Es ist ein Thema, das nicht mehr wegzudenken ist aus unserer Gesellschaft. Die Fridays-for-Future-Bewegung wächst und die World Design Organization feierte im Juni den World Industrial Design Day unter dem Motto Nachhaltigkeit. Doch die Kernfrage bleibt, wie sich unser bisheriges System von Produktion, Konsum und Entsorgung radikal verändern lässt – und zwar schnell.

Mit neuen ökologischen, ressourcenschonenden Prozessen befassen sich Designer, Ingenieure, Entwickler, Wissenschaftler, Politiker und viele mehr. Das Umdenken ist allgegenwärtig. Für den Rat für Formgebung ein Anlass, anlässlich der Tortona Design Week im April 2019 mit Fachexperten zu sprechen. Das Thema der Panel-Diskussion lautete: „Disruption through design: challenging our current systems of production and consumption“. Im Video-Mitschnitt können Sie die gesamte Diskussion ansehen. In diesem Beitrag werden die wichtigsten Aussagen zusammengefasst.

Systemveränderung durch Design ist möglich

Die Gesprächsrunde bestand aus Filippo Lodi, Leiter Innovation and Knowledge Management von UNStudio, Maurizio Montalti, Gründer und Kreativdirektor von Officina Corpuscoli, Essi Johanna Glomb, Gründerin & Head of Design von Blond & Bieber sowie Melusine Reimers, Geschäftsführerin von Readymade. Durch die Veranstaltung führte Karianne Fogelberg, Designtheoretikerin & Kuratorin, UnDesignUnit.

Die Runde diskutierte viele Fragen: Lassen sich Nachhaltigkeit und Wachstum miteinander vereinbaren? Oder erfordert ein sparsamer Umgang mit Ressourcen weitergehende, gänzlich neue Ansätze? Welche Rolle spielt Design an der Schnittstelle zwischen Hersteller und Verbraucher? Wie können Designer zu Katalysatoren für dringende Veränderungen werden und dazu beitragen, neue Wege zu gehen?

Design kann durchaus zum Impulsgeber für einen grundlegenden Wandel werden und Produktions- und Konsumbedingungen langfristig ändern. Doch Design agiert stets in einem komplexen Geflecht aus wirtschaftlichen, politischen, und gesellschaftlichen Interessen. Um eine systemische Veränderung im Sinne einer Disruption auszulösen, muss Design Karianne Fogelberg zufolge nicht nur innovativ sein sondern auch strategische Allianzen eingehen. Hierfür wiederum ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren nötig.

Von links: Maurizio Montalti, Essi Johanna Glomb, Melusine Reimers, Filippo Lodi, Karianne Fogelberg. Fotos © Cortili Studio

Maurizio Montalti: Postwachstumsgesellschaft und Ökolabels

Maurizio Montalti, Gründer und Kreativdirektor Officina Corpuscoli

Für Maurizio Montalti geht es zuerst um das Verständnis von Wachstum. Wachstum in unserem derzeitigen wirtschaftlich und kapitalistisch getriebenen System ist für Montalti ein Mechanismus, der eine weitere Expansion der derzeitigen unverantwortlichen Produktions- und Verbrauchssysteme fördert.

Eine konkrete Möglichkeit des Klimaschutzes sind seines Erachtens Ökolabels beziehungsweise Umweltsiegel. Diese könnten Verbrauchern Orientierung geben und böten einen Anreiz für Hersteller, ihre Standards zu erhöhen, um sich einen Wettbewerbsvorteil auf dem Markt zu verschaffen. Manche Labels hätten jedoch derart verwässerte Standards, dass sie offenbar nur als Marketinginstrument oder dem Green Washing dienen. Ein Grundproblem sei, wie Maurizio Montalti hinzufügt, die unscharfe Verwendung des Begriffs Nachhaltigkeit, der oft mit anderen Begriffen wie biobasiert oder kompostierbar verwechselt wird. Montalti fordert die Reaktualisierung von scheinbar vormodernen Praktiken, die jedoch den derzeitigen Produktionsbedingungen ökologisch weit überlegen sind. Zudem sollte eine grundlegende Aufgabe von Design und Industrie heute darin bestehen, ehrlich und transparent zu kommunizieren und zu handeln.

