Er bekam als erster und bislang einziger Designer die National Medal of Arts aus den Händen von Barack Obama – die höchste Auszeichnung für einen amerikanischen Künstler. Sein Rebus „I (heart) NY” machte ihn weltberühmt. Nun ist der New Yorker Grafiker, Illustrator und Branding-Spezialist Milton Glaser 91-jährig gestorben.

Ein Nachruf von Gerrit Terstiege.

In den letzten zwei Jahrzehnten seines langen Lebens war Milton Glaser vor allem: ein Guru. Er konnte große Vortragssäle füllen und bestens unterhalten, war ein charmanter Lehrmeister an diversen Hochschulen, vor allem an der School of Visual Arts. In etlichen Filmen und Interviews auf YouTube wird klar, wie Glaser über seine Profession und sein eigenes Tun dachte. Manchen Gedanken brachte er sehr pointiert auf den Punkt: Slogans wie „art is work” oder „drawing is thinking” haben etwas von der prägnanten Liebeserklärung „I (heart) NY” (1977) an seine Heimatstadt, die zu jener Zeit ziemlich verwahrlost war.

Das Branding mit Herz sollte den Bürgersinn stärken und die Bewohnerinnen und Bewohner stolz auf ihre Stadt machen. Dass daraus eines der weltweit stärksten Embleme (mit Tausenden Adaptionen zu allen möglichen Themen) werden sollte, ahnte Glaser damals nicht.

Manchen Gedanken brachte Glaser pointiert auf den Punkt: Slogans wie „art is work” oder „drawing is thinking” haben etwas von der prägnanten Liebeserklärung „I (heart) NY” (1977) an seine Heimatstadt.

Beiträge zur Popkultur

Als 85-Jähriger konnte er noch einmal ein neues grafisches Motiv aus seiner Hand auf Bussen und großen Plakaten erleben: Man hatte ihn gebeten, für die letzte Staffel der TV-Serie „Mad Men” eine Werbung im Stil der sechziger Jahre zu entwerfen. Ein klassischer Ad Man, ein Werber, war Glaser indes nie. Im letzten unserer Gespräche ging es genau um jene Ära, die die Serie porträtiert – die der smarten Texter und Art Direktoren der Madison Avenue, die Scotch trinkend und rauchend den „American Dream” verkauften.

Glaser winkte ab: „Ich habe mich von typischen Agenturjobs, bis auf wenige Ausnahmen, bewusst ferngehalten. Denn damit sind meist so viele Zwänge verbunden, dass nichts Abenteuerliches oder Außergewöhnliches möglich ist. Als Kreativer spürt man sehr schnell die engen Grenzen, die einem in der klassischen Werbung gesetzt werden. Fraglos kann man viel Geld damit verdienen, aber die ganze Atmosphäre kann sich sehr zerstörerisch auf die Kreativität auswirken. Natürlich habe ich mich in dieser Szene bewegt. Ich kannte die Welt, in der die Serie spielt, sehr gut.”

Von der South Bronx nach Bologna

Doch auch im US-amerikanischen Grafikdesign der Sixties nahm Glaser eine Sonderstellung ein, denn er verweigerte sich dem von der Schweizer Grafik geprägten Purismus jener Jahre. Die etwa für seinen New Yorker Kollegen Massimo Vignelli typischen, klaren Formen und strengen Layouts waren Glasers Sache nicht. Und sich etwa bei Entwürfen auf Grundfarben zu beschränken, wäre Glaser kaum in den Sinn gekommen. Er hatte 1948 bis 1951 an der berühmten Kreativschmiede Cooper Union studiert.

Was ihn als Mensch und Gestalter aber tief geprägt hat, war sein anschließendes Studium als Fulbright-Stipendiat an der Accademia delle Belle Arti in Bologna, wo der Stillleben-Maler Giorgio Morandi sein Lehrmeister wurde. Hier kam der Junge aus der South Bronx, Sohn jüdisch-ungarischer Immigranten, in Berührung mit der italienischen Renaissance-Malerei. Und mit ihr entdeckte er neue Möglichkeiten, zeitgenössische Themen und Produkte mit dem Stil und den Sujets der alten Meister sinnfällig in Verbindung zu bringen.

Renaissance-Motiv mit Schreibmaschine

Eine seiner schönsten Arbeiten bewirbt nur nebenbei die Schreibmaschine „Valentine” von Olivetti: Glasers Poster variiert den Ausschnitt eines Gemäldes von Piero di Cosimo, das heute in der National Gallery in London hängt und eine Szene aus Ovids „Metamorphosen” zum Thema hat: „Ich wundere mich immer noch, dass Olivetti diesen Entwurf angenommen hat. Aber damals war Giorgio Soavi Kreativdirektor bei Olivetti – ein Dichter, Autor und Schöngeist. Ich mochte das Gemälde von di Cosimo vor allem wegen des traurigen Hundes in dieser großartigen, metaphysischen Landschaft.”

