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serien.lighting feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main hat deshalb kürzlich eine große, vom Unternehmen konzipierte und realisierte Ausstellung nachgezeichnet, welche faszinierenden Entwürfe der Leuchtenhersteller über die Jahrzehnte entwickelt hat. Ein Gespräch mit den Gründern Jean-Marc da Costa und Manfred Wolf über Geld, Mut, Kompetenz, Schwierigkeiten bei der Produktion, Vorurteile gegenüber der Provinz und eine besondere Ästhetik der Verfeinerung. 

Interview von Thomas Wagner

Jean-Marc da Costa und Manfred Wolf | Foto: serien.lighting

Sprechen wir über Geld und über Mut. Ihr wart ja noch an der Hochschule, als ihr serien.lighting gegründet habt. Woher kam das Kapital? Mit Kapital meine ich nicht nur Geld, sondern auch soziales und kreatives Kapital. 

Manfred Wolf: Um Geld haben wir uns gar keine Gedanken gemacht. In dem Raum, in dem wir jetzt sitzen, standen ein paar Werkbänke, an denen Schnittwerkzeuge gebaut wurden. Nebenan wurden die Teile im Ofen gehärtet und dann in ein Ölbad getaucht. Hier haben wir die ersten Leuchten in kleiner Stückzahl aufgelegt. Das hat nicht viel gekostet, das Material lag bei meinem Vater im Keller. 

Jean-Marc da Costa: Wir waren in einer privilegierten Situation. Wir konnten uns zwar nicht, wie man so schön sagt, ins gemachte Nest setzen, aber wir hatten die Möglichkeit zu starten. Uns fehlte zwar die Erfahrung – aber wir haben schnell gelernt, wie man Halbzeuge bearbeitet – und daraus eine Leuchte macht. Wir hatten keine Existenznöte. Manfred hatte sein Häuschen in Weiskirchen, für das er kaum Miete bezahlen musste, und ich hatte gutes Geld mit Flohmarktverkäufen gemacht. Als wir dann richtig selbständig wurden, war es schwieriger, uns ein kleines Gehalt zu zahlen.

Wolf: Im ersten Jahr ging das nicht. 

da Costa: Heute geht ohne Crowd-Funding ja gar nichts mehr. Bevor man loslegt, muss erst mal ein Sack Geld her. (lacht) 

STATUS Floor, Wall, 1982, Design Jean-Marc da Costa, Studienarbeit, später
Serienfertigung | Foto: serien.lighting
„IN SERIEN – Licht. Form. Material. 40 Jahre serien.lighting“, Ausstellung im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, März – 21. April 2024
QUADRAT Suspension, 1983, Design Manfred Wolf, Studienarbeit, später
Serienfertigung | Foto: serien.lighting

Es ging ja nicht nur um Geld, sondern auch um Kompetenz.

da Costa: Wir haben Schnitt- und Stanzwerkzeuge selbst gebaut, wir haben gelötet, gebogen, gestanzt, montiert, verpackt. Wir haben einfach alles selbst gemacht. Da wir uns keine Sorgen machen mussten, wie wir die Miete zahlen, konnten wir uns auf die Umsetzung der Idee konzentrieren, eine eigene Firma zu gründen – und rund zwei Jahre lang im stillen Kämmerlein Kleinserien von sechs Leuchtenentwürfen vorbereiten.

Wolf: Es waren fünf: Lift, Quadrat, Reflex, Status und Status/Wand.

da Costa: Ja, es waren fünf Leuchten – und von jeder hatten wir etwa 30 Stück hergestellt. 

Die Verbindung von Design und Business hat also von Anfang an funktioniert?

Wolf: Viel wichtiger war tatsächlich der Mut, den Du angesprochen hast, und ein Verständnis dafür, in welche Welt wir rein wollen.

War das schwierig? 

Wolf: Eigentlich nicht. 

da Costa: Wir kannten ein paar Läden in Frankfurt, die italienische Leuchten verkauften, aber wir wussten nicht, wie groß die Konkurrenz war  – Artemide, Flos, was für Hausnummern das waren. Es gab auch Vorbehalte. Wer in Mailand einkaufte, für den konnte das, was aus Rodgau kam, nichts sein.

