Der Hamburger Gestalter Rolf Heide ist am 14. Juni 2020 im Alter von 88 Jahren verstorben. Ein Nachruf auf den renommierten Möbeldesigner, Innenarchitekten und Ausstellungsdesigner, der unter anderem mit dem Entwurf seiner Stapelliege international bekannt wurde.


Gestalteter Raum als Vorschlag

Erinnerung an Rolf Heide (1932–2020)

Von Thomas Edelmann.

Am Anfang standen die Medien. Genauer gesagt, auf Papier gedruckte Zeitschriften, für die der Innenarchitekt Rolf Heide Räume und Bilder entwarf. „Das Medium Zeitschrift ist eine großartige Sache“, sagte er 1995 im Interview für das Buch „Design is a journey“, das der Rat für Formgebung herausgab. „Was nutzt ein gut gestaltetes Produkt oder Möbel? Keines dieser Dinge steht allein in der Welt (…) Es kommen immer andere Dinge hinzu. Diese Verbindung untereinander, Verbindung der Gegenstände mit der Architektur interessiert mich.“

Flexibel gedacht: die Stapelliege

In der Redaktion der Frauenzeitschrift Brigitte begann seine Karriere. Anfangs auf einer Doppelseite zeigte sie ab 1959 „Vorschläge für ein selbständiges Leben in der eigenen Wohnung“, wie Heide sich erinnerte. Die „Stapelliege“, der populärste Entwurf aus seinem Schaffen hat hier seine Wurzeln. Sie ermöglichte es Erwachsenen, in einer Wohnung gemeinsam zu übernachten, auch wenn sie nicht verheiratet waren, was nach dem Kuppelei-Paragraphen des deutschen Strafrechts bis 1973 unter Strafe stand. Zwei gestapelte Liegen verwandelten sich in ein breites Bett und umgekehrt. Lange bevor Ikea das Flatpack für sich erfand, um Möbel zu versenden, entwarf Heide das heute bei Müller small living gefertigte, zerlegbare Bett.

Für Brigitte schuf er eine Reihe solcher Bausatz-Möbel. Deren Bezeichnung „Rollwagen“, „Schraubsessel“ oder „Sofabank“ sprach zugleich Gestalt und Funktion an. Eine Kollektion entstand, die Heide mit einem Geschäftspartner unter der Bezeichnung „Wohnbedarf“ als Versandhandel in Hamburg ansiedelte. Viele weitere Möbel- und Leuchten-Entwürfe folgten.

„Stapelliege“. Quelle: Müller Möbelwerkstätten.

Der Designjahrgang 1932

Heide gehört jenem Jahrgang 1932 an, der sich im Design international als äußerst produktiv erwies. Wie bei den gleichaltrigen Designern Ingo Maurer (1932–2019) und Richard Sapper (1932–2015) wurde Italien bald auch für ihn zu einem wichtigen Bezugspunkt. Als Maddalena De Padova einfache und praktische Einrichtungsgegenstände vorwiegend europäischer Provenienz für die eigene Firma versammelte, schloss sie mit Heide in Hamburg einen Lizenzvertrag für die „Sofabank“, sein erfrischend einfaches Polstermöbel. Die Zeitschrift Domus hatte zuvor seine Möbelentwürfe veröffentlicht. Seine zweiten Lehrjahre absolvierte Rolf Heide bei Hamburger Zeitschriftenredaktionen.

Uns war wichtig, dass man neue Wege auftat. Wie wohnt man befreit? Wie kann man Billiges und Teures kombinieren.

Rolf Heide

Die Blütezeit der Studiofotografie begann. Thematisch wurden Leserinnen und Lesern ausgewählte Bereiche von Räumen vorgestellt. Heide konzipierte Räume und Raumausschnitte, die er mit Stylisten und Fotografen bildlich umsetzte. Die Fotografen hatten bei der Umsetzung gewisse Freiheiten, Heides Ideen grundsätzlich anzweifeln durften sie eher nicht.

„Uns war wichtig, dass man neue Wege auftat. Wie wohnt man befreit? Wie kann man Billiges und Teures kombinieren.“ Bildlich ging es darum, Spannungsbögen und Kontraste aufzubauen. Ziel war stets, „dass das auch viele Leute verstehen“, alles, bloß kein elitärer Modernismus. Auf Brigitte folgte ab 1970 Schöner Wohnen und zehn Jahre darauf Architektur & Wohnen. Parallel zur redaktionellen Arbeit begann Heide für die Industrie zu entwerfen.

„Sofabank“. Quelle: Müller Möbelwerkstätten.

