Von Gerrit Terstiege.

Im November 2019 veröffentlicht das Vitra Design Museum ein Grundlagenwerk enzyklopädischen Ausmaßes zur Geschichte des modernen Möbeldesigns. Mit mehr als 1.000 Seiten ist der „Atlas des Möbeldesigns“ das umfassendste Buch, das je zu diesem Thema publiziert wurde. Eine Rezension von Gerrit Terstiege.

Bei Design-Büchern, gerade den ganz großen und schweren, ist oft Vorsicht geboten. Unter ihrem Gewicht mögen sich zwar allzu filigrane Coffee Tables ehrfurchtsvoll biegen – wenn man sie aber aufschlägt, wird oft klar, dass hier mit aufgeblasenen Bildern und winzigen Texten Inhalt nur simuliert wird.

Mit all dem hat der kürzlich erschienene „Atlas des Möbeldesigns” nichts gemein. Herausgeber des Opus magnum ist das Vitra Design Museum, namentlich Mateo Kries und Jochen Eisenbrand, und da das 1989 gegründete Museum eine der weltweit größten Sammlungen von Möbeln, Leuchten und Accessoires besitzt, bildet diese naturgemäß die Basis der Publikation. Ein nicht unwichtiger Aspekt – denn allzu häufig wird im Design über Dinge geschrieben, die nur aus Abbildungen bekannt sind. Das ist heikel, denn manche Details erschließen sich erst in der Anschauung des konkreten Objekts. Auch der Abbildungsqualität kommt der Zugriff auf die Sammlung zugute, denn so konnten auch seltene, jahrhundertealte Stühle präzise und einheitlich erfasst werden.

Beispielseite (Essay) aus »Atlas des Möbeldesigns«
© Vitra Design Museum, Grafik: Kobi Benezri Studio
Beispielseite (Objekte)
© Vitra Design Museum, Grafik: Kobi Benezri Studio

Ein kollaboratives Mammutprojekt

Kommen wir zu den Zahlen, die ahnen lassen, was hier in mehr als 20-jähriger Forschungsarbeit – und durch das noch viel längere Sammlungsengagement des „Vitra Chairman Emeritus” Rolf Fehlbaum – geschaffen wurde: Mit 1.028 Seiten ist dies die umfangreichste Veröffentlichung ihrer Art. Der Atlas dokumentiert 1.740 Objekte von über 540 Designerinnen und Designern, er enthält mehr als 2.800 Abbildungen von Stühlen, Sesseln, Hockern, Liegen, Tischen und Regalen der letzten 230 Jahre, und auch von Entwurfszeichnungen, Patenten und Interieurs.

Über 70 Autorinnen und Autoren haben das Mammutprojekt gestemmt, drei Unternehmen und vier Stiftungen die jahrelange Arbeit unterstützt. Dass daraus kein trockenes Nachschlagewerk geworden ist, dafür sorgt auch das klare, zeitgemäße Layout von Kobi Benezri. Nach Jahren als Art Director der amerikanischen Designzeitschrift I.D. hat sich der gebürtige Jerusalemer in Zürich selbstständig gemacht und bereits Bücher über Dieter Rams, Frank Stella und Andy Warhol sehr überzeugend gestaltet.

Beispielseite (Infografik)
© Vitra Design Museum, Grafik: Kobi Benezri Studio
Beispielseite (Objekte)
© Vitra Design Museum, Grafik: Kobi Benezri Studio

Eine kulturgeschichtliche Abenteuerreise

Eines ist sicher: Der Atlas wird zu einem designhistorischen Standardwerk für Forschung und Lehre werden. Aber die Entdeckungen, die man hier machen kann, werden auch jene begeistern, die bisher glaubten, von Gropius bis Grcic alles zu kennen. Weit gefehlt! Jenseits der sattsam bekannten Klassiker kann hier das Möbeldesign eben auch als kulturgeschichtliche Abenteuerreise gelesen werden – voller Errungenschaften und Rückschläge, voller Wagnisse und Aufbrüche ins Unbekannte. 


DER AUTOR

Gerrit Terstiege war lange Jahre Chefredakteur der Zeitschrift form. Er gab bislang drei Bücher zur Design-Theorie und -Praxis heraus und lehrt seit 20 Jahren an verschiedenen Hochschulen in Deutschland und der Schweiz. Terstiege lebt in Freiburg und schreibt regelmäßig für Zeitschriften, Websites und Agenturen. 


DIE PUBLIKATION

Die Publikation ist am 1. November 2019 erschienen und im Online-Shop des Vitra Design Museums sowie in ausgewählten Buchläden erhältlich.

Atlas des Möbeldesigns
Hrsg. Mateo Kries, Jochen Eisenbrand
Format: Hardcover, 23,5 x 31 cm
Seiten: 1.028
Abbildungen: 2.852
Sprachausgaben: Deutsch, Englisch
ISBN (deutsche Ausgabe): 978-3-931936-98-3
Deutscher Ladenpreis: 159,90 € (inkl. MwSt.)

Verlag: Vitra Design Museum
Grafik: Kobi Benezri Studio
Autoren (Auswahl): Alberto Bassi, Jochen Eisenbrand, Fulvio Ferrari, Mateo Kries, Otakar Máčel, Jane Pavitt, Ingeborg de Roode, Catharine Rossi, Arthur Rüegg, Penny Sparke, Deyan Sudjic, Wolf Tegethoff, Carsten Thau und Kjeld Vindum, Gerald W. R. Ward et al.

Bildcredits:
© Vitra Design Museum, Fotos: Ludger Paffrath

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