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Wie sehen die Lebensräume der Zukunft aus? Haben bisherige Wohnkonzepte ausgedient? Allein die letzten Jahre haben gezeigt, wie sehr die Bereiche Wohnen und Arbeiten miteinander verschmelzen. Klare Grenzen verschwimmen, Wohnräume werden vor allem multifunktional genutzt. Wir stellen Beispiele für modulares Design vor.

Von hicklvesting.

Ob als Office, Familientreffpunkt oder Rückzugsort, künftige Wohnarchitektur muss den gewachsenen Anforderungen an hybride Lebensentwürfe gerecht werden. Und so stellen diese modernen Lebensformen Architekt/-innen, Planer/-innen und Designer/-innen vor neue Herausforderungen. Modulare Möbel und multifunktionale Designlösungen rücken in den Fokus, denn sie sind flexibel, mobil und passen sich individuellen Bedürfnissen an. Die Nachwuchsgestalter/-innen des „ein&zwanzig“ Newcomer-Wettbewerbs setzen sich mit dieser Thematik auseinander. Mit ihren innovativen Produkten zeigen sie, wie Modularität von morgen aussehen kann. Die Sitz- und Büromöbel, Systeme, Leuchten, Alltagsgegenstände und textile Entwürfe sind gebrauchsfreundlich, multifunktional und lassen sich je nach Einsatz verkleinern, vergrößern oder anpassen. Dank dieser Flexibilität erweisen sie sich als äußerst nachhaltig, denn sie begleiten ihre Nutzer/-innen in fast jeder Lebensphase und ziehen langfristig in die eigenen vier Wände.

Felix Landwehr von der Fachhochschule Potsdam hat mit „Apio“ beim diesjährigen „ein&zwanzig“ Newcomer Award ein intelligentes Tool für modulare Möbel vorgestellt und dafür die Sonderauszeichnung „Best of Best“ erhalten. Das knotenbasierte Verbindungssystem ermöglicht das Zusammenstecken von modularen Möbelteilen einfach und ohne Werkzeuge. Regale, Hocker oder Wandboxen lassen sich damit zu individuellen Wohnelementen gestalten. Jedes Modulelement besteht aus nur einem Material, das somit sortenrein recycelt und dem Rohstoffkreislauf wieder hinzugefügt werden kann. Anwender/-innen können mit nur einem Verbindungselement und herkömmlichem Rundmaterial aus dem Baumarkt oder aus recycelten Materialien eigene Ideen kostengünstig verwirklichen. Dank der innovativen Verbindung können die Elemente frei auf dem Rundmaterial angeordnet werden. Durch diese maximale Flexibilität und Wandelbarkeit des Systems gelingt die Nutzung in privaten Interieurs genauso wie in Office- oder Retail-Bereichen.

Apio, © Felix Landwehr

Neue Einrichtungsflexibilität bieten auch die Möbelelemente von Justus Hilfenhaus: „Caparica“ funktioniert als ‚stand alone furniture‘, das dem Auge in einem offenen Wohnambiente einen Fixpunkt bietet. Das Möbelstück lässt sich je nach Bedarf erweitern: Aus einem Regal kann ein komplexes Regalsystem werden, das vielfältigen Nutzungsszenarien gerecht wird. Ob als klassisches Bücherregal, Sideboard oder Arbeitsfläche, „Caparica“ passt sich den individuellen Anforderungen der Bewohner/-innen an.

Caparacia, © Justus Hilfenhaus

Spielzeug und Möbel für Kinder sind häufig nur einige Jahre in Gebrauch. Auch wenn sich ihr Design inzwischen an moderne, reduzierte Interieurs angepasst hat, werden sie ausrangiert, wenn sie nicht mehr genutzt werden. Teresa Egger verknüpft ein Spielmöbel mit einem Couchtisch und macht den Gebrauchsgegenstand so für Jung und Alt attraktiv. Das Hybrid-Möbelstück „Ludo – a hybrid furniture“ ist mit einem Handgriff adaptierbar und erlaubt mit jeder Drehung Eltern und ihrem Nachwuchs eine neue Möglichkeit zur Interaktion. Ludo soll die Trennung von Play- und Work-Place fließend gestalten. Auch als Stauraum oder Mini-Desk veränderbar ist das aus nachhaltigem Formsperrholz in nur einem Pressvorgang hergestellte Möbelstück ein Alleskönner. Es fügt sich beispielhaft in das offene Interior ein, das ohne strikte Raumtrennung einen unkomplizierten, generationsübergreifenden Gestaltungstrend verfolgt.