Wolf: Das war nicht exotisch genug. (lacht)

da Costa: Dann gab es den Kontakt zu Wohnbedarf Stoll in Köln… 

Wolf: … und wir haben Folgendes gemacht: Wir haben unsere Entwürfe und eine Bohrmaschine ins Auto gepackt, sind nach Köln gefahren und haben Herrn Stoll unsere Leuchten vorgestellt. Das war zwei Tage vor der Kölner Möbelmesse. Herr Stoll war so begeistert, dass er uns Raum für die Präsentation gab und einen Tag später unsere Leuchten seinen Kollegen vom Verband Creative Inneneinrichter vorstellte.

Jean-Marc da Costa und Manfred Wolf | Foto: serien.lighting

Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, als Designer ein Unternehmen zu gründen?

Wolf: Das kommt darauf an, was man für ein Design macht. Wenn man Fahrzeugdesign macht, wird man kaum in der Lage sein, eine Autofirma zu gründen. Das ist eine andere Hausnummer als Möbel oder Leuchten. 

da Costa: Durch einen Freund aus der Bekleidungsbranche wusste ich, wie man Händler anspricht und für sich gewinnt. Uns war aber klar, dass für uns nur diejenigen in Frage kommen, die hochwertiges Design anbieten.

Wolf: Wir haben gesagt: Wir müssen ganz oben anfangen. Von oben nach unten kann man immer skalieren. Von unten nach oben, das funktioniert nicht. 

da Costa: Der Designbezug war ja in meiner Familie schon da. Mein Vater war Architekt und hatte ein Gespür für solche Dinge. Der Großvater besaß in Bad Soden ein Penthouse mit Möbeln von Dieter Rams und einer Braun-Anlage – davon träume ich heute noch.

Wolf: Mir war diese Welt total fremd. Ich kannte das alles nicht. Meine Eltern hatten in den 1950er Jahren ein ganz schönes Haus gebaut, eingerichtet mit Fünfziger-Jahre-Möbeln. Die wurden dann peu à peu durch altdeutsche Eiche ersetzt. Mich hat erst meine Schwester, die in Darmstadt Architektur studierte, zum Design gebracht.

Was ist das Geheimnis eurer Zusammenarbeit?

da Costa: Was das Designverständnis angeht, hatten wir relativ unterschiedliche Vorstellungen. Manfred war von Kind an durch den Umgang mit Metall geprägt – kleine Teile aneinandersetzen, Scharniere bauen und so weiter. Unser Modell „Turbo“ war ein super Beispiel dafür. 

Jean-Marc da Costa und Manfred Wolf | Foto: serien.lighting

Manfred war der Konstrukteur?

da Costa: Grob gesagt hat sich daraus so etwas wie eine Ästhetik der Konstruktion entwickelt. „Quadrat“ hat Manfred etwa zur gleichen Zeit entworfen wie „Lift“. „Lift“ war von dieser Wolf-Welt beeinflusst, „Quadrat“ ein bisschen italienischer inspiriert, mehr aus der Architektenecke, also aus meiner Welt.

Ihr habt euch also gut ergänzt? 

Wolf: Wir wussten immer: Wenn es uns beiden gefällt, dann ist es gut. (lacht)

Seid ihr Genies des Dialogs?

da Costa: Wir hatten schon immer eine produktive Art der Auseinandersetzung.

Wolf: Auf der gestalterischen Ebene. Heute kommen leider ein paar weniger angenehme Aspekte dazu – die Firma hat eine gewisse Größe und wir haben eine Verantwortung. Wir machen schöne Entwürfe oder andere machen sie für uns – und Jean-Marc würde sie am liebsten schon morgen produzieren. Dann muss ich manchmal sagen: Ich glaube nicht, dass wir das verkaufen können.  

da Costa: Die Bedingungen haben sich über die Jahrzehnte verändert. Wenn man heute ein neues Produkt auf den Markt bringen will, muss man schnell sechsstellige Summen investieren.

Wolf: Das hat uns früher … 

da Costa: … einen Scheißdreck interessiert, auf gut Deutsch gesagt. 

Wolf: 20, 30 Jahre lang haben wir es einfach gemacht, weil es uns gefallen hat. 

da Costa: Wobei wir quasi nur mit der Produktion beschäftigt waren und nicht mehr mit dem Kreieren neuer Entwürfe. 

