Der Nachwuchsdesigner Kilian Frieling konnte sich mit seinem Projekt Smart Medication beim Design Research Preis 2020 im Public Voting durchsetzen. Smart Medication beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Stephan Ott, Director des Institute for Design Research and Appliance (IfDRA), sprach mit dem Gewinner.


Mit seinem Projekt widmet sich Kilian Frieling Patienten, die an einer sogenannten Multimorbidität leiden und täglich viele verschiedene Medikamente einnehmen müssen. Smart Medication beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen, wobei eine Art 3D-Drucker mittels Medikamentenkartuschen passgenaue Dosierungen auf eine Trägerfolie druckt. Für eine Gesellschaft, die immer älter wird und für die das Thema Medikamenteneinnahme eine große Rolle spielt, hat das Thema eine große Relevanz.

Nach seinem Masterstudium an der Muthesius Kunsthochschule Kiel bei Detlef Rhein sowie am National College of Art and Design in Dublin im Bereich Medical Design, arbeitet Kilian Frieling seit Juli 2020 als Freelancer an der Weiterentwicklung seines Projekts. Wir haben anlässlich der Verleihung des Design Research Preises 2020 mit ihm über den Entwicklungsprozess seines Projekts gesprochen.


Stephan Ott: Kilian, ich gratuliere dir herzlich zum Gewinn und freue mich, dass wir deinem Abschlussprojekt den ersten Design Research Preis verleihen können. Wie bist du auf die Idee für Smart Medication gekommen?

Kilian Frieling: Ich habe während meines Masterstudiums an verschiedenen Projekten gearbeitet, die zwar nicht direkt mit meiner Masterarbeit zu tun hatten, aber durchaus als Vorbereitung verstanden werden können. Gerade während meiner Zeit am National College of Art and Design habe ich gelernt, methodisch vorzugehen und im Rahmen von User-centered Research Interviews mit Usern und Experten geführt. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, deswegen wollte ich meine Abschlussarbeit auch in diese Richtung lenken. Es ist im Studium nicht unbedingt üblich, dass man diese Methoden so intensiv behandelt. In Kiel zum Beispiel lag der Fokus weniger auf User-centered Design, es gab zwar entsprechende Kurse, aber es ging weniger um den einzelnen Nutzer, sondern eher darum, einen Blick für die Bedürfnisse der Gesellschaft zu entwickeln. Ich habe dann erst einmal mit der Recherche angefangen und geschaut, was die eigentlichen Bedürfnisse der Nutzer sind.

Die gewünschte Dosis wird von der Düse als flacher Streifen gedruckt. Jedes Medikament besitzt eine andere Farbe.

Warst du dir da schon sicher, dass es in Richtung 3D-Druck und Medikamente gehen soll?

Nein, das mit dem Medikamentendruck kam erst später. Angefangen hat es bei der Firma Dräger. Dort hatte ein Mitarbeiter aus der Grundlagenforschung die Idee für einen Pillenspender. Solche Pillenspender gibt es schon einige auf dem Markt. Auch solche, die mit einer App verbunden sind und einem helfen, sich an die Einnahme zu erinnern oder die sogar die Pillen für einen abzählen. Meine Recherche hat mir allerdings gezeigt, dass das nicht das eigentliche Problem löst. Das liegt nämlich in der Dosierung, und keines dieser Geräte übernimmt diese Aufgabe. Deshalb habe ich überlegt, wie ich einen Individualisierungsprozess, zum Beispiel den 3D-Druck, nutzen kann, um die tatsächliche Schwierigkeit anzugehen.

Du hast also zunächst die Aufgabenstellung hinterfragt und bist auf ein anderes, vor allem aus Nutzersicht ungelöstes Problem gestoßen?

Richtig. Und da es keine Auftragsarbeit war, sondern eine Studienarbeit, war ich in meinem Handeln relativ frei.

Wie ging es dann weiter?

