Rolf Fehlbaum und Vitramat im Studio (ca. 1976)
Rolf Fehlbaum und Vitramat im Studio (ca. 1976). © Vitra

Er hat mit den wichtigsten Designern und Architekten zusammengearbeitet, einen einzigartigen Campus geschaffen und das Einrichten weniger hierarchisch gemacht: Rolf Fehlbaum zum achtzigsten Geburtstag.

Von Thomas Wagner.

Rolf Fehlbaum 1996
Rolf Fehlbaum 1996. Foto: Michiel Hendryckx. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 4.0 license.

Wann und wo immer man Rolf Fehlbaum begegnet, er tritt freundlich und bescheiden auf, ist gut informiert, hört aufmerksam zu. Sein Äußeres entspricht dem: Einziger Akzente auf dem heute kahlen, prägnanten Kopf ist die nie modisch wirkende Brille. Ein weißes Hemd, perfekt geschnitten, den krawattenlosen Kragen je nach Anlass geöffnet oder zugeknöpft, dazu ein schwarzes Sakko – Mister Vitra, wie man ihn auch nennen könnte, schätzt die noble Normalität. Es passt zu dem Understatement, das sein Auftreten seit Jahrzehnten kennzeichnet, dass er, wäre es ihm durch einen kühnen Zeitsprung möglich, Jubiläen (wie seinen 80. Geburtstag am 6. April) am liebsten davonreisend entfliehen würde.

Zu Recht hat Uta Brandes schon vor nunmehr 30 Jahren an ihm festgestellt: Rolf Fehlbaum „möchte sich nicht festhalten und vor allem nicht festgehalten werden durch das, was bereits gemacht und gedacht ist“. Folglich möchte er sich auch zum Achtzigsten nicht in das eng geschnittene Korsett biografischer Daten gezwängt und seine Lebensstationen wie Haltestellen eines Fahrplans aufgereiht sehen. Da es jubiläumstechnisch nicht ganz ohne geht, bringen wir, ihm zu liebe, das Nötige rasch hinter uns: Geboren wird Rolf Fehlbaum am 6. April 1941 in Basel als ältester Sohn von Willi und Erika Fehlbaum. Nach der Matura studiert er Sozialwissenschaften, erst in Freiburg, später in München, Bern und Basel. Dass er sein Studium 1967 bei Edgar Salin mit einer Dissertation über Saint-Simon und die Saint-Simonisten abgeschlossen hat, muss insofern erwähnt werden, als der Unternehmersohn den rebellisch-romantischen Geist der Frühsozialisten eine Weile nicht nur auf Papier erprobt. Nur kurz beschnuppert er das elterliche Unternehmen, gründet lieber einen Verlag für multiplizierte Kunst, versucht sich bei der Bavaria Film in München als Redakteur und Produzent, und arbeitet als Referent für Aus- und Fortbildung bei der Bayerischen Architektenkammer. 1977 steigt er dann doch bei Vitra ein, entwickelt die Firma mit dem Elan wohldosierter Utopien als „kulturell-wirtschaftliches Projekt“. Er leitet das Unternehmen sehr erfolgreich bis 2013.

Vitra Design Museum by Frank Gehry
Vitra Design Museum by Frank Gehry. Foto: Kotivalo. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 3.0 license.

Es begann mit Eames und Nelson

Weil am Rhein Charles-Eames-Straße 2 Vitra Design Museum Ausstellung Hello Robot II
Vitra Design Museum, Ausstellung „Hello Robot“. Foto: PantaRhei. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 4.0 license.

