USA Workshops. Stiftung Deutsches Design Museum © Christof Jakob

Stiftung Deutsches Design Museum begeistert für Bauhaus und moderne Gestaltung

Wunderbar together | Germany and the U.S.! Zum Deutschlandjahr 2019 in Amerika tourt die Stiftung Deutsches Design Museum durch Schulen und Museen. Im Frühjahr hat ihr Aktionsprogramm „Entdecke Design – Entdecke Bauhaus“ mit praxisorientierten Workshops schon 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Ostküste bis in den Süden Texas erreicht. Aktuell steht die Westküste auf dem neuen Tourplan. Wie einst am Bauhaus arbeiten Lernende und professionelle Gestalter als interdisziplinäre Teams. Jeder Teilnehmende kann seine individuellen Stärken einbringen.

Wir haben mit dem Designer Dirk von Manteuffel über seine Funktion als deutscher „Botschafter“ und Design-Coach während der ersten Tour gesprochen.


Die erste Etappe der Roadshow „Entdecke Design – Entdecke Bauhaus“ in den USA ist erfolgreich abgeschlossen. Ihre wichtigsten Eindrücke?

Überwältigend und unglaublich kompakt: Tag für Tag eine neue Stadt, Workshops für Elementary, Middle und High Schools, Colleges oder in Museen und Bibliotheken. Unser jüngster Gast war sechs Jahre, der älteste über achtzig Jahre alt. Die Neugierde, meist spontane Begeisterung, aber auch private Gespräche berühren, wir haben „Wunderbar together“ mit Leben erfüllt. Ich war kein Tourist, sondern Teil ihres Alltags. Dabei entsteht ein anderes Bild von den Menschen. Unsere Einstellung zum Partnerland USA verdient Differenzierung, weil die Nation so unglaublich vielfältig ist, an Kulturen, Völkern, Staaten und Entwicklungen. Auch hierzulande wird mehr Wissen gebraucht, damit wir nicht in Stereotypen denken.

Die Workshoptour hat über 1.500 Menschen in elf Staaten erreicht. Sicher fällt ein Vergleich nicht leicht. Dennoch, können Sie ein paar Anhaltspunkte geben?

Ich reiste vom Mittleren Westen an die Ostküste und bis tief in den Süden nach Texas, erlebte den Ballungsraum Chicago mit seiner modernen Architektur natürlich anders als Washington oder Boston, deren Stadtbilder eher historisch gewachsen sind. Ein ganz anderer Spirit wiederum prägt die Urbanität von Houston, schon bedingt durch die heißere Klimazone, aber auch als Industriestandort für Raumfahrt und Öl bzw. Petrochemie. Unser ländlichstes Einsatzgebiet war Peterborough in New Hampshire. Dort leben nur rund 30.000 Menschen, fast ohne Migrationsanteil. An einem College in Texas treffen täglich 5.500 Jugendliche verschiedenster Ethnien aufeinander. Da lernt es sich an der Peterborough Convai High School mit 800 Schülern vergleichsweise homogen – und sehr behütet.

Zum Bauhaus-Bild in den USA. In Deutschland gehört das Bauhaus mehr oder weniger zum Allgemeinwissen. Ihr Vergleich nach den Begegnungen vor Ort?

Hier in Deutschland verbindet man mit dem Bauhaus vielleicht zuerst die modernen Designklassiker oder bekannte Protagonisten wie Walter Gropius, Marcel Breuer, Mies van der Rohe. Zum Wissen über die Bewegung selbst, ihren revolutionären Ansätzen auch für eine gesellschaftliche Erneuerung, herrscht in beiden Ländern Nachholbedarf. Wie zu erwarten, fällt in Amerika natürlich sofort der Begriff New Bauhaus, man kennt die großen Bauten in Chicago, manche wissen um das Wirken von Gropius an der Harvard University, die zu einer der bedeutendsten Ausbildungsstätten für moderne Architektur wurde. Vorsichtig und nur im Hinblick auf unsere Workshop-Besucher geschätzt: Zehn Prozent brachten ein wie auch immer geartetes Vorwissen mit. Bei der großen Mehrheit haben wir Neuland erschlossen.

„Entdecke Design – Entdecke Bauhaus“ soll den transnationalen Dialog fördern. Kontext ist das in den USA veranstaltete Deutschlandjahr 2019. Wie haben Sie diesen Austausch erlebt?

