Hans Gugelot und die Mitglieder seiner Entwicklungsgruppe, um 1960 Von links. Helmut Müller-Kühn, Hans Sukopp, Josef Mundel, Annemarie Bach, Herbert Lindinger (verdeckt), Hans Gugelot, Anneliese Müller. Fotograf: Wolfgang Siol Datierung: um 1960 © HfG-Archiv Ulm / Museum Ulm

Von Thomas Wagner.

Antworten auf Sachlagen finden: Er kam 1954 nach Ulm an die Hochschule für Gestaltung und sein Name ist eng mit dem Entstehen des legendären Braun-Designs verbunden. In diesem Monat wäre Hans Gugelot 100 Jahre alt geworden.

Als sich Otl Aicher, der Freund, Ulmer Kollege und Mitstreiter bei zahlreichen Projekten, 20 Jahre nach dem frühen Tod von Hans Gugelot (1920 bis 1965) fragte, ob dieser „heute ein zeitgemäßer designer wäre, ein designer der amerikanischen verhaltenskultur, die im zeigen und sich zeigen manifest wird“, ob „sein Einfluss so stark geblieben“ wäre, „wie er damals war“, stand für ihn fest: „ohne frage war er von bestimmendem Einfluss für eine ganze epoche“. Und er fügt hinzu: „hans gugelot und charles eames, dieser ein amerikaner noch der pioniermentalität, waren die bestimmenden designer von damals.“ Gugelot und Eames – mag bei Aichers Vergleich auch eine Portion Selbstlob der Ulmer Hochschule mitschwingen, seine Begründung eröffnet eine spannende Perspektive: „aber ihre denkkategorien waren die von handwerkern, von technikern, nicht von fabrikanten. ihre produkte waren nicht für die produktion entworfen, sondern als antworten auf sachlagen.“

Design in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs

Design als Antwort auf Sachlagen – beschreibt das, wie Hans Gugelot seine Tätigkeit verstand? Am 1. April wäre er 100 Jahre alt geworden. Heute ist sein Name vor allem mit dem Entstehen des legendären „Braun Designs“ Mitte der 1950er-Jahre verbunden. Zudem sind seine Entwürfe eng mit einer Zeit des Aufbruchs verflochten, in der das deutsche Wirtschaftswunder nach modern gestalteten, sprich entstaubten Produkten verlangte und gerade erst Kontur anzunehmen begann, was man Produktdesign nennt. Die Eröffnung der Ausstellung, die das HfG-Archiv Gugelot aus Anlass seines 100. Geburtstags widmet, musste wegen der Corona-Pandemie zwar ausfallen und wann sie für Publikum geöffnet werden kann, ist derzeit unklar. Das Buch zur Ausstellung – „Hans Gugelot – Die Architektur des Design.“ (av edition) – ist aber erhältlich und beleuchtet Gugelots Werdegang, sein Wirken an der HfG und vieles mehr.

Geprägt von Holland und der Schweiz

Geboren wurde Johan Gugelot, genannt Hans, in Makassar auf der indonesischen Insel Celebes, wo sein Vater als Arzt tätig war. 1927 kehrte die Familie nach Holland zurück, wo Hans die Grundschule besuchte. 1934 – der Vater hatte eine Oberarztstelle am Niederländischen Sanatorium in Davos angenommen – zogen die Gugelots in die Schweiz. Holland und Schweiz ­– glaubt man Otl Aicher, führte das zu einer besonderen Mischung: „die holländer haben sich aus dem zwang, mit dem meer fertig zu werden, einen pragmatischen sinn erworben und eine ingeniöse einstellung zur umwelt. die höfische kultur frankreichs kannte man in holland nicht, und eleganz ist ebensowenig eine holländische designkategorie wie repräsentation. der holländer musste das eingebrochene meer zurückdämmen, er musste schiffe und kanäle bauen, die kraft des windes für pumpen und mühlen ausnützen. das entwickelte common sense, die tugend der toleranz und praktische vernunft. in der arbeit von hans gugelot gibt es viel technische neugierde, aber nie pathos.“

Auch in der Schweiz, wo Gugelot aufgewachsen ist und Architektur studiert hat, sei ein „kulturverhalten entstanden, das in der natur nicht nur das fördernde, sondern auch die herausforderung sah“. So wie man in Holland „mit dem meer nicht auf höheren befehl fertig“ werde, so habe in der Schweiz „die auseinandersetzung mit fels und schnee ein gruppenverhalten hervorgebracht, das sich an der effizienz, nicht an der großen form ausrichtete“. Die Schweizer „bauten städte, sie können uhren bauen, kathedralen und schlösser lagen ihnen nicht. sie sind an einem fall interessiert, nicht an einer ideologie, wie die holländer auch.“

