Drei Absolventen des Instituts für Buchkunst der HGB Leipzig haben das Emblem der Rote Armee Fraktion untersucht und daraus ein besonderes Buch gemacht, dessen Gestaltung von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde.

Von Thomas Wagner.

Jedes Logo und Emblem will gestaltet werden. Zu jedem erfolgreichen Branding gehört ein aussagekräftiger Name und ein einprägsames Logo. Das gilt auch für eine terroristische Vereinigung. Wie genau das Emblem der Rote Armee Fraktion (RAF) zustande kam, wer an seiner Gestaltung beteiligt war und wer es letztendlich entworfen hat, ist nach wie vor ein Rätsel.

Welche ästhetischen und kommunikativen Mittel die RAF eingesetzt hat, untersucht das Buch „Name Waffe Stern“, das von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde. Hervorgegangen ist die in vielfacher Hinsicht außergewöhnliche Publikation zum Emblem der RAF und dessen semiotischen und semantischen Aspekten aus einer Diplomarbeit, die Felix Holler, Jaroslaw Kubiak und Daniel Wittner bei Günter Karl Bose verfasst haben, der von 1993 bis 2017 in Leipzig Typografie lehrte. In der Folge entstand das vorliegende Buch dann als Katalog zu einer Ausstellung zu eben diesem Thema am Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig.

Wer das Emblem gestaltet hat, bleibt rätselhaft

„Nach Schulung im Guerilla-Kampf in den Ausbildungslagern arabischer Freischärler begannen Baader, Mahler, Meinhof und Ensslin sei August 1970 ihre Vorstellungen über den Aufbau einer festen Kampforganisation des Proletariats unmittelbar in die Tat umzusetzen: Sie nannten sich fortan ,Rote Armee Fraktion‘. (Zu ihren japanischen Namensvettern ,Rote Armee‘ sollen angeblich Kontakte bestehen).“ Das steht in einem Hintergrundbericht der dpa vom Mai 1975, der im Buch abgedruckt ist. Horst Mahler bestätigte 2017: „Die Bezeichnung ,Rote Armee Fraktion‘ wurde zusammen mit dem Logo bekannt gemacht. Daran war ich nicht beteiligt.“

Bis heute kursieren zahlreiche Namen. Günter Karl Bose etwa erinnert in einer kurzen Notiz daran, es halte sich hartnäckig das Gerücht, es stamme von dem Künstler Thomas Bayrle. Eine andere These lautet: Ulrike Meinhof habe 1971 einen Schüler, den sie aus ihrer Zeit bei der linken Zeitschrift konkret kannte, kontaktiert und den grafisch begabten jungen Mann gebeten, ein einprägsames Logo für die Gruppe zu entwerfen. Drei Entwürfe habe er geliefert und mit „C. Picasso“ und „Picasso jr.“ signiert. Andreas Baader, dem markenbewussten Anführer der Terrorgruppe, seien sie aber nicht professionell genug vorgekommen, weshalb er den Grafiker Holm von Czettritz, einen alten Freund aus Münchner Bohème-Tagen, darum gebeten habe, das Logo zu überarbeiten.

In einem Interview mit der Tageszeitung taz bemerkte von Czettritz lachend dazu: „Richtig. Heute würde man Relaunch dazu sagen. Weil ich dazu aber keine Lust hatte und ich das irgendwie naiv fand, hab ich ihm damals gesagt: ,In seiner Rustikalität hat das eine Originalität, die würde ich nicht verändern. Das muss diesen rauen Ursprungscharakter behalten. Das sag ich dir als Markenartikler.‘ (lacht) Weil er diesen Beruf verachtete. Lässt sich aber von einem beraten.“ Auf die Frage, ob Baader denn konkrete Vorstellungen gehabt habe, antwortet Czettritz: „Die Elemente sollten wohl bleiben. das war ja wie ein Kartoffeldruck. Aber das wollten sie irgendwie gefälliger.“ Es gibt Fälle, bei denen Professionalität hinderlich sein kann.

Das Emblem, das von der Gruppe von 1971 bis zur ihrer Auflösung 1998 verwendet wurde, hat seine, wie es in einer Kapitelüberschrift heißt, „kompakte Derbheit“ behalten. Die drei Namen Rote ­– Armee – Fraktion sind zu den Majuskeln RAF zusammengezogen und von einer grafischen Darstellung der Maschinenpistole MP 5 von Heckler & Koch (keine Kalaschnikow, sondern die Standardwaffe der bundesdeutschen Polizei!) und dem roten, fünfzackigen Sowjetstern unterlegt.