Wolf: Ja, es gab so ein Entwurfsloch, das weiß ich noch. Heute sieht man das in der Chronologie wahrscheinlich gar nicht mehr.

da Costa: Wir haben zum Beispiel lange geglaubt, dass nur wir die „Lift“ herstellen können. Als wir den ersten Prototyp von einer Fremdfirma bekommen haben, sind wir fast vom Glauben abgefallen: Die könnte das auch, vielleicht sogar noch besser als wir! (lacht).

LIFT Suspension, 1983, Design Jean-Marc da Costa | Foto: serien.lighting

Bleiben wir einen Moment bei der „Lift“. Ich hatte einen Freund, der war Bildhauer. Als der die „Lift“ sah, war er sofort begeistert. Da er nicht viel Geld hatte, hat er sich zwei Fassungen besorgt und versucht, die Leuchte nachzubauen – ohne Gehäuse, einfach zwei Fassungen mit den neuen kleinen Leuchtstoffröhren. 

da Costa: Das war damals auch unser Ansatz – ein neu auf den Markt gekommenes innovatives Leuchtmittel einzusetzen, die sogenannte Kompaktleuchtstofflampe. 

Daraus ergab sich aber auch eine andere ästhetische Anmutung. 

da Costa: Das Leuchtmittel gibt die Form vor. Der Tisch ist eher länglich, also ordne ich die Röhren so an, ja? 

Wolf: Außerdem konnte man die beiden mit einem Betriebsgerät betreiben. 

da Costa: Zwei kleine Röhren zusammen haben gerade mal 18 Watt verbraucht – und das hat ausreichend viel Licht gegeben, ich glaub, zweimal 900 Lumen. Wobei das Design im Detail stark beeinflusst war von den Metallteilen, vom Zusammenschweißen, vom Additiven und der Sichtbarmachung von Mechanik. 

Wolf: Das Hauptproblem war, das Kabel zu beschaffen. So ein Kabel gab es für 230 Volt auf dem Markt nicht. Bis wir dafür einen Hersteller hatten, das hat gedauert. Das Kabel musste sich ja nicht nur dehnen, sondern auch wieder zusammenziehen.

da Costa: Dafür, das Netzteil sichtbar zu lassen, gab es zu der Zeit Vorbilder wie die die „Lumina Daphine“ oder die „Tojo“ von den Brüdern Castiglioni. Die ist ja bis heute Kult. 

Gab es auch Einflüsse aus anderen Bereichen? 

Wolf: Es war ja die Zeit des Neuen Deutschen Designs, und da gab es einige Leute, die durchaus dem Künstlerischen verpflichtet waren. Wir haben immer ganz klar gesagt: Unsere Produkte sind keine Kunst.

da Costa: Deshalb haben wir unser Unternehmen ja auch „Serien“ genannt. Das Neue Deutsche Design bestand ja im Wesentlichen aus Unikaten. 

Euer Programm war von Anfang an: Industrie, straight forward. Damit lagt ihr quer zum Zeitgeist, oder? War der Funktionalismus für Euch immer die Basis?

Wolf: Wir haben uns auf jeden Fall dem Bauhaus verpflichtet gefühlt. Die HfG Offenbach war ja sozusagen der Nachfolger der HfG Ulm. Also: Eher Bauhaus als Neues Deutsches Design.

Gab es Vorbehalte gegen euren Ansatz? 

Wolf: Der Handel war dankbar, dass es auch Leute gab, die so etwas machen. Es lief sehr gut. Im ersten richtigen Geschäftsjahr hatten wir 120.000 Mark Umsatz; im zweiten waren es 360.000, im dritten schon 780.000. Das hat sich recht gut entwickelt. 

da Costa: Die Möbel von Dieter Rams haben unserer Auffassung eher entsprochen. Gefaltetes Blech, und da liegt dann das Polster gut dimensioniert drauf. Das war eher unsere Denke. Es ging uns durchaus um eine Alternative zu italienischen Produkten. 

Wolf: Das Neue Deutsche Design war ja kein Geschäft, für niemanden, außer vielleicht für die Presse.

Und fürs Museum …

Wolf: … wenn man es denn dorthin geschafft hat. 

