Jasper Morrison Ltd. Portrait of Jasper Morrison 2016. Photo Credit: Elena Mahugo

Der britische Produktdesigner Jasper Morrison ist vor allem durch sein Möbeldesign zu einer Koryphäe geworden. Seine reduzierten, elegant designten Objekte wirken nicht aufdringlich, sie wirken unprätentiös und zugleich durchdringend. Morrison konnte sein Designverständnis immer schon auf verschiedene Lebensbereiche projizieren. Das Spektrum seiner Arbeit reicht von Möbeldesigns für Marken wie Cappellini und Vitra über Elektronik (einschließlich Samsung) bis hin zum Entwurf der Straßenbahn in Hannover.

Morrison wurde 1959 in London geboren und gründete 1986 sein Designstudio Jasper Morrison Ltd. Noch heute arbeitet Jasper Morrison Ltd. mit namhaften Herstellern zusammen und führt Niederlassungen in Paris und Tokio.

Ein Gespräch zwischen Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer des Rat für Formgebung, und Jasper Morrison anlässlich seiner Auszeichnung als German Design Award Personality 2020″.


Sie sind vor allem für Ihre Arbeit im Möbelbereich bekannt geworden. Würden Sie sagen, dass dies auch heute noch Ihr Schwerpunkt ist?

Ich würde noch weiter gehen und sagen, dass wir uns hauptsächlich auf das Design von Stühlen konzentrieren. Aber natürlich entwerfen wir auch viele andere Dinge. Im Laufe der Jahre haben wir viele Stühle entworfen. Irgendwann begriffen wir den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Stuhl. Darüber hinaus ist das Betrachten und Entwerfen von Stühlen ein Teil meines Lebens geworden. Üblicherweise arbeiten wir im Studio an mindestens fünf Stuhlprojekten gleichzeitig.

Wenn man sich mit Ihrer Arbeit befasst, stößt man auf Begriffe wie „supernormal“, „anonym“, „Archetyp“ – all dies klingt nach einem zurückhaltendem Verständnis von Design, das nicht auf Identität und Einzigartigkeit basiert. Warum wurden Ihre Produkte dennoch zu Designikonen?

Es geht darum, wie man einen Designansatz findet, der zu der Art, wie man designt und was man damit erreichen möchte, passt. Auf meinem Weg half mir die Erkenntnis, dass viele anonym designte Objekte besser sind als die Werke von Profis. Ich glaube, der Unterschied liegt im kreativen Ich, das bei Designern, die ihre Entwürfe unter eigenem Namen vermarkten, umso größer zu sein scheint. Wenn man es schafft, sich von diesem Ich zu befreien, ist das Objekt sich selbst überlassen. Damit besteht die Chance, es wettbewerbsfähiger zu gestalten und bereits Vorhandenes zu verbessern. Dieter Rams wusste das von Beginn seiner Karriere an sehr gut. Bei mir dauerte es etwas länger, bis ich zu dieser Erkenntnis kam. Sie gab mir viel Freiheit, die Objekte sich selbst ausdrücken zu lassen.

Das Betrachten und Entwerfen von Stühlen ist ein Teil meines Lebens geworden.

Sie fühlen sich seit Ihrem Studium in den verschiedensten Designkulturen aus aller Welt zu Hause. 2006 haben Sie gemeinsam mit Ihrem japanischen Kollegen Naoto Fukasawa den Begriff „supernormal“ für Ihre Forderung nach funktionalem, einfachem Design geprägt. Entspricht Japans Designkultur am ehesten Ihrem Designverständnis?

Wahrscheinlich, obwohl es viele andere Modelle gibt, die meinem Designverständnis ebenfalls entsprechen. Sie sind in allen Kulturen an der einen oder anderen Stelle zu finden. Das Understatement der frühen britischen Industrial-Bewegung, die Adolf Loos so sehr bewunderte, der skandinavische Ansatz oder auch der Deutsche Werkbund.

Hinter dem Manifest von „supernormal“ verbirgt sich der Ruf nach einem „unschuldigen“ (unberührten) Design, das keine Aufmerksamkeit erregt. Gleichzeitig kritisieren Sie manchmal die Dominanz des Marketings, die die oben erwähnte Anonymität eines Objekts zerstört. Aber zeichnet sich gutes Design nicht nur durch seine funktionale Dimension, sondern auch durch seine unverwechselbaren Eigenschaften aus?

