Foto: Heiko Prigge

Herr Dietzold, Sie haben Peter Eckart, Kai Linke und die Sammlung sicher schon aus Offenbach gekannt?

Lutz Dietzold: Ja, wie lange eigentlich schon? Ich tausche mich schon sehr lange regelmäßig mit Peter Eckart aus – und Kai Linke kenne ich natürlich aus all den hessischen Designkontexten gefühlt natürlich auch schon eine Ewigkeit. Ich selbst bin ja auch Kunsthistoriker und finde es deshalb im Design ebenfalls wichtig zu erkunden: Was gab es schon? Wie haben sich die Dinge entwickelt? Vergangenheit und Gegenwart sollten immer zu einem Austausch kommen. Wenn es jetzt aktuell um einen großen Change geht, muss ich eben auch zurückschauen: Was von dem, was schon da war, hilft mir, Lösungen für die Zukunft zu finden?

Thomas A. Geisler: Als Direktor eines Museums mit einer großen Sammlung quer durch alle Jahrhunderte und Materialien bin ich da ganz bei Herrn Dietzold. Was sagen uns diese Objekte heute? Das ist natürlich ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe als Museen, diese Geschichten zugänglich zu machen. Wie können wir reaktivieren, was im Kontext eines Kunstgewerbemuseums ja ursprünglich auch Studienobjekte waren?

Eckart und Linke haben ja auch nicht aus privatem Interesse gesammelt.

Thomas A. Geisler: Ihre unabhängig voneinander entstandenen Privatsammlungen waren immer auch Studiensammlungen, die beide in ihre Lehrkontexte einbezogen haben. Einerseits sind die Einwegbestecke perfekt entwickelte Industrieprodukte, weil sie auf Materialeffizienz und Funktionalität ausgerichtet sind, von ihrer Materialität her aber fatale Folgen zeitigen. Von diesen hochindustriellen Produkten lässt sich unglaublich viel für die Produktgestaltung lernen. Hinzu kommt, und das treibt mich gerade um: Industriedesign hat seit der kritischen Betrachtung der Massenproduktion auch eine negative Konnotation bekommen. Es gibt nicht mehr so viele Jungdesignerinnen und Jungdesigner, die sich für dieses Feld der Gestaltung interessieren, sondern eher nach Alternativen suchen. Was wir aber eigentlich brauchen, sind brillante Geister, die sich im Sinne einer kritischen Reflexion des Konsums in der Industrie einbringen. Wobei Industriedesign eben nicht nur Produkt-, sondern Systemgestaltung heißt. Auch das Einwegbesteck ist ein systemisches Produkt, das es in seiner ganzen Komplexität zu verstehen gilt, nicht nur, was die Logistik der Produktion angeht, sondern auch die dahinterstehende kulturelle Dimension. 

Wie kam es dazu, das Projekt „Spoon Archaeology“ zu nennen? Ist das im Dialog entstanden?

London Design Biennale: Spoon Archaeology
Foto: Heiko Prigge

Thomas A. Geisler: So ein gemeinsames Projekt ist immer ein Pingpong-Spiel, und das hat mit Kai und Peter, toll geklappt. Beide sind als Designer kulturgeschichtlich interessiert – auch in ihrer sonstigen Arbeit und Lehre. Ich glaube, ich habe den Titel dann vorgeschlagen, weil es mir darum ging, nicht nur eine schöne Sammlung auszustellen, sondern auch die Suche nach Alternativen zum Plastikbesteck. Wir wollten anhand dieser Sammlung auch einen methodischen Ansatz entwickeln, der auch auf andere Alltagsobjekte oder Fragestellungen im Design verweist. Zudem ist es eine Tatsache, dass diese Objekte mit dem 3. Juli 2021 zu historischen Artefakten werden. Das sind aussterbende Spezien im Industriedesign. Also kann es spannend sein zu erforschen, was an Design-DNA da ist, oder was uns eine anthropologische Betrachtung dieser Esswerkzeuge über unsere Tischkultur und Gesellschaft verrät. Da ergänzen und überschneiden sich viele Wissensfelder, der man sich bedienen kann, ob das die Archäologie, die Soziologie oder Methoden der naturwissenschaftlichen Betrachtung sind. Aus diesem Kosmos und der musealen Perspektiveheraus sind dann auch die Insektenkästen entstanden, in denen die Objekte gezeigt werden. Insofern verstehen wir „Spoon Archaeology“ durchaus als einen interdisziplinären methodischen Ansatz, sich mit Objekten auseinanderzusetzen, deren Komplexität zu verstehen und aus diesem Wissen heraus Alternativen oder ganz andere Ansätze zu entwickeln.