„IN SERIEN – Licht. Form. Material. 40 Jahre serien.lighting“, Ausstellung im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, März – 21. April 2024 | Video: serien.lighting

Ist Originalität überhaupt noch gefragt? 

da Costa: Im Design gibt es ja Wellen und Entwicklungen. Nehmen wir den Generationswechsel bei Tobias Grau, auch eine erfolgreiche deutsche Firma. Die Söhne haben halt Kunst studiert und Sachen gemacht, wo ich erst mal gedacht habe: Was ist das für ein Micky-Maus-Mist? Inzwischen respektiere ich das, weil ich denke, die haben den Zeitgeist ganz gut in ein Produkt übersetzt. 

Wolf: Das liegt im Trend – und lässt sich online leicht verkaufen. Bei Möbeln ist das nicht anders – alles komplett Micky Maus. Viel Farbe, keine Details, eigentlich nur ein bisschen rund, brav, so Kindchenschema mäßig. Vielleicht wird es den Leuten ja irgendwann zu viel, sich kopfmäßig nur im Netz aufzuhalten, real nur noch bedingt da zu sein. Permanent mit einem Bildschirm durch die Welt laufen, das verändert natürlich die Wahrnehmung.

Stichwort Virtualisierung. Wie, würdet Ihr sagen, sieht die Zukunft des Leuchtendesigns aus? 

da Costa: Es hat sich ja schon viel verändert. Wir haben unsere Leuchten vom Dieseltriebwerk auf Power-Elektro umgestellt. Auch wird zunehmend danach gefragt, für welchen Leuchtentyp es welchen Bedarf gibt. Oder ist das nur ein „Hinstell-Produkt“, das sich pro Haushalt nur einmal verkauft? 

Wolf: Dadurch, dass wir mit LED arbeiten, sind wir plötzlich in einem Markt, in dem wir noch nie waren: im Projektgeschäft. Früher ging das nur mit Leuchtstoffröhren. Heute passen die Leuchten sowohl in ein Einfamilienhaus als auch in ein großes Hotel.

ZOOM XL3 | Foto: serien.lighting
ZOOM XL3 Suspension| Foto: serien.lighting
CURLING, serien.lighting, @Stylepark | Foto: Olaf Becker

Wie wichtig ist das Projektgeschäft heute für Euch?

Wolf: Das hat massiv zugenommen. Bei Architekten spielt die Produktqualität eine Rolle, die sind nicht nur online unterwegs. Dazu kommt Customizing, Anpassung. Spezialisierung. Man kann noch etwas einbauen – Anwesenheitssensorik, Notstrom, Umschaltmöglichkeit, solche Dinge. Ich glaube, ohne diese Projektgeschichte, wären wir nicht mehr da. 

da Costa: Da die Beleuchtung in das Gebäude integriert wird, spielt das Design der Leuchte immer weniger eine Rolle. Oder genauer gesagt: Designlösungen schon, aber sehr integriert in die Architektur. Das fing mit Downlights an, die neue Welt ist rahmenlos und so klein wie möglich. Irgendwann wird es vielleicht Fenster geben, die abends leuchten. 

Wolf: Wenn man eine Menora oder einen Kronleuchter entwirft, ist man als Designer gefordert, muss aber nicht als Unternehmer entscheiden, ob die Leuchte in Serie gehen soll und wie die Verpackung ausschaut. Das ist natürlich eine sehr schöne Sache.

Könnte man sagen, dass euer Gestaltungsansatz darin besteht, das funktionale Zusammenspiel der Elemente sichtbar zu machen? Könnte man die Ästhetik von serien.lighting als die Verfeinerung des Praktischen beschreiben?

Wolf: Definitv. Ich habe mich oft gefragt, was unsere Produkte von anderen unterscheidet. Wir arbeiten ja manchmal ein paar Jahre an den Dingen, weil wir sagen: Nee, das ist immer noch nicht das, was wir uns vorstellen. Andere hätten das längst auf den Markt gebracht, obwohl sie wissen, dass der Mechanismus nicht funktioniert. Egal, erst mal raus damit. Wenn ich etwas Praktisches mache, dann mache ich es groß, dann funktioniert es immer. Wenn ich es klein mache, ist es ein Risiko. Hier zeigt sich die Kunst der Verfeinerung. Viele Leute sehen das nicht, aber sie sehen, dass es gut und elegant und filigran aussieht.


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