Ludo – a hybrid furniture, © Theresa Egger
Ludo – a hybrid furniture, © Theresa Egger
Der Beistelltisch Lin, © Ziyi Gong und Jingyi Yu

Ziyi Gong und Jingyi Yu aus China beziehen mit ihrem Entwurf alle Mitbewohner/-innen mit ein, auch die Vierbeiner. Der Beistelltisch „Lin“ ist eine zweistöckige Designlösung: Oben Tischplatte, unten Katzenbett mit austauschbarer Katzenmatte und eingebetteten Glocken. Vielleicht will auch ein Hund dort Platz nehmen und Frauchen oder Herrchen beim Arbeiten Gesellschaft leisten?

 „Volta“ von Marie Radke befasst sich ebenfalls mit alltäglichen (Arbeits-)Situationen. Innerhalb eines Tools vereint sie drei optisch aufeinander abgestimmte Objekte, darunter Mehrfachstecker, Verlängerungskabel zum Klemmen und Multifunktionslampe und bringt den Strom im Sinne eines vereinfachten Workflows in bequeme Reichweite. 

Volta, © Marie Radke

Die innovativen Lösungen verdeutlichen, dass die Möbel der Zukunft ästhetischen, multifunktionalen und nachhaltigen Ansprüchen gleichermaßen gerecht werden (müssen). Modularität ermöglicht neue Freiheiten bei der Gestaltung der eigenen vier Wände und geht stärker denn je auf individuelle Bedürfnisse ein. Auch flexible Raumtrenner, mit denen kurzerhand ein neues Raum-Konzept umgesetzt werden kann, gehören zur modularen Grundausstattung. „Gerda“, das flexible Akustikpaneel von Kristin Lieb, ist aus thermisch verformbarem PET-Vlies. Das innovative Paneel sorgt für Schallabsorption, es kann vorübergehend einen Arbeitsplatz kreieren und als neutraler Hintergrund bei Videokonferenzen verwendet werden. „Gerda“ ist besonders gebrauchsfreundlich, lässt sich leicht zusammenrollen und verstauen. 

Gerda, © Kristin Lieb

Das modulare Prinzip mit seinen fast unendlichen Möglichkeiten gilt gleichermaßen für Indoor- und Outdoor-Anwendungen. Die Bereiche gehen immer fließender ineinander über, so werden die Outdoor-Möbel der neuen Generation den klimatischen Anforderungen des Außenbereichs gerecht und erfüllen auch die ästhetischen Ansprüche einer ‚in house‘-Nutzung. „Arbeiten, wo es am schönsten ist“, nach diesem Prinzip, lässt sich „Freiraum“ von Milan Stein als bereifter Arbeitsplatz einfach an jeden beliebigen Wunschort rollen. Das Gestell ist eine Alternative zum starren Büroplatz und wirkt sich positiv auf Motivation und Gesundheit aus. Modular konstruiert kann es platzsparend erweitert werden.

Johannes Choe, Designabsolvent der Kunsthochschule Kassel, hat mit „Active Desk“ einen Schreibtisch entwickelt, der fast allen Arbeitssituationen – mobil, hybrid, digital – gerecht wird. Er kann überall flexibel montiert werden, auch im Freien. Die Trendforscherin Oona Horx-Strathern hat sich ebenso im aktuellen Home Report mit dem Thema Modularität auseinandergesetzt und diese als wichtige aktuelle Tendenz der Raumgestaltung identifiziert. In Zeiten, in denen sich Lebens- und Arbeitssituationen rasant ändern, sollten sich auch die Möbel modifizieren lassen und dem Trend zum Baukastensystem gerecht werden. Oona Horx-Strathern sieht die Strömung nicht nur im Interior, Modularität erfasst auch die Baubranche und habe das Potenzial, die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten, zu revolutionieren. 

Active Desk, © Johannes Choe
Active Desk, © Johannes Choe

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