Da stimme ich Ihnen zu. Ich verstehe aber nicht, was Marketing damit zu tun hat, außer dass es die Rolle des Designs unnötig und unerwünscht verzerrt. Vielleicht sollte ich das erklären: Ein supernormales Objekt kann diskret sein und bleibt dennoch nicht unbemerkt oder unbeachtet. Das beste Ergebnis wird durch das beste Design erzielt, nicht durch ein mittelmäßiges Design, das dann an die Wünsche des Marketingteams angepasst werden kann. Ich bestreite nicht, dass Marketing eine Rolle spielt, aber sein Input sollte eher beratend und unterstützend als verzerrend sein.

Die Welt, wie wir sie noch vor einigen Jahren kannten, hat sich bereits erheblich verändert. Die Missachtung der Wahrheit ist zur Routine bei der Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele geworden. Der Designer ist der Hüter einer wahrheitsgemäßen physischen Umgebung. Wenn ihm diese Rolle nicht mehr gestattet ist, wird unsere Umgebung schnell immer banaler und massentauglicher werden. Gehen Sie einfach mal in den Duty-free-Bereich am Flughafen. Da können Sie sehen, was passiert, wenn Marketing die Kontrolle übernimmt.

Was inspiriert Sie zu Ihrer Arbeit?

Alle möglichen Dinge, die mir so ins Auge springen. Aber vor allem die Idee, die Atmosphäre des Alltags zu verbessern.

Ein supernormales Objekt kann diskret sein und bleibt dennoch nicht unbemerkt oder unbeachtet.

Hat sich Ihr Arbeitsprozess in den vielen Jahren Ihrer Tätigkeit verändert?

Ja, sicherlich. Als ich anfing, gab es nur mich und mein Zeichenbrett. Ich hatte ein sehr schönes Reisemodell von Rotring und ein viel größeres zu Hause. Früher habe ich alle technischen Zeichnungen von Hand angefertigt. Auch lange nachdem ich meinen ersten Apple Macintosh (SE30) bekommen hatte, zeichnete ich von Hand. Das Aufkommen des heimischen Faxgeräts kam für meine berufliche Karriere genau zum richtigen Zeitpunkt. So konnte ich mich mit den ersten Unternehmen, die Interesse an einer Zusammenarbeit mit mir hatten, wie FSB, dem deutschen Türgriffhersteller, oder Cappellini in Italien, austauschen und ihnen Zeichnungen senden.

Als wir den Auftrag zum Entwurf der Straßenbahn von Hannover erhielten, konnten wir uns eine 3D-Zeichensoftware leisten. Kürzlich folgte dann die Anschaffung eines 3D-Druckers. All dies hat das Designen einfacher gemacht. Dennoch fühlt es sich nach wie vor gut an, etwas von Hand zu kreieren!

Sie blicken auf eine lange Karriere zurück und haben in verschiedenen Produktbereichen kreativ gearbeitet. Gibt es Ideen oder Projekte, die Sie gerne umsetzen würden, für die Sie aber bislang keine Zeit hatten?

Von Anfang an haben die Anfragen, die mich erreichten, meine eigenen Vorstellungen von dem, was ich entwerfen könnte, weit übertroffen. Viele dieser Projekte kamen von deutschen Herstellern, wie FSB (Türgriffe), Rosenthal (Porzellangeschirr) und Lamy (Füllfederhalter), oder von deutschen Städten wie Hannover (Straßenbahn). Ich habe vor langer Zeit aufgehört, mich zu fragen, was ich entwerfen möchte. Stattdessen lasse ich mich einfach überraschen, welche Projekte mir angeboten werden.

Welche drängenden Zukunftsfragen werden sich für Designer stellen?

Die drängenden Zukunftsfragen stellen sich bereits jetzt. Als Designer sollte man nutzlose und unethische Projekte vermeiden, keine Materialien verschwenden, Dinge entwerfen, die sowohl physisch als auch visuell eine lange Lebensdauer haben, und die Umweltauswirkungen seines Entwurfs berücksichtigen. Es ist durchaus verständlich, dass Kunststoff für die globalen Umweltprobleme verantwortlich gemacht wird. Aber man sollte Folgendes bedenken: Kunststoff, der für Stühle mit einer Nutzungsdauer von 30 Jahren oder mehr verwendet und dann recycelt wird, hat möglicherweise geringere ökologische Auswirkungen als andere Materialien.