Widerstand gegen einen Stil

An einem Fall und dessen Lösung, nicht an einer Ideologie interessiert sein, hier findet sich der Hauptzug von Gugelots Designauffassung wieder: Antworten auf Sachlagen finden. Entsprechend ging er vor, ohne Scheuklappen und pathetische Attitüden, auch ohne sich selbst dadurch Fesseln anzulegen, einem eigenen Stil nachzujagen – was für ihn bedeutet hätte, die Form oder das Markenbild über den Gebrauchswert einer Sache zu stellen. Aicher geht in seiner Einschätzung sogar noch weiter: „hans gugelot hatte angst vor einem stil und musste sich beweisen, dass er der versuchung zu einem stil widerstehen konnte. im stil sah er bereits den beginn der korruption des design.“

Dass eine solche Haltung Lichtjahre vom heutigen Autorendesign, von Prominenzfaktor und Selbstvermarktung entfernt ist, versteht sich von selbst. Glaubt man den Berichten seiner Freunde, Mitarbeiter und Zeitgenossen, so war Hans Gugelot zwar vernarrt in stimmige Konstruktionen und Verfahrenstechniken, aber auch in der Lage, die Sackgassen zu erkennen, in die eine einseitige Orientierung an naturwissenschaftlich-technischen Kriterien das Design manövrieren kann. Er konnte wie ein Ingenieur denken, wusste aber, wo dessen Limitationen lagen. Für ihn entschied sich die Qualität eines Gebrauchsgegenstands nicht allein an der technischen oder unternehmerischen Effizienz, mit der er hergestellt wurde. Umgekehrt bewahrte ihn der Systemgedanke davor, ins Fahrwasser bloßen Stylings oder kunsthandwerklicher Ästhetisierung zu geraten.

Idealismus ohne Dogma

Ein Schrank ist für Gugelot kein gleichbleibender Kasten; er existiert gleichsam vorab in zahlreichen Varianten, aus denen es gilt, die für die eigene Bedürfnisse passende auszuwählen: Sideboard oder deckenhoch, an der Wand oder mitten im Raum stehend, fürs Wohn- oder Schlafzimmer, fürs Büro oder den Laden? Ein variables Möbelsystem hatte nicht nur einen größeren Gebrauchswert; es gab dem Kunden die Freiheit, selbst über seine Bedürfnisse, Neigungen und Vorlieben zu bestimmen. Was die Vorkriegsmoderne vorgemacht hatte, führte Gugelot fort indem er zeigte, wie Design von überlebter Wirklichkeitsschwere und unechtem Streben nach Repräsentation entlasten kann. Offenbar hat ihn sein Sinn für Sachlagen dabei weitgehend gegen das in Ulm grassierende pädagogische Pathos der „guten Form“ imprägniert. Der holländische Schweizer oder der schweizerische Holländer verstand es einfach, die konventionellen Beziehungen der Nutzer zu den Dingen zu lockern, ohne dogmatisch zu werden.

Wenn Otl Aicher in ihm weder den Theoretiker noch den Praktiker sehen will, sondern einen Menschen, der alle seine Sinne beisammen hatte und seinen Kopf wie wenige gebrauchte, kurzum als einen, der in seinen Aufgaben lebte und für den galt, „was er ausübte, war keine tätigkeit, sondern sein leben, und sein leben war seine tätigkeit“, so erklärt das auch, weshalb Gugelots Freunde fast immer auch seine Arbeitspartner waren. Was Gugelot entwarf, enthielt nicht nur gute Lösungen; es hat bis heute exemplarischen Charakter, weil es ebenso viel Wirklichkeits- wie Möglichkeitssinn besitzt. Ergo, weil es aufzeigt, welche Entwicklungsmöglichkeiten in einem Objekt stecken, hinsichtlich Fertigung, Leistung, Nutzung und der Beziehung, die es zwischen Ding und Mensch herstellt. Geradezu ein Lehrstück, wie sehr Erfolg und Misserfolg von bestimmten Marktbedingungen und wie wenig davon abhängen, wie konsequent ein Konzept umgesetzt wird, ist Gugelots Entwurf eines magazinlosen Diaprojektors. Sein entscheidender Nachteil: Schon damals wurde das Geld nicht mit dem Verkauf von Projektoren, sondern von Dia-Magazinen verdient.