Da ich vor allem einen Fokus auf Design Research legen wollte, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, habe ich dann alleine weitergearbeitet. Durch die Recherche bin ich dann auch zu neuen Erkenntnissen gelangt, mit denen ich über die Aufgabenstellung hinaus gegangen bin.

Lass uns über deinen Rechercheprozess sprechen. Der umfasst ja verschiedene Themen von 3D-Druck über Digitalisierung bis hin zur Medikamentierung. Wie bist du vorgegangen?

Im Rahmen meiner Recherche habe ich zunächst eine Grundlagenforschung gemacht und in Büchern recherchiert, um zu verstehen, wie die verschiedenen Prozesse funktionieren. Ich habe aber auch Ärzte interviewt und mit dem Chefarzt der Ärztekammer in Schleswig-Holstein gesprochen. Ich habe mit sehr vielen Leuten Kontakt gehabt, um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten. Bei den Patienten lief das ein bisschen anders ab, da das Thema Medikamenteneinnahme sehr allgemein ist und viele Leute Erfahrungen damit haben. Ich habe dann Kontakt zum Kieler Männer-Turn- und Sportverein aufgenommen und habe dort mit Mitgliedern der Herz-Sport-Gruppe gesprochen. Gerade Leute mit Herzbeschwerden nehmen viele Medikamente ein und das war genau meine Zielgruppe: ältere Menschen, die gut vernetzt sind, sich mit der Digitalisierung auskennen und gerne auf solche Produkte zurückgreifen.

Wie sahen deine nächsten Schritte aus?

Ich habe dann zunächst einmal verschieden Szenarien entworfen, wie die Nutzung genau ablaufen könnte; welche Druckprozesse infrage kommen; wie ich die verschiedenen Elemente kombinieren kann; wie die Akzeptanz bei Patienten aussieht und so weiter. Dann habe ich mich mit der rechtlichen Lage in Bezug auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen beschäftigt.

Neben den verschiedenen Druckprozessen habe ich versucht herauszufinden, wie man ein gedruckes Medikament einnehmen könnte. Eine Krankenschwester hat mir erzählt, dass Patienten auf der Station, die Schwierigkeiten beim Schlucken haben, ihre Medikamente mit Joghurt einnehmen. Das hat mich über die Recherche auf das Ablecken gebracht. Die Frage, ob das tatsächlich sinnvoll ist, ist noch nicht final geklärt, gerade in Bezug auf die Genauigkeit der Dosierung.

Das wäre nun auch meine nächste Frage gewesen: Wenn etwas präzise dosiert sein muss, ist das Ablecken dann nicht eher kontraproduktiv?

Um das besser zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, wie das derzeit abläuft: da werden zum Beispiel Tabletten mit dem Messer geteilt und die Dosierung ist noch viel unkontrollierter und überhaupt nicht individualisiert. Wichtig zu verstehen ist dabei der sogenannte Wirkbereich von Medikamenten. Dieser ist sehr ungenau definiert: Eine große Person bekommt oft die gleiche Menge wie eine kleine Person, da sich beide mit ihrem Gewicht innerhalb des Wirkbereich befinden. Mein Ziel ist es, diesen Prozess zu präzisieren, um so die vielen Neben- und Wechselwirkungen zu vermeiden. Auch wenn vielleicht nicht jeder die Geste des Ableckens gut findet, ich sehe hier vor allem eine Erleichterung für Menschen, die mit dem Schlucken Schwierigkeiten haben.

Kritisch hinterfragt wurde in diesem Zusammenhang auch das Einsetzen der Medikamentenkartuschen und es wurde angemerkt, dass es zu unsicher sei, wenn Patienten direkt mit dem Gerät hantieren. Das ist aber meiner Meinung nach nicht anders, als wenn der Patient seine Medikamente über eine Versandapotheke nach Hause bestellt. Mit dem Erhalt der Medikamente ist die Einnahme noch lange nicht gewährleistet.

Für deine Masterarbeit hast du ein Druckermodell entworfen, wie weit bist du mit dem eigentlichen Druckprozess der Medikamente?

