Zum 100. Geburtstag von Vico Magistretti.

Von Thomas Wagner.

Er hat zahlreiche Design-Ikonen entworfen und gilt zurecht als einer der Gründerväter des italienischen Designs. Bedeutende Gestalter wie Jasper Morrison und Konstantin Grcic haben bei ihm gelernt, was es heißt, zeitgenössisch zu sein: Am 6. Oktober 2020 wäre Vico Magistretti 100 Jahre alt geworden.

© Fondazione studio museo Vico Magistretti

Es ist nichts Besonderes, Architektur als den Spiegel einer Epoche zu betrachten. Aber Design? Auf der Fassade von Gebäuden lässt sich, so nimmt man an, nicht nur ihr Geburtsdatum ablesen, sondern auch die Stimmung einer Zeit, ihre Sitten und Erwartungen, vielleicht sogar ihre geheimen Gedanken. Lässt sich das auch von Design sagen?

Wer weiß, vielleicht konnte einer wie Vico Magistretti nur in Mailand gedeihen, in jener Stadt, von welcher der Schriftsteller und Maler Alberto Savinio sagt, ihre Plätze seien „zufällige Begegnungen von Straßen, wo der Wind der Phantasie sich sammelt und spielt, denn in dieser ruhigen und glücklichen Stadt weht kein anderer Wind als der einer zarten und ruhigen Phantasie.“ Vico Magistretti – geboren am 6. Oktober 1920 in Mailand, wo er am 19. September 2006 auch gestorben ist – wusste, wo die Phantasie sich sammelt. Nichts, meinte er einmal, sei so wunderbar wie die Geste von jemandem, der ein großes Stück Stoff oder Leder auf ein Sofa oder einen Sessel wirft, nur um zu sehen, wie es aussieht. Mit „Sindbad“ hat er Anfang der 1980er-Jahre aus der Beobachtung eine Serie von Sitzmöbeln gemacht – verblüffend einfach feiern sie die Geste des Zeigens und Schauens.

Man kann Vico Magistretti, der ein Leben lang parallel als Architekt, Stadtplaner und Designer gearbeitet hat, ohne Zögern als einen der Väter des sogenannten „italienischen Designs“ bezeichnen, eines Phänomens, das er selbst als erstaunlich bezeichnet hat und das wohl nur in einer Zeit des Neuanfangs und Aufbruchs und dank des Zusammentreffens engagierter Architekten-Designer mit ebenso mutigen wie kompetenten Herstellern möglich wurde.

Teil einer neuen Generation von Architekten

Ludovico Magistretti entstammte einer Architektenfamilie: Sein Urgroßvater Gaetano Besia baute das Collegio delle Fanciulle in Mailand; sein Vater Pier Giulio Magistretti war am Entwurf des Palazzo dell‘Arengario auf der Piazza del Duomo beteiligt, in dem sich heute das Museum der Kunst des 20. Jahrhunderts befindet. Also schrieb sich, nach seiner Gymnasialzeit, 1939 auch Vico am Mailänder Polytecnico für Architektur ein. Während seines Militärdienstes, verschlug es ihn, um einer Deportation nach Deutschland zu entgehen, 1943 in die Schweiz, wo er Ernesto Nathan Rogers vom Mailänder Büro BBPR kennenlernte. Rogers, elf Jahre älter, der als Sohn einer jüdisch-italienischen Mutter hatte emigrieren müssen, wurde zu einer wichtigen Bezugsperson für Magistrettis weiteren beruflichen Werdegang. 1945 kehrte Vico nach Mailand zurück, schloss sein Studium ab und begann (zusammen mit Paolo Chessa) im Atelier seines Vaters zu arbeiten, der unglücklicherweise noch im selben Jahr verstarb.

Die 1950er-Jahre waren prall gefüllt von Initiativen und innovativen Vorschlägen des jungen Architekten. Dank des Baus von zwei bedeutenden Gebäuden in Mailand – dem Turm am Park in der Via Revere (1953-56, mit Franco Longoni) und dem Bürogebäude am Corso Europa (1955-57) – avancierte Magistretti rasch zu einem wichtigen Protagonisten einer neuen Generation von Architekten.1956 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Associazione per il Disegno Industriale (ADI) und war zum ersten Mal Teil der Jury des Compasso d‘Oro.

Man kann Vico Magistretti, der ein Leben lang parallel als Architekt, Stadtplaner und Designer gearbeitet hat, ohne Zögern als einen der Väter des sogenannten „italienischen Designs“ bezeichnen.

