Design für die Hand: Unter seiner Führung wurde aus dem Heidelberger Schreibgerätehersteller eine internationale Designmarke: Ein Nachruf auf Dr. Manfred Lamy.

Von Thomas Wagner.

Dr. Manfred Lamy
Dr. Manfred Lamy. Foto: Tillmann Franzen © Lamy.

Es ist bezeichnend für Manfred Lamy, dass er seinen Horizont stets zu erweitern suchte. Bis er Achtzehn oder Neunzehn war, hat er Leistungssport getrieben, war einer der besten Tennis-Junioren, spielte Hockey. „Heute“, erklärte er vor ein paar Jahren in einem Gespräch mit Klaus Klemp, „weiß ich: Das war die beste Erziehung, um Unternehmer zu werden. Man muss allerdings Mannschaftssport betreiben. Beim Hockey war ich immer Mannschaftsführer. Da habe ich gelernt, wie man Menschen begeistert und motiviert – das ist mir später im Beruf zugutegekommen“.

Anschließend studierte er. Der „technische Betriebswirt“, den ihm sein Vater empfohlen hatte, lag ihm nicht. Also wechselte er zur Volkswirtschaftslehre – offiziell. Eigentlich absolvierte er, wie er sagte, eher ein „studium generale“. Er hörte Philosophie bei Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer, auch Theologie, entdeckte den Existenzialismus eines Sören Kierkegaard für sich. Grafik und bildende Kunst sowie die Musik zogen ihn ebenfalls an, besonders der Jazz, dem er im Heidelberger Club „Cave 54“ lauschte. Soweit seine Interessen auch gespannt waren, am Ende der Studienzeit wurde er bei Helmut Meinhold mit einer Arbeit zum Thema „Der Unternehmer als Träger einer sozialen Marktwirtschaft“ promoviert.

Vorbild Bauhaus

Als Marketingleiter trat Manfred Lamy 1962 ins väterliche Unternehmen ein. Er interessierte sich damals besonders für das Braun-Design, über das er zum Bauhaus kam. „Ich besaß“, erzählte er, „zu der Zeit ausschließlich Braun-Geräte, das war mir alles sehr nahe und entsprach einer ganz spontanen Zuneigung. Bauhaus, das ist für mich eine Kunst, die sich nützlich macht. Und da ich auf der Suche nach einem Designansatz war, war das Bauhaus natürlich ein Angebot.“ 1963 lernte er den Designer Gerd A. Müller kennen und die Sache wurde konkret. Rasch definierten sie ein gemeinsames Projekt: einen Füllhalter in der Tradition des Bauhauses, wie sie es nannten. „Wir haben“, so Lamy, „den Kontrast von Schwarz und Metall des Braun-Rasierers als Basis genommen. Zwischen Müllers Entwurfsmodell und dem ersten Produktionsmodell wurde nicht mehr viel geändert.“

Der Vater Josef, ein Schwarzwälder, der in die Welt ging, hatte als Exportleiter und später als Deutschlandchef von Parker den Grundstein für das Schreibgeräte-Unternehmen gelegt und 1952 den Markennamen Lamy eingeführt. Nun, 1966, brachte der Sohn mit dem Lamy 2000 ein Schreibgerät auf den Markt, das nicht länger nostalgisch, sondern in jeder Hinsicht modern auftrat und dem Prinzip „form follows function“ folgte. Die charakteristische Zigarrenform, technische Präzision, handwerklich perfekte Verarbeitung, angenehme Haptik und Handhabung ergänzen sich perfekt. Details wie der abgefederte Clip setzen Maßstäbe. In der Umsetzung anspruchsvolle Werkstoffe wie mattgeschliffener Edelstahl und Makrolon (Polycarbonat) sind Mitte der 1960er Jahre ein Novum und unterstreichen die moderne Anmutung.

Lamy 2000
Der Lamy 2000. © Lamy.

Nimmt man alle Gestaltungselemente zusammen, definierte der Lamy 2000 das Design eines Schreibgeräts völlig neu. Füllhalter waren bis dato schwer, schwarz und dick – und trugen zur Zier einen goldenen Ring um den Bauch. Fortan hatte, zumindest bei Lamy, jedes Schreibgerät funktional zu sein, der Nutzung angepasst, erschwinglich, haltbar und schön. Manfred Lamy entwickelt daraus eine eigene Designphilosophie, die in ihrer immer wieder neu interpretierten Modernität bis heute fortgeschrieben wird. Während die Konkurrenz bei ihrer Modellpolitik auf traditionelle Entwürfe und konventionelles Design setzte, ging Lamy seinen Weg konsequent weiter. Seit 1966 sind, nicht nur in Zusammenarbeit mit dem früh verstorbenen Gerd A. Müller, immer wieder ikonische und in ihrem Design singuläre Schreibgeräte entstanden, die, so verschieden sie auch sein mögen, sofort als Stifte von Lamy erkennbar sind.

So entstanden im Lauf der Jahre viele „moderne Archetypen eines klassischen Schreibgeräts“, wie der Designer Michael Sieger die Produkte von Lamy einmal genannt hat. Die Liste der Designer, mit denen Manfred Lamy zusammengearbeitet hat, seit er 1973 alleiniger Geschäftsführer geworden war, ist so lang wie die Namen illuster. Sie reicht von Gerd A. Müller (Lamy 2000) und Wolfgang Fabian (Al-star, logo, safari, swift, tipo) über Franco Clivio (dialog3 + Pico), Mario Bellini (imporium), Richard Sapper (dialog1) und Naoto Fukasawa (noto) bis zu Eoos (econ) und Jasper Morrison (aion). Wie eng unter der Ägide von Manfred Lamy Design und Innovation, gestalterische Exzellenz und technischer Fortschritt, aber auch handwerkliche Präzision und geschicktes Marketing zusammengefunden haben, beweist, wie früh er erkannt hatte, dass Design als wichtiges Differenzierungsmerkmal den Erfolg maßgeblich beeinflusst. Hinzu kam: Er wusste auch, wie sich das klug und umsichtig umgesetzen lässt.

Lamy Safari
Der Lamy Safari. © Lamy.

Und so überraschte Lamy die Branche immer wieder. Beispielsweise gelang es ihm in den 1980er Jahren mit dem Lamy Safari den Konkurrenten Pelikan bei Schulfüllern von der Spitzenposition zu verdrängen, obwohl die Lamy-Stifte teurer waren. Heute ist der safari – das Ergebnis umfangreicher jugendpsychologischer Forschung sowie eines streng anwendungsorientierten Entwicklungsprozesses – der weltweit meistverkaufe Füllhalter und in seiner ergonomischen Gestaltung eine Design-Ikone.

Ende 2006 schied Manfred Lamy aus dem operativen Geschäft aus und wechselte in den Beirat. Für seine Leistungen erhielt er viele Auszeichnungen, darunter auch den „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2008 – Persönlichkeit“, der ihm im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie vom Rat für Formgebung verliehen wurde. Seit 2018 führt ein dreiköpfiges Team bestehend aus den langjährigen Mitarbeitenden Beate Oblau, Thomas Trapp und Peter Utsch die Geschäfte des Unternehmens. „Wenn man ein Designunternehmen sein will, müssen die Produkte gestalterisch auch etwas bieten“, hat Dr. Manfred Lamy gesagt. Am 17. Januar ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.


Mehr über Lamy

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