Dafür bin ich verschiedene 3D-Druck-Verfahren sowie Medikamentenformen durchgegangen. Letztlich habe ich entschieden, das Medikament nicht erst kurz vor der Ausgabe mit dem Bindemittel zu mischen, sondern vorab, sodass der Patient so wenig wie möglich mit dem Medikament zu tun hat. Selbst die Steuerung des Gerätes wird vom Arzt übernommen, der Patient muss das Medikament am Ende nur noch einnehmen.

Wie sieht die Steuerung des Gerätes durch den Arzt in deinem Szenario aus?

Der Patient sammelt mithilfe von Self Tracking Devices seine Körperdaten und übermittelt diese an den Arzt. Der Arzt nutzt ein Computerprogramm und erstellt eine individualisierte Dosis. Vielleicht ist dieses sogar mit der elektronischen Patientenakte verbunden, die ja nun 2021 kommen soll. Die entsprechenden Daten für den Druck werden an das Gerät gesendet, das beim Patienten steht. Dann wird das Medikament gedruckt.

Wie geht es deiner Vorstellung nach nun weiter?

Ich möchte gerne daran weiterarbeiten – erstmal als Forschungsprojekt an der Universität. Das heißt alle Szenarien und Überlegungen werden noch einmal grundlegend überprüft. Dann möchte ich einen Prototyp bauen, um das Funktionsprinzip zu testen. Ich möchte testen wie ich das Medikament und den Druckprozess zusammenbringen kann. Wenn das soweit läuft, kann man über die Gründung eines Start-ups nachdenken.

Könntest du dir auch vorstellen einen Investor zu suchen, der Interesse an deinem Projekt hat?

Es gibt hier in Schleswig-Holstein verschiedene Pharmaunternehmen, die ich auch schon vor meiner Masterarbeit kontaktiert habe, aber als Student bekommt man da nicht die nötige Aufmerksamkeit. Vielleicht ändert sich das jetzt. Ich brauche weitere Expertise für die Umsetzung. Ich brauche Unterstützung beim Bau der Prototypen, sowie Experten für den 3D-Druck. Außerdem brauche ich auch Experten aus der Pharmabranche für die Entwicklung. Ich brauche viel Know-how und am Ende natürlich auch finanzielle Unterstützung. Da stellt sich die Frage, ob eine Start-up-Förderung ausreicht oder ob man sich mit großen Firmen aus der Branche zusammentun muss, um das Gerät letztlich auch wirklich umsetzen zu können. Es kann sein, dass ich dann ein Teil eines großen Ganzen bin.

Wahrscheinlich müsstest du auch damit rechnen, dass es Entwicklungen gibt, die du heute so noch gar nicht vorhersehen kannst.

Als ich die Idee für individualisierte Medikamente hatte, gab es noch keine weltumspannende Gesundheitskrise. Ich habe von vornherein nicht ausgeschlossen, dass diese Arbeit am Projekt über meinen Abschluss hinaus unter Umständen am Ende eine Vorbereitung oder Spezialisierung ist, für das, was ich danach machen werde. Denn natürlich kann ich mit dem Wissen, das ich mir jetzt angeeignet habe, auch anderen Firmen, die etwas Ähnliches vorhaben, behilflich sein.

Kilian, vielen Dank für das Gespräch. Wir gratulieren dir noch einmal herzlich und wünschen dir alles Gute für deine berufliche Zukunft.


GERMAN DESIGN GRADUATES

Die German Design Graduates zeichnen jedes Jahr Absolventen deutscher Hochschulen für ihre Abschlussarbeiten aus. Erstmals wurde dieses Jahr in diesem Rahmen auch der Design Research Preis ausgelobt. Der mit 1.000 Euro dotierte Preis wird vom Institute for Design Research and Appliance (IfDRA) ausgelobt. Das IfDRA wurde Anfang des Jahres gegründet, ist beim Rat für Formgebung angesiedelt und wird von Stephan Ott geleitet.

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