„Wir wollten anhand dieser Sammlung auch einen methodischen Ansatz entwickeln, der auch auf andere Alltagsobjekte oder Fragestellungen im Design verweist. Zudem ist es eine Tatsache, dass diese Objekte mit dem 3. Juli 2021 zu historischen Artefakten werden.“

— Thomas A. Geisler


Lutz Dietzold: Das ist das Besondere an der Sache: Es wird aus mehr als einer Perspektive auf die Objekte geblickt. Was die Präsentation angeht, muss ich an das Naturhistorische Museum in Wien denken, wo Insekten und andere Tiere aufgespießt in solchen Kästen präsentiert werden. Auch dort werden die toten Tiere fast zu einem naiven Produkt. Alles ist von Vergänglichkeit angeweht oder repräsentiert eine Zeit, als man sich noch allein auf das Wesen von etwas konzentrieren konnte. Dass die Objekte der „Spoon Archaeology“ fast entrückt wirken, macht sie einem ja sehr sympathisch, und zugleich haben sie etwas unendlich Naives. Ich finde, man hat einen sehr emotionalen Zugang und denkt trotzdem: diese Welt ist vergangen. Das bringen Titel und Präsentation sehr genau zum Ausdruck.

Thomas A. Geisler: „Die Welt von gestern“ quasi, um Stefan Zweig zu zitieren. Um diesen Eindruck zu verstärken, haben wir uns bewusst einer antiquierteren musealen Präsentation bedient. Dazu gehören auch die Grafiken, die auf händisch-zeichnerischer Art und Weise die Objekte untersuchen und an Darstellungen von Pflanzen, Tieren oder Insekten erinnern. Dieses genaue Studieren ist enorm wichtig und war früher auch Teil der Ausbildung und Grundlage für den Erkenntnisgewinn. Heute geben wir uns viel zu schnell mit Fotos zufrieden und glauben, mit Abbildungen die Dinge erfasst zu haben. Beim Zeichnen erkundet man so ein hochtechnisches Objekt viel intensiver: Wie ist es geknickt? Wo sind Kanten? Wie sind die Materialstärken? Das wurde von Kai und Peter aufgenommen und in Offenbach mit Studierenden ausprobiert. Man muss erst mal jemanden finden, der so zeichnen und sich mit diesen Dingen auseinandersetzen kann. All diese Perspektiven zusammengenommen bringen uns dann zu dem Punkt, den Herr Dietzold angesprochen hat, und führt uns die Naivität des bisherigen Designglaubens vor Augen.

London Design Biennale: Banner Spoon Archaeology Grafik
© Liun Kim

Können kritische Anstöße, wie man sie bei Figuren wie Victor Papanek oder im Museum findet, dabei helfen?

Thomas A. Geisler: Natürlich hilft es, aus der Geschichte zu lernen. Es hilft auch, dass wir heute technologisch und gesellschaftlich in vielen Dingen weiter sind. Technologie ist aber nicht das Allerheilmittel, weshalb es Sinn macht, noch einmal weit in die Geschichte zurückzuschauen. Ich finde die „Spoon Complexity Map“ enorm hilfreich, die Kai Linke und Peter Eckart zusammen mit ihren Studierenden entwickelt haben. Hier kann ich zehntausende Jahre zurückgehen und mir anschauen, wie sich unsere Esskultur entwickelt hat. Wo in dieser Geschichte ist man vielleicht falsch abgebogen? All das muss man sich vor Augen führen, um sich dann zu überlegen: Wenn es so nicht weitergehen kann, müssen wir vielleicht wieder zurück zum Start? Oder eine andere Richtung einschlagen?