Hineingewachsen in die Demokratie

In Kiel geboren, wuchs Heide im okkupierten Gdingen auf, wo sein Vater bei einem Zweigbetrieb der Deutschen Werke Kiel arbeitete. Als Erwachsener wird er sich fragen, was aus den Polen wurde, die in der elterlichen Wohnung lebten, bevor sie dort einzogen. „Dass wir Deutsche dort Besatzer waren, ist mir erst nach dem Krieg klar geworden.“ Seine Generation erlebte hautnah, wie Ideologie und Realität der NS-Diktatur auseinanderfielen. Tod und Zerstörung waren traumatisierender Alltag auch seiner Kindheit. Und das nicht erst, als sein Vater im Krieg starb. Bei Kriegsende floh Heide mit der Familie zurück zum Großvater nach Kiel. „In die Demokratie bin ich reingewachsen“, sagte er. Wie sie aussah und wie sie sich räumlich erleben ließ, das gestaltete Rolf Heide später mit.

Heide absolvierte eine Tischlerlehre in „mittelalterlicher Strenge“, wie er sich später erinnerte. Sein Lehrherr war erstaunt: „Bist das Du, der da in der Zeitung steht?“ Allerdings: Als Torwart führte Heide den Turnverein Hassee-Winterbek (THW Kiel) 1953 zur Vizemeisterschaft im Feldhandball, Jahre bevor die Mannschaft als Rekordmeister bekannt wurde. Im Studium an der Muthesius-Werkschule in Kiel eröffnet Eduard Levensen dem angehenden Innenarchitekten Heide einen neuen Zugang zur Welt.

Die Ästhetik der späten 1930er und 1940er Jahre galt es nun zu überwinden, bewusst sollte an Neuerungen aus der Zeit davor gestalterisch angeknüpft werden, bis hin zum Bauhaus. Wichtiger noch: Die Gegenwart und ihre Bedürfnisse und Nöte boten Aufgaben genug. Levensen war Schreiner und ein Reformer, der dem Werkbund angehörte. Er arbeitete für die Deutschen Werkstätten Hellerau, nach 1946 leitet er die Muthesius-Werkschule, die den Austausch zwischen Menschen und Gewerken während der Ausbildung förderte.

„Sofabank“ historisch. Quelle: Müller Möbelwerkstätten.

Bereicherung durch Einfachheit

Doch die neue Freiheit ist mit Anstrengungen verbunden, das erlernte und lebte Heide. Sie bedarf der präzisen Analyse, der gestalterischen Vorarbeit und der sorgfältigen Umsetzung, wenn sie gelingen soll. Heides Bezug auf die Zwecke von Gestaltung unterscheidet sich stark von einem vordergründigen Minimalismus, dem es bloß um visuelle Wirkung, bei gleichzeitiger Vernachlässigung konstruktiver und funktionaler Ansprüche geht. Heide lernte einzelne Aspekte von Gestaltung kennen, die er nach und nach zu einem ganzheitlichen Ansatz zusammenführt.

Auf die Arbeit für Redaktionen folgt die Arbeit für die Industrie. Erfolgreiche Unternehmen haben reizvolle Produkte entwickelt, sie suchen nach Inszenierung und Darstellung. Emotion ohne Vordergründigkeit ist Heides Antwort auf den steigenden Bedarf. Messestände und Kataloge, Print-Werbung und immer wieder auch Produkte trugen seine Handschrift. Firmen wie Bulthaup, Vorwerk, Cor und Interlübke, Anta oder Gaggenau haben ihm in der dreidimensionalen Inszenierung ihrer Unternehmens- und Markenwelt eben soviel zu verdanken wie manche Firma auf dem Gebiet des visuellen Erscheinungsbildes Otl Aicher. Markt und Erwartungen hatten sich – auch durch Rolf Heides Mitarbeit weiterentwickelt. Nicht mehr der Pragmatismus des Einfachen, sondern die Bereicherung durch Einfachheit war nun ab Mitte der 1980er Jahre gefragt. Als Duravit, Hansgrohe und Hoesch Mitte der 1990er Jahre das erste Starck-Bad nach Entwürfen von Philippe Starck vorstellte, war es ein Raumkonzept von Heide, auf dem die Kommunikation basierte.

Prägender deutscher Gestalter

Rolf Heide lebte wie er sagte „nicht in einem Kämmerchen für sich isoliert“. Durch seine Arbeit in Redaktionen der Zeitschriften lernte er internationale Entwicklungen kennen und bezog sie in seine Arbeit ein. Mit seinem Sohn, dem Architekten Tim Heide arbeitete er wiederholt zusammen. Auch wenn Rolf Heides Name heute deutlich seltener fällt als noch vor wenigen Jahren, er ist einer der prägenden deutschen Gestalter.

„Der Zufall regiert das Leben“, sagte mir Rolf Heide einmal im Gespräch. In seiner Arbeit versuchte er den Zufall, wenn nicht auszuschließen, dann doch zu bändigen, ihn seiner Idee und Haltung zu unterwerfen. Sobald sich auch seine Mitspieler, Auftraggeber, Redakteure, Art Directoren, Stylisten und Fotografen darauf einließen, ist ihm das stets gelungen.


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