Klassiker des italienischen Designs

Ende der 1960er-Jahre begann eine überaus fruchtbare Zusammenarbeit mit Herstellern wie Artemide, Cassina und Oluce. Magistretti schuf eine ganze Reihe von Objekten, die heute als Klassiker des italienischen Designs gelten. Um nur die wichtigsten zu nennen: Für Artemide entstanden Leuchten wie die lustige „Dalù“ (1966), die berühmte „Eclisse“ (1967, im selben Jahr mit dem Compasso d’Oro ausgezeichnet), die elegante „Chimera“ (1969), und nicht zu vergessen die ebenso schlichte wie pfiffige Deckenleuchte „Teti“ (1970). Bei Oluce firmierte Magistretti viele Jahre als Art Director und Hauptdesigner, was zu ikonischen Leuchten geführt hat. Dazu zählen die „Sonora“ (1976), die so schlichte wie extravagante, im Grunde ganz kubistisch aus Kegel, (Halb-)Kugel und Zylinder bestehende „Atollo“ (1977, Compasso d‘Oro 1979) und die aus nur zwei zylindrischen Kelchen bestehende „Pascal“ (1979).

In der Zusammenarbeit mit Cassina besonders hervorzuheben sind das innovative Sofa „Maralunga“ (1973) mit verstellbaren Rückenlehnen und das Buchregal „Nuvola Rossa“ (1977), beide ungemein innovativ, vielfach nachgeahmt, aber unübertroffen. In den frühen 1980er-Jahren begann die Partnerschaft mit è De Padova. Aus dieser entstand u. a. der „Marocca“-Stuhl (1987), der Tisch „Vidun“ (1987, aus ineinandergreifenden Holzteilen, die an einen „Vidun“ erinnern, was im Mailänder Dialekt „große Schraube“ bedeutet) und – inspiriert von den Proportionen des klassischen Thonet-Stuhls, aber aus Polypropylen und Aluminium – der leichte und bequeme „Silver“(1992).

Zeitgemäß, ohne modisch zu sein

Es hat Magistretti stets ausgezeichnet, dass er nie aufgehört hat, das weite Feld des Gestaltens zu erforschen und jenseits modischer Attitüden mit Materialien, Funktionen, Formen und Kombinationen zu experimentieren. Seine Entwürfe treten dabei stets eigenständig auf, ignorieren den Nutzer aber nicht. Im Gegenteil, oft fordern sie zum Mittun auf – ob Rückenlehnen geklappt werden wollen oder man die Lichtquelle, als sei sie ein Mond, ab- oder zunehmen lassen kann. Wie wenige andere hat Magistretti über Jahrzehnte hinweg immer am Puls der Zeit agiert. Vielleicht lässt sich an seinem Schaffen deshalb besonders gut ermessen, wie originär, intensiv und stilsicher die Verbindung von Bauen und Wohnen, Architektur und Design, öffentlichen Plätzen und repräsentativen Räumen in Norditalien gelebt und gestaltet wurde, und wie unwiderstehlich der Magnetismus Mailands wirkte.


Um wirklich zeitgenössisch zu sein, muss man immer eine Hand in der Vergangenheit und eine Hand in der Zukunft haben.

Vico Magistretti

Der Einfluss Magistrettis auf die folgende Designergeneration ist denn auch kaum hoch genug einzuschätzen. Es mag ein Detail sein, hat aber exemplarische Bedeutung, dass, als er – zunächst als Gastprofessor, später als „Honorary Fellow“ – am Royal College of Art in London lehrte, Jasper Morrison und Konstantin Grcic zu seinen Studenten gehörten. Der wirklich große Feind, bekannte Magistretti damals, sei die Vulgarität, weshalb er die angelsächsische Kultur liebe, die davon ausgenommen sei.

Seine Liebe zu Großbritannien wurde erwidert: 1986 erhielt er die Goldmedaille der Society of Industrial Artists and Designers. Ausgehend vom Royal College of Art entstand zudem eine Art des Gestaltens, deren konsequenteste Vertreter, Morrison und Grcic, in Magistretti einen zentralen Bezugspunkt für die Entwicklung eines zeitgenössischen Designs erkannt hatten. (Wer Magistrettis berühmten Plastikstuhl „Selene“ von 1967, aber auch „Gaudì“ und „Vicario“ von 1970, genau betrachtet, erkennt, bei allen signifikanten Unterschieden, leicht den Bogen zu Grcics jüngst für Magis entwickeltem „Bell Chair“.)

Vico Magistretti, der am 5. Oktober 2020 100 Jahre alt geworden wäre, hat dem Design ins Stammbuch geschrieben, was es heute mehr denn je braucht, als er sagte: „Um wirklich zeitgenössisch zu sein, muss man immer eine Hand in der Vergangenheit und eine Hand in der Zukunft haben.“


Die Fondazione studio museo Vico Magistretti feiert den Architekten und Designer zusammen mit ihrem zehnjährigen Gründungsjubiläum mit der Wanderausstellung „100 Jahre Vico Magistretti“, die seit Januar in verschiedenen italienischen Kulturinstituten Station gemacht hat. Im Oktober sind Termine in Budapest und Washington geplant.

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