Nakagin Capsule Tower
The Nakagin Capsule Tower. Foto: Jordy Meow. Veröffentlicht von Wikimedia Commons. Lizentiert unter einer Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported Lizenz.

Bei der Besprechung von Kikutakes Entwurf der „Marine City“ von 1958 verwendete Noboin Kawazoe den Begriff „shinchintaisha“, was im Japanischen „Stoffwechsel“ bedeutet und im Englischen als „metabolism“ bezeichnet wird. Kawazoe verwendete den Begriff, um den Austausch von Material und Energie zwischen Organismus und Außenwelt sowie ein regelmäßiges Ersetzen von Altem durch Neues zu beschreiben. Die Idee wurde auf Städtebau und Architektur übertragen und führte schließlich zur Bezeichnung einer Gruppe von Architekten und Stadtplanern als Metabolisten. Im urbanen Raum möglich werden sollten Austausch und permanenter Wandel durch flexible, erweiterbare Großstrukturen, etwa indem Baumodule (vergleichbar mit den Blättern eines Baumes) ausgetauscht werden können, sowie durch eine wie Lebensadern funktionierende Verkehrsinfrastruktur. Zukünftige Massengesellschaften sollten nach den Vorstellungen der Metabolisten in flexiblen „urbanen Organismen“ leben und arbeiten. Dazu gehörte auch der „Nakagin Capsule Tower“.

Der 1972 in Tokio errichtete „Nakagin Capsule Tower“ von Kisho Kurokawa erfüllte eine der zentralen Forderungen des Metabolismus: Standardisierte, Wohneinheiten sollten flexibel miteinander zu verbinden sein und als Konstruktionsprinzip für ganze Städte dienen. Der realisierte Kapselturm besteht denn auch aus 140 Wohn- und Büroeinheiten in Containergröße, die in zwei Kerntürmen aus Stahl mit elf beziehungsweise 13 Stockwerken verankert wurden. Kurokawa hatte sich vorgestellt, solche Kerntürme würden an vielen Stellen des Landes entstehen, damit die Bewohnerinnen und  Bewohner mit ihren eingerichteten Kapseln von Stadt zu Stadt hätten ziehen können. Aus der Vision wurde nichts. Die Neun-Quadratmeter-Einheiten mit ihren charakteristischen kreisrunden, im Durchmesser 1,30 Meter messenden Fenstern im Space-Age-Stil der Siebzigerjahre blieben als ein unverwechselbares Stück Tokio, wo sie waren. Gleichwohl wurde der Capsule Tower als gebaute Utopie zu einem der wichtigsten Nachkriegsbauten Japans.

Durch Asbest belastet, der Stahlkern durch Feuchtigkeit marode geworden, bereits vor Jahren erschien eine Sanierung unwirtschaftlich. Schon 2007 hatte eine erforderliche Mehrheit von mehr als 80 % der Eigentümer/innengemeinschaft für einen Abriss votiert. Dieser war nur dadurch abgewendet, dass die Finanzkrise neue Planungen für das Grundstück verhinderte. Nun scheint es endgültig soweit zu sein. Abrissarbeitende haben damit begonnen, ein Gerüst aufzubauen. Spätestens im Dezember soll der Blickfang von Ginza verschwunden sein. Der Abriss gilt nicht nur als ein markantes Beispiel dafür, dass man die Meisterwerke der heimischen Baukunst in Japan oft nicht genügend schätzt. In einer Zeit, in der ständig von Tiny Houses und von modularen Wohnformen die Rede ist, wirkt das Verschwinden des Kapselturms paradox.

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