Dirk von Manteuffel © Christof Jakob

Rund die Hälfte aller Workshops erfolgte in deutscher Sprache. Da waren Neugierde, echte Freude, mit einem Muttersprachler zu kommunizieren. Viele wollten ihr Wissen über Deutschland anbringen, Fragen zur Geschichte stellen. Dann entstehen Brücken und Empathie, etwa bei Bildern aus den frühen Zwanzigern in Deutschland, die ich auch zeige. Da wird sofort verglichen mit der „Great Depression“, sofort verstanden, was der Aufbruch zu einer neuen Gesellschaft bedeuten, wem Serienproduktion nutzen sollte. Daneben existiert ein ziemlich buntes, eher folkloristisches „German Heritage“, geprägt durch Einwanderer oder Rückkehrer aus Besatzungszeiten. Aber es gab auch den Jungen, der sich die Kippa im Unterricht aufsetzte. All diese Bilder bleiben.

Ist Design im Unterricht verankert, vielleicht sogar gleichberechtigt mit anderen Fächern? Im Heimatland von Charles und Ray Eames, Raymund Loewy oder Steve Jobs ließe sich das vermuten.

Natürlich kann ich das nur im Ausschnitt betrachten. Wenn überhaupt, wird Design im Kunstunterricht vermittelt, eigene Klassen gibt es dafür kaum. Den meisten erschließt ein Designworkshop eine völlig neue Welt. Ähnlich in beiden Ländern sind auch die Reaktionen: Schülerinnen und Schüler können sehr schnell in das Thema einsteigen, weil es konkrete Bezüge zu ihren Interessen und ihrem Alltag hat. Dass und wie man selbst kreativ werden kann, dass Design auch Einfluss auf die Gestaltung unserer Umwelt nimmt, entdecken viele zum ersten Mal – und als Chance für sich selbst.

Praktisches Gestalten ist ein wesentliches Element der Workshops, vorgeschaltet ist der Wissenstransfer zu Gestaltern und Methoden am Bauhaus. Was passiert konkret?

Gestaltung am Bauhaus, die Vermittlung wichtiger Prinzipien modernen Designs wie „less is more“ oder „form follows function“ gibt den Teilnehmern ein Fundament zur Designtheorie, nicht trocken oder abstrakt, sondern sofort umsetzbar – in eigenen Entwürfen, einer Art Fingerübung im Design. Der 10-Minuten-Stuhl wird in begrenzter Zeit mit begrenzten Materialien gestaltet. Solche Challenges sind sehr willkommen, gehören zum Alltag, nur in anderen Kontexten. Gelöst werden sie zum Beispiel nach dem Prinzip Think, Pair, Share – Denken, Team bilden, Teilen. Im Workshop wird auch erlebt, dass es im Designprozess kein Scheitern gibt, eine für Amerikaner spannende Erfahrung. Selbst wenn ein Modell nicht fertig wird oder gelingt. Auch dieses Ergebnis ist wertvoll für den Designprozess.

Sie hatten eine Doppelfunktion als Workshopleiter und Gastbotschafter für Design. Wie hat Ihr Publikum darauf reagiert?

Erstaunlich offen, man spürte, die Erwartungshaltung ist grundsätzlich positiv. Dies liegt sicher auch daran, dass amerikanische Schüler oder Studenten sogenannte interactive parts im Unterricht lieben. Mit kulturellen Themen, die Bezüge zur eigenen Lebenswelt haben, erzeugt man sofort Interesse. Unsere Workshops sind ja team-orientiert, haben keinen protokollarischen Charakter, der Leiter wird als Coach gesehen. Dass ich Deutscher bin, dass hinter dem Austauschprogramm offizielle Partner wie das Goethe Institut und das Außenministerium stehen, macht es für die Teilnehmer noch bedeutender, aber nicht fremd. Kreativität macht Spaß, auch das ist eine wichtige Botschaft. Denn im Ausland sind wir immer noch bekannter für unsere Präzision und Ingenieurskunst, als für den Humor.

Eine ganz kurze Vorschau auf die Herbsttour?

Erst mal ein Kompliment an alle Mitwirkenden der Roadshow „Entdecke Design – Entdecke Bauhaus“ im Frühjahr. Im Vorfeld sorgfältig geplant und über Tausende von Meilen vernetzt, war sie dennoch ein Experiment, allein in der Logistik. Das Ergebnis hat uns mehr als belohnt, meist haben wir uns als Freunde verabschiedet. Jeder Besuch beginnt mit einem Security Check, der dauern kann. Freuen können sich meine Kollegen auf handyfreie Klassen, Mobiles werden vor dem Unterricht abgegeben. Und viel wichtiger: sie werden die Begeisterung erleben, wenn es im Designworkshop heißt „hands on“. Das steckt an, vor allem weil man erlebt, dass Wissen zum Design sofort zu praktischer Gestaltung führen kann.