Maurizio Montalti ist ein Pionier in der Erforschung und Entwicklung einer breiten Palette von mycelbasierten Technologien zur Herstellung natürlicher Biomaterialien und Produkte. Er begann mit dem Anbau von Materialien im Rahmen seiner Amsterdamer Kreativpraxis und -beratung Officina Corpuscoli (NL) und arbeitete an der Schnittstelle von Design und Biotech. Später gründete er Mogu (IT), ein innovationsgetriebenes, umweltbewusstes Unternehmen, das sich der Entwicklung, Standardisierung und Vermarktung verschiedener Typologien von Hochleistungs-Biomaterialien und Endprodukten aus Pilzen widmet.

Melusine Reimers: Cradle to Cradle und globale Lieferketten

Melusine Reimers, Geschäftsführerin und Mitbegründerin Readymade

Melusine Reimers greift die Frage nach Öko-Labels auf und hält das Cradle to Cradle-Zertifikat für eines der qualitätsvollsten Umweltsiegel. Eine weitere Informationsquelle bieten heute aber auch digitale Phänomene und Plattformen wie der von Reimers ins Leben gerufene Blog und der Hashtag #whomademychair. Das work-in-progress-Projekt zeichnet auf einer Google Maps Karte die weltweiten Lieferketten von Herstellern nach und macht die Produktionsprozesse für die Konsumenten transparent. Ein Öko-Label, hinter dem sich ein Hersteller verstecken kann, reicht laut Reimers heute nicht mehr.

Sie betont zudem die Dringlichkeit politischen Handelns. Erst wenn die Politik verbindliche Rahmenbedingungen setze, die nachhaltiges Wirtschaften strukturieren und kontrollieren, könne ein signifikanter Wandel von Produktions- und Lieferbedingungen erfolgen. Infolgedessen würde ein Cradle to Cradle-Siegel sein volles Potential entfalten und besäße die notwendige Aussagekraft.

Melusine Reimers, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von Readymade, hat sich der Postwachstumsgesellschaft verpflichtet und erprobt mit ihrem Startup für Möbelsharing alternative Konzepte zum bisherigen Eigentumsmodell. Readymade ermöglicht das Mieten von Möbeln auf Zeit, deren Aufarbeitung nach erfolgter Rückgabe und anschließende Neuvermietung ist Teil eines dauerhaften Nutzungskreislaufs. Wer das Möbelstück behalten will, kann es nachträglich erwerben. Nachhaltigkeit ist für Readymade eine Frage der Ressourcen, aber genauso eine Frage des Konsums.

Essi Johanna Glomb: Erwartungen der Konsumenten hinterfragen

Essi Johanna Glomb, Gründerin & Head of Design Blond & Bieber

Ein entscheidender Aspekt für die nachhaltige Produktion ist, laut Essi Johanna Glomb, die Frage, ob sich umweltfreundliche Techniken wie naturbasierte Färbstoffe auch in einem industriellen Maßstab produzieren lassen und damit massentauglich werden können. Die von Studio Blond & Bieber entwickelten Pigmente zeigten bei Sonneneinstrahlung in Langzeitstudien anfänglich Unregelmäßigkeiten auf. Andererseits sind für eine anhaltende „Farbechtheit“ für einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren schädliche Chemikalien notwendig – wer aber trage heutzutage sein T-Shirt tatsächlich so lange, fragte Glomb in die Runde.

In Zusammenarbeit mit einem Funktionalbekleidungshersteller wurde ein Weg gefunden, mit diesem „Fehler“ im Färbungsprozess umzugehen. Glomb führt dieses bisher einzigartige Projekt als Beispiel dafür an, welche Rolle die Industrie dabei übernehmen kann, dass Konsumenten Imperfektionen nicht nicht als Fehler betrachten sollten, sondern ein neues ästhetisches Verständnis entwickeln und wertschätzen sollten.