Die Architektur des Design

Viele dieser Aspekte lassen sich anhand der Aufsätze im Katalog zur aktuellen Ulmer Ausstellung vertiefen. Christiane Wachsmann informiert über die enge Verbindung von Arbeit und Leben rund um den Ulmer Kuhberg und zeichnet die damalige Entwicklung des Berufsstands des Designers nach. Walter Scheiffele widmet sich dem Möbelsystem M 125, Eva von Seckendorff erläutert Gugelots Entwicklung als Lehrer vom „learning by doing“ hin zu einer reflektierten Gestaltungshaltung. Katharina Kurz und Christiane Wachsmann untersuchen die Rolle von Malke Gugelot und anderer „Ehefrauen im Kuhberg-Kosmos“, Marleen Grasse und Gwendolyn Kulick den kulturellen Austausch zwischen Ulm und Ahmedabad. Allein größere Abbildungen hätte man sich gewünscht, um bei privaten Aufnahmen der Familie Gugelot, bei Fotografien aus dem Kosmos HfG, von Prototypen aus Prospekten nicht zur Lupe greifen zu müssen.

Fragen zum Schneewittchensarg

Der Aufsatz von Klaus Klemp zur Entstehungsgeschichte der Radio Phono Kombination SK 4, dem legendären „Schneewittchensarg“, liest sich für Designhistoriker stellenweise wie ein Kriminalroman, nur dass hier nicht nach einem Verbrecher, sondern nach einem alleinigen Urheber geforscht wird. Klemp zeichnet nach, wie im Hin und Her zwischen einem noch jungen Team in Frankfurt und den Ulmern um Gugelot so manche Idee in die Sackgasse oder wieder aus dieser heraus manövriert wurde. Wobei sehr deutlich wird, wie teambezogen und kooperativ die Prozesse in der Regel abliefen, und wie überflüssig so manche heutige Debatte zu Autor- und Urheberschaft erscheint – und damals schon war. Wer war der Ideengeber, wer der Urheber des Acrylglasdeckels des SK4? Hier, so Klemp, „lassen sich die unterschiedlichen Erinnerungen im Nachhinein nur zur Kenntnis nehmen.“

Und wer waren die Väter des SK4? Dieter Rams habe dazu 2004 zunächst einmal Antonio Citterio zitiert: „Als Designer bin ich von der grundlegenden Wichtigkeit des Klienten überzeugt, sowohl seiner Funktion als auch seiner Person. Alle Architektur und alle Produkte haben eine Mutter und einen Vater: Den Architekten oder Designer und seinen Klienten.“ Klemps Fazit lautet denn auch: „Die Mutter Braun (…) war bei der Entstehung des Schneewittchens mit mehreren Vätern verbandelt, sozusagen eine ziemlich polygame Entwurfsgeschichte mit prächtigem Baby.“

Hans Gugelot hielt den Entwurfsprozess für „leider nicht genau definierbar“ und Kreativität für nicht lehrbar. Dennoch folgerte er in einem seiner Vorträge: „Die ganze Kunst besteht vielleicht darin, sich so gut vorzubereiten, dass die Wahrscheinlichkeit eines Einfalls gefördert wird. (…) Einmal entsteht ein Entwurf tatsächlich durch einen plötzlich aufleuchtenden Gedanken – ein andermal hat man ihn sich über sehr viele Umwege und mit viel Mühe erarbeiten müssen. So verschieden die Wege der Gedanken auch sein mögen – eines ist sicher, man muss sich etwas einfallen lassen.“


Ausstellung:

Hans Gugelot: Die Architektur des Design

21. März – 20. September 2020
HfG-Archiv
Am Hochsträss 8
89081 Ulm


Publikation:

Hans Gugelot − Die Architektur des Design

Hrsg. v. HfG-Archiv/Museum Ulm u. Christiane Wachsmann
mit Beiträgen v. Christiane Wachsmann, Walter Scheiffele, Klaus Klemp, Eva von Seckendorff, Katharina Kurz, Marleen Grasse u. Gwendolyn Kulick
broschiert, 168 Seiten, 170 Abbildungen,

av edition, Stuttgart 2020,
ISBN 978-3-89986-330-7
28,00 Euro

Eine Vorschau des Buches findet sich hier.


Beitragsbild (oben): Hans Gugelot und die Mitglieder seiner Entwicklungsgruppe, um 1960. Von links. Helmut Müller-Kühn, Hans Sukopp, Josef Mundel, Annemarie Bach, Herbert Lindinger (verdeckt), Hans Gugelot, Anneliese Müller. Fotograf: Wolfgang Siol © HfG-Archiv Ulm / Museum Ulm

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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