Von Andrej Kupetz.

Im Dezember 1944, als der Sieg über Nazideutschland nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, gründete Winston Churchills Kriegskabinett den weltweit ersten Design Council, eine staatliche Beratungsbehörde, die den Wiederaufbau der heimischen Industrie nach dem Krieg maßgeblich unterstützen sollte. Gründungszweck des „Council of Industrial Design“ war es, „mit allen praktikablen Mitteln die Verbesserung des Designs in den Produkten der britischen Industrie“ zu fördern. Die Gründung des Design Council sollte sieben Jahre später als Blaupause für den deutschen Rat für Formgebung dienen. Allerdings – und im Gegensatz zum britischen Vorbild – ging es den Parlamentariern der jungen Bundesrepublik darum, einen nichtbeamteten, unabhängigen Rat ins Leben zu rufen, der von der Industrie getragen und finanziert werden sollte. Was in der Rückschau allerdings erst ab dem Jahr 2000 mit dem Abbau der öffentlichen Förderung für den Rat zur faktischen Realität wurde.

Design in Zeiten des Brexit

Heute, fast 75 Jahre später, steht Großbritannien davor, die EU zu verlassen. Die Designer der Insel trifft die Entscheidung ohne Frage besonders hart. Denn seit der Deindustrialisierung Großbritanniens in der Ära Thatcher haben nicht nur die populäreren Produktdesigner wie Jasper Morrison, Ross Lovegrove oder James Irvine, nicht zu vergessen Jonathan Ive, ihre Auftraggeber auf dem Festland, in Asien oder den USA gefunden. Für alle Dagebliebenen hatte sich in den letzten zwanzig Jahren der National Health Service zum wichtigsten Arbeitgeber entwickelt: Social Design wird in dieser Mammutbehörde tatsächlich greifbar – in der funktionalen Verbesserung von Krankenhausbetten bis hin zum Design von digitalen Gesundheitsdiensten.

Nun aber entdeckt die Regierung Johnson, dass das britische Produktdesign eine Rolle spielen könnte bei der zukünftigen Ausgestaltung der sogenannten „Soft Power“ des Königreichs. Der Begriff, den der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye geprägt hat, beschreibt die politische Machtausübung eines Landes in internationalen Beziehungen auf Grundlage seiner kulturellen Attraktivität durch jeweilige Programme international agierender Institute, wie z.B. der British Council, das Goethe Institut oder das Institut Français. Für einen von der Regierung beauftragten „Soft Power“-Report wurde auch ich befragt, ob ich britisches Produktdesign als imagebildend für das Land empfinde. Produktdesign made in Britain? Da gibt es aktuell eigentlich nur die formal polarisierenden Geräte des James Dyson, die immerhin eine eigenständige Form- und Farbstrategie verfolgen. Aber Minis neues Gesicht ist in München entwickelt worden, der Chefdesigner von Bentley ist ein Deutscher und das iPhone von Jonathan Ive würde kaum als imagebildend für Großbritannien verstanden werden.

Britische Design-Ikonen

Der Mythos des Britischen Designs liegt leider weit in der Vergangenheit. Das, was wir Europäer bewundern und wertschätzen, z.B. das bis heute unerreichte Public Design der Underground, den Jaguar E-Type, den Austin Mini, stammen aus einer Zeit, in der es noch stolze englische Industrien gab und eine stolze englische Working Class. Was bis heute vom Mythos geblieben ist, zeigt sich ausgerechnet in den Produkten, die dem englischen Sport oder dem Militär entspringen, z.B. die Barbour-Wachsjacke, der gummierte Macintosh Regenmantel, Hunters Gummistiefel oder der Trenchcoat – ein Relikt aus dem Großen Krieg. Es sind Artefakte, die die britische Fashion-Industrie mit großem Geschick in die Jetztzeit überführt hat und die das Image der Insel aufgrund ihrer hohen Funktionalität, ihrer typischen Gestalt und ihrer Langlebigkeit tatsächlich positiv prägen. Sie sind Teil eines Kanons, den man zurecht mit ”Best of British“ betiteln kann.

Aber reicht das aus, um nach dem Brexit die britische „Soft Power“ international zu vermitteln? Vor 22 Jahren war es die Regierung Blair, die die Idee des „Cool Britannia“ international zu verkaufen suchte. Damals wurden Ozwald Boateng, Jasper Morrison und Noel Gallagher gemeinsam in die Downing Street Nr. 10 zum Tee geladen. Design, Mode und Popmusik als Dreigestirn der britischen Kultur wirkten frisch, neu und attraktiv.

Doch genauso trostlos wie es für die aktuelle Produktdesignszene in Großbritannien aussieht, steht es um die Popmusik: Seit 15 Jahren kommt kein musikalischer Trend mehr von der Insel. Und vielleicht liegt in der befürchteten Isolation der Kreativen nach dem Brexit so etwas wie die Chance auf einen gestalterischen Neubeginn in allen Disziplinen. Trotz allem: Es wäre eine Freude.


Der Autor: Andrej Kupetz

Hauptgeschäftsführer Rat für Formgebung

Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer Rat für Formgebung © Lutz Sternstein
Andrej Kupetz © Lutz Sternstein

Andrej Kupetz (*1968) ist seit 1999 Hauptgeschäftsführer des Rat für Formgebung, Frankfurt am Main. Er studierte Industriedesign, Philosophie und Produktmarketing in Berlin, London und Paris. Nach beruflichen Stationen in den Bereichen Designmanagement und Hochschultransfer wechselte er 1997 zur Deutschen Bahn AG. Dort war er für die Markenführung im Konzern sowie für die Implementierung verschiedener Corporate Design-Prozesse verantwortlich.

Kupetz ist Mitglied im Fachbeirat des Design Management Institute Boston. Seit 2011 gehört er dem Hochschulrat der HfG Offenbach am Main an. Im selben Jahr wurde er von der Europäischen Kommission in das European Design Leadership Board berufen. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.

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