Die Textil- und Flächendesignerin sowie Mitbegründerin des Designstudios Blond & Bieber Essi Johanna Glomb arbeitet im interdisziplinären futureTEX Forschungsvorhaben Textile Prototyping Lab an der weißensee kunsthochschule berlin und steht für ein neues Designverständnis, das den Fokus von der Produktentwicklung weg und hin zu Prozess, Konzept und Forschung verschiebt. In ihrer eigenen gestalterischen Arbeit, für die sie als Newcomer-Finalistin beim German Design Award 2019 nominiert wurde, bringt sie Erkenntnisse aus der Entwurfs- und Materialforschung mit traditionellen handwerklichen Verfahren in eine spannungsreiche Synthese.

Filippo Lodi: Normen flexibilisieren und Nutzung von Big Data-Technologien

Filippo Lodi, Leiter Innovation and Knowledge Management von UNStudio

Architektur und Gestaltung ist abhängig von Normen und Regulierungen. Davon berichtet Filippo Lodi, der bei UNKnowledge kürzlich die Farbe „The coolest white“ erfunden hat. Dieses „weißeste Weiß“ besitzt nicht nur einen ästhetischen Impetus, sondern auch einen funktionellen. Es schützt Häuser vor Sonneneinstrahlung und trägt so dazu bei, den Bedarf an Energie für die Kühlung zu senken.

Zudem plädiert Lodi für die umfassende Nutzung technologischer Möglichkeiten wie Big Data, um durch die Analyse von Nutzerverhalten optimale Lösungen zu generieren. Ein Pilotprojekt in dieser Richtung realisiert UNStudio derzeit mit der städtebaulichen Entwicklung von Brainport Smart District im niederländischen Ort Helmhold.

Lodi identifiziert mehrere Hauptakteure für die Entwicklung von nachhaltigem Design: 1) den Gesetzgeber und die politischen Entscheidungsträger, die die Grundlagen für Innovationen schaffen, 2) private Organisationen, und 3) die Bildungssysteme, die neue Denkansätze fördern. Lodi betont dabei die multidisziplinäre Zusammenarbeit der Bereiche Architektur, Design und Industrie.

Filippo Lodi hat Master-Abschlüsse in Ingenieurwesen, Architektur, Kunst und Wirtschaft und ist damit ein Allround-Denker. Als Head of Innovation and Knowledge Management, leitet Lodi UNKnowledge, den strategischen Think Tank von UNStudio, wo er an der Entwicklung disruptiver Technologien für die gebaute Umwelt arbeitet. Dies reicht von einer Beschichtung, die Gebäude abkühlt, über holzbasierte Biokomposite für Fassaden und Innenwände bis hin zur Beratung von Unternehmen bei ihren Workflow- und Rebranding-Strategien. UNStudio entwickelt derzeit auch eine kreative Vision für den Stadtteil „Brainport Smart District“ im niederländischen Helmond, der ein schrittweises Wachstum nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft vorsieht.

Die gesamte Dokumentation der Diskussion kann hier runtergeladen werden.

Die Veranstaltung knüpfte inhaltlich an ein Panel an, zu dem der Rat für Formgebung im Rahmen der imm cologne 2019 in Köln einlud. Unter dem Titel „Nachhaltigkeit im Design. Chancen. Grenzen. Praxis“ diskutierten der Designer Werner Aisslinger, Karsten Bleymehl, Inhaber MRC-Germany, Designjournalist und Professor Markus Frenzl, Dipl.-Designer Eckart Maise, der als Chief Design Officer bei Vitra verantwortlich zeichnet, und Jungunternehmer Florian Pachaly, Geschäftsführer von RECUP über die Definition von Nachhaltigkeit und mit welchen konkreten Maßnahmen Akteure der Designbranche einen Beitrag leisten können. Moderiert wurde die Runde von Wiebke Lang.


Beitrag der ndion Redaktion. Bilder © Cortili Studio, Mailand. Quelle: Rat für Formgebung.

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