Die von Kunststoff verursachten Umweltprobleme gehen hauptsächlich auf Einwegverpackungen und die kurzlebige Modeindustrie zurück. Eine relativ kurze Fahrt in einem SUV ist mit ähnlichen Energie- und Umweltfaktoren verbunden wie die Herstellung eines Kunststoffstuhls. Sowohl für den Designer als auch für den Entscheidungsprozess der Verbraucher wäre ein besseres Verständnis der Problemursachen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation wichtig.

Was würden Sie jungen Designern raten? Gibt es einen Tipp oder eine spezielle Maßnahme, die Ihnen in Ihrer Karriere geholfen hat?

Der Schlüssel, um Designer zu werden, ist, Dinge zu bemerken und sich bewusst zu machen, wie diese sich verhalten. Das muss man lernen.

Sie haben viele Auszeichnungen erhalten und werden nun als „German Design Award Personality 2020“ geehrt. Was bedeutet eine solche Auszeichnung für Sie persönlich? Und welche Bedeutung messen Sie Auszeichnungen in Ihrem Branchenumfeld bei?

Ich fühle mich zutiefst geehrt, diese Auszeichnung vom Rat für Formgebung zu erhalten. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Persönlichkeit des Jahres ausgezeichnet werden würde! Es ist für mich eine sehr angenehme Überraschung. Darüber hinaus bedeutet es mir viel, dass diese Auszeichnung aus einem Land kommt, das mir am Herzen liegt, in dem ich als Kind, als Student und noch einmal als junger Designer gelebt habe. Und das alles in einem Moment, in dem ich mein eigenes Land kaum wiedererkenne.

Der Schlüssel, um Designer zu werden, ist, Dinge zu bemerken und sich bewusst zu machen, wie diese sich verhalten. Das muss man lernen.

Sie haben in verschiedenen Metropolen der Welt Fahrräder abgestellt. In welcher Stadt brauchen Sie noch ein Fahrrad?

Ich möchte in jeder Stadt ein Fahrrad haben! Heutzutage ist das möglich, ohne dass ich selbst eines besitze, was ich für eine fantastische Innovation halte.

Was war Ihr verrücktestes Projekt – in Bezug auf den Prozess und/oder das Ergebnis?

Am verrücktesten war das Straßenbahnprojekt für Hannover. Mein Studio war noch sehr klein, als wir für das Projekt ausgewählt wurden. Wir hatten einige Probleme mit einem anderen Studio, das der Meinung war, das Projekt durchführen zu sollen. Es gab einen Zeitungsartikel, der unmittelbar nach Projektbeginn mit der Überschrift „Designer, der nur für Türgriffe bekannt ist“ herauskam. Darin wurde behauptet, dass ein Designer, der nur Türgriffe entwerfen kann, wohl kaum eine Straßenbahn designen könnte. Das Projekt dauerte mehr als zwei Jahre, in denen ich alle 10 Tage die Fabrik aufsuchte.

Es war eine intensive Zeit, in der wir vieles lernen mussten. Aber wir haben das Projekt ohne größere Probleme beendet, obwohl eine Vielzahl von Kompromissen nötig war, um alle Beteiligten zufriedenzustellen. Normalerweise arbeiten wir mit 3 oder 4 Leuten von der Produktionsseite zusammen. Bei diesem Projekt waren ein paar hundert Leute beteiligt.

Und was war Ihr Lieblingsprojekt?

Wie ich immer sage, ist mein Lieblingsprojekt die kumulative Wirkung aller Projekte, die in so vielen alltäglichen Situationen existieren und in ihrem lokalen Umfeld zur Verbesserung der Atmosphäre beitragen.


Zuerst erschienen im Katalog des German Design Award 2020.
Beitragsbild: Portrait Jasper Morrison, Jasper Morrison Ltd. Photo Credit: Elena Mahugo. Quelle: Rat für Formgebung.

Print Friendly, PDF & Email