Im Rückblick wurzelt Rolf Fehlbaums Werdegang ebenso tief in der Geschichte des Familienunternehmens wie des internationalen Nachkriegsdesigns. Er selbst hat die Anekdote oft erzählt, wie sein Vater Willi (er hatte 1934 nach dem Tod des Eigentümers ein Basler Ladenbauunternehmen übernommen) bei einer USA-Reise aus dem Taxi heraus in einem Geschäft Möbel entdeckt hatte, die ihn elektrisierten, sodass er sich schließlich von Herman Miller Inc. die Lizenz für den Vertrieb der Möbel von Eames und Nelson in Europa sicherte. Der Gründungsmythos erhellt aber nicht mehr als einen Anfang. Den heute kräftigen Stamm und die imposante, sich über ihm erhebende Krone entwickelt Rolf Fehlbaum in den letzten beiden Jahrzehnten eines Jahrhunderts, in dem Möbel- und Industriedesign zum nicht nur ästhetisch prägenden Faktor einer prosperierenden Konsumgesellschaft werden. Der Jungunternehmer bewundert die Eames, diskutiert mit George Nelson und versteht: Im Design steckt mehr als Stühle (die er liebt und sammelt), Sofas und Tische entwickeln, produzieren und verkaufen zu können. Wohnen lässt sich umfassender begreifen, als Form des In-der-Welt-Seins, was es erlaubt alles einzubeziehen – die Architektur, die Art der Räume und wie sie eingerichtet werden, den Wandel der Arbeitsprozesse, schließlich die Impulse durch die avantgardistischen Häutungen der Künste und der Populärkultur. Was ihn beschäftigt, ist das in den Dingen verwirklichte Weltverhältnis, wie es in dem alten Wort „oikonomia“ zum Ausdruck kommt, das nichts anderes bedeutet als „die Verwaltung des Hauses“. Haus und Stadt, Privates und Öffentliches gehören dabei untrennbar zusammen.

Eine neue Ökonomie des Wohnens

Schaudepot von Herzog & de Meuron auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein
Schaudepot von Herzog & de Meuron auf dem Vitra Campus. Foto: Andreas Schwarzkopf. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 3.0 license.

Rolf Fehlbaum, das versetzt einen immer wieder in Staunen, hat mit den wichtigsten Designerinnen und Designern, Architektinnen und Architekten zusammengearbeitet. Die Liste, man kann sie nicht alle aufzählen, ergibt ein Who-is-Who des Designs, wie man es sich illustrer kaum denken kann. Hinzu kommt: Der Ort, an dem Fehlbaum seine neue Ökonomie des Wohnens und Lebens exemplarisch sichtbar gemacht hat, ist der Vitra Campus. Hier mischen sich Produktion, Showroom, Archiv, Designmuseum, Schaudepot, Kunst, Kommunikation und, nicht zu vergessen, Essen und Kaffee, in einzigartiger Weise. Das lebendige Miteinander reicht bis zum großen Spaß für Alt und Jung, Carsten Höllers weithin sichtbaren „Slide Tower“ besteigen, über Campus, Felder und Wiesen schauen zu können, um dann mit Karacho die Rutsche hinunter zu sausen.

Zaha Hadid und RF, 20jähriges Jubiläum der Fire Station 2013
Zaha Hadid und Rolf Fehlbaum, 20jähriges Jubiläum der von ihr entworfenen Feuerwache, 2013. © Vitra

Alles das ist eben nicht nur ein Markenzeichen der Firma. Zu Recht ist, was sich hier zwischen den Ausläufern von Weil am Rhein in die umgebenden Hügel einfügt, als Zeichen eines kooperativen Pioniergeists „Fehlbaum-City“ genannt worden. Eine derart hohe Dichte von Gebäuden der wichtigsten Architektinnen und Architekten der letzten Jahrzehnte findet sich nirgendwo sonst, heißen sie Frank Gehry (der mit dem Vitra Design Museum seinen ersten Bau in Europa realisiert hat), Tadao Ando, Zaha Hadid (die Feuerwache war das erste gebaute Gebäude von ihr), Herzog & de Meuron, Nicolas Grimshaw, Álvaro Siza, Renzo Piano oder SANAA. Wie selbstverständlich ist der Parcours zusätzlich garniert von gebauten Leckerbissen von Jean Prouvé, Jasper Morrison oder Thomas Schütte. Nicht zufällig stehen am Eingang zu dem Areal die 1984 entstandenen „Balancing Tools“ – Hammer, Zange und Schraubenzieher Ringelreihen tanzend – von Claes Oldenburg & Coosje van Bruggen, lässt sich hier doch studieren, wie regionale Verwurzelung und unternehmerisches Handeln mit Sinn für Äquilibristik eine eigene Designkultur hervorbringen und aus sehr persönlichen Beziehungen globale Netzwerke entstehen konnten.