Das Gespräch mit Dirk von Manteuffel führte Helga Sonntag-Kunst im Auftrag der Stiftung Deutsches Design Museum am 08. Juli 2019.


Mehr Kreativität, mehr Mitgestaltung? Entdecke Design!

Mit der 2014 gestarteten Kulturinitiative „Entdecke Design“ sind in Deutschland schon über 16.000 Menschen erreicht worden. Nach Programmen für London und Mailand ist die Stiftung Deutsches Design Museum nun erstmals in Amerika aktiv. Sie vermittelt Wissen, vor allem aber fördert sie den kulturellen Austausch zum aktuellen Designgeschehen. Aktionsorientierte Workshops regen dazu an, Herausforderungen einer globalen Welt gemeinsam zu lösen. Die Roadshow „Discover Design – Discover Bauhaus!“ tourt durch Metropolen und quer durch das Land. Schulen, Colleges und Museen setzen das Förderprogramm mit großem Erfolg und wachsenden Teilnehmerzahlen ein.

Wunderbar together

Gefördert wird die spannende Entdeckungsreise durch die Welt des Designs vom Auswärtigen Amt. Das Goethe Institut realisiert und der Bundesverband der deutschen Industrie unterstützt die Veranstaltungen, welche die transatlantischen Beziehungen fördern sollen. „Design ist ein Tor zur Welt. Unser Beitrag zum Deutschlandjahr soll den Spirit am Bauhaus neu entfalten“, berichtet Julia Kostial, Geschäftsführerin Stiftung Deutsches Design Museum. Mit diesem Ziel wurde ein Programmformat für Jugendliche als selbstbewusste (oder kritische) Konsumenten von morgen entwickelt. Wer aus der Vergangenheit lernt, kann die Zukunft besser gestalten. Aufhänger ist das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum als gemeinsames Erbe beider Nationen: Wie nutzt man es für eine gemeinsame Zukunft? Designthemen der Gegenwart führen dann zu praktischen Arbeiten. Entwürfe und Plakate werden gestaltet und diskutiert. „Heranwachsende wollen sich engagieren, wenn es um ihre Lebenswelten geht“, so Kostial, „hands on erleben sie, was modernes Design bedeutet und bewirken kann.“

Zweite US-Tour startet am 24. September

Die Erfolgstournee der Stiftung Deutsches Design Museum wird im Herbst fortgesetzt. Neben dem Workshop-Programm „Discover Design – Discover Bauhaus!” werden Live-Events zur Pop-Up-Tour „Wunderbar together“ in Atlanta und Portland, zum Bauhaus-Fest in Washington und zur Bauhaus-Fotoausstellung in San Francisco veranstaltet. Neuer Design-Botschafter ist der 26-jährige Produktdesigner Jan Christian Schulz. Mehrfache Auszeichnungen und interkulturelle Arbeitserfahrungen machen den jungen Kreativen zum idealen Workshopleiter. Mit seiner Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude im Design wird er Neuland für die deutsch-amerikanische Freundschaft erschließen.

Jan Christian Schulz © Silvan Hartig

„Ich freue mich besonders darauf, zusammen mit den Teilnehmenden in den visionären Zeitgeist des Bauhauses einzutauchen und mit ihnen den gesellschaftlichen Wert von Design zu entdecken. Das USA-Abenteuer vereint meine Leidenschaft zum Reisen mit der großartigen Gelegenheit, meine bisherigen Erfahrungen im kulturellen Austausch mit anderen zu teilen und gemeinsam neue Perspektiven einzunehmen“, so Jan Christian Schulz.


Gegründet wurde die Stiftung Deutsches Design Museum im Jahr 2011 auf Initiative des Rat für Formgebung. Sie fördert Design als prägendes Element von Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Diese Ziele werden national und international durch Workshops, Symposien und Ausstellungen realisiert. Wie vielfältig Design unser kulturelles und wirtschaftliches Leben prägt, vermittelt die Bildungsinitiative „Entdecke Design“ seit 2014. An den Fördermaßnahmen haben schon über 16.000 Lernende und Lehrende teilgenommen.

Zur Stiftung Deutsches Design Museum


Beitrag von Helga Sonntag-Kunst


Julia Kostial © Dieter Schwer

Julia Kostial ist seit 2017 die Geschäftsführerin der Stiftung Deutsches Design Museum in Frankfurt am Main. Julia Kostials berufliche Erfahrungen umfassen eine zehnjährige Tätigkeit bei PR-Agenturen in Frankfurt und Hamburg. Ab 2009 übernahm und leitete sie den Bereich Corporate Communications beim Rat für Formgebung. Sie hat Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert.

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