Lutz Dietzold: Für mich ist das zunächst eine Kulturfrage. Es ist exemplarisch, dass die Veränderung hier nicht ein kultureller Wandel hervorruft, sondern regulatorische, gesetzgeberische Eingriffe, die ganz explizit Auswirkungen auf Gestaltung haben. Dann kommt die Frage hinzu: Welche Rolle spielt das Design? Beides verbindet sich in der Ausstellung auf exemplarische Weise. Wenn man sieht, wie in der Politik über Themen wie Nachhaltigkeit diskutiert wird, stößt man oftmals auf den Glauben, wir könnten alles über Verbote und Gebote ändern. Wir müssen aber auch für eine möglichst breite Akzeptanz sorgen. Ich muss mein Verhalten ja ändern wollen. Und genau das gefällt mir bei der London Design Biennale, die ja auch eine Leistungsschau verschiedener Ansätze ist – dass ich hier sehen kann, wie ich an eine breite Öffentlichkeit herankomme. Akzeptanz erreiche ich nicht nur über den Kopf, sondern über ein emotionales Erlebnis, dem ich mich nicht entziehen kann. Spoon Archaeology lässt mich Gestaltung in ihrer ganzen Naivität erfahren und dann darüber nachdenken, wie ich meine kulturellen Verhaltensweisen ändern kann – und was in der Gestaltung anders werden muss. Beides ist wichtig. Deshalb achten wir als Rat für Formgebung auch besonders darauf, wie etwas in Anwendung und in Akzeptanz gebracht werden kann.


„Wir müssen beim Thema Nachhaltigkeit für eine möglichst breite Akzeptanz sorgen. Ich muss mein Verhalten ja ändern wollen. Und genau das gefällt mir bei der London Design Biennale.“

— Lutz Dietzold


Verbieten oder aufklären, regulieren oder überzeugen – solche Alternativen werden uns in den kommenden Jahren wahrscheinlich häufiger beschäftigen. Peter Eckart sagt, wenn ich mich als Verbraucher auf das bestehende Einweggeschäft einlasse, akzeptiere ich ein komplettes, in gewisser Weise auch ein effizientes System. Lassen sich Effizienz und Nachhaltigkeit verbinden?

Thomas A. Geisler: Ich denke schon, dass das gelingen kann. Man kann diese problematische Art der Effizienz auch mit Gewohnheit oder (lacht) mit einer gewissen Trägheit oder Faulheit in Verbindung bringen. Die Wegwerfmentalität hat sich im Konsumverständnis des letzten Jahrhunderts entwickelt, also muss man eine Veränderung im Verhalten bewirken. Das funktioniert aber nur, wenn auch die Konsumenten ein besseres Verständnis für die Systeme bekommen, die hinter so einem Objekt wie einem Plastiklöffel stehen. Das steht nicht wie bei Medikamenten auf dem Beipackzettel. Ich glaube, bei einer jüngeren Generation von Designerinnen und Designern lässt sich das erreichen, weil sie den Dingen im Design teilweise kritischer gegenüberstehen.

Sie sind da optimistisch?

Thomas A. Geisler: Das ist eine einfache Übung, die überall am Anfang dieser Ausbildung stehen sollte. So wie hier diese Komplexitätskarte entstanden ist, kann ich das mit allem machen. Ich habe selbst ja auch eine Designausbildung hinter mir. Ich habe in den 1990er-Jahren so etwas nie gemacht, um mir zu überlegen: Welche Auswirkungen hat dieses Objekt oder dieses Produkt? Was steckt da in Wahrheit alles dahinter?

Plastikbestecke in der Ausstellung Spoon-Archaeology auf der London Design Biennale
Foto: Helena Reinsch

Im Zentrum der Londoner Biennale steht die Frage: „Können wir eine bessere Welt gestalten?“ Da es höchste Zeit ist, etwas zu verändern – wodurch lässt sich der Wandel beschleunigen? Wie könnte eine erfolgreiche Mischung aus Verboten, emotionaler Ansprache und Überzeugungsarbeit aussehen?