Aus Italien zurückgekehrt, wurde Glaser Partner in den „Push Pin Studios”, die drei seiner Studienkollegen, darunter Seymour Chwast, in New York gegründet hatten. Ein banaler Unfall im Jahr 1966 sollte zu einem Auftrag führen, der Glaser endgültig zum Ruhm verhalf: Bob Dylan war mit seinem Motorrad im Sommer jenes Jahres gestürzt und zog sich daraufhin für lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Dylans Plattengesellschaft Columbia, zu der Glaser beste Beziehungen hatte, bat den Grafiker, als Beilage einer eilig zusammengewürfelten Greatest Hits-Kompilation ein Poster zu entwerfen.

Und wieder war es sein kunsthistorisches Wissen, das Glaser zugutekam. Denn ein kleinformatiger Scherenschnitt – ein Selbstporträt des Surrealisten und Dadaisten Marcel Duchamp – wurde zum Vorbild des Entwurfs: Glaser tauschte das Profil Duchamps mit dem Dylans und verwandelte die wilden Locken des Rockstars in bunte, schlangenförmige Arabesken – eine grafische Ikone war geboren. Weit über fünf Millionen Mal wurde die Platte samt Poster verkauft – und das Dylan-Konterfei zierte in der Folge auch Glasers erste, eigene Greatest Hits-Sammlung in Buchform, „Grafik und Design” (1973), die in den siebziger Jahren zu einer der erfolgreichsten Publikationen über Illustrationskunst werden sollte.

Aus der Vergangenheit schöpfen

Wer heute in dem Buch blättert, erkennt viele Parallelen nicht nur zu künstlerischen Strömungen, sondern fühlt sich auch an Glasers deutschen Kollegen Heinz Edelmann erinnert. Beide Meister ihres Fachs, produzierten sie für eine gewisse Zeit frappierend ähnliche Arbeiten: von der sensiblen Linienführung über die Behandlung des Bildraums bis zum Detailreichtum ihrer zeichnerisch erdachten Welten. Beide Grafiker schöpften aus der Vergangenheit, verwandelten sie in etwas Gegenwärtiges, jonglierten mit Ornamenten, Zitaten und Stilen – und schätzten sich gegenseitig sehr.

Doch Edelmann wandte sich irgendwann vom surreal-poppigen Stil ab, den sein Beatles-Animationsfilm „Yellow Submarine” auszeichnet – und auch Glaser stürzte sich in die Arbeit am Editorial Design des von ihm mitgegründeten „New York”-Magazine, einem Weekly, das bis heute erscheint – allerdings riss das Heft Rupert Murdoch 1976 im Zuge einer feindlichen Übernahme an sich und warf Glaser kurzerhand heraus.

Restaurant-Interieurs, Packaging und Branding

Da allerdings war sein Büro Milton Glaser Inc. längst erfolgreich und wuchs mit der Größe neuer Projekte, die sich verstärkt mit dem Branding von Institutionen, aber auch mit der Ausstattung von Restaurants befassten. Ja, ganze Supermärkte hat Glaser in den siebziger und achtziger Jahren re-designt, vom Logo über die Beschilderung bis zum Packaging Design vieler Eigenmarken. Nicht alle der von ihm eingerichteten und grafisch ausgestatteten Restaurants können aus heutiger Sicht überzeugen. Sein Buch „Art is Work”, erschienen 2000, versammelte auch schwächere Projekte, die von seinem Büro realisiert worden waren. Aber hin und wieder fand er Zeit, sich mit den wirklich großen Themen der Weltliteratur auseinander zu setzen: Er entwarf etliche Buchtitel (wunderbar: seine Shakespeare-Cover) und illustrierte das Purgatorium-Kapitel aus Dantes „Göttlicher Komödie”.

Es war ein langer Weg von der Begeisterung für Morandi-Flaschen bis zum aktuellen Etiketten-Design der „Brooklyn Brewery” – voller Höhen und Tiefen, voller Wagnisse, Erfolge und Rückschläge. Als er vor nicht allzu langer Zeit von einer jungen Designerin gefragt wurde, was in seinen Augen dem Leben Sinn gibt, antwortete Milton Glaser mit brüchiger Stimme: „Das einzige, was im Leben wirklich zählt, ist die Beziehung zu anderen Menschen. Alles andere – Ruhm, Geld und Reputation – ist Bullshit.”

Glasers Weg war einzigartig – und er wäre heute, in Zeiten detaillierter Marktforschungsstudien und strategisch getakteter Designprozesse, so kaum noch möglich. Seine Intuition war ihm ein Kompass: „Ich glaube nicht an Logik. Logik ist nur ein kleiner Teil von Erfahrung und nur ein kleiner Teil des Verstehens einer Sache. Intuition ist viel stärker und viel bedeutender.” Der Guru hat gesprochen! Nun wird er für immer schweigen. Aber in seinem großen Werk lebt er fort.

Das einzige, was im Leben wirklich zählt, ist die Beziehung zu anderen Menschen. Alles andere – Ruhm, Geld und Reputation – ist Bullshit.

Milton Glaser
Milton Glaser. Photo by Michael Somoroff.

Gerrit Terstiege, lange Jahre Redakteur und Chefredakteur der Designzeitschrift form, schreibt heute für Unternehmen, Websites und Zeitschriften wie Art, Monopol, Mint und Rolling Stone. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg.  

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Studio Milton Glaser Inc.

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