© Stiftung Buchkunst / SCHMOTT, Frankfurt am Main
© Stiftung Buchkunst / SCHMOTT, Frankfurt am Main
© Stiftung Buchkunst / SCHMOTT, Frankfurt am Main

Das Zeichenreservoir der RAF wird unter die Lupe genommen

Indem die Autoren sich auf eine umfangreiche Materialcollage beschränken, die ausschließlich aus zitierten Bildern, Flugblättern, Plakaten, Buchcovern, Briefen, Pamphleten, Zeitungsausschnitten, journalistischen und wissenschaftlichen Texten besteht, gelingt es ihnen, das Emblem in zahllose Facetten zu zerlegen und es zu dekonstruieren. Statt es, wie man hätte erwarten können, mit analytischem Besteck zeichentheoretisch zu sezieren und seine  grafische Prägnanz und Wirksamkeit zu vermessen, wird das Emblem – der Titel deutet es an – in seine Bestandteile „Name“, „Waffe“ und „Stern“ aufgeteilt, um diese sodann im kompletten Zeichenreservoir der RAF symbolisch, politisch und historisch zu verorten. Sämtliche Bedeutungs- und Darstellungsfelder werden von Materialien gleichsam umstellt.

Außergewöhnlich ist die Methode schon deshalb, weil die Autoren keine eigene Perspektive vorgeben. Sie machen historische Konturen sichtbar, indem sie Material auswählen und geschickt arrangieren. So entsteht einerseits ein facettenreiches Bild der Entwicklung der RAF, andererseits bleibt die Auseinandersetzung mit dem Design des Emblems weder formalistisch noch abstrakt. Und doch verweisen die Puzzlesteine, in die es im Durchgang durch seine Rezeption zerlegt wird, am Ende auf ein „zur Tat schreiben“, auf einen verschlungenen Prozess, in dessen Verlauf Schrift zur Tat treibt und zur Tat wird. Eine besondere Qualität des Buches besteht denn auch darin, dass es kein fertiges Bild präsentiert und Geschichte nicht von ihrem Ende her begreift. Soweit das überhaupt möglich ist, muss der Leser/Betrachter sich aus den Teilen selbst ein Bild zusammensetzen.

Wie Schrift zur Tatschrift wird

Allein am Seitenlayout lässt sich ablesen, wie die Illusion zerfällt, entlang des Fadens linearen Erzählens ließe sich eine Perspektive fingieren, die glaubt, Bescheid zu wissen. Die Titel, mit denen die einzelnen Kapitel untergegliedert sind, bilden behutsam einen Kommentar, der sich in den – nicht von ungefähr in Rot gedruckten – Dachzeilen wie ein dünner Ariadnefaden durch das labyrinthische Gefilde zieht. Eingerahmt von „Vorgeschichten“ („wenn man öffentlich diskutieren will“) und dem „Tatschrift“ überschriebenen Schlusskapitel wird erkundet, was „einen namen tragen“ oder „den namen anderer tragen“ hieß. Unter „falsche Vorzeichen“ sind die gefälschten Autonummern zusammengestellt. Unter „zur Waffe greifen“ geht es ebenso darum, ob „Theorie praktizierbar ist oder nicht“ wie um „in Terror ausartende Solidarität“.

Auf welche Seiten man auch blickt, die grafische Gestaltung erscheint nicht nur als Mittel der Darstellung, sondern als Werkzeug einer luziden historischen Tiefbohrung und Reflexion über die Ästhetisierung der Politik, über Zeigen, Sprechen und Gewalt im öffentlichen Diskurs. Nüchtern gibt das Cover die drei Symbole – den Namen, die Waffe, den Stern – in weißfoliengeprägten Konturen auf jenem Bleigrau wieder, das auf jene „bleierne Zeit“ verweist, von der mit Blick auf die RAF und den Deutschen Herbst so oft die Rede war. Danach wird unter die Oberfläche geschaut. Wie verwandeln sich Buchstaben und Bilder in Waffen? Wie verbirgt sich Gewalt in Zeichen? Je mehr man bislang übersehene Schichten wahrzunehmen lernt, umso deutlich wird, wie präzise das tödliche ideologische Programm der RAF in ihrem Emblem zutage tritt: Militarisierung (Armee), Klassenkampf (Stern) und Gewalt (automatische Waffe) bilden eine Einheit. Das Logo verkörpert das Programm: Gewalt anstelle von Politik. Statt auf diese abstrakte Radikalität hereinzufallen und sie popkulturell abermals zu verharmlosen, holt das Buch das Emblem der RAF nüchtern zurück auf den Boden einer blutigen Ideologie und ihrer Strategien der Ästhetisierung des Terrors.

Name Waffe Stern. Das Emblem der Roten Armee Fraktion
Gestaltung: Felix Holler, Jaroslaw Kubiak und Daniel Wittner
Institut für Buchkunst Leipzig, 2018
408 S., 21 mal 29,7 cm, 5-fbg., Offsetdruck, Ganzgewebeband, Fadenheftung
ISBN 978-3-932865-98-5
38,00 EUR
Blick ins Buch unter www.institutbuchkunst.hgb-leipzig.de/archive#110
Das Buch ist derzeit vergriffen.

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