Lutz Dietzold: Das Ganze bleibt ja komplex. Wir sind in unserem Verhalten alle durch Muster geprägt, die wir im Alltag immer wieder repetieren. Ich stehe morgens auf, putze mir die Zähne, mache Kaffee – ohne Störung funktioniert das immer gleich. Ich hole mir einen Kaffee-to-go und wenn ich ihn ausgetrunken habe, werfe ich den Becher weg. Also ist die Frage: Wie kann ich diese Muster überschreiben? Dazu gehört: Nehme ich die Plastikgabel überhaupt als Plastikgabel wahr? Sicherlich muss auch regulatorisch eingegriffen werden, eine Änderung der Muster kann ich aber nur über positive Angebote schaffen. Komplexität muss im Produkt so reduziert sein, dass ich trotzdem Spaß habe. Als Designerin oder Designer kann man heute ebenso wenig naiv sein wie ein Produkt naiv sein kann. Ich muss mir Lieferketten anschauen, Dinge in Relation zu mir setzen – auch das Auto, das ich fahre, muss ich in Relation zu meinem Verhalten setzen. Bei alledem braucht es das Angebot im Markt – und da sehr vieles neu gestaltet werden muss, ist es eine sehr gute Zeit für Design. Designerinnen und Designer sind aufgrund ihrer Sichtweise gut geeignet, eine wichtigere Rolle in Unternehmen zu bekommen.

Welche Rolle spielt der Preis, wenn man etwa eine Kreislaufwirtschaft etablieren möchte? Wie kann man mit Nachhaltigkeit gegen die Billigmentalität überzeugen?

Lutz Dietzold: Natürlich kann ich noch so viel in Produkte investieren, ich kann nachhaltig und regional agieren – wenn die Message nicht ankommt bei denen, die das Produkt nutzen sollen, werde ich scheitern. Hier zu überzeugen, ist eine große gesellschaftliche Aufgabe. Wenn die Gebrauchenden nicht gelernt haben, Qualität zu beurteilen, dann werden solche Ansätze scheitern. Von daher ist es eine riesige Bildungsaufgabe, aber auch eine ganz faszinierende Aufgabe und tolle Herausforderung zu sagen: Macht die Menschen mündig, Produkte qualitativ beurteilen zu können.

Außenansicht London Design Biennale
Außenansicht London Design Biennale. Foto: Heiko Prigge

Die Ausstellung hat sich dem Ende zugeneigt, wie waren die Reaktionen bisher?

Thomas A. Geisler: Feedbacks und Berichte, die wir bekommen haben, erzählen, dass uns die Inszenierung tatsächlich sehr gut gelungen ist, weil die Objekte und die Art, wie sie präsentiert worden sind, ein Trigger dafür sind, über das komplexe Thema und über das ganze System nachzudenken. Für die einen ist es ein einfacher Plastiklöffel, für die anderen ein Wegwerfprodukt, über das sie sich vielleicht noch nie in diesem Umfang Gedanken gemacht haben. Offensichtlich berührt die Menschen nicht nur das Materielle dieser Artefakte, sondern auch das Fragezeichen: Wie geht es nach dem 3. Juli weiter? Ich finde es wirklich beeindruckend, welche komplexe Fragestellung diese scheinbar einfachen Objekte auslösen können. 

Lutz Dietzold: Die Frage, wie es weitergeht, treibt auch mich um. Wir starten gerade gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt ein Projekt, das deutsche und kenianische Designer zusammenbringt, um nicht nur in eine, sondern in beide Richtungen zu schauen: Wo geht es weiter? Welche Entwicklungen gibt es? Wo sollten wir unseren Blick ganz offen auf andere Kulturen richten, um von ihnen zu lernen? Das für uns als ingenieur-lastige Deutsche nicht ganz leicht.

Und wann kommt „Spoon Archaeology“ nach Dresden?

Thomas A. Geisler: Wir starten dieses Jahr den Design Campus (www.designcampus.org) mit einer Sommerschule und Lab-Projekten, für den wir einen Teil der Dauerausstellung in eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung umbauen. Ab September zeigen wir den Biennale-Beitrag in diesen Räumen. Ich kann mir aber auch vorstellen die Ausstellung noch in anderen Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu zeigen, wie etwa der ethnographischen Sammlungen, die aktuell ihre Sammlungen auch hinsichtlich nachhaltiger Lösungen indigene Gesellschaften befragen. Der in der Ausstellung gezeigte Film „Banana Leaf“ von Ray und Charles Eames ist ja eigentlich ein Dokumentarfilm, der kulturanthropologische Fragen stellt. 