Dinge aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen, sie gleichsam in die Luft zu werfen, um sie dann neu ausbalancieren zu können, entspricht durchaus Fehlbaums eigenem, von geisteswissenschaftlicher Methodik inspiriertem und von der Lust am Ausprobieren angetriebenem Vorgehen nach dem Prinzip des Trail-and-Error. Wenn sich, um ein Beispiel herauszugreifen, die Arbeitsgesellschaft im Umbruch befindet, begleitet er den Wandel der Work Culture nicht nur als Beobachter. Gemeinsam mit namhaften Gestaltern durchstreift er das Terrain mit jungenhaftem Entdeckergeist immer wieder von Neuem, um Vorschläge auszuarbeiten, wie sich die nächste Stufe aktiv gestalten lässt.

Collage statt Monokultur

Im Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron in Weil am Rhein 3
Im Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron. Foto: Andreas Schwarzkopf. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 3.0 license.

Fehlbaum hat eben nie defensiv, schon gar nicht restaurativ agiert. Sein Interesse galt nie allein dem ursprünglichen Sinn und Umfang dessen, was man Wohnen nennt. Es treibt ihn im Gegenteil bis heute um, wie sich dessen Sinn aus Vergangenheit und Gegenwart heraus nach vorne, in eine aktiv zu gewinnende Zukunft erweitern lässt. Wohnen, so könnte man sagen, bedeutet für ihn: hier sein, offen, wach und präsent sein. Es ist eine Weise, in der Welt zu sein. Wobei alles miteinander in Verbindung steht und in Bewegung bleibt: Denken, Handeln, Design, Architektur, Produktion, Vertrieb, Werbung, Museum, Konferenz… Wer weiß, vielleicht liegt darin ja das Geheimnis des Vermittlers Rolf Fehlbaum. Denn obwohl er mit all den Helden und Heldinnen des Designs und der Architektur zusammengearbeitet hat, erscheint Fehlbaums eigenes Denken nie heroisch. Also setzt er entspannt an die Stelle der großen Erzählungen ein Bündel brauchbarer Dinge und anregender Dialoge. Vom sozialen Geist der Moderne angestachelt, strebt er über sie hinaus. Statt beim Sich-Einrichten Einheitlichkeit zu verlangen, statt die Dominanz eines Stils einzufordern, statt den Nutzer zu bevormunden, beginnt er mit ihm ein Gespräch und propagiert das Prinzip der Wohncollage.

Cover Chairman Rolf Fehlbaum
Chairman Rolf Fehlbaum, zusammengestellt von Tibor Kalman, erschienen bei Lars Müller Publishers, 1997.

Ist das Lebenskunst – in Bewegung bleiben, wach und offen darauf reagieren, was man wahrnimmt, was sich verändert? Ist eine Collage aus Möbeln, Farben, Stilen, Accessoires, aus Ererbtem und Erworbenem, aus zufällig Hinzugekommenen und gründlich Geplantem ein Bild dafür? Dass Rolf Fehlbaum mit offenen Augen auf Menschen und Dinge zugeht, dass sein Entdeckergeist ins Unbekannte drängt, dass er mühelos aus Schubladen (der strategisch geschickte Unternehmer, der Partner von Designern, Architekten, Künstlern, der kulturaffine Sammler) ausbricht – all das belegt, wie weit gespannt seine Interessen, sein Denken und sein Tun sind. Das wahrscheinlich schönste, mit wenigen Worten, aber vielen Bildern von ihm gezeichnete Porträt ist deshalb noch immer jener kleine rote, rund 600 Seiten starke Bücherklotz, den der Rat für Formgebung, gestaltet von Tibor Kalman und Kim Maley, 1997 anlässlich der Auszeichnung mit dem Bundespreis Förderer des Designs herausgegeben hat. Wir gratulieren zum Geburtstag! Cheerio!

VitraHaus
Das VitraHaus von Herzon & de Meuron. Foto: Claroooooo. Veröffentlicht von Wikimedia Commons, gemeinfrei nach UrhG §64. Distributed under a CC BY-SA 4.0 license.
Rolf Fehlbaum in Indien, 1997
Rolf Fehlbaum in Indien, 1997. Aus: Chairman Rolf Fehlbaum, zusammengestellt von Tibor Kalman, erschienen bei Lars Müller Publishers, 1997, S. 263-237.
Rolf Fehlbaum testet Hocker
Links: Hocker, Dan. Elfenbeinküste, AfricaMuseum Tervuren, Belgien.
Rechts: Rolf Fehlbaum testet einen Sitz in Äthiopien, 1995.
Aus: Chairman Rolf Fehlbaum, zusammengestellt von Tibor Kalman, erschienen bei Lars Müller Publishers, 1997, S. 263-237.

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