Besondere Anerkennung für Spoon Archaeology

Bei der Zeremonie zur dritten Ausgabe der London Design Biennale im Somerset House wurden Chile, Venezuela, der Pavillon der afrikanischen Diaspora und Israel mit den diesjährigen Medaillen der London Design Biennale ausgezeichnet, Deutschland erhielt eine besondere Anerkennung.

Weitere Informationen

Bild Spoon Complexity Map
Peter Eckart und Kai Linke haben gemeinsam mit Dylan Mc Guire und Lukas Loscher für „Spoon Archaeology“ eine „Complexity Map“ angefertigt, die darstellt, wie sich das Verhältnis zwischen Lebensmitteln und Besteck in der Geschichte entwickelt hat. Im Löffel sieht Eckart das „Urinstrument“ des Bestecks. © Peter Eckart, Kai Linke, Dylan Mc Guire, Lukas Loscher

Weitere Hintergründe, Informationen und Filme zur London Design Biennale 2021, „Spoon Archaeology“ und den Gestaltern der Ausstellung finden Sie auf der Homepage der HFG Offenbach.

Mit dem konsumkritischen Projekt „Spoon Archaeology“ beteiligt sich das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) an der diesjährigen London Design Biennale 2021. Unter der künstlerischen Leitung der britischen Künstlerin und Bühnengestalterin Es Devlin widmet sich die dritte Biennale in Reaktion auf die dramatischen Auswirkungen der Pandemie der Fragestellung: Können wir eine bessere Welt gestalten?
Homepage der Staatliche Kunstsammlung Dresden.

Die Präsentation wird von Thomas A. Geisler, Direktor des Kunstgewerbemuseums kuratiert und von den Designern Kai Linke und Peter Eckart gestaltet. Die Schau findet vom 1. bis zum 27. Juni 2021 im Londoner Somerset House statt. Begleitet werden die Installationen von zahlreichen Online-Programmpunkten, die sich den Themen mit einem globalen Anspruch widmen. Geisler: „Design ist ein willfähriger Gehilfe in der Umsetzung einer aus unserer Sicht selbstverständlichen Lebenskultur. Die Klimakrise lehrt uns, unsere Gewohnheiten zu ändern, mehr auf unsere Intuition zu hören und Empathie zu erlangen, um in Resonanz mit unserer Umwelt zu treten. Auch dabei kann uns Design helfen.“

Lutz Dietzold ist seit 2002 Geschäftsführer des Rat für Formgebung. Zuvor war er selbstständig in der Designkommunikation tätig und verantwortete als Geschäftsführer des hessischen Designzentrums die strategische Neuausrichtung der Designförderung. Zudem engagiert er sich für die verstärkt internationale Ausrichtung des Rat für Formgebung und seines weltweiten Netzwerks von führenden Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft. Dazu zählt der Aufbau einer Tochtergesellschaft in China. Lutz Dietzold veröffentlicht regelmäßig Beiträge und hält national und international Vorträge zu einer Vielzahl von Themen. Daneben ist er Mitglied in zahlreichen Gremien und Jurys sowie Projektbeirat des Bundespreis Ecodesign des Bundesumweltministeriums.

Die 2016 von Sir John Sorrell CBE und Ben Evans CBE gegründete London Design Biennale fördert die internationale Zusammenarbeit und die globale Rolle des Designs mit Ausstellungen und Installationen. Das diesjährige Motto lautet „Resonance“ (dt. Resonanz) und beschäftigt sich mit den Folgen von Design und Produktion.

Spoon Archaeology auf Instagram


Mehr zur London Design Biennale

Die Ausstellung „SpoonArchaeology“ setzt sich auf der London Design Biennale mit diesem Thema auseinander. Die Ausstellungskuratoren Peter Eckart und Kai Linke sprechen im Interview mit Thomas Wagner über ihre Sammlung und den nötigen Wandel:

Spoon Archaeology: Archäologie des